Demokratie mit beschränkter Haftung

Der Militärputsch in Ägypten hat die Gesellschaft gespalten. Die Armee bezeichnet kritische Berichte als Lügen und wird dabei von renommierten Schriftstellern unterstützt. «Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns», heisst die Losung.

Ägyptische Schriftsteller protestieren in Kairo gegen eine islamistisch geprägte Verfassung. Auf dem Plakat in der Mitte: Literaturnobelpreisträger Nagib Machfus, der von einem Islamisten attackiert wurde. (Bild: Sherif Sonbol)

Der Militärputsch in Ägypten hat die Gesellschaft gespalten. Die Armee bezeichnet kritische Berichte als Lügen und wird dabei von renommierten Schriftstellern unterstützt. «Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns», heisst die Losung.

Bewaffnete Schläger in den Stras­sen, gewaltbereite Islamisten und Soldaten, die den Finger locker am Abzug haben: Die ägyptische Armee zelebriert sich in diesen Tagen als Retterin der Nation. War die Revolution umsonst? Kehrt Ägypten zurück zum Militärregime?

Ich schicke besorgte E-Mails an Freunde und Bekannte. Ich kenne sie als liberale Kulturschaffende, doch ihre Antworten irritieren mich. «Welche Nachrichten liest du denn, die wahren Nachrichten oder die verdrehten Lügen der westlichen Medien?», schreibt mir etwa Karima Mansour zurück, eine junge Choreografin und revolutionäre Aktivistin: «Wahrscheinlich nennst auch du es einen Putsch.»

Die Armee habe den Volkswillen ausgeführt, sagen Intellektuelle.

Die Absetzung eines amtierenden Präsidenten durch einen General gilt allgemein als Militärputsch – nicht nur im Westen. Manche ägyptische Intellektuelle sehen dies anders. Das Volk habe durch seine Massenproteste Mursis Sturz verlangt, sagen sie, die Armee habe bloss den Willen des Volkes ausgeführt. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Verräter, ein Sympathisant der Islamisten. Oder ein westlicher Lügner.

In diesen Tagen unterscheiden sich die politischen Kommentare vieler Künstlerinnen und Schriftsteller kaum von den Verlautbarungen der Armeeführung. Sonallah Ibrahim, ein renommierter linker Autor, der in den 1960er-Jahren unter Präsident Nasser im Gefängnis sass und später, in der Ära des gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak, demonstrativ den Staatspreis für Literatur zurückgewiesen hatte, äussert sich in einer ­liberalen ägyptischen Tageszeitung über den Putschgeneral Mohammed al-Sisi so: «Er ist ein Patriot, der Präsident werden sollte.»

Den Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei, der als Vize-Premierminister aus der Übergangsregierung zurückgetreten ist, weil er keinen Rückhalt für seine Politik der Vermittlung erhielt, nennt der Schriftsteller einen «ausländischen Agenten, der auf den Müllhaufen der Geschichte» gehöre. Und Bestsellerautor Alaa al-Aswani lässt verlauten, dass man Analphabeten vom Wahlrecht ausschliessen sollte, weil die Islamisten auf diese Weise einen grossen Teil ­ihrer Wähler verlieren würden.

Den politischen Islam haben die Intellektuellen nie ernst genommen.

«Demokratie ist die Lösung», lautete einst der Schlusssatz seiner Kolumnen – doch was für eine Demokratie meint er wirklich?
Ägyptens führende Schriftstellerinnen und Schriftsteller gehören säkular-liberalen Kreisen an. Jahrelang nährten sie mit ihren aufklärerischen Werken den Geist der Rebellion; während der Massenproteste gegen Mubarak mischten sich viele von ihnen unter die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. Den politischen Islam haben sie nie ernst genommen.

Mit fatalen Folgen: Zweieinhalb Jahre nach der Revolte haben sie es nicht geschafft, eine dritte Kraft neben der Armee und den Islamisten aufzubauen. Heute sehen sich viele Intellektuelle um die Revolution betrogen, stempeln die Muslimbrüder zum Sündenbock – und opfern dabei ihre eigenen demokratischen Ideale.

Mit dem jungen Schriftsteller und Kulturredaktor Youssef Rakha vereinbare ich ein Interview über Skype. Rakha ist bekannt für seine verbalen Angriffe auf die ägyptische Intelligenz. Ich solle ihn nach Mitternacht anrufen, weil er vorher noch auf der Strasse sei – trotz Ausgangssperre ab 19 Uhr. Ein riskantes Unterfangen. Immer wieder kommen so auch Journalisten ums Leben, obwohl Medienschaffende von der Ausgangssperre ausgenommen sind. Es herrscht Krieg. Rakha sieht dies nicht so eng: «Ich fühle mich durch die Armeepräsenz sicherer als zuvor.»

Männer schneiden ihre Bärte

Wie die Mehrheit der ägyptischen Intellektuellen, Liberalen, Linken und Säkularen verteidigt auch Rakha den Militärputsch. «Die Armee musste einschreiten, um einen Bürgerkrieg zu verhindern», ist er überzeugt.

Das Gegenargument, dass die Armee durch die brutale Gewalt die Islamisten erst recht in den Untergrund dränge und so noch mehr Hass und Terror schüre, tut er als Argument der Islamisten ab. «Die Muslimbrüder sind Terroristen. Sie haben erklärt, dass sie 500 Jahre an der Macht bleiben würden. Sie hätten niemals freiwillig davon gelassen. Eher hätten sie das Land in die Luft gesprengt oder ein zweites Saudi-Arabien geschaffen. Da gibt es nichts zu verhandeln», ereifert sich Rakha.

Er distanziert sich allerdings auch vom grassierenden Patriotismus und der Dämonisierung der Muslimbrüder: «Plötzlich tun alle so, als seien die Islamisten nicht aus der ägyptischen Gesellschaft gekommen, als hätte niemand für sie gestimmt und sie als Teil der politischen Szene akzeptiert. Sie werden wie Ausserirdische behandelt, die gerade auf ägyptischer Erde gelandet sind.»

Hetzjagd auf Islamisten

Die Schriftstellerin und Bloggerin Ghada Abdelaal, die in der konservativen Industriestadt Mahalla al-Kubra eine Apotheke führt, stellt eine wahre Hetzjagd auf Islamisten fest. Männer würden sich die Bärte abschneiden, aus Angst, für Muslimbrüder gehalten zu werden. Auch für Frauen in der tradi­tionellen Tracht werde es immer schwieriger. Abdelaal trägt selbst nach wie vor ein Kopftuch, allerdings ein kurzes, das sich von dem in Islamistenkreisen üblichen Schleier klar unterscheidet.

Ghada Abdelaal kommt aus einem konservativen Umfeld und ist näher an der Klientel der Muslimbrüder als die meisten ägyptischen Intellektuellen. Einige ihrer Facebook-Freunde sind Muslimbrüder, mit denen sie heftige Debatten führt. «Sie äussern immer noch diese Märtyrerphrasen. Ich erkläre ihnen, sie sollen sich nicht als Vertreter Gottes auf Erden aufspielen, sondern Politik als ein Spiel betrachten, bei dem es darum gehe, das Land weiter zu entwickeln und bei dem man gewinnen oder verlieren kann. Politik ist kein heiliger Krieg.»

Nach der Grossdemonstration Ende Juni, an der Präsident Mursi zum Rücktritt aufgefordert wurde, war Ghada Abdelaal überrascht, wie schnell die Armee die Kontrolle übernahm. Aber grundsätzlich befürwortet sie das militärische Eingreifen: «Jemand musste etwas gegen die Muslimbrüder tun. Wir konnten doch nicht einfach dasitzen und zusehen, wie unser Land vor die Hunde geht.»

Vereinzelte Gegenstimmen

Es gibt auch vereinzelte Gegenstimmen, doch diese gehen im Gleichklang der Armeehörigkeit unter. Die ägyptisch-britische Autorin Ahdaf Soueif zum Beispiel kritisiert den Staatsstreich der Militärs. «Statt den Prä­sidenten zu stürzen, hätten sie ein ­Referendum für vorgezogene Präsidentschaftswahlen erzwingen sollen; dies hätte das Land vor der Spaltung bewahrt und die Idee der Demokratie gerettet», sagt sie.

Die Muslimbrüder hätten das Referendum mit grösster Wahrscheinlichkeit verloren, und sie hätten sich für ihre verfehlte Politik rechtfertigen müssen: «Das wäre gut gewesen für uns alle und für unser Land. Stattdessen haben wir nun ­einen ‹Krieg gegen den Terror›».

Die Schriftstellerin ist entsetzt darüber, wie Leute, die sie seit Jahrzehnten kennt und respektiert, Menschen nun plötzlich in zwei Kategorien einteilen: «Wir und sie, mit uns oder ­gegen uns.» Und wie man genötigt werde, sich hinter «unsere Polizei» und «unsere Armee» zu stellen und sich dem autoritären Diskurs zu ­unterwerfen.

Faschistische Euphorie

Der populäre Fernsehsatiriker Bassem Youssef geht noch weiter, wenn er sagt: «Die faschistische Natur dieser Leute in ihrer Siegeseuphorie unterscheidet sich in nichts von derjenigen der Islamisten, die glauben, dass das Verschwinden ihrer Feinde von diesem Planeten ein Sieg der Religion darstelle. Diese Leute mit ihren liberalen Werten glauben, sie seien ­anders. Doch sie rechtfertigen ihren Faschismus bloss damit, dass er gut für das Land sei.»

Youssef fordert, dass die Führer der Muslimbrüder vor ein Gericht gestellt werden. Aber er verurteilt die hasserfüllten Rufe nach Rache und Mord. «Wir wiederholen gerade die Fehler der Muslimbrüder – als hätten wir das Erinnerungsvermögen von Goldfischen.»

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 13.09.13

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