Was einst lebte, ist heute museal

Das Kunstmuseum Basel erinnert mit der sehenswerten Schau «Arte Povera. Der grosse Aufbruch» an die Kunst einer Epoche, die so fern noch nicht ist und doch schon beinahe in Vergessenheit geraten.

(Bild: Hansjörg Walter)

Das Kunstmuseum Basel erinnert mit der sehenswerten Schau «Arte Povera. Der grosse Aufbruch» an die Kunst einer Epoche, die so fern noch nicht ist und doch schon beinahe in Vergessenheit geraten.

«2000 lunghi anni lontana da casa» («2000 lange Jahre von zuhause entfernt») lautet der Titel eines Werkes von Pier Paolo Calzolari, das in der Ausstellung «Arte Povera. Der grosse Aufbruch» im Kunstmuseum Basel zu sehen ist. Die Heimat, auf die sich Calzolari bezieht, ist die reichhaltige kulturelle Vergangenheit seines Geburtslandes Italien. Eine Zeit, längst vergangen, aber nicht vergessen. Eine Zeit, auf die man zurückblicken, sich beziehen kann, die immer wieder anklingt. Ob die Glöckchen, die in Calzolaris Werk an einem Faden hängen, daran erinnern sollen?

Die Geschichte Italiens spielte für die Künstler der Arte Povera-Bewegung eine spezielle Rolle. Viele von ihnen befragten in ihren Arbeiten auf vielfältige Weise das kulturelle Erbe, teilweise in sehr plakativer Form, wie etwa Michelangelo Pistoletto mit seinem Werk «L’Etrusco» (siehe Bildergalerie oben): Eine bemalte Gipsreplik einer Etruskerstatue, die sich selber im Spiegel berührt. Durch die Verdoppelung und die Geste sowie die Reflexion des Betrachters wird die Trennung zwischen selbigem und Objekt aufgehoben. Die zeitlichen Ebenen vermischen sich, Antike trifft auf Gegenwart.

Unterschiedliche Zeiten

Im Gegensatz zu anderen Werken ist Pistolettos Installation zeitlos. Andere Arbeiten sind zu sehr in ihrer eigenen Zeit verhaftet, um heute anders als als rein kunsthistorische Objekte wahrgenommen werden zu können – so zum Beispiel Luciano Fabros «L’Italia d’Oro», ein vergoldeter Umriss seines Heimatlandes, verkehrt herum an einem Seil an der Decke aufgeknüpft, dessen ursprüngliche Bedeutung heute verloren gegangen ist. Bezog sich der Künstler im Jahr 1971 auf die sozioökonomische Lage des Landes? Bot er den Stiefel wie ein Stück Fleisch dar? Übte er dergestalt Kritik an Kapitalismus und Materialismus? Bei der aktuellen wirtschaftlichen Lage denkt heute hingegen wohl niemand mehr an goldene Zeiten.

«Alles hat seine eigene Zeit», sagte der Arte Povera-Künstler Alighiero Boetti einst. Nichts macht diese Aussage deutlicher als diese Ausstellung. Ein Konglomerat von wunderbaren Arbeiten, eine in mehrerlei Hinsicht wertvolle Sammlung, die Ingvild Goetz zusammengetragen hat und nun fast vollständig im Kunstmuseum präsentieren kann. Aber doch klar eine Ausstellung von Werken, die in einer anderen Epoche entstanden sind. Die auch 40 Jahre danach noch merklich den Geist jener Jahre atmen – kaum mehr nachvollziehbar vielleicht für ein jüngeres Publikum.

In den 1960er- und 1970er-Jahren lebte die Kunst der Arte Povera. In einem eingebauten Raum in der Vorhalle der Ausstellung kann auf Fotos etwas von diesem lebendigen Geist, der sich etwa in der Kunstform der Performance äusserte, erspürt werden. Man kann aus heutiger Zeit erahnen, dass Kunst und Leben für die Arte Povera-Künstler eine Einheit bildeten, was sich auch in der Wahl der Materialien spiegelte: Erde, alte Kleidungsstücke, Wachs, Blätter, Holz oder gar ein pfeifender Wasserkocher. Die Abkehr von der technologie-geprägten Gesellschaft war ihnen ein Anliegen, «Zurück zur Natur» eines ihrer Mottos.

Vergängliche Komponenten

Die Werke in den Museumsräumen dahinter aber sind exakt da platziert, wo sie hingehören: in einem musealen Kontext. Ob diese Konservierung für die Ewigkeit von den Künstlern selbst so gedacht war? Im Gegenteil enthalten mehreren Arbeiten eine vergängliche Komponente. Da sind die «Patate» von Giuseppe Penone – der Kartoffelberg, der keine ganze Ausstellungsdauer unbeschadet überlebt. In der Matratze der Installation «Senza Titolo (1972)» von Calzolari, der gerne lebende Tiere in seine Arbeiten integrierte, steckt eine frische Rose, sein «Un Flauto Dolce per Farmi Suonare» ist von einer feinen Eisschicht überzogen. Vor der schwarzen Tafel der Arbeit «Liberta o Morte VV Marat VV Robespierre» von Jannis Kounellis brennt eine weisse Kerze langsam nieder, und Pistoletto nutzt für «Orchestra die Stracci – Vetro Diviso» aus einem erhitzten Teekessel strömenden Wasserdampf.

Fragilität zeichnet all diese Arbeiten aus und verleiht ihnen eine sinnliche, poetische Note. In einer Epoche, deren am Markt erfolgreichste Kunstrichtungen die knallige Pop Art und die kühle Minimal Art waren, wehrte sich die Arte Povera gegen das Establishment. Sie war durch und durch europäisch geprägt und drückte das Lebensgefühl einer Generation aus. Um dieses wieder auferstehen zu lassen, genügt der Besuch im Kunstmuseum Basel nicht. Doch vielleicht zeigt er Analogien zur heutigen Zeit auf, in der ähnliche Strömungen wieder zu fliessen beginnen, ähnliche Fragen wieder aufgeworfen werden. Auch in der Kunst kommen Alltagsmaterialien wieder verstärkt zum Zug. Vielleicht verbindet unsere heutige Generation doch mehr mit der Arte Povera, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Trotzdem werden die Künstler heute auf andere Resultate kommen – denn wie sagte Boetti so treffend: «Alles hat seine eigene Zeit.»

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