Zahlreichen Bands droht die Obdachlosigkeit

Der Umbau auf dem Lysbüchel führt zu einem akuten Proberaum-Notstand. Neue Zwischennutzungen haben gar keinen Platz für laute Musik, andere Projekte wie die neue Kuppel erst ab 2020. Dabei müssen diverse Bands bereits in einem Monat zügeln.

Draussen vor der Tür: Auf der ersten US-Tour ist das für die Bitch Queens ein Fotosujet. Zu Hause in Basel müssen sie tatsächlich eine neue Bleibe finden.

Kaum hat der Grosse Rat den Bebauungsplan «Volta Nord» abgesegnet, flatterte bei rund 15 Basler Bands die Kündigung in den Proberaum. Bereits Ende Juni müssen sie aus den beiden Häusern wegziehen. 

Am Ende der Lysbüchelstrasse störte sich keiner am Lärm. Selbst an jenen Abenden nicht, an denen längst nicht nur Bandmitglieder zu den Besuchern gehörten. Die Ecke wird bei einigen Konzertbesuchern als «Hauptquartier» mehr oder minder gute Erinnerungen wecken. Doch liegen die beiden Häuser Mitten im Baufeld 1, dem ersten Flecken auf dem Gelände der SBB, das neu bebaut wird. 

Der Countdown läuft

«Die Kündigung kam schon überraschend», sagt Melchior Quitt von den Bitch Queens. Während gut fünf Jahren war die Band dort einquartiert, Drummer Harry Darling hat dort auch sein «Lipstick-Studio» für Aufnahmen eingerichtet. 

Von der Kündigung überrascht wurde die Band ausgerechnet während ihrer ersten US-Tour. Die Stimmung lassen sich die vier aber nicht verderben. «Wir hatten schon länger Verträge, die nur auf einen Monat befristet sind. Nun ist es leider so weit», sagt Quitt. Die Bitch Queens müssen auch nicht ohne Dach auskommen, wenn sie nach ihren neun Shows in Übersee wieder nach Basel zurückkehren. Eine befreundete Band bietet Asyl. «So können wir ohne Zeitdruck suchen», so Quitt. 

Und der Countdown läuft. Der Vermieter des einen Hauses auf dem Lysbüchel, Malermeister Karl Mohler, hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, seine Werkstatt und die Proberäume länger zu erhalten. Er habe denn auch vor, mit allen Mitteln gegen die Landbesitzerin SBB vorzugehen. 

Die Bitch Queens wurden auf der US-Tournee von ihrem Proberaum-Verlust überrascht. Am Ort dieser Aufnahme dürften sie wohl eher keinen Ersatz finden.

Allzu grosse Hoffnungen sollte sich Mohler besser nicht machen. Denn die SBB haben mit den Mietern damals im Sommer 2015 ein «befristetes Mietverhältnis bis 31.12.2017 vereinbart», das bereits im Sommer einmalig auf Ende Juni 2018 verlängert wurde. Eine weitere Fristerstreckung sei «nicht möglich», wie die SBB auf Anfrage klarstellen, «weil unmittelbar nach dem Auszug der Mieter mit Sanierungs- und Vorbereitungsarbeiten für den Abriss begonnen wird».

Entsprechend suchen und mobilisieren die betroffenen Bands derweil auf allen möglichen Kanälen. Denn Proberäume sind in Basel ein rares Gut. Das Lysbüchel vermochte die Lage zwischenzeitlich zu mildern. «Es erlöste uns von zwei Jahren Betonbunker-Koller im zweiten Untergeschoss», sagt etwa Andri Mahler, Gitarrist von L’Arbre Bizarre

Für wenig vernetzte Bands wird es schwierig

Seine fünfköpfige Band stellt keine grossen Forderungen an den nächsten Proberaum: «Genug Strom», sagt Mahler. «Und dass man auch nach 22 Uhr noch spielen kann.» Ein «schöner Luxus» wäre zudem, wenn der Raum ebenerdig wäre oder einen Warenlift hätte. Wie jede Band möchte auch L’Arbre Bizarre möglichst oft rein und raus, wenn auch nur für Konzerte. 

Damit klappt es derzeit gerade ganz gut. Zumal eine unabhängige Jury L’Arbre Bizarre erst kürzlich zu einer der heissesten Live-Bands in Basel gekürt hat. Weniger erfolgreich läuft die Proberaumsuche. Gitarrist Mahler muss gar hoffen, dass sie Anfang Juli nicht ihr Equipment in einem Lagerraum in Zunzgen bunkern müssen: «Das wäre unser Worstcase-Szenario.» Hoffnung gibt ihm, dass die Band nach acht Jahren Bestehen über gute Kontakte in der Szene verfügt.

Auch die Proberaum-Zukunft liegt im Nebel: L’Arbre Bizarre mit Andri Mahler (links) beim Resonate-Abend vergangenen Freitag im «Atlantis». 

Für andere, weniger vernetzte Bands auf dem Lysbüchel ist Mahler weniger optimistisch: «Die Bandraum-Situation ist schon prekär», findet er. Zudem seien die meisten Räume sehr teuer für das, was sie bieten würden. 

Es ist auch nicht so, dass die Zwischennutzer-Bands vom Lysbüchel einfach über den Rhein aufs nächste Zwischennutzungs-Areal «Klybeck plus» zügeln könnten. Pascal Biedermann vom Verein Unterdessen, der dort die Zwisschennutzung organisiert, sagt dazu: «Bei den drei von uns verwalteten Gebäuden kommen aus baulichen Gründen nur zwei Räume für Musiker infrage – allerdings nicht für Bands.»

Kaum Ausweichmöglichkeiten

Biedermann, selbst aktiver Musiker, würde mit seinem in der ganzen Stadt aktiven Verein gerne mehr Proberäume anbieten. Doch während er kaum aufzählen könne, wie viele Ateliers sie schon vermitteln konnten, reiche für die Anzahl vermittelter Proberäume gerade mal eine Hand. «Und dies, obwohl wir seit eh und je wahnsinnig viele Anfragen bekommen», so Biedermann.

Es grenzt schon fast an Ironie, dass unmittelbar auf einer angrenzenden Parzelle des Lysbüchel-Areals ein Projekt für mehrere neue und dauerhafte Proberäume in der Pipeline ist. Bis zur Spruchreife wollen sich die Beteiligten noch nicht dazu äussern. Klar ist aber: Vor 2020 wird dort nichts fix. 

Der gleiche Zeitrahmen gilt auch für die acht Proberäume, die unter der neuen «Kuppel» gebaut werden sollen. Zum aktuellen Stand dieses Projekts sagt Tobit Schäfer, Präsident der Stiftung Kuppel: «Derzeit läuft verwaltungsintern der Prozess für die Errichtung der Unterbaurechtsparzelle der Stiftung Kuppel auf der Baurechtsparzelle der QPL AG, welcher für die Einräumung des Unterbaurechts für den Bau der Neuen Kuppel Basel notwendig ist.» Ist der Vertrag zwischen Stiftung Kuppel und QPL AG geschlossen, wird ein Projektwettbewerb lanciert. 

Die Wall-of-Noise von Asbest, Heavy Harvest und Rausch: Der Trippel-Turm an Gitarrenverstärkern kann komplett ins Lehenmatt-Areal zügeln. Glück gehabt.

Als noch amtierender Geschäftsleiter des RFV Basel bedauert Schäfer den gegenwärtigen Proberaum-Notstand durchaus. Solche Massenkündigungen wie auf dem Lysbüchel seien leider oft der Gang der Dinge, wenn sich ein wirtschaftlich wertschöpfungsarmes Gebiet entwickle. «Aber auch ein Hausbrand wie vor ein paar Jahren an der Freiburgerstrasse kann dazu führen, dass plötzlich viele Bands obdachlos sind», so Schäfer. Darum unterstütze der RFV Basel sämtliche öffentlichen und privaten Projekte. Denn auch die Bedürfnisse der Bands sind je nach Professionalität, Selbstverständnis oder Stil unterschiedlich.

Hauptsache günstig

Das sieht auch Robyn Anouk Trachsel von der Band Asbest so. Auch sie muss raus aus dem Lysbüchel. Aktuelle Angebote wie die «Jukebox», wo junge Bands voll ausgerüstete Räume inklusive Coaching mieten können, oder die sehr gut ausgebauten Proberäume der «Rockfact» sind für Trachsels Band keine Alternative: «Die Kosten für diese Standards sind für uns viel zu hoch. Am liebsten ist uns eine unbehandelte, dafür zahlbare Betonhülle, die wir dann mit Teppich, Molton und unserer Anlage selbst einrichten können.» 

Über die sozialen Netzwerke hat Trachsel nach einem Raum für ihre Band und die sechs anderen Musikgruppen in ihrem Lybüchelhaus gesucht. Mit Erfolg: Soeben hat sie auf dem Lehenmatt-Areal einen neuen Proberaum gefunden. Sie zügeln nicht nur ihr Equipment. Mit Heavy Harvest und Rausch ziehen auch die bisherigen Bandraumkumpels mit. «Wir hatten echt einfach wahnsinnig Glück – sind aber eher noch die Ausnahme.» 

Die anderen Bands suchen noch. Sie haben noch einen Monat Zeit.

Konversation

  1. Flächenkündigungen gegen Zwischennutzungen und gegen Geschäfts-Mietparteien sind mir ähnlich zuwider wie Massenkündigungen gegen Wohnungs-Mietparteien.
    Deren Ursachen wie Verdrängung und Aufwertungsdruck müssen gemeinsam bekämpft werden.
    Der Basler Mieterverband vertritt ja seit Langem und zunehmend auch KMUs, weil bei ihnen der Markt genausowenig taugt wie bei den langjährigen Wohnungsmieter/innen. Wir prüfen auch, ob Zwischennutzungskündigungen missbräuchlich sind oder zumindest zu Erstreckung berechtigen.
    Wir kämpfen zurzeit gerade mit vielen „normalen Mietparteien“ für 4 x JA in der historischen Richtungsabstimmung, um die Miet-Wohnpolitik in BS in andere – niederschwellige – Bahnen zu lenken.
    Indirekt kann ein JA zur Wohnschutzinitiative (Wohnen ohne Angst vor Vertreibung) auch den KMUs und den zwischennutzenden Bands helfen, davon bin ich überzeugt.
    Denn es würde die Regierung aus ihrer Marktgläubigkeit und ihrem Laisser-faire herauszwingen und so eine andere, mieterfreundlichere Grundstimmung schaffen.

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  2. Zuerst freut es uns natürlich, dass wir von der Jukebox mit der Proberaumsituation in Basel erwähnt werden – vielen Dank! Da wir noch Kapazität für Band’s haben möchten wir doch noch erwähnt haben, dass die Kosten bei uns gar nicht so hoch sind 😉

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  3. Ein Bekannter erzählte mir schon unzählige Geschichten über Proberaum-Not. Das sei schon vor 20 Jahren so gewesen.
    Aber Theater und „ernste Musik“ bekommen viel Geld und Raum. Diese Art von Kunst interessiert aber nicht so viele Leute.

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    1. Dieser Engpass besteht schon lange. Für gewisse „Kunst“ fliessen beinahe verschwenderisch hohe Summen. Defizitäre Veranstaltungen werden grosszügig mit Geld gestopft.

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    2. Bitte fair bleiben. Subventionen ans Theater Basel oder ans Sinfonieorchester sind deshalb so hoch, weil hier Löhne für z.T. mehrere hundert Festangestellte anfallen. Das ist mit Sachkosten für Band-Proberäume nicht einmal annähernd vergleichbar.
      Und mit einer nebulösen Zahl von „Interessierten“ zu argumentieren, ist auch nicht gerade zielführend. Wieviele „Interessenten“ gibt es denn etwa für spezielle Stile wie, sagen wir: Prog Metal? Ein solcher Ansatz schafft nur Spaltung und Missgunst.

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