Wochenstopp: Makellos sperrig

Hinter der freundlichen Oberfläche lauert das hinterhältige Lied. Wilco sind wieder da.

Hinter der freundlichen Oberfläche lauert das hinterhältige Lied. Wilco sind wieder da.

«Art Of Almost», die Kunst des Fast – man kann diesen Liedtitel nicht einmal ins Deutsche drehen, so sperrig ist das. Und was sich dahinter auf guten sieben Minuten entfaltet, macht die Sache nicht transparenter. Da gibts zuerst eine Weile lang Stolperbeat und etwas bauschige Sphärenbastelei, dann ein Sänger ohne klare Melodieführung und etwas Rumgeschraube im Elektro­baukasten, und schliesslich ein Gitarren­solo, das mit drei Tönen auskommt. Fast ein Lied, nickt man zustimmend, und weil es von Wilco ist, geben wir auch das «Art» noch dazu.

Wilco ist die Band, die mindestens einmal bereits die Rockmusik gerettet hat oder zumindest das, was einmal amerikanischer Countryrock war auf der Suche nach einer Identität, die nicht bereits von den Vätern für immer gestohlen war. Als «Yankee Hotel Foxtrott», dieser frühe Monolith der Gruppe, fertiggestellt war, passierte nach einem flauen Warmlaufjahr sehr viel in sehr kurzer Zeit, die Band verkaufte einen Haufen Platten, und wer danach noch mitreden wollte bei alternativem Americana, der das Pantheon der Alten nicht niederriss und dem doch mehr einfiel als nur der demütige Kniefall – der kam an Wilco nicht mehr vorbei.

Das war vor zehn Jahren. Seither hat Jeff Tweedy, das stabile wie eigensinnige Zentrum in dieser Rotationsmaschine, mit schöner Regelmässigkeit Lieder geschrieben, sodass es immer wieder was von Wilco zu hören gibt. Doch solche Sprünge wie mit «Yankee Hotel Foxtrott» machen nur wenige zweimal im Leben, und Wilco haben sich seither, klammert man die orientie­rungslosen Geräuschfontänen von «A Ghost Is Born» (2004) aus, solid konso­lidiert.

Und nun «The Whole Love», nun dieser Auftakt. «Art Of Almost» zeigt verdichtend noch einmal auf, welch weitverzweigte Gräben diese Band zu baggern befähigt ist, aber bereits mit dem folgenden «I Might» werden die Linien klarer, mit «Sunloathe» entfaltet sich das zum Himmel geöffnete Panorama mit Glockenspiel, tiefgelegtem Klavier und in den Sechzigern getauften Chören, in «Black Moon» bejammern Streicher und Slidegitarre üppig denselben, in «Capitol City» schaukelt ein zufriedener Swing. Und dann ist da noch «One Sunday Morning», ganz am Schluss. Mehr ein ­Fragment als ein Lied, auf zwölf Minuten aus­gewalzt, das die Spannung hinterhältig ­beibehält, ohne überhitzt auf dem Dynamikpedal rumzutreten. Verdächtig ­makellos, einmal mehr.

Seien wir gespannt, wie die Band dies in ihrem Konzert in der Kaserne umsetzen wird. Eröffnet wird der Abend mit dem ­Psychedelic Folk des US-Amerikaners ­Jonathan Wilson.

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Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 04/11/11

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