Worüber lacht ein Clown? Wir haben gefragt

47 Jahre lang trat Gaston Häni als Clown Gaston auf, spielte in Filmen mit, machte Theater. Nun macht er sich auf seine letzte Tour. Die TagesWoche hat ihn im Wohnwagen besucht.

Jede Geste, jedes Lachen muss in der Manege perfekt eingesetzt werden.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

47 Jahre lang trat Gaston Häni als Clown Gaston auf, spielte in Filmen mit, machte Theater. Diese Saison begibt er sich mit dem Zirkus Nock auf Abschiedstournee. Die TagesWoche hat ihn in seinem Wohnwagen besucht.

Clown Gaston Häni befindet sich momentan auf Abschiedstournee, denn nach dieser Saison ist Schluss mit dem Leben im Wohnwagen. Schon sehr früh wusste er, dass er einmal Clown werden möchte. Es ist ihm als Kind einer Zirkusfamilie sozusagen in die Wiege gelegt worden. Begonnen hat Häni als Clown Gaston beim Zirkus Knie, das war 1973.

Es folgten eine dreijährige Tour mit dem Theaterstück «Wir machen Spass», Auftritte im Fernsehen, im Kino, dann wieder Zirkus, seit 1999 zusammen mit Roli Noirjean als Duo Gaston & Roli. Auftritte in der grossen Manege sind dann passé, bei kleineren Anlässen will er noch auftreten, wie er in seinem Wohnwagen erzählt.

Warten auf Gaston

Es ist eng im Wohnwagen, direkt hinter dem Zirkus Nock. Aus der Ferne erklingen Dudelsackmusik und dumpfe Paukenschläge. Mir gegenüber sitzt Roli Noirjean. Er schminkt sich, zieht sich um, macht währenddessen ein paar Spässchen und steigt dann aus dem Camper.

Auch für den Laufentaler ist es ein Abschied, denn nach dieser Saison wird das Clownpaar seltener zusammen zu sehen sein. Jedoch ist es kein endgültiger Rückzug aus dem Zirkusleben. Im Winterzirkus Conelli werden die beiden immer noch auftreten, doch im Wohnwagen acht Monate lang durch die Schweiz gondeln, damit ist Schluss.

Dann trifft Gaston ein. In der Manege erinnern die beiden ans Komikerduo Dick und Doof. Abseits der Scheinwerfer, im Wohnwagen, erinnern sie mich eher an Wladimir und Estragon aus «Warten auf Godot». Doch im einen wie im anderen Falle, man sieht, sie sind ein eingespieltes Team, ein Pärchen beinahe.

«Ja», sagt Gaston Häni und lacht, «das sind wir bestimmt. Wir sind mehr miteinander verheiratet als mit unseren Partnerinnen.» Das man sich da auch teilweise gewaltig auf die Nerven gehe, sei klar. Doch einander in und auswendig zu kennen, das kann als Clownpaar nur von Vorteil sein. Denn nur wer jede Reaktion des Partners voraussehe, könne eine flüssige Nummer spielen, sagt Häni.

«Es ist auch einmal genug»

Nun ist aber nach 47 Jahren Schluss mit dem Tourleben, doch Wehmut verspürt Gaston Häni keine. «Es ist halt auch einmal genug, oder?»

Häni ist eher Mann der knappen Antworten, antwortet mit ruhiger Stimme und – ernst. Der Klamauk, der ist für die Manege bestimmt. Wenn er aber einmal lacht, dann erreicht sein Grinsen die letzte Furche in seinem Gesicht. Und das tut er, sobald ihn ein Thema besonders interessiert.

Wie zum Beispiel die Frage, wie man Menschen am einfachsten zum Lachen bringt. «Mit Schadenfreude», heisst es erst einmal wieder kurz und bündig. Dann erfolgt die Aufklärung. «Menschen lachen am ehesten über andere und über Missgeschicke, welche unvorhersehbar passieren.» Als Beispiel nennt er Charlie Chaplin.

Der Filmausschnitt, in dem immer wieder abwechslungsweise die Bananenschale gezeigt wird und dann Chaplin, wie er scheinbar nichtsahnend auf sie zuläuft – nur um dann im entscheidenden Moment nicht darauf auszurutschen, sondern triumphierend grinsend über sie hinwegsteigt, geradewegs in den nächsten Laternenpfahl hinein.

Das Prinzip der Schadenfreude funktioniere auch mit Leuten aus dem Publikum, die man in die Manege hole. Die sind dann den Clowns ausgeliefert, welche ihre Spässe mit ihnen treiben. Selbstverständlich alles mit einem Augenzwinkern, nicht aus Bosheit.

Humor ist, wenn man über sich selbst lacht

Und was, wenn jemand nicht mitmacht? Vor Schreck wie gelähmt ist?

Gaston Häni antwortet nicht, sondern streckt mir seinen Arm entgegen. Etwas verdattert ergreife ich seine Hand und schüttle sie. «Weshalb hast du das jetzt gemacht?», fragt er und grinst. Weil man jemandem die Hand eben schüttelt, wenn er sie ausstreckt, antworte ich. «Siehst du, so geht das.»

In diesem Moment merke ich, wie ich bei diesem Interview selbst zur Pointe geworden bin. Hole man jemanden in die Manege, erklärt Häni, dann arbeite man ja gerade damit, dass diese Person befangen und etwas unsicher sei. Das könne der Clown für seine Nummer ausnützen – aber nicht auf Kosten des Gastes. Sich über jemanden lustig machen, ohne ihn zu beleidigen, das sei die Kunst. Das gehe nur, wenn der Clown auch über sich selbst lacht.

In diesem Moment merke ich, wie ich beim Interview selbst zur Pointe geworden bin.

Aber selbstverständlich könne eine Show auch einmal in die Hose gehen. «Vor der ersten Aufführung einer neuen Nummer bin ich stets nervös. Dann weiss ich noch nicht, wie das Publikum auf uns anspricht. Und: Was in Zürich und im Aargau funktioniert, muss nicht zwingend auch den Basler zum Lachen bringen. Humor hängt auch von der Region ab. Der Basler zum Beispiel, hat einen eigenen Humor, dieser ist sehr auf sich bezogen.»

Doch es gäbe Sachen, die gelingen eigentlich immer. Man müsse einfach simpel bleiben. Als Clown mit einem Zirkusensemble aufzutreten, da könne man nicht wie im Theater eine Geschichte über längere Zeit aufbauen.

Die Herausforderung sei, die Besucher, die aus allen Altersklassen kommen, abholen zu können. «Das Theaterpublikum, das kann man heranzüchten, subtilere Themen wählen, es an die Handlung heranführen. Bei einer Zirkusnummer musst du schon beim Betreten der Manege die ersten Lacher einheimsen. Sonst klinken sich die Zuschauer aus.»



Jeder Pinselstrich sitzt. Nach 47 Jahren im Geschäft, geht das wie im Schlaf.

Jeder Pinselstrich sitzt. Nach 47 Jahren im Geschäft, geht das wie im Schlaf. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Worüber lacht eigentlich der Clown?

Wie er Menschen zum Lachen bringen kann, das weiss Gaston Häni. Aber über was lacht eigentlich ein Clown? Um in der Region zu bleiben, spricht er über die Fasnacht. «Wenn ich mir die Schnitzelbänke der Basler Fasnacht anhöre, dann muss ich schon sagen: Sie sind sehr gesucht, sehr genau ausstudiert, politisch.»

Er könnte noch viel erzählen, doch die Arbeit ruft. Plötzlich streckt Roli den Kopf in den Wohnwagen herein: «S isch halbi!» und drückt mir einen Pack Schüblig in die Hand mit der Bitte, sie hinter mir in seiner Tasche zu verstauen. Sie sind ein Geschenk des Metzgers, bei dem ein Zirkusmitarbeiter heute Werbung für die Premiere gemacht hat.

Häni greift zu den Schminksachen und setzt sein Gesicht für diesen Abend auf. Jeder Pinselstrich sitzt. Während er sich für den Auftritt bereit macht, tritt erneut Roli in den Wohnwagen, diesmal in ein rotes Zelt von einem Kleid gehüllt. «Kannst du mir hinten schnell zumachen, bitte?», fragt er Gaston Häni. Ganz wie ein altes Ehepaar eben.

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Gaston & Roli sind mit dem Zirkus Nock zu sehen, der vom 25. September bis am 11. Oktober auf der Rosentalanlage gastiert.

Konversation

  1. Danke, Gaston, Danke! Dein Humor ist und bleibt einmalig. Ich habe bis heute Angst, dass Dich die Wenigsten verstanden haben. Ähnlich menschlich waren und sind Chaplin, Dimitri, Larible und viele andere. Aber ums Himmels Willen nicht Grock, der war nur zynisch. Ein Clown muss liebevoll sein!
    Gaston, alles Gute!
    Dieter Stumpf, Basel

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