Vorwärts: Pogo bis über den Herzinfarkt hinaus

Seit 1979 rockt die Band Vorwärts aus dem Baselland Alternativclubs und besetzte Häuser. Ein Gang durch die Geschichte der «dienstältesten» Punkband der Schweiz unter der Führung von Sänger Udi Strub.

Udi Strub (Bild: Hans-Joerg Walter)

Seit 1979 rockt die Band Vorwärts aus dem Baselland Alternativclubs und besetzte Häuser. Nun arbeiten sie an ihrer gerade mal zweite Platte. Ein Gang durch die Geschichte der «dienstältesten» Punkband der Schweiz unter der Führung von Sänger Udi Strub.

In England bestimmten 1978 in den Städten die Punks schon fast das Strassenbild. In den europäischen Grossstädten war man dabei, sich an den Anblick zu gewöhnen und in den Musikzeitschriften wurde viel Wirbel um Bands wie die Ramones, Vibrators oder Sex Pistols gemacht. Auch in Zürich Bern und Basel schrammelten die ersten Punkformationen noch etwas unbedarft auf ihren Instrumenten.

Im Baselbiet hingegen nahm die Punkbewegung nicht in anrüchigen Szenelokalen ihren Anfang, sondern auf der Treppe der Dorfkirche von Rümlingen. Dort langweilte sich die Dorfjugend durch ihre Teenagerjahre. «Dann haben wir von der Punkbewegung gelesen. Dass die Kids einfach Instrumente nahmen und loslegten» erinnert sich Urs «Udi» Strub. «Das können wir auch, dachten wir.»

Dass es ganz so einfach doch nicht war, haben Urs Strub, Roland Strub (nicht verwandt), Fernando Vincent, Roland Bürgin und Martin Herzberg im Übungskeller dann schnell gemerkt. Was sie aber nicht daran hinderte, 1979 am Dorffest Ittigen aufzutreten. Als sie von den Veranstaltern gefragt wurden, wie die «Rockband» denn heisse, waren die Jungs kurz sprachlos. An einen Bandnamen hatten Sie noch nicht gedacht. Spontan nannten sie sich «Pater Bigshit and the Fucking Saltcrackers».

Schläge für das Saupack

Die englische Sprache beherrschten die fünf Teenager recht souverän. Nicht so ihre Instrumente: «Wir konnten nur zwei der einfacheren Ramones-Stücke spielen» sagt Sänger Urs Strub. «Entsprechend kurz war das Konzert. Aber den Leuten hat es gefallen. Sie haben Zugabe verlangt und wir haben unser Set einfach noch mal runtergenudelt.»

Immerhin. Man hatte Bühnenluft geschnuppert. Von nun an waren die Jungs nicht mehr zu Stoppen. Und ein Bandname fiel ihnen auch noch ein: Vorwärts.

Einfach war das Leben im Baselbiet als buntgekleidete Punktruppe nicht. Ständig wurden sie als Saupack und schwule Bande beschimpft. Ab und an gab es, mangels Skinheads, Schlägereien mit Rockern. Doch echte Punks sind leidensfähig. Und mit der geisttötenden Langeweile auf der Kirchentreppe wars vorbei. Mit immer mehr Druck rockten Vorwärts die wenigen Lokale in der Schweiz, in denen man Punkbands auftreten liess.

Faschos ohne Englischkenntnisse

Als 1980 Zürich in Scherben ging und sich die Jugendunruhen in ganz Europa ausbreiteten, kam für Vorwärts die grosse Zeit. «Obwohl wir nie nüchtern auf die Bühne gingen, waren wir Anfang der Achtziger musikalisch schon ziemlich gut.» Die Kids jedenfalls waren begeistert. «Ob 40 oder 400 Leute, es ging einfach ab.» 

Rund 25 Konzerte pro Jahr gaben Vorwärts zwischen 1979 und 1989 in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und Österreich. Oft im Vorprogramm von internationalen Acts wie The Lurkers (UK), The Vibrators (UK) oder Kevin K & the Real Kool Kats (USA). Mit den Lurkers, die auch heute noch die Bühnen unsicher machen, verbindet Vorwärts eine enge, langjährige Freundschaft.

Bei einem Auftritt in Bern benutzte die Band die Schlagzeugbecken als Schutzschilder gegen die Gummigeschosse der Polizei.

In den wilden Achtzigern waren die Auftritte zum Teil recht abenteuerlich. Vermutlich durch ein Missverständnis spielten Vorwärts einmal versehentlich vor 40 faschistischen Skinheads. Die verstanden offenbar die meist englischen Texte nicht. So konnte die Band unbeschadet die Gage kassieren und sich verdrücken. Bei einem Auftritt im Dachstock des Berner AJZ schoss die Polizei während des Konzertes Gaspetarden und Gummischrot durch die Fenster. Die Band benutzte beim überstürzten Abbau die Schlagzeugbecken als Schutzschilder gegen Gummigeschosse.

Obwohl der Sound von Vorwärts die Konkurrenz bekannter Punkbands nicht zu fürchten brauchte, hat die Band recht wenig Zeit im Studio verbracht. Erst 1982 produzierten sie den ersten Tonträger: Die legendäre EP «Heavy Airplay», die im Sounds auf DRS zwei vorgestellt wurde. 1984 entstand der Videoclip zum «Hit» TV-Generation, der auch im Schweizer Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Bis 2002 wurden Vorwärts-Songs nur auf etlichen Samplern veröffentlicht. Erst 2002 produzierten Vorwärts auf Anregung des Schweizer Labels «Zürich Chainsaw Massacre Records» den ersten Longplayer «A Trip Down Memory Lane». Zurzeit entsteht der zweite Longplayer «Rock’n’Roll Hearts (The Legacy)».

Es war nie der Ehrgeiz, sondern der Spass an Konzerten, der Vorwärts antrieb. Der schiere, reine Punk. Keine Träume von grossen Plattenverträgen mit Majorlabels, sondern Party mit den Kids.

Reunion rechtzeitig zum Revival

Die wilden Jahre überstanden Vorwärts gesundheitlich vergleichsweise ungeschoren. Parallel zu ihrer Bandtätigkeit erlernten die Baselbieter Arbeiterkids normale Berufe und gingen denen auch gewissenhaft nach. Man verliebte sich, machte Kinder. Urs Strub, der zum Tageswoche-Gespräch quasi direkt aus der Rehabilitation nach einem Herzinfarkt erscheint, ist gerade hauptberuflich Hausmann und Vater. 
Die Familienpflichten zwangen Vorwärts zwischenzeitlich zu pausieren. Zwischen 1988 und 1998 verfolgten die Bandmitglieder je eigene Musikprojekte.

«Ich halte nicht viel von Neopunkbands wie Greenday. Aber durch diese Bands haben die Jungen wieder Lust auf das Original bekommen.»

Udi Strub

Aber die Reunion der Band kam gerade recht zum Punk-Revival. «Ich halte zwar nicht so viel von Neopunkbands wie Greenday. Aber durch diese Bands haben die Jungen wohl auch wieder Lust auf das Original bekommen. Die Punkszene ist wieder deutlich grösser geworden und es gibt auch wieder mehr Konsumverweigerer», meint Strub. 

Seit der Reunion spielen Vorwärts zunehmend in besetzten Häusern. Und die Jungen fahren immer noch auf die Alt-Punks ab. «Bei den Konzerten sorgen heute die Jungen vorne mit Stagedive und Pogo für Stimmung. Die Älteren kommen auch noch, aber bleiben aus Angst um ihre Gelenke eher hinten und nicken rhythmisch zum Sound.»

Statt an den Ruhestand zu denken, wollen Urs und Roland Strub und Fernando Vincent noch einen Zahn zulegen. Eine Promotour für die neue Platte steht ebenso auf dem Programm wie ein neuer Video-Clip, eine Deutschland-Tour und eine England-Tour mit den Lurkers. «Aber ausgerechnet diesen Mai sind der Basser und der Drummer nach 35 Jahren ausgestiegen – wir suchen gerade eine neue Rhythmussektion. Dürfen gerne auch Junge sein. Eine Blutauffrischung kann uns nicht schaden.»
(Interessenten melden sich unter info@vorwaerts-punk.ch) 

Ach ja: Auf ihre Art pflegen Vorwärts durchaus einen gewissen Lokalpatriotismus …

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