Das Kleinbasel ist das Grösste

Schluss mit Lästern und Schlechtreden. Zum Abschluss unserer kleinen Kleinbasel-Serie schreiben wir nur Positives über diesen Stadtteil. Das Wort überlassen wir den Fachleuten: den Bewohnern.

Das Kleinbasel: auf der Sonnenseite des Lebens und der Stadt. (Bild: Dani Winter)

Schluss mit Lästern und Schlechtreden. Zum Abschluss unserer kleinen Kleinbasel-Serie schreiben wir nur Positives über diesen Stadtteil. Das Wort überlassen wir den Fachleuten: den Bewohnern.

Lärm, Dreck, Überfremdung: Man hört viel Negatives übers Kleinbasel. Doch wenn man sich ernsthaft mit dem Quartier auseinandersetzt, dann vernimmt man auch ganz andere Stimmen. Menschen, die stolz sind auf ihren Stadtteil, ihre Heimat. Trotz aller Widersprüche. Oder vielleicht gerade wegen ihnen.

Das Kleinbasel ist wunderbar offen, lebendig, einfach aufregend, sagen sie. Wenn es ein Problem habe, dann in erster Linie ein Imageproblem. Schreibt doch endlich das Positive!, sagten sie uns.

Dieser Aufforderung kommen wir gerne nach, nachdem wir in den vergangenen Tagen wiederholt auch auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht haben. Dabei überlassen wir das Wort den wahren Fachleuten. Den Menschen, die dort leben und sich im Rahmen unserer Serie «Ab in die Quartiere» an uns gewendet haben.

Die einen kamen persönlich vorbei, auf dem Claraplatz, bei unserem Kaffeemobil. Elisabeth Trechslin (87) zum Beispiel, die seit einem halben Jahrhundert an der Webergasse mitten im Rotlichtmilieu wohnt und sagt: «Das Kleinbasel ist lebhaft, was gibt es Schöneres?» Bis vor Kurzem hatten in der Nachbarschaft auch die Hells Angels ihr Lokal, «nette Typen», wie Trechslin sagt. Nur ihre Motorräder seien etwas laut gewesen. Aber sonst? «Sie grüssten mich freundlich und würden sicher helfen, wenn ich ein Problem hätte.»

Erfolgreiche Schüler

Einige weitere interessante Reaktionen erhielten wir per Mail oder in den Kommentaren zu unseren Artikeln übers Kleinbasel. Zu jenem über die linken Schweizer etwa, die das Kleinbasel so lange toll finden, bis die eigenen Kinder in die Schule kommen und dann wegziehen in ein Quartier mit weniger Fremdsprachigen. Oder gleich ganz aufs Land.

«Es gibt auch Linke, die bleiben. So wie meine Eltern. Zum Glück für mich und meine drei Brüder. Wir haben viel gelernt für’s Leben. PS: Wir gingen alle auf’s Gymi und aus uns ist was geworden. Trotz oder wegen dem Bläsi?», schreibt Pascal Pfister.

Und offenbar kann nicht nur aus den Schweizer Kindern etwas werden, sondern auch aus jenen, die daheim kein Deutsch sprechen. Ein gutes Beispiel dafür ist Leserin Anna C und ihre drei Geschwister, die als Fremdsprachige im Kleinbasel aufgewachsen sind und inzwischen alle erfolgreich ihr Studium abgeschlossen haben. «Fremdsprachigkeit ist nicht grundsätzlich problematisch; sie kann sogar ein Vorteil sein», schreibt Anna, wobei sie eine kleine Spitze gegen die Schweizer Eltern platziert: «Zeitweise hatte ich den Eindruck, dass sie einfach darin besser sind, die (vermeintlichen?) Interessen ihrer Kinder durchzusetzen.» Dafür würden auch die «Tricksereien» sprechen, mit denen sie ihre Kinder in bevorzugten Schulen mit möglichst wenigen Fremdsprachigen unterbringen.

Eine einfache Erklärung für die erfolgreichen Kleinbasler hat Christian Müller: «Die schwierigsten Schulen haben die engagiertesten Lehrer.» Darum steht sein Entschluss bereits fest: Falls er mal Kinder haben sollte, wird er im unteren Kleinbasel bleiben: «Weil die Kinder hier mehr lernen als sonstwo.»

Hier lernen sie tatsächlich fürs Leben und nicht nur für die Schule, ein Ideal, das zwar überall beschworen, aber nicht unbedingt erreicht wird. Diese Ansicht vertritt jedenfalls Brigitte Sahin, die Schulrätin an der OS Insel ist. «Ich bin immer wieder beeindruckt, wie gut hier gearbeitet und gelebt wird!» Die Kinder hätten sehr klare Strukturen und Grenzen – und einen innovativen Unterricht. «Wir werden uns noch alle wundern über die viele erfolgreichen Migrantenkinder. Sie haben es oft nicht einfach. Aber gerade weil sie sich vermehrt anstrengen müssen, werden sie mindestens so stark wie die oft überbehüteten Kinder von Schweizer Mittelstandsfamilien.»

Zum Vergleich zwischen Schweizer- und Migrantenkindern hier auch noch die Stimme eines glücklichen Vaters: Supra. «Meine Tochter (9) geht sehr gerne ins Bläsischulhaus.» Zusammen mit vier anderen deutschsprachigen Kinder und fünfzehn fremdsprachigen würde sie von zwei «überaus engagierten jungen Klassenlehrer» unterrichtet. Wobei es kaum Sprachprobleme gebe – weniger auch als in Supras eigener Schulzeit. «Die Kinder in der Klasse meiner Tochter sprechen überaus gut verständliches Hochdeutsch. Zum grossen Teil auch wesentlich besser, als es meine praktisch ausschliesslich einheimischen Klassenkameradinnen es in den 1960er-Jahren im gutschweizerbürgerlichen ‹Sevögeli› getan haben.»

Einfach geniessen

Im Kleinbasel seien die Probleme eben schon längst erkannt und angegangen worden, ergänzt Benjamin van Vulpen. Das Resultat seien gute Schulen und ein breites Angebot an Kinderbetreuung und Freizeitaktivitäten. Darum lebe es sich dort tausendmal besser als in «einem anderen Stadtteil oder einer Agglogemeinde mit noch fehlendem Bewusstsein für die Fragestellungen der allgegenwärtigen multikulturellen Gesellschaft».

Und sonst? Abgesehen von den Schulen? Was soll man noch lange darüber schreiben und davon lesen? Besser, man geht einfach hin, an den Rhein, trinkt ein Glas, geniesst die Sonne, das Wasser, das Stimmengewirr, nimmt vielleicht noch ein kleines Bad. Und noch ein Glas. Das ist Leben, das ist Kleinbasel, einfach schön.

 

Unsere Serie «Ab in die Quartier» geht weiter, am 18. August sind wir auf dem Bruderholz, kommen Sie vorbei!

Konversation

Nächster Artikel