Wenn Sprache brennt und kribbelt

Die Lyrikerin Nora Gomringer und ihr Vater Eugen liessen im Literaturhaus Basel einhören in zwei Generationen ausdrucksstarker und eigenwilliger Poesie.

Nora und Eugen Gomringer. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Die Lyrikerin Nora Gomringer und ihr Vater Eugen liessen im Literaturhaus Basel einhören in zwei Generationen ausdrucksstarker und eigenwilliger Poesie.

Bei den Worten Lyrik und Poesie glauben die meisten, den vermeintlichen, über die Jahre angesetzten Staub schon beim Aussprechen auf der Zunge zu schmecken. Wer jedoch am Donnerstagabend den Gang durch die Frühwinterkälte ins Literaturhaus gewagt hat, wurde eines Besseren belehrt. Dort bot sich eine der seltenen Gelegenheiten, Nora Gomringer, die vielfach preisgekrönte Lyrikerin, Slammerin und Performerin in einer gemeinsamen Lesung mit ihrem Vater Eugen, dem Begründer der konkreten Poesie, zu hören. Oder vielmehr: zu erleben. Denn wenn die Gomringers anreisen, um «etwas mit der Sprache» zu «machen», wie es in einem von Noras Texten heisst, darf gelacht, gestaunt, dazwischengerufen oder auch einfach mal berührt innegehalten und geschwiegen werden.

Kurz vor der Lesung erst hatten Vater und Tochter an einem Tisch im Café den groben Ablauf der Lesung abgesteckt, und so blieb denn auch der ganze Abend erfrischend beweglich und überraschend, sowohl für das Publikum, als auch einstweilen für die Lesenden selbst. Die beiden interagierten humorvoll, tauschten Blätterstapel und amüsante innerfamiliäre Alltäglichkeiten aus, manchmal schien es, als höre der Vater einen Text seiner Tochter zum ersten Mal, oder zum ersten Mal seit langem wieder, woraus sich dann eine spontane Diskussion ergab. Mal las die Tochter einen Vatertext, mal der Vater einen Tochtertext, mal verschwand ein Blatt ganz ungelesen wieder in der Tasche und ein anderes fand stattdessen seinen Weg auf den Tisch.

Auf der einen Seite dieses Tisches also die performativen Sprach- und Sprechkunstwerke einer 32-Jährigen, auf der anderen Sonnette und Gedichte, «Konstellationen», wie der 87-Jährige sie nennt, in denen die Wörter als phonetische und visuelle Gestaltungselemente im Vordergrund stehen. Auf den ersten Blick zwei poetische Ansätze, die weit von einander entfernt scheinen. Doch schon beim ersten Hinhören wird deutlich, wo die Brücke zwischen den Texten liegt: In der Liebe zur Sprache und ihren Möglichkeiten.

Formen und kneten

Gebannt ist, wer teilhat an dem, was Nora Gomringer aus der Sprache herauskitzelt. Im Sprechen formt und knetet sie die Worte, stanzt oder haucht sie in den Raum, geniesst und streichelt sie, behält sie sogar manchmal ganz für sich. Sie ist eine Meisterin im Treffen der Töne, der lauten wie der leisen, der selbstironischen wie der ernsten. Das Auftauchen und Verschwinden einer Schnecke wird bei ihr zum hochkomischen literarischen Ereignis; mit ihrem Gedicht über den Deportationszug nach Auschwitz hingegen löst sie ergriffenes, nachhallendes Schweigen aus, das niemand mit Klatschen zu brechen wagt.

Eugen Gomringers fein abgewogene, von der konstruktiven Kunst geprägte Dichtung stand in ruhigem Kontrast zu der eher impulsiven Literarizität der Texte seiner Tochter. «Die Worte des Dichters», heisst es eindrücklich in einem poetologisch anmutenden Text, den er anlässlich der Schweizerischen Landesaustellung von 1964 geschrieben hat, «kommen aus dem Schweigen, das sie brechen». Mit der unangestrengten und humorvollen Ernsthaftigkeit eines Erfahrenen brach er dieses Schweigen und nahm das Publikum immer wieder mit auf eine literarische Reise von Barcelona nach Bern oder Bolivien, wo er geboren wurde, und weiter ins oberfränkische Rehau, wo er 2000 das Institut für Konstruktive Kunst und Konkrete Poesie gegründet hat; zu vielen seiner Wurzeln und Verwurzelungen also, mitunter auch mit einem spanischen oder schweizerdeutschen Text, mit Exkursen auch zu der Entstehung der konkreten Poesie, deren Begriff er 1953 in Analogie zur konstruktiven Kunst geprägt hatte.

Im Nu waren in diesem dynamischen Hin und Her zwischen Vater und Tochter anderthalb Stunden hinweggeblättert und zahlreiche Beweise dafür erbracht, dass die Sprache keinen Staub ansetzt, solange man etwas mit ihr macht.

Und das ist doch etwas vom Schönsten, was Kunst, wie auch immer geartet, hinterlassen kann: Ein Brennen unter den Nägeln und ein Kribbeln hinter der Stirn.

  • Am 4. Januar um 20.30 Uhr: Nora Gomringer im Poetry Slam, Pfauen Zürich
Für die Lesung im eigenen Kopf:
Nora Gomringer: Mein Gedicht fragt nicht lange. Buch mit Audio-CD, Voland und Quist, Dresden/Leipzig 2011.
Nora Gomringer: Ich werde etwas mit der Sprache machen, Voland und Quist, Dresden/Leipzig 2011.
Nora Gomringer: Nachrichten aus der Luft. Buch mit Audio-CD, Voland und Quist, Dresden/Leipzig 2010.
Eugen Gomringer: admirador. Sonette, Essays, Vorträge, biografische und autobiografische Texte, Prosa und Märchen aus sechzig Jahren. Matthes & Seitz, Berlin 2012.
Eugen Gomringer: der sonette gezeiten / the sonnets‘ tides. Edition Signathur, dozwil 2009.
Im nächsten Monat erscheint zudem der vierte Band mit Sonetten von Eugen Gomringer bei Signathur.

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