Zurück in die Zukunft

Kraftwerk erobern neue Räume – in 3-D. Die Düsseldorfer Elektropop-Pioniere können ihre Musik endlich so visualisieren, wie ihnen das schon vor 30 Jahren vorschwebte. Live zu erleben am Zürich Open Air.

Die Mensch-Maschinen sind reif fürs Museum: Im Frühling 2012 spielten Kraftwerk im MOMA New York. (Bild: Keystone)

Kraftwerk erobern neue Räume – in 3-D. Die Düsseldorfer Elektropop-Pioniere können ihre Musik endlich so visualisieren, wie ihnen das schon vor 30 Jahren vorschwebte. Live zu erleben am Zürich Open Air.

Zwei Jahre sind eine Ewigkeit im Internet­zeitalter. Zwei Jahre lang wurde die Website von Kraftwerk nach 2009 nicht aktualisiert. Dass sich die Düsseldorfer rar machten, war man sich von ihnen zwar gewohnt. Aber nachdem sie den Gesamtkatalog neu herausgebracht, aber keinerlei Konzerte angekündigt hatten, war zu befürchten, das Kraftwerk sei klammheimlich stillgelegt worden. Bis, ja, bis man im Juli 2011 zufällig einen neuen Eintrag entdecken konnte. Eine Mitteilung, die an Trockenheit nicht zu überbieten war und zum strengen Konzept der Mensch-Maschinen passte: «Concert in 3D» stand da schlicht geschrieben. Dazu Ort, Datum und Uhrzeit. Mehr als diese Informationen mussten Kraftwerk nicht verbreiten: Die Tickets für drei Konzerte in München waren sofort vergriffen. Das Quartett hätte die alte Kongresshalle zigfach ausverkaufen können. Aber darum ging es diesen Herren gar nicht.

Museumsreif und gegenwärtig

Denn die Konzerte bildeten den Rahmen für eine Vernissage, der Anlass war eine Ausstellung im Kunstbau Lenbachhaus. Dort erhielt man eingangs eine 3-D-Brille ausgehändigt und liess sich vom audiovisuellen Gesamtkunstwerk hypnotisieren. Die Filme zu Liedern wie «Trans Europa Express» kannte man zwar bereits von früheren Auftritten. Aber nicht in dieser Dimension.

Dass Kraftwerk 40 Jahre nach ihrer Gründung museumsreif sind, haben sie im Frühjahr mit Auftritten im New Yorker Museum of Modern Art unterstrichen. Zugleich leisten sie mit den 3-D-Visualisierungen, mit denen sie ihre Live-Konzerte heute umrahmen, einmal mehr Pionierarbeit.

Während bei anderen Musikern die Revision des Œuvres pure Nostalgie bedient, vergegenwärtigen uns Kraftwerk damit, wie visionär sie waren – und bewegen sich so in einem ganz eigenen Zeit-Raum-Kontinuum: «Radioaktivität» etwa ist seit Fukushima wieder erschreckend aktuell. Und von Online-Dating («Computerliebe») oder «Heimcomputern» sangen sie schon 1981, ehe es solche überhaupt gab. «Unsere Ideen waren lange grösser als die technischen Möglichkeiten», sagte Gründungsmitglied Ralf Hütter schon vor Jahren.

In Zürich geben Kraftwerk nun eines von lediglich zwei Europakonzerten in diesem Jahr. Wer sich auf die erweiterte Räumlichkeit einlässt, macht eine psychedelische Reise, die von der «Autobahn» (1973) bis zur «Tour de France» (2003) führt. Kraftwerk sind, so scheint es, mit ihrer 3-D-Umsetzung am Ziel angekommen: reif fürs Museum – und zugleich zurück in der Zukunft.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 24.08.12

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