Calcutta Project: «Eine Gruppe Studenten mit Herzblut genügt»

Das Calcutta Project der Uni Basel leistet seit einem Vierteljahrhundert ehrenamtliche Entwicklungshilfe in der indischen Millionenstadt Kalkutta. Aus diesem Grund findet ein grosses Fest im Unispital statt. Hinter der NGO und der anstehenden Jubiläumsfeier steckt unter anderem Anika Züchner.

Anika Züchner ist ein Gesicht unter vielen Engagierten, die das Calcutta Project seit 25 Jahren möglich machen.

(Bild: Hansjörg Walter)

Das Calcutta Project der Uni Basel leistet seit einem Vierteljahrhundert ehrenamtliche Entwicklungshilfe in der indischen Millionenstatt Kalkutta. Aus diesem Grund findet ein grosses Fest im Unispital statt. Hinter der NGO und der anstehenden Jubiläumsfeier steckt unter anderem Anika Züchner.

«Es ist einfach schön, einen kleinen Beitrag zu leisten», sagt Anika Züchner über ihr Engagement beim Calcutta Project und wirkt dabei vollkommen authentisch. Entweder, sie ist eine besonders gute PR-Beauftragte, oder sie meint es ernst. Letzteres ist wahrscheinlicher, denn bezahlt wird sie für ihre Arbeit nicht. Seit 25 Jahren stehen engagierte Studierende der Uni Basel für das Calcutta Project im Einsatz. Die ehrenamtliche NGO realisiert gemeinsam mit einem Partnerverein in der indischen Millionenmetropole Kalkutta unterschiedliche Projekte zur Verbesserung der prekären Lebensbedingungen.

Mit einem Team aus zurzeit 20 aktiven Unterstützenden realisiert das Calcutta Project fünf Programme. Das Budget von 100’000 Franken jährlich mag für Schweizer Ohren bescheiden klingen, macht aber im indischen Kontext Beachtliches möglich: Im Zentrum der Tätigkeiten steht ein Ambulatorium zur Behandlung von Patienten aus ärmeren Bevölkerungsschichten, wo jährlich rund 10’000 Behandlungen in der traditionellen Schulmedizin, der Homöopathie und der indischen Ayurveda-Medizin stattfinden. Weitere Projekte sind zum Beispiel ein Kindergarten und eine Nachtschlafstätte für Kinder von Prostituierten, damit diese einen sicheren Ort haben, während die Mütter arbeiten.

Die «richtige Berufswelt» ist zum Greifen nah

Anika Züchner befindet sich in ihrem zweiten Master-Studienjahr und arbeitet seit fünf Jahren für das ehrenamtliche Projekt. Die Ethnologie- und Geografiestudentin ist für den Bereich Marketing und Fundraising verantwortlich und Mitglied der Geschäftsleitung. Normalerweise umfasse ihr Pensum etwa 20 Prozent, rund um das Jubiläum entspreche ihr Engagement aber sicherlich einer 50-Prozent-Stelle. Das Engagement sei auch für den Berufseinstieg förderlich: «Man kann hier wertvolle Erfahrungen sammeln.» Immer wieder bestehe die Möglichkeit, an Tagungen und Sitzungen von nahestehenden Organisationen, etwa Medicus Mundi, teilzunehmen, wo man wertvolle Inputs erhalte, was das richtige Arbeitsumfeld angehe.

Innerhalb des Calcutta Projects sei für jedes Studienprofil etwas dabei: «Wirtschaft, Kommunikation und interkulturelle Studien – kein Bereich kommt bei uns zu kurz.» Züchner persönlich habe das Eventmanagement besonders gereizt. Hier ist sie zurzeit besonders gefordert. Denn so ein Vierteljahrhundert will ordentlich gefeiert sein: Am Freitag findet ein grosses Jubiläumsevent statt, für das Züchner verantwortlich zeichnet. Bekannte Namen wie der Musiker Roli Frei oder das Trommelensemble StickStoff spenden der Gruppe einen Auftritt.



Auf Delegationsreise: Bei den Projektreisen alle zwei Jahren geht es neben der Besichtigung der Fortschritte auch darum, die Zusammenarbeit mit dem Partnerverein zu verbessern.

Auf Delegationsreise: Bei den Projektreisen alle zwei Jahren geht es neben der Besichtigung der Fortschritte auch darum, die Zusammenarbeit mit dem Partnerverein zu verbessern.

Das Fundraising wird immer schwieriger

Die Feier soll auch einen Teil der jährlichen Mittelbeschaffung abdecken. Denn von Jahr zu Jahr werde es schwieriger, alle Spenden zusammenzukriegen, sagt Züchner. «Unser Budget kommt je zur Hälfte von grösseren Stiftungen und von Privatspendern.» Vor allem bei Letzteren sei deutlich spürbar, wie manche den Gürtel enger schnallen. Doch gerade deshalb gehe es beim Jubiläum nicht nur darum, Spenden zu generieren. Es sei auch die Gelegenheit, treuen Unterstützenden etwas zurückzugeben. Langjährige Spenderinnen und Spender erhielten eine Gratiseintrittskarte für den Anlass.

Die Jubiläumsfeier findet im Mitarbeiterrestaurant Centrino des Unispitals statt und soll gleichzeitig als After-Work-Event für die Angestellten fungieren. «Die gesamte Arbeit mit der Planung, dem Ticketverkauf und der Koordination habe ich etwas unterschätzt», sagt Züchner. Umso mehr freut sie sich auf einen gelungenen Anlass am Freitag. «Wir hoffen auf gutes Wetter und viele spontane Entscheidungsfreudige!» Es gibt eine Tombola mit gespendeten Preisen, die in ganz Basel gesammelt wurden, und eine Ausstellung mit den schönsten Bildern der letzten Delegationsreisen: Alle zwei Jahre findet eine Reise statt, bei der eine Gruppe nach Kalkutta reist, um die Projekte zu besichtigen.

Nächste Station: Afrika

Diese Reisen werden hauptsächlich aus der eigenen Tasche der Studierenden bezahlt. Züchner selbst reiste bisher noch nie mit. «Jedes Mal hatte ich bereits etwas anderes geplant oder war im Prüfungsstress», sagt sie. Zudem fühle sie sich persönlich von Afrika stärker angezogen. Im Sommer reist sie für ein halbes Jahr ins südliche Afrika, Studium und Projektarbeit werden dann erst einmal auf Eis gelegt. Trotzdem ist es ihr ein Anliegen, die Programme in Indien irgendwann mit eigenen Augen zu sehen: «Man arbeitet ganz anders mit den Menschen aus dem Partnerverein zusammen, wenn man sie persönlich kennengelernt hat», ist sie überzeugt.

Züchner kann sich gut vorstellen, später im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit tätig zu sein. «Ich denke, es ist gar nicht so schlecht, mit einem kleinen Projekt wie unserem einzusteigen», sagt sie. So merke man, dass es nicht viel brauche. Natürlich seien grosse Hilfswerke wichtig – «aber man kann auch mit einer kleinen Gruppe Studenten, die mit Herzblut dahinterstehen, das Leben von vielen Menschen positiv beeinflussen. Und das jetzt schon seit 25 Jahren!»

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Jubiläumsfeier am Freitag, 3. Juni, im Restaurant Centrino des Universitätsspitals Basel. Ab 17 Uhr, musikalisches Programm ab 18.30 Uhr. Eintritt 25 Franken, für Studierende 18, an der Abendkasse 28 Franken. 

Konversation

  1. Das Calcutta Projekt ist eines der wenigen Projekte, welches wir auch unterstützen. Und das, weil ich über die Jahre einige der engagierten Persönlichkeiten selbst kennen und schätzen gelernt habe. Hier steckt nicht nur sehr viel Herzblut drin, sondern auch sehr viel Know How und der Beweis, dass auch in der heutigen Zeit junge Menschen in der Lage sind, aufwendige und komplexe Projekte selbständig über Studentengenerationen hinweg zu verfolgen.

    Allerdings hätte ich von Frau Züchner erwartet, dass sie in den unzähligen humangeographischen Vorlesungen bei Frau Prof. Schneider-Sliwa gelernt hat, dass man stets von einer mutlidimensionalen ebenenübergreifenden Entwicklungszusammenarbeit spricht und nicht von Entwicklungshilfe. Ein kleiner aber wichtiger Unterschied, der vor allem auf die Autonomie der vermeintlich Hilfsbedürftigen abzielt. Denn die Menschen sind nicht per se hilflos, sondern brauchen Unterstützung bei der Umsetzung eigener Ideen.
    Und daran hält sich das Projekt und deshalb stösst es auch am Ort der Zusammenarbeit auf nachhaltiges Engagement der dortigen Gesellschaft.

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    1. Ich freue mich sehr, dass Sie vom Calcutta Project überzeugt sind und uns unterstützen. Hoffentlich haben Sie morgen Abend auch die Gelegenheit mit uns das Jubiläum zu feiern.

      Ich kann Ihnen versichern, dass ich stets darauf achte, den Begriff Entwicklungshilfe zu vermeiden und anstatt dessen Entwicklungszusammenarbeit zu verwenden.
      Wie Sie dem Artikel bestimmt entnommen haben, habe ich persönlich im Interview nie von Entwicklungshilfe gesprochen.
      „Multidimensionale ebenenübergreifende Entwicklungszusammenarbeit“ war aber vielleicht einfach etwas zu sperrig für die Überschrift 😉

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