Das Elsass erwacht

Lange waren den Elsässern die Gefahren, die vom AKW Fessenheim ausgehen, gleichgültig. Jetzt regt sich Widerstand. 

Technik, die einst als zukunftsweisend galt, wird plötzlich alt. Wird auch dieAtomkraft und das AKW Fessenheim wie die einstige Stilikone Citroen GS zum Auslaufmodel? (Bild: Reuters/Bearbeitung Hansjörg Walter)

Lange waren den Elsässern die Gefahren, die vom AKW Fessenheim ausgehen, gleichgültig. Jetzt regt sich Widerstand. 

Nicht nur in der von einer Atomkatastrophe in Fessenheim besonders betroffenen badischen Nachbarschaft und in Basel, sondern auch im Elsass selber wird die Forderung nach einer möglichst schnellen Schliessung der zwei Altreaktoren immer lauter erhoben.

So haben unter anderem auch bereits 446 «élus», wie man in Frankreich – im Unterschied zum gewöhnlichen Volk – die gewählten poli­tischen Amtsträger in den Gemeinden nennt, einen Appell der Organisation «Stop Fessenheim» an den Staatspräsidenten unterschrieben, der die sofortige ­Abschaltung des AKW verlangt. Und 77 Gemeinden, darunter auch die Stadt Strassburg, haben einer Motion zugestimmt, die die Schliessung von Fessenheim fordert.

Eine breite Debatte fehlt

Von einer grossen Anti-Fessenheim-Bewegung kann man im Elsass trotzdem bis heute nicht reden. Anders als in Deutschland und der Schweiz sind die Atomgegner schwach organisiert und ihre Organisationen politisch wenig agil. Eine breitere, öffentliche Diskussion über die Atomenergie­nutzung findet erst seit Fukushima statt. Doch das Volk nimmt daran bis heute kaum teil.

André Hatz, Sprecher von «Stop Fessenheim», glaubt allerdings, dass eine Mehrheit der Elsässerinnen und Elsässer heute für ein Abstellen des AKW am Rhein ist. «Aber die ­wenigsten bekennen sich öffentlich dazu», erklärt er. Basisdemokratie und Bürgerengagement sind im streng von oben nach unten organisierten französischen Staat Fremdwörter, im politisch konservativen Elsass ganz besonders.

Beim Umweltschutz Jahre zurück

Der einfache Bürger mischt sich wenig ein. Und in Sachen Umweltschutz, speziell in Energiefragen, sind die Elsässer wie der Rest der Franzosen Jahre hinter ihren Grenznachbarn im Dreiländereck zurück. Ein Beispiel gefällig? Während man andernorts Hausmüll längst nur noch in Spezialöfen verbrennt, hat man im Elsass eben erst beschlossen, eine grosse, zentrale Hausmülldeponie in Retzwiller noch einmal zu erweitern.

Entsprechend wenig grün sind die französischen und die Elsässer Parteien. Klar für das schnelle Abstellen von Fessenheim sind auch im Elsass nur die Grünen. Schon bei den So­zialisten ist die Sache nicht so klar. Vor allem auch die Gewerkschaften sind anders als in der Schweiz und in Deutschland überhaupt nicht auf Ausstiegskurs.

Der Wind hat gedreht

Die prominentesten Vertreter von Hollandes Parti socialiste im Elsass wie der Strassburger Bürgermeister Roland Ries oder sein Amtskollege Antoine Home aus der Mülhauser Vorortsgemeinde Wittenheim plädieren inzwischen allerdings für ein Abschalten von Fessenheim. Und die Mehrheit der Elsässer Sozialisten stehen heute wohl hinter ihnen.

Dass sich im Elsass die Haltung zur Atomenergie doch allmählich ändert, zeigt aber vor allem die Tatsache, dass neuerdings sogar ein paar wenige Exponenten der tra­di­tionell atomfreundlichen SarkozyPartei UMP wie etwa der Député-Maire Jean-Louis Christ aus Ribeauvillé, der um die touristische Zukunft seines Weinbau-Kurorts fürchtet, sich als Fessenheim-Gegner geoutet haben. Dennoch: Der ­politische Druck der Elsässer zum möglichst schnellen Abstellen des Alt-AKW am Rhein hat seit Fukushima zwar klar zugenommen, ist aber nach wie vor mässig. 

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Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 14.09.12

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