Das Jahr mit Maya Graf

Heute endet das Nationalratspräsidium von Maya Graf. Es war ein Jahr voller Blumensträusse, Schirme und offener Briefe.

Das wars als höchste Schweizerin. Am Montag gab die Sissacherin Maya Graf das Nationalratspräsidium ab. (Bild: Nils Fisch)

Heute endet das Nationalratspräsidium von Maya Graf. Es war ein Jahr voller Blumensträusse, Schirme und offener Briefe.

Das wars. Als letzte Amtshandlung führte Maya Graf am Montagnachmittag die Wahl ihres Nachfolgers, des Luzerners Ruedi Lustenberger (CVP), durch. «Ich weiss nicht, wie es Ihnen ergangen ist», sagte Graf zum Abschied zu ihren Nationalratskollegen, «aber für mich ist das Jahr wie im Flug vergangen.»

Es ist ja auch einiges passiert – darum: ein Rückblick in Stichworten.

Der Blumenstrauss. Graf war Vizepräsidentin, die Wahl zur Präsidentin noch weit entfernt, da gab es schon die ersten Lämpen. Die Gemeindekommission in Grafs Heimatgemeinde Sissach stellte an einer Sitzung die Frage, was man denn für den Empfang der höchsten Schweizerin plane und wieviel das kosten dürfe. Die Antwort: wenig. Für einen Blumenstrauss werde es wohl reichen, bestätigte der damalige Gemeinderat Martin Leber einen an der Sitzung geäusserten Satz. «Für die Organisation des Empfangs ist der Kanton zuständig. Wir selber haben noch nichts geplant», sagte Leber der TagesWoche damals. Es war der knirschende Auftakt zu einem Fest, das schliesslich all die Streitereien (auch über den Ort des Fest gab es noch Meinungsverschiedenheiten, Stichwort: Schnitzelheizung) vergessen liess. Hilfreich war, dass für den wahren Schämmer während der Feierlichkeiten der Kanton zuständig war (wie gleich erläutert wird).

Der Schirm. Ei. Ei. Ei. Das war peinlich. Das offizielle Geschenk des Kantons Baselland an die höchste Schweizerin war ein Schirm. Aus den Restbeständen des Eidgenössischen Turnfestes 2002. Nun ja. Das Fest in der Turnhalle Tannenbrunn entschädigte für alte Schirme und alte Streitereien. Am Schluss wusste Maya Graf fast nicht wohin mit ihrer Dankbarkeit. «Danke», sagte sie, «danke für alles.»

Das Chluri. Lange musste sie warten, im Jahr des Nationalratspräsidiums war es endlich soweit: Maya Graf wurde an der Sissacher Fasnacht offiziell als Chluri verbrannt. Inklusive Geissbock. Eine Ehre!

Der Alltag. War häufig wenig glamourös. Denn erste und wichtigste Aufgabe einer Nationalratspräsidentin ist die Leitung der Parlamentssitzungen. Und wer je während einer Session einen gesamten Tag im Bundeshaus ausgehalten hat, der weiss: Das kann auch etwas langweilig sein.

Der Volkszorn. Wie fragil das Verhältnis zwischen Politik und Bevölkerung zuweilen sein kann, musste Graf im vergangenen September erfahren. Nach einem Zufallsentscheid bei der Debatte über die Pädophilen-Initiative gab Graf den Stichentscheid gegen den Vorschlag – und zog damit den Volkszorn auf sich. Böse Mails (an sie und ihre Kinder), böse Kommentare, offene Briefe von Sissacher Landräten (und eine Rüge dafür aus Bundesbern). Die ganze Geschichte hier.

Die Reisen. Anders als ihr Ständeratskollege Filippo Lombardi, der sein Präsidialjahr in erster Linie als ausgedehnte Auslandsreise verstand (mit ein paar eher mühseligen Ausnahmen während der Sessionen, Stichwort: zählen und so), besuchte Graf zwar etwa 150 Anlässe in der Schweiz, war aber nur zweimal im Ausland. Einmal besuchte sie den Kosovo, einmal flog sie nach Tansania. An beiden Orten besuchte die Nationalrätin verschiedene Projekte der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit.

Der Höhepunkt. War für Maya Graf der Besuch des Dalai Lama – zum ersten Mal in der Geschichte der Schweiz wurde das geistige Oberhaupt der Tibeter im Bundeshaus empfangen. Wie es dazu kam und wie es war, hat Graf hier erzählt.

Der Ehemann. Das war ein Thema ganz für sich. Niggi Bärtschi und die Mühen der Offiziosität waren im Umfeld der Sissacher Lokalprominenz (und darüber hinaus) mehr als einmal abendfüllender Gesprächsstoff. Im Interview vor ihrer Wahl sagte Maya Graf auf die Frage, ob sich ihr Ehemann in der Zwischenzeit einen Anzug gekauft habe: «Das müssen Sie ihn ganz höchstpersönlich selber fragen. Wenn ich jetzt etwas sage, dann wird er richtig wüetig. Und je mehr wir davon reden, desto weniger wird er es machen … Abgesehen davon: Niggi ist, wie er ist. Und das ist genau richtig so.» Einen Anzug hat sich der Niggi Bärtschi übrigens nicht gekauft – eine gute Figur machte er trotzdem.

Das Fazit. Es sei ein wunderbares Jahr gewesen, sagte Graf am Montag. «Ich habe so viel Gastfreundschaft erlebt, so viel positive Neugier und auch Begeisterung gegenüber der ersten grünen Nationalratspräsidentin der Schweizer Geschichte.» Es sei ein langer Weg gewesen, auch für sie persönlich. Vor 25 Jahren sei sie als Revoluzzerin gestartet, die dem Staat und seinen Institutionen sehr kritisch gegenüber gestanden sei (ein Beispiel davon hier), heute habe sie als Vertreterin eben jenes Staates versucht, dessen zentralen Errungenschaften zu repräsentieren und den Menschen näher zu bringen.

Die Zukunft. Ab Montagnachmittag nimmt Maya Graf wieder unten im Saal Platz. Sie habe – inspiriert durch ihre Begegnungen und Erfahrungen als höchste Schweizerin – ganz viele politische Ideen. Umsetzen können wird sie diese Pläne als Mitglied der WBK (Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur) und neu auch als Mitglied der Geschäftsprüfungskommission.

Zu ihrer weiteren politischen Zukunft will Graf allerdings noch nichts sagen. Sie gilt als aussichtsreichste Kandidatin des linken Lagers im Baselbiet für die Nachfolge von SP-Ständerat Claude Janiak. Damit zeichnet sich eines der spannenderen Duelle der Baselbieter Politik ab: FDP-Regierungsrätin Sabine Pegoraro (die ziemlich sicher auf den Ständeratssitz aspirieren wird) gegen Maya Graf. Aber das scheint noch weit weg. «Was 2015 geschieht, entscheide ich erst 2014. Zuerst geht es in die Ferien. Mit Niggi!»

Konversation

  1. … war, als freie Eidgenossen einem per Geburt inthronisierten quasi göttlichen Monarchen zeigten, wie sich freie Menschen organisiert haben. Und wie er angehimmelt wurde, wie sie stolz waren ihn getroffen zu haben, einfach absurd. Unsere Vorfahren welche bei den Kämpfen für unsere Freiheit ihr Leben verloren haben, drehten sich in ihren Gräbern um.

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