Brennende Kirchen, singende Priester

Norient, das Festival des dokumentarischen Musikfilms, zeigte übers Wochenende in der Berner Reitschule Beiträge über äthiopischen Hip-Hop aus Israel und norwegischen Black Metal. Die beiden gegensätzlichen Themen treffen sich dort, wo die Musik ein Potential für gesellschaftliche Veränderungen freilegt – im Guten wie im Schlechten.

Ausserhalb des gängigen Wahrnehmungsmusters: Children of the Bible erzählt die Geschichte eines äthiopischen Rappers aus Israel.

Norient, das Festival des dokumentarischen Musikfilms, zeigte übers Wochenende in der Berner Reitschule Beiträge über äthiopischen Hip-Hop aus Israel und norwegischen Black Metal. Die beiden gegensätzlichen Themen treffen sich dort, wo die Musik ein Potential für gesellschaftliche Veränderungen freilegt – im Guten wie im Schlechten. 

In einem Hochsicherheitsgefängnis vor den Toren von Trondheim, hinter hohen grauen Mauern und einem gesicherten Tor lebte Varg Vikernes, als die Filmemacher Aaron Aites und Audrey Ewell ihn für ein Interview besuchten. Der Norweger Vikernes wurde 1994 wegen Mordes und Brandstiftung zu 21 Jahren Haft verurteilt, das Höchstmass, das die norwegische Rechtssprechung kannte. Im August 1993 hat er, befanden die Ermittlungen, seinen Freund Østein Arseth mit mehreren Messerstichen umgebracht. Beide, Vikernes und Arseth, trugen damals in der Szene, in der sie sich bewegten, noch andere Namen: Graf Grishnackh und Euronymous. Und beide waren zentrale Figuren des norwegischen Black Metal.

 

Auf diesen Mordfall eilt der Dokumentarfilm «Until The Light Takes Us» der amerikanischen Filmemacher zu, aber der Justizfall ist nur Steigbügelthema hinein in eine Subkultur, in der eine Extremform des Metal entstand. Black Metal lehnte – als musikalisches Genre – jede Form von professioneller Produktion und anderen Qualitätskonventionen ab, aufgenommen wurde über billige Mikrofone und Diktiergeräte, was eine heillos kaputte Soundästhetik erzeugte.

Verstärkt wurde der Eindruck durch die brachialen und dissonanten Gitarrenriffs und schrill krächzende Gesänge. Vikernes und Arsetz, beide in ihren frühen Zwanzigern, gehörten mit ihren Bands Burzum und Mayhem zu den Pionieren des Genres. «Until The Light Takes Us» fängt diese Historie mit dem Rückgriff auf Archivmaterial – Proberaumszenen, Fotografien und Musikerinterivews – detailreich ein. Dabei bleibt der Film jedoch nicht stehen, sondern durchleuchtet den geistigen Hintergrund, in dem sich der Black Metal entwickelte: aus der subkulturellen Ablehnung gesellschaftlicher Normen entstand ein Klima der Todessehnsucht, der Zerstörungshuldigung und schliesslich, in den Extremen, eine Affinität zu Okkultismus, Neopaganismus und völkischen Gewaltfantasien.

Gewaltfantasien

Vikernes begann als Spätteenager auf die neu entstandenen – in seiner Sprache «eindringenden» – Filialen von McDonalds zu schiessen und zündete, als Zeichen der Ablehnung der «fremden» christlichen Religion, Kirchen an. Da war der Schritt zum Rechtsextremismus nur ein kurzer. Nachdem die Kirchen brannten und die nachrückende Generation den Black Metal symbolhaft zu einer satanistischen Subkultur emporstilisierte, griffen die Medien das Thema reisserisch auf, selbst die Fachmagazine. Von da an war es vorbei mit der Ruhe für den Black Metal.

Wie konnte es so weit kommen? Zwei Jahre lang haben die amerikanischen Filmemacher für den «Until The Light Takes Us» in Norwegen recherchiert, bis sie genug Nähe zu den Protagonisten gewannen. Die Interviews aus dem Knast mit dem damals noch inhaftierten Varg Vikernes zeigten auf, dass sich in der Isolation sein Gedankengut noch stärker zementiert hat: er räsoniert weiterhin über die zerstörerische «jüdisch-christliche Leitkultur». Seine Aussagen lassen Aites und Ewell im Film kommentarlos stehen, was kontrovers aufgenommen wird.

Zwei Wege

Der Film lief im Rahmen des Musikfilmfestivals Norient in der Berner Reitschule als ein verstörendes Beispiel davon, wie selbst in derart randständigen musikalischen Nischen gesellschaftliche Stimmungen und Positionen zur Geltung kommen. Die in Bern anwesenden Filmemacher wurden nach der Vorführung denn auch vom Publikum befragt, weshalb eine kritische Einordnung der Gewalt- und Todesverherrlichung einzelner Exponenten des Black Metal fehle. Der Film stellt diese Relation allerdings selbst her: als zweite Hauptfigur neben Varg Vikernes wird der Schlagzeuger Gylve Fenris Nagell eingeführt, der auch zwanzig Jahre nach der Pionierzeit des Black Metal mit seiner Band Darkthrone weiter macht mit Musik, Platten ohne politische Mission veröffentlicht und sogar an Kunstausstellungen geht, in denen die morbide Ästhetik des Genres mittlerweile rezipiert wird. Blieb Vikernes weiterhin in seiner kruden Ideologie verknotet, relativiert Nagell als Kontrapunkt die gesellschaftsfeindliche Seite des Black Metal.

Verquere Erwartungen

Dass mit der gestiegenen Medienaufmerksamkeit in den Neunziger Jahren auch das Genre selbst kommerzielle Bedeutung – und für einen puristischen Pionier wie ihn somit inhaltliche Verflachung – erfuhr, bedauert er deutlich. Wie stark er auch in der Gegenwart als Musiker noch von dieser Sensationserwartung geprägt ist, wird in einem Telefoninterview deutlich, das er mit einem Metalmagazin führt und das im Film aufgezeichnet ist: nachdem die Journalistin bemängelte, in früheren Jahrzehnten seien seine Texte provokativer gewesen, reagiert Nagell mit einem verzweifelten Redeschwall. Erst wenn der Black Metal sich inhaltlich von den festgezurrten Themen, Tod, Gewalt und Zerstörung abwende und damit auch die Erwartungen seines Publikums breche, könne wieder auf innovative Schübe gehofft werden.

Nach einem Moment der Stille bedankt sich die Journalistin für die «interessanten Ausführungen» und wünscht einen schönen Abend.

Die äthiopischen Rapper aus Israel

Religion war eines der zentralen Themen an der vierten Ausgabe des Norient-Musikfilmfestivals. Auch «Children Of The Bible» stand unter diesem Programmpunkt, kommt allerdings aus einer ganz anderen Ecke. Der israelische Dokumentarfilmer Nitza Gonen begleitet den jüdisch-äthiopischen Rapper Jeremy Cool Habash auf seiner Mission, die Wurzeln der israelischen Äthiopier zu bewahren. Der Film erzählt als groben Rahmen die Immigrationsgeschichte der «Beta Israel», der jüdischen Äthiopier, die Jahrhunderte lang isoliert von der jüdischen Welt lebten und, nachdem sie vom israelischen Oberrabbinat anerkannt wurden, in den Achtziger und Neunziger Jahren nach Israel einwanderten.

Vor allem aber handelt er von ihrer tiefen sozialen Stellung in der israelischen Gesellschaft und von der Erosion ihrer kulturellen und religiösen Traditionen nach der Immigration. Der Rapper Jeremy tradiert in seiner Musik dieses Erbe nicht nur, sondern ist auch als Sozialarbeiter tätig. Mit äthiopisschstämmigen Jugendlichen arbeitet er in Rap-Workshops ihre kulturellen Wurzeln frei, von den Geistlichen produziert er Tonaufnahmen ihrer Sakralgesänge, und von der Politik fordert er die Anerkennung und Unterstützung der jüdisch-äthiopischen Traditionen, um die sozialen Missverhältnisse zu korrigieren.

 

«Children Of The Bible» verzahnt dokumentarisch sozialpolitische Anliegen mit Einblicken in eine selbst in Israel nur punktuell rezipierte Musiktradition und beleuchtet damit ein Themenfeld, das völlig ausserhalb des gängigen Wahrnehmungsrasters zu Nahost und seinen kulturellen wie politischen Konflikten angesiedelt ist. Wie hier Weltmusik mit der Gegenwartsgeschichte überkreuzt wird, kriegt man in dieser Dichte selten zu sehen – dafür steht das Norient-Festival.

Quellen

Website des Festivals.

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