Zweieinhalb Stunden Ruhm

Viel Personal, eingängige Musik, begeisternde Tanzeinlagen: Das Hollywood-Musical «Fame» feierte auf der Grossen Bühne Theater Basel eine vom Publikum umjubelte Premiere.

In der Luft: «Fame» am Theater Basel (Bild: Hans Jörg Michel)

Viel Personal, eingängige Musik, begeisternde Tanzeinlagen: Mit diesem Rezept erntete die Premiere der Bearbeitung des Musicals «Fame» am Theater Basel ganz schön viel Applaus.

Was reimt sich auf «Fame»? «Remember my name!» Zumindest fast. Aber wir alle erinnern uns natürlich an den Titelsong des Musicals «Fame» mit eben der Zeile «Remember my name». Also, zumindest die nicht mehr ganz so jungen Zuschauerinnen und Zuschauer, denn das Film-Musical und das mit dem Oscar ausgezeichnete Titellied stammen aus dem Jahr 1980. Ende der 1990er schaffte es das Film-Musical auf die Bühne, 2009 gab es eine Neuverfilmung und nun kommt die Geschichte, die eigentlich ihre Geschichte zur Geschichte hat (darstellende Künstler spielen, wie man darstellender Künstler wird), als Musical Produktion auf die Bühne des Theater Basel.

Man kann sich nun fragen, warum «Fame» jetzt in Basel gezeigt wird. Eine Antwort darauf ist vielleicht im Programmschema des Theater Basel unter Georges Delnon zu finden, das alle zwei Jahre ein richtig schön quotenförderndes Musical auf das Programm setzt. Das letzte Mal war es «My Fair Lady» und jetzt eben «Fame». Wiederum umgesetzt vom Basler Musical-Spezialisten Tom Ryser. Aber warum «Fame» und nicht ein anderes Musical? Die Neuverfilmung war ein Flop und die Altverfilmung ist gar sehr dem oberflächlichen 1980er-Jahre-Groove verhaftet.

Antwort auf den Boom der Castingshows?

Auch die Verantwortlichen scheinen nach Antworten auf diese Frage gesucht zu haben. Regisseur Tom Ryser nimmt in einem Interview im Programmheft Bezug auf die allüberall boomenden Castingshows und die damit verbundene «Sehnsucht, gesehen zu werden, wahrgenommen zu werden». Noch viel weiter in die Tiefe der urmenschlichen Geltungsbedürfnisse gräbt sich an gleicher Stelle der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann: «Zu einer Geschichte des modernen Ruhms gehörte sicher eine Reflexion über solche Schicksale, die nach einem kurzen, aber heftigen Ruhmschock in die Bedeutungslosigkeit zurückfallen und ihre ehemalige Berühmtheit nur noch in ihrer eigenen Erinnerung aufbewahren.»

Das klingt ganz schön tiefschürfend. So sehr, dass der Interviewer des Regisseurs im Programmheft erstaunt feststellen muss: «Das ist sehr viel Realismus für ein Musical.» Aber all diejenigen, die jetzt befürchten mögen, dass das Theater Basel das Unterhaltungsgefäss Musical mit einem schweren Mantel der Tiefgründigkeit erdrücken würde, können beruhigt sein. «Fame» auf der Grossen Bühne ist in erster Linie ein unterhaltender Abend mit viel Musik, Tanz und Drive. Und in zweiter Linie ein Abend mit vielen jungen sympathischen Menschen auf der Bühne, die schön singen und wunderbar tanzen können. Und drittens mit einer wunderbar aufspielenden Band im Orchestergraben (Musikalische Leitung: David Cowan und Nikolaus Reinke).

Nicht viel Platz für Tiefgang

Das Handlungsgerüst von «Fame» bietet ja auch nicht Platz für allzu viel Tiefgang. Erzählt oder besser präsentiert wird der Alltag an einer New Yorker High School for Performing Arts, die viele junge Talente vereinigt, die eine Karriere im Dschungel der darstellenden Künste anstreben. Als Musiker, als Schauspielerin oder als Tänzer. Die Story bietet kurze Einblicke in Einzelschicksale: unter anderem in dasjenige eines hochbegabten aber analphabetischen Tänzers, eines ehemaligen Kinderstars, der seriöser Schauspieler sein möchte, einer begabten Tänzerin, die sich von den Verlockungen einer ruhmreichen Karriere vorzeitig von der Schule weglocken lässt und daran – wie könnte es anders sein – zerbricht.

Das alles wird garniert mit kleinen Liebesgeschichten, die aber nur angedeutet werden, denn sehr viel Zeit bleibt für sie nicht übrig. Im Vordergrund steht und bleibt die Performance der Performance, also die in rascher Folge aneinandergereihten Auftritte der Schülerinnen und Schüler, die, egal, ob sie sich nun in der Tanz-, Theater- oder Musikabteilung befinden, stets Musical-Acts sind: Die Tänzerinnen und Tänzer singen, die Musikerinnen und Musiker tanzen und die Schauspielerinnen und Schauspieler tun sowieso alles zusammen. Klassisches Theater, so der Tenor der Basler «Fame»-Inszenierung, ist im Grunde genommen nur langweilig und verstaubt. Genau so wie klassische Musik oder klassisches Ballett. Künstlerische Erfüllung lässt sich nur im Musical finden.

Junge hochbegabte Darstellerinnen und Darsteller

Tom Ryser und seine künstlerische Leitungscrew haben für ihre «Fame»-Produktion in aufwendigen Castings eine grosse Truppe an jungen und zum Teil hochbegabten Musical-Talenten zusammengetrommelt. Zu erleben ist eine bunte Truppe, die in einem ebenso bunten Sprachengemisch untereinander kommuniziert: auf Schweizer- und Hochdeutsch oder auch mal auf Spanisch, wenn es um die Kommunikation untereinander geht, oder auf Englisch, wenn sie sich mit den Lehrerinnen und Lehrern unterhalten oder wenn sie ihre Musical-Auftritte haben. Allerdings sind die Sprechpassagen trotz Mikroports oftmals nur schwer verständlich. Das spielt aber letztlich keine allzu grosse Rolle. Denn im Zentrum der Aufführung stehen ja, wie bereits erwähnt, die zahlreichen Gesangs- und Tanznummern.

Und in diesen haben die jungen Darstellerinnen und Darsteller die Gelegenheit, ihr Können voll und ganz auszuspielen. Zum Beispiel Illjaz Jusufi, der mit seinen fulminanten Breakdance-Einlagen zum Publikumsliebling avanciert. Oder Jeannine-Michele Wacker und Andrea Sànchez del Solar, die mit ihren schönen Gesangsstimmen zu begeistern wissen. Oder Michael Heller, der nicht nur aussieht wie Robbie Williams in jungen Jahren, sondern auch dessen Charme ausströmt (und sich als herausragender Tänzer präsentiert). Man könnte diese Aufzählung noch lange weiterführen, denn es sind eben viele junge Menschen auf der Bühne zu erleben, die ihr herausragendes Können präsentieren.

Ein bisschen wie im Zirkus

«Präsentieren» und «Können» sind letztlich die Stichworte, die den Charakter des Abends ganz gut beschreiben. Tom Ryser gibt den Seelenlandschaften hinter der performativen Fassade nicht allzu viel Gewicht. Die kurzen Dialogpassagen kommen so letztlich wie Pausenfüller zwischen den Tanz- und Gesangsnummern daher. Diese aber sind glanzvoll, musikalisch überzeugend dargebracht und ausgesprochen einnehmend choreographiert. Es ist ein bisschen wie im Zirkus. Ein Musical-Zirkus, der an der Premiere einen grossen Teil des Publikums zu begeistern wusste.

 

Theater Basel
«Fame»
Musical nach einer Idee von David De Silva
Musikalische Letung: David Cowan und Nikolaus Reinke, Regie: Tom Ryser, Ausstattung: Stefan Rieckhoff, Choreography Cast: Lillian Stillwell, Sanjia Ristic
Mit: Tom Shimon, Jeannine-Michele Wacker, Michael Heller, Andrea Sànchez del Solar, Illiaz Jusufi, Stefanie Köhm, Alissa Ueberwasser, Eva Patricia Klosowski, Tobias Bieri, Chralotte Irene Thompson, Christian Menzi, Rahel Fischer, Jennifer-Julie Carin, Andreas Sigrist, David Cowann, Nikolaus Reinke, Stefanie Pütz, Nadine Arnet, Muhammed Kaltuk, Sascha Luder, Samuel Tobias Klauser, Fame-Band, Jugendliche aus Basel und Regio
Weitere Vorstellungen bis 16. April 2014

 

 

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