Der andere Sieger – ein «Staatsfeind»

Er wird belächelt und beschimpft. Er ist gegen das Hooligan-Konkordat, für die Liberalisierung aller Drogen und wird wohl bald Basler Sicherheitsdirektor: Baschi Dürr. Der Versuch einer Annäherung.

Fast-Regierungsrat Baschi Dürr.

(Bild: Michael Würtenberg, Archivbild)

Er wird belächelt und beschimpft. Er ist gegen das Hooligan-Konkordat, für die Liberalisierung aller Drogen und wird wohl bald Basler Sicherheitsdirektor: Baschi Dürr. Der Versuch einer Annäherung.

Sonst passiert das nur Frauen. Dass sie nach Äusserlichkeiten beurteilt werden, nach ihrem Auftreten, egal wie intelligent sie sind, egal, was sie zu sagen hätten. Nun ist es auch einem Mann widerfahren. Baschi Dürr (FDP), im Regierungswahlkampf. Man sprach über seine Krawatten («spies­sig»), seine Fingerhaltung beim Rauchen («gespreizt»), seine Wirkung («aalglatt»).

Der Mann macht es einem wirklich nicht einfach. Richtig zu fassen, bekommt man ihn nie. Dürr irritiert, weil er gut ist – und doch böse. Das Gute an ihm: dass er durch und durch liberal ist. Freiheitsliebend. Dass er lieber selbst denkt, als stumpfsinnige Befehle ausführt (und darum den Militärdienst quittierte). Dass er für eine offene Gesellschaft kämpft (und da­rum auch fürs Ausländerstimmrecht).
Das müsste eigentlich gerade den Linken gefallen. Aber dann ist da eben noch das Böse: dass Dürr durch und durch liberal ist, freiheitsliebend, eben auch in wirtschaftlicher Hinsicht, im Verhältnis zum Staat.

Dürr ist ein Mann, der Margaret Thatcher schätzt. Einer, der ganz grundsätzlich was gegen Steuern hat und sich über einen Begriff wie «Steuergeschenk» für seine Verhältnisse rich­tig ärgern kann, weil der Staat dem Bürger auch beim tiefsten Steuersatz immer noch was wegnimmt. Das sind Aussagen, die es auch den Betonköpfen unter den Bürgerlichen ermöglichen, über Dürrs unrühmlichen Abschied aus der Armee hinwegzusehen. Es sind aber auch Aussagen, die ihn bei rechten Linken unmöglich machen. Martin Lüchinger bezeichnet ihn darum als «Staatsfeind», für den Basler SP-Präsidenten ein schlimmes Schimpfwort.

Staatsfeind beim Kerzenziehen

Doch ist so viel Schande gerechtfertigt beim Mittdreissiger Dürr, der sich schon seit fast 20 Jahren für die Politik und seine Stadt engagiert? Der im Zivildienst mit Jugendlichen arbeitet und kleinen Kindern auf dem Adventsmarkt beim Kerzenziehen hilft?

Schwierig, diese Fragen – wie alles bei Dürr. Diese Erfahrung musste diese Woche auch unsere Redaktion machen. Nicht einmal intern wurden wir uns einig, was von einem Regierungsrat Dürr zu halten ist. Also publizierten wir online zwei Kommentare. Zuerst einen eher freundlich gesinnten von mir. Hauptaussage: Ein bisschen mehr Baschi, ein bisschen mehr Freiheitlichkeit wird dieser Regierung, dieser Stadt guttun. Dann die Kritik von Renato Beck. Hauptaussage: Vorsicht vor Dürr. Im Wahlkampf sagte der Mann nie, was er konkret will. Das macht ihn unberechenbar.

Es folgten – viele Leserkommentare, die meisten für Beck und gegen Dürr. Einzelne waren echt besorgt.

Vielleicht ist es auch tatsächlich ein wenig unheimlich, wie reibungslos die Karriere des Werbers (Farner, ebenfalls böse!) verläuft, auch in dem ganzen Wirbel der vergangenen Wochen und Tage. Am Sonntag erzielte er bei den Regierungsratswahlen ein gutes Ergebnis, am Montag und Dienstag ­gaben die letzten ernsthaften Konkurrenten im Kampf um den letzten Sitz auf, jetzt ist Dürr schon lange vor dem zweiten Wahlgang so gut wie gewählt.Als neuer Sicherheitsdirektor, aller ­Voraussicht nach.

Das freut auch ihn, den Kontrollierten, schon etwas. Gleichzeitig staunt er «ein klein wenig» über den bisherigen Wahlkampf. «Manchmal frage ich mich, ob ich tatsächlich so unsympathisch bin, wie ich teilweise dargestellt werde», sagt er.

Und warum hat er dann die Debatte nicht auf anderes gelenkt, auf Inhaltliches? Überraschende Antwort: «Weil ich auch von den Medien kaum je danach gefragt wurde.»

Ein Gegner des Hooligan-Konkordates

Also, holen wir das Verpasste nach. Was will er als neuer Sicherheitsdirektor? Antwort: eine Evolution, keine Revolution. «Unsere Polizei ist bereits daran, ihre Flexibilität zu erhöhen. Das ist gut. Sie macht überhaupt einen guten Job.»

Revolutionär wäre Dürr dagegen gerne in anderen Bereichen. Den Drogen etwa. Dürr ist für die Liberalisierung aller Drogen: «Mit der Prohibition aufzuhören wäre das wirksamste Mittel, um die Kriminalität massiv zu senken.» Oder im Bereich der Fan-Überwachung und Pyro-Verbote in den Stadien. Das umstrittene Hooligan-Konkordat lehnt er ab – als Kandidat und wohl bald auch als erster Sicherheitsdirektor der Schweiz. Als Vertreter der Sporthauptstadt Basel.

Das wäre ein starkes Zeichen. Und die vielleicht letzte Gelegenheit, um endlich ernsthaft über all die Kontroll- und Überwachungsfantasien der anderen Polizeidirektoren zu diskutieren.

Und was will Dürr sonst noch erreichen – in Basel? Einen Staatsabbau?

Nein, sagt er. Aber das Wachstum will er bremsen. Verhindern, dass weiter Jahr für Jahr mehr Geld ausgegeben wird, für Unnötiges auch. Für immer kompliziertere Arbeitsabläufe, für noch schönere Broschüren und noch aufwendigere Internetseiten.

Mit solchen kleinen Retuschen würde sich der «Staatsfeind» tatsächlich zufrieden geben? Ja, sagt er. Weil das reiche Basel keine Thatcher-Figur brauche. Aber mit dem Dürr wird man sich wohl schon arrangieren müssen.

Vielleicht wird das ja sogar ganz interessant werden. Wie bei einer Frau, der man irgendwann doch noch zuhört.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 02.11.12

Konversation

    1. Lieber Herr Rosch. Wir werden versuchen, den Rhythmus in der Baschi-Dürr-Berichterstattung zu halten, was allerdings nicht ganz einfach sein wird.

      Nein, im Ernst: Wir haben in der vergangenen Woche versucht, uns dieser polarisierenden Figur differenziert anzunähern, was diese Folge von Artikeln online und im Print zur Folge hatte, aber durchaus auch auf Interesse gestossen ist, wenn wir die Reaktionen nicht ganz falsch eingeschätzt haben. Ganz abgesehen davon finde ich persönlich es übrigens auch inhaltlich interessant und teilweise überlegenswert, was Baschi Dürr zu sagen hat, etwa auch im Bereich der Drogen und der Fan-Überwachung. Aber natürlich kann man auch da geteilter Meinung sein.

      Wie wir weiter verfahren mit den Wahlen, entscheiden wir in der Redaktion in den nächsten Tagen. Selbstverständlich haben wir da schon auch unsere Ideen, wir sind aber auch sehr offen für Tipps und Anregungen. Andere Leserinnen und Leser haben zum Beispiel schon mehrfach den Wunsch geäussert, mehr über die beiden anderen Kandidaten zu erfahren.

      Wir freuen uns jedenfalls auf weitere Anregungen, allenfalls auch von Ihnen, und auf die weitere Auseinandersetzung mit der Basler Politik. Ganz ohne Baschi Dürr wird das wahrscheinlich kaum gehen, um nochmals auf den Grund Ihres Kommentars zurückzukommen. Aber ganz so viel Dürr wie in den vergangenen Tagen wird es in Zukunft auch kaum mehr sein.

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  1. Ein Portrait und ein ausführliches Interview mit Damian Heizmnann – DAS erwarte ich von der Tageswoche. Und zwar so schnell wie möglich!

    Traurig eigentlich, dass Sie in ihrem Statement den Namen des Herausforderers nicht einmal erwähnen. Zeigt, welchen Kandidaten die Redaktion, aus welchen Gründen auch immer, bevorzugt.

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  2. Der Baschi Dürr kommt mir so aalglatt vor, nicht zu fassen.
    Ich hab auch noch mal sein Video angeschaut.
    Liberal – Steuern runter – deregulieren – sozialer Wohnungsbau nicht nötig, das kann man dem Markt überlassen.
    Es scheint mir, dass er das Heil der Stadt vor allem in der Wirtschaft sieht, indem man ihr den roten Teppich ausrollt. Den unteren Mittelstand und die Armutsbetroffenen scheint er mehr weniger auszublenden. Nach ihm scheint es, dass der freie Markt schon auch Wohnungen für Menschen, die Fürsorgegeld beziehen oder von Ergänzungsleistungen leben bereitstellen wird. Da ist er recht blauäugig – oder ignorant.
    Es scheint, dass er nicht das ganze breite Bevölkerungsspektrum berücksichtigen kann oder will.

    Liebe Tageswoche, ich würde es sehr begrüssen, dass sie bald den Neuen, Damian Heizmann, hier zu Wort kommen lassen.
    Es scheint mir, dass er viel besser das ganze Bevölkerungssprektrum, inkl. Wirtschaft im Auge hat. Es wäre interessant mehr darüber zu hören, wie er das genau meint.

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  3. .. als Internetgestalter. Es ist richtig, Riesenstundenansätze soll auch der Staat nicht mehr finanzieren und auch kein Firlefanz. Richtig ist allerdings, dass Computer-und Internet-Arbeiten sehr aufwendig sind. Wenn diese nicht gründlich gemacht werden folgt bald einmal das Chaos, garantiert.

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  4. dass in den Achzigern 1 Gramm verschnittenes Heroin etwa 700 Franken und 1 Gramm verschnittenes Kokain zwischen 900 und 1200 Franken gekostet hat. Seither hat der Markt im Sinn von Baschi Dürr gespielt.

    An der Heuwaage sehe ich Gesichter, die ich vor 25 Jahren schon gesehen habe. Und ich sehe nur die, die ich noch sehen kann. Die, die ich nie mehr sehen werde, sind Legion.

    Drogenliberalisierung entlastet die Behörden. Das Elend wird sie verschärfen. Und dagegen hat der liberale Herr Dürr kein Rezept.

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  5. Endlich erreicht mich mit diesem Artikel auch einmal ein wenig Inhalt von Baschi Dürr – sein Gesicht kenne ich ja bereits zur Genüge (auch dank der Tageswoche: Omnipräsent sind hier seine Portraits). Kein Wunder verkam der Wahlkampf somit zur Diskussion um das Auftreten der Akteure und nicht um geistreiche Ideen, neue Ansätze und politischen Gedanken, welche die Kandidaten mitbringen würden.

    Es tut also gut nun endlich über einige seiner Standpunkte aufgeklärt zu werden. Jetzt würde ich gerne – wenigstens ein einziges Mal – über eine nüchterne und sachliche Berichterstattung und Analyse über die Standpunkte der zwei noch unbekannteren Kandidaten Christian Mueller und Damian Heizmann freuen.
    Ja, die beiden sind noch unbekannt. Beide nehmen aber nicht zum Spass an den Wahlen teil. Es sind keine Witz-Kandidaturen! Beide vertreten auf ihre Art und Weise gute und interessante Standpunkte und beide wollen neue Ideen und Lösungsvorschläge in die baseler Politik einbringen.

    Es wäre also schön zu sehen, wenn – nicht nur die TA – diesen Beiden im zweiten Wahlgang mit seriösen Artikeln ohne Seitenhiebe und Scheu vor dem Unbekannten genau so viel seriöse und journalistische Aufmerksamkeit schenken würde wie den gespreitzen Fingern beim Rauchen von Baschi Dürr – und mit oder ohne spiessiger Kravatte.

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