Das liberale Gewissen

Der Einfluss der Liberalen in der Basler Politik schrumpft. Das hält Christine Wirz-von Planta nicht davon ab, weiter zu kämpfen – auch nach vierzig Jahren noch.

Christine Wirz-von Planta sass seit 1987 mit Unterbrüchen im Grossen Rat. Im April hört die LDP-Fraktionspräsidentin auf.

(Bild: Michael Würtenberg, Archivbild)

Der Einfluss der Liberalen in der Basler Politik schrumpft. Das hält Christine Wirz-von Planta nicht davon ab, weiter zu kämpfen – auch nach vierzig Jahren noch.

An einem ausgelassenen Abend mit Bekannten beschloss die 28-jährige Christine Wirz-von Planta, der Liberal-demokratischen Partei (LDP) Basel-Stadt beizutreten. Die Bekannten taten es ihr gleich – und die «Partei der Intelligenz und des Reichtums» zählte auf einen Schlag acht Mitglieder mehr. Im selben Jahr gewann Ottmar Hitzfeld als Stürmer mit dem FC Basel die Meisterschaft und der junge Autor Hansjörg Schneider sorgte mit seinem «Sennentuntschi» für einen Skandal.

Viel ist passiert in den vierzig Jahren, die seither vergangen sind, doch etwas ist gleich geblieben: Christine Wirz engagiert sich wie am ersten Tag. Oder sogar mehr. Denn acht Mitglieder auf einen Schlag – davon können die Liberalen heute nur noch träumen.

Bosse politisieren nicht mehr

Als die dreifache Mutter 1987 erstmals ins Parlament gewählt wurde, war die LDP noch eine wichtige Kraft. Die meisten Chefs ansässiger Firmen stammten aus Basel, es gehörte zum guten Ton, bei den Liberalen zu politisieren. Im Vasella-Zeitalter aber finden sich bei den aktiven Politikern keine Pharma-Bosse und Bank-CEOs mehr; es ist anderen Berufsgruppen überlassen, wirtschaftliche Interessen zu vertreten – und das tun im Grossen Rat gerade noch neun LDP-Politiker. Insbesondere Juristen zieht es zu den Liberalen. Mit einer Ausnahme: Christine Wirz ist weder Advokatin, noch sonst ein «hohes Tier», sie ist Hausfrau – und Vollblutpolitikerin. «Zwei Standbeine», sagt sie. «Drei wären zu viel.»

Streng genommen, hat aber auch sie ein drittes Standbein mit ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten, das Präsidium der Stiftung Rehab ist nur ein Beispiel. Doch das Engagement, das sie als Fraktionspräsidentin und Wahlkampf­leiterin an den Tag legt, könnte sich kein Vollberufler erlauben – ausser, er würde auf die Karriere verzichten. Und das tun Liberale ungern.

Traum von zwei Regierungsräten

Kein Wunder, ist es ruhig geworden um den einst omnipräsenten «Jungpolitiker» und Grossrat Conradin Cramer. Er sagt: «Ich arbeite 100 Prozent und intensiv und habe weniger Zeit für die Politik als während der Studienzeit.» Auch Parteipräsident Christoph Bürgenmeier ist mit seinem Malergeschäft in Riehen ausgelastet und froh, dass ihm Christine Wirz Arbeit abnimmt und die Partei im Rat repräsentiert.

Am Montag, 14. Mai, nominiert die LDP ihre Kandidaten für die Wahlen im Herbst. Und bald hängen Plakate mit «kurzen, klaren Botschaften» in der Stadt; noch arbeitet Christine Wirz am Feinschliff. Einen Sitz mehr wollen die Liberalen im Grossen Rat erobern. Einen Sitz, den auch die Neulinge BDP und Grünliberale gern hätten. Zudem wollen die Liberalen Christoph Eymann erneut in der Regierung sehen – und könnten in einem allfälligen zweiten Wahlgang, falls nötig, einen zusätzlichen Kandidaten präsentieren, verrät Christine Wirz. Namen nennt sie keine. Zwei Regierungsräte wie in den alten Zeiten würde sie kaum ablehnen.

Hätte Regierungsratskandidat Baschi Dürr nicht zur FDP gewechselt, könnten die Liberalen möglicherweise tatsächlich bald wieder doppelt in der Regierung vertreten sein. Das wäre sogar ziemlich sicher der Fall, wenn sich auch die Basler Liberalen – wie alle anderen Kantonalparteien – mit den Freisinnigen zusammengetan hätten.

LDP müsste das Thema Fusion ansprechen

Das Interesse der FDP jedenfalls ­besteht in Basel, wie Präsident Daniel Stolz sagt, aber: «Es müsste von der LDP angesprochen werden.» Das wird nie passieren. «Eher lösen sich die Liberalen auf, als dass sie mit einer anderen Partei fusionieren», sagt Christine Wirz. Und klingt ein wenig traurig. Die Trauer ist aber schnell verflogen, denn trotz den Wahlschlappen der vergangenen Jahre (auch sie wurde als Nationalrätin nicht wiedergewählt und musste den angestrebten Ständeratssitz der Sozialdemokratin Anita Fetz überlassen) glaubt sie an ein Weiterbestehen der Partei. Das Credo «einmal liberal, immer liberal» gelte nicht nur für sie.

Und doch führe die Annäherung anderer Parteien zu einem Machtverlust. Ein Dauerärgernis etwa ist der Slogan der Freisinnigen: «FDP – die Liberalen». Vor vier Jahren kündigte Christine Wirz an, die LDP werde an Profil gewinnen. Nun zeigt sich, dass es nicht einfach ist, sich von anderen Mitteparteien abzuheben.

Einen Bonus haben die Liberalen aber: Ihre Bedeutung in Basel ist eine andere, als es in anderen Kantonen der Fall war. Die Dichte «Daig»-stämmiger Politiker ist bei den Liberalen wesentlich höher als in anderen Parteien. Und auch unter den 500 Parteimitgliedern tauchen altehrwürdige Namen auf. Das hebt die LDP von der FDP ab, hat aber auch Nachteile.

Osterhasen und Flyer fürs Volk

Der Partei haftet etwas Altbackenes, Unnahbares an. «Einen Ruf wird man nicht so schnell los», sagt Christine Wirz. Schnell nicht, aber langsam. Den ersten Schritt sieht sie in der Förderung der Jungen: Ein Fünftel der Grossrats-Kandidaten soll aus Jung­liberalen bestehen. «Erfahrung teilen» heisst die Zauberformel.

Während solche Vorsätze bei anderen Politikern nur Phrasen sind, beweist Christine Wirz, dass sie es ernst meint: Bei Standaktionen der Partei ist sie sich nicht zu schade, auch dem hundertsten Passanten zu erklären, dass bei der LDP «Soziales und Wirtschaftliches gleichermassen Platz» habe. An Ostern verschenkte sie Schoggihasen in der Stadt, im Wahlkampf wird sie Flyer verteilen. Wenn ein Referendum ansteht, sammelt sie Unterschriften, wie es sonst häufig nur die Jungen tun. Und jung, das ist Christine Wirz nicht mehr: Wird sie wiedergewählt, ist sie amtsälteste Grossrätin.

Der Parteibeitritt an dem Abend vor vierzig Jahren war keine spontane Entscheidung, wie man angesichts der geselligen Umstände annehmen könnte. Zuvor schon setzte sich Christine Wirz in Frauenorganisationen für Mittags­tische ein – und merkte, dass sie als Politikerin noch mehr erreichen könnte. Mittagstische gibt es inzwischen, die politischen Ziele (etwa ein Wirtschaftsraum Nordwestschweiz) gehen ihr aber nicht aus. Um die zu erreichen, nehme sie auch den Ausdruck «Sesselkleber» in Kauf.

«Einmal liberal, immer liberal». Christine Wirz-von Planta sitzt seit 1987 mit Unterbrüchen im Grossen Rat. Ans Aufhören denkt die LDP-Fraktionspräsidentin noch lange nicht. Foto: Michael Würtenberg

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 11.05.12

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