Wer ist Aline Kominsky-Crumb?

Robert Crumb ist einer der berühmtesten Comiczeichner der Welt. Seine Frau hingegen, ihrerseits begnadete Zeichnerin, kennt fast niemand. Höchste Zeit, das zu ändern.

Grosse Klappe, grosses Talent: Aline Kominsky-Crumb ist weit mehr als Robert Crumbs Ehefrau.

(Bild: Nils Fisch)

Im Cartoonmuseum stellt der weltberühmte Comiczeichner Robert Crumb aus. Mit dabei: seine Frau Aline Kominsky-Crumb – ihrerseits begnadete Zeichnerin. Aline wer? Höchste Zeit, diese Frau vorzustellen.

«Wake up, Paps!» Die Frau mit den feuerroten Haaren gibt dem Mann neben ihr am Tisch einen Klaps auf den Rücken. Er lacht laut und schiebt sich seine Brille, diese Brille mit den dicken Gläsern, für die Robert Crumb weltberühmt ist, zurück auf den Nasenhügel. Dann zwickt er sie in den Arm, beide lachen, während die Kuratorin neben ihnen versucht, sie mit einer Kurzeinführung zu übertönen.

Robert und Aline Crumb, amerikanische Comiczeichner, sind auf Besuch im Cartoonmuseum Basel, und sie sind genau so, wie man sie sich gewünscht hat: wie in ihren Comics.




Wer Robert Crumb kennt, den erstaunt das nicht: Der 72-jährige Altmeister des Anti-Establishment-Comics ist bekannt dafür, sich und seine Neigungen und Vorstellungen eins zu eins in Comicform darzustellen. In anstössigen Bildern bricht er aufmüpfig Tabus – als kleiner verschupfter Perversling, der gerne auf Frauen mit starken Oberschenkeln reitet.

Die präsentesten Oberschenkel in Crumbs Comics gehören Aline Kominsky-Crumb – einer, wenn man nach den Comics geht, unverblümten Amazone mit wallenden Haaren und grosser Klappe, die Crumb in den Siebzigern in San Francisco kennenlernte. 




Crumb war damals der Star der Untergrund-Szene, hatte für Janis Joplin das «Cheap Thrills»-Cover gezeichnet (die Rolling Stones fragten ihn auch an, was er ablehnte, da er ihre Musik «a piece of shit» fand) und den berühmtesten Comic-Kater der Welt geschaffen. Dazu kamen Dutzende von Geschichten über grosse, starke Frauen, die sich mit dem kleinen Crumb vergnügten.

Eine dieser Frauenfiguren war Honeybunch Kaminski, ein freizügiges junges Mädchen mit strammen Waden und langen Haaren, eine andere Dale Steinberger, ein jüdisches Cowgirl, das mit Vorliebe psychedelische Drogen nimmt und den Wilden Westen unsicher macht.




Die beiden waren es, die die damals frisch nach San Francisco gezogene Aline Kominsky aufhorchen liessen – die Ähnlichkeiten zwischen ihr, der freimütigen Kaminski und der toughen Steinberger waren erstaunlich. Wie Honeybunch und Steinberger war auch sie Jüdin, mochte Männer und Drogen und hatte vor ihrem Hinzug mit drei LSD-enthusiastischen Cowboys in Arizona gelebt.

Schon bevor sie Crumb kennenlernte, hatten Alines Freunde sie Honeybunch genannt – was sie erst als schmeichelhaft, mit der Zeit aber als ziemlich nervig empfand. «Ich sah Honeybunch als dieses süsse Ding, dumm und passiv und konform», sagte sie später in einem Interview mit dem «Comics Journal»

Leben im Hippie-Himmel

Und süss, passiv und konform war alles andere als das, was Aline verkörperte. 1948 in eine jüdisch-bürgerliche Familie in Long Island geboren, zog sie nach ihrem Highschool-Abschluss ins East Village und begann ein Kunststudium am Cooper Union-College. Genervt und gelangweilt von den machoiden Strukturen des Uni-Betriebs trat sie nach ein paar Monaten aus, heiratete mit zwanzig Carl Kominsky, einen «nice jewish boy», und zog mit ihm nach Arizona.

Ihre Zeit in Arizona bezeichnet Kominsky-Crumb heute als «Hippie Heaven»: Jede Menge Peyote, warmes Wetter und Wassermalkurse in der Wüste. Nach drei Jahren aber war ihr das Ehefrauendasein verleidet, sie rannte mit einem ortsansässigen Cowboy davon und wohnte sechs Monate mit ihm und seinen beiden Brüdern in einer kleinen Ortschaft mitten in der Pampa.



Meet the parents: Auszug aus Aline Kominskys autobiografischer «Bunch»-Comicreihe.

Meet the parents: Auszug aus Aline Kominskys autobiografischer «Bunch»-Comicreihe. (Bild: Derek Li Wan Po)

In dieser Zeit entschloss sich Aline, nach San Francisco zu ziehen – sie hatte die beiden Comiczeichner Kim Deitch und Spain Rodriguez kennengelernt und interessierte sich für die aufkeimende Underground-Comicszene in der kalifornischen Stadt. Gesagt, getan: Kominsky fing an, Comics zu zeichnen, verliess die Cowboys und zog nach San Francisco, wo sie durch Deitch und Rodriguez Zugang zur Szene fand. Hier wurde sie Mitglied des feministischen «Wimmen’s Comix Collective» und publizierte in deren von Frauen verlegtem Magazin «Wimmen’s Comix» ihre erste Kurzgeschichte: «Goldie. A Neurotic Woman».

Nix mit glamourös

«Goldie» wurde zum Meilenstein der Frauenbewegung. In ihm erzählte Aline von ihrer schwierigen Kindheit, den unglücklichen Teenagerjahren, von früher Schwangerschaft und Freigabe eines Kindes zur Adoption. Zum ersten Mal schnitt hier eine feministische Stimme schwierige Themen an, mit rauen, lebendigen Zeichnungen.

Aline Kominsky scheute das Unangenehme nicht: «Damals wollte man in der Kulturszene glamouröse, heroische Frauen. Ich war das genaue Gegenteil. Eine grosse jüdische New Yorker Klappe.»



Stark, laut und selbstbewusst: Protagonistin «Bunch», in Alines «Power Pak»-Serie.

Stark, laut und selbstbewusst: Protagonistin «Bunch», in Alines «Power Pak»-Serie.

Eine Klappe, die bald auch den abgefeierten Robert Crumb erreichte. Sie war genau die Frau, die er immer wieder in seinen Comics zelebriert hatte: stark und laut und selbstbewusst. Honeybunch, ganz klar, nur ohne die dümmliche Gefälligkeit.

Die beiden verliebten sich, Aline zog in Crumbs und dessen Noch-Ehefrau Dana Morgans Haus. In den späten Siebzigerjahren zeichneten sie ihren ersten gemeinsamen Comic und gründeten die Comic-Serie «Dirty Laundry», eine Art persönliches Kammerspiel, wo sie schamlos Leid und Freud ihrer Beziehung auf Papier ausbreiten, ihre «dreckige Wäsche» in der Öffentlichkeit wuschen.




Diese rotzige Beziehungs-Nabelschau des Geeks Crumb und seiner grossmäuligen Freundin stiess vielen sauer auf: «Sie mag gut im Bett sein, aber haltet sie bloss vom Papier fern!», schrien die Kritiker, darunter viele Freunde der beiden. Aber die Crumbs wären nicht die Crumbs, wenn sie sich durch solche Stimmen aus dem Konzept bringen lassen würden.

Sie ergänzen sich perfekt – auch heute, wo sie hinter dem Tisch mit den SRF-Mikrofonen sitzen: grinsend und schäkernd, sie mit wilden Haaren, Minirock und klobigen Schuhen, er in Hemd und Tschopen. Die 67-Jährige sieht grossartig aus, und Crumb – Crumb ist eben mittlerweile ein «Paps».



Ein Herz und eine Seele: Robert und Aline Crumb.

Ein Herz und eine Seele: Robert und Aline Crumb. (Bild: Nils Fisch)

In ihren Comics, sagen sie, führen sie die perfekte Beziehung. «Hier kann man Dinge ansprechen, an Grenzen gehen, an die man im richtigen Leben nicht herankommt», meint Aline in breitestem Long Island-Akzent. Die beiden zeichneten selten in erster Linie für ein Publikum, im Zentrum stehen bis heute sie beide und ihre wilde Verbindung zueinander.

Zeichnen als Ventil

Dabei wird nichts ausgelassen, sie thematisieren ihr Sexleben, ihre Streitereien, die Geburt ihrer Tochter Sophie und ihren Umzug nach Frankreich Anfang der Neunziger, wo sie bis heute in einem kleinen Dorf in der Nähe von Montpellier wohnen, Aline eine kleine Galerie betreibt und Yoga-Stunden gibt, während Robert immer noch täglich zeichnet.



Der grosse Zeichner und seine grosse Zeichnerin: Aline und Robert Crumb in der neuen Ausstellung im Cartoonmuseum.

Der grosse Zeichner und seine grosse Zeichnerin: Aline und Robert Crumb in der neuen Ausstellung im Cartoonmuseum. (Bild: Nils Fisch)

«The stories had to get out», sagt Crumb und Aline nickt. Das Comiczeichnen war viele Jahre lang ihr Ventil – und wird mit den Jahren weniger, vor allem bei Aline, die sich jetzt mehr zur Malerei hingezogen fühlt. «Comiczeichnen ist was für junge Menschen», sagen sie. «Irgendwann ist einfach alles erzählt.» Dass das besonders bei ihnen beiden nicht stimmt, wissen sie bestimmt. Die wilde Amazone und der kleine Perversling – das ist einfach eine zu gute Story.

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Aline Kominsky-Crumb & Robert Crumb – Drawn Together: Cartoonmuseum Basel, bis 13. November.

Konversation

  1. Ein hervorragender Bericht in jeder Beiziehung. Bin fast etwas neidisch. Ich habe die Ausstellungseröffnung und das Zusammentreffen mit Aline & Robert in bester Erinnerung. „Yeah, we’re good! We really work together well!“

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