Der angekündigte Tod eines Nestlé-Kritikers

Um die Drahtzieher des Mordes an Nestlé-Mitarbeiter und Gewerkschafter Oscar Lopez Triviño ranken sich Gerüchte – auch zu Lasten der Arbeitgeberin. Ein Besuch bei seiner Familie in Kolumbien.

Der Nestlé-Mitarbeiter Oscar Lopez Triviño wurde in Kolumbien von einer paramilitärischen Gruppe ermordet. (Bild: Oliver Schmieg)

Um die Drahtzieher des Mordes an Nestlé-Mitarbeiter und Gewerkschafter Oscar Lopez Triviño ranken sich Gerüchte – auch zu Lasten der Arbeitgeberin. Ein Besuch bei seiner Familie in Kolumbien.

Oscar Lopez Triviño war ein fürsorglicher Familienvater. Den Tag vor seinem Tod verbrachte er zusammen mit einem Freund etwas ausserhalb von Bugalagrande (Kolumbien) beim Fischen. Für den bevorstehenden Feiertag wollte er ein besonderes Essen für seine Familie nach Hause bringen. «Er konnte selbst kaum glauben, wie viele Fische er an diesem Tag geangelt hatte», erinnert sich Mara Amalia Ramos, seine Frau.

Was Mara Amalia nicht wusste: Oscar hatte am 8. November nicht nur reichhaltig für seine Familie Essen für mehrere Tage nach Hause gebracht – auf seinem Handy gespeichert befand sich auch eine Textnachricht, die er an diesem Tag erhalten hatte und die seine Frau erst nach seinem gewaltsamen Tod fand. «Hurensöhne, die ihr noch immer Nestlé belästigt. Jetzt gibts kein Pardon mehr, wir zerstückeln euch. Tod allen Kommunisten von Sinaltrainal

Nähe zu paramilitärischen Gruppen

Absender der Nachricht war die neoparamilitärische Gruppe Los Urabeños –  zumindest war der Text mit deren Namen unterzeichnet. Ihren Unterhalt verdient sich die Gruppe zwar überwiegend mit Drogenhandel und illegalem Goldabbau, aber auch Auftragsmörder finden sich in ihren Reihen.

Der kolumbianische Richter José Nirio Sánchez vermutet Verbindungen zwischen Nestlé und paramilitärischen Gruppen.

Bereits im Jahr 2007 vermutete der kolumbianische Richter José Nirio Sánchez, dass es Verbindungen zwischen Nestlé und paramilitärischen Gruppen gebe, nachdem er zwei ehemalige Paramilitärs wegen der Ermordung des Gewerkschafters Luciano Romeros verurteilt hatte. Zum Zeitpunkt seines Todes arbeitete Romero für Nestlé und war Vorstandsmitglied der Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal. Wie Lopez Triviño hatte auch Luciano Romero Drohungen vor seinem Tod erhalten.

Zweifel blieben dem Richter nach dem Prozess an den mutmasslichen Hinterleuten des Verbrechens. Er beantragte daher bei der Staatsanwaltschaft, ein Ermittlungsverfahren gegen Nestlé einzuleiten. In Kolumbien jedoch bleiben Anzeigen oder Ermittlungsverfahren gegen internationale Konzerne in der Regel ohne Ergebnis. Auch die Schweizer Justizbehörden beschäftigen sich inzwischen mit dem Fall. Nachdem die Staatsanwaltschaft Waadt ein Ermittlungsverfahren gegen den Konzern und fünf seiner Manager im Mai 2013 eingestellt hatte, legte die Witwe Romeros Beschwerde ein. Auf eine Entscheidung seitens des  kantonalen Gerichtes wird derzeit noch gewartet.

Zäher Kämpfer

Auch Oscar Lopes Triviño war ein sehr aktives Mitglied der Gewerkschaft Sinaltrainal. Rund 25 Jahre arbeitete er für Nestlé in Bugalagrande. Am 9. November, dem Tag, an dem er in den frühen Abendstunden in einer Taverne in Bugalagrande mit vier Schüssen in den Hinterkopf ermordet wurde, hatte Lopez Triviño noch an einer Kundgebung teilgenommen; er und seine Kollegen forderten von Nestlé die Einhaltung des Tarifvertrages, den der Schweizer Konzern im Juni 2012 nach zähen Verhandlungen mit Vertretern von Sinaltrainal unterzeichnet hatte.

Unter anderem werfen die Gewerkschafter dem Lebensmittelkonzern vor, gegen das Autoren- oder Urheberrecht des mehr als 100 Seiten umfassenden Vertrages verstossen zu haben. «Mit gerade einmal sechs Mitgliedern gründete Nestlé vergangenes Jahr Sintraimagra, eine unternehmensfreundliche Gegengewerkschaft. Den Kollegen von Sintraimagra wurde ohne Verhandlungen derselbe Vertrag angeboten, für den wir 85 Tage lang einen mühsamen Arbeitskampf führen mussten», kritisiert Mauricio Valencia, Regionalleiter von Sinaltrainal in Bugalagrande.

Gegengewerkschaft gegründet

Man könnte Valencias Einlass als kleinlich interpretieren, aber die kolumbianischen Gesetze geben ihm recht. Zum einen schützt der Gesetzesgeber des südamerikanischen Landes Autoren- oder Urheberrechte ausdrücklich, und zum anderen verpflichtet die rechtliche Situation die Nutzniesser des Tarifvertrags – mit anderen Worten die zur Gewerkschaft gehörenden Mitglieder – einen Beitrag von 1,5 Prozent ihres Monatsgehaltes zu bezahlen. Da auch die Mitglieder der Gegengewerkschaft durch die von Sinaltrainal durchgeführten Vertragsverhandlungen begünstigt worden sind, müssten sie diesen Beitrag ebenfalls abführen. Das allerdings veranlasst die Konkurrenzgewerkschaft Sintraimagra nicht.

Laut dem 31-jährigen Mauricio Valencia geht es aber bei der Auseinandersetzung mit Nestlé  nicht nur um Beitragszahlungen oder Autorenrechte. «Mit der Gründung einer Gegengewerkschaft möchte uns Nestlé den Boden unter den Füssen wegziehen», glaubt er. «Alleine in Bugalagrande vertreten wir 461 Arbeiter und Angestellte», ergänzt Valencia.

Multinationalen Konzernen ist das erstarkte Gewerkschaftsbewusstsein ein Dorn im Auge.

In den vergangenen 25 Jahren wurden in Kolumbien fast 2800 Gewerkschafter ermordet – 15 gehörten der Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal an. Ein Umstand, der dazu geführt hat, dass die Mitgliederzahlen kolumbianischer Gewerkschaften über Jahre hinweg kontinuierlich zurückgegangen sind. Seit zwei Jahren hat sich das allerdings geändert. Neuerdings verzeichnet die Arbeitnehmerbewegung des südamerikanischen Landes einen Anstieg an Mitgliedern. Unter anderem bei Tarifverhandlungen wissen sich deshalb Gewerkschafter wie Mauricio Valencia neuerdings in einer vorteilhaften Situation.

Multinationalen Konzernen jedoch, die Kolumbien nach der Unterzeichnung von Handelsabkommen mit der EU und den USA als interessanten Wirtschaftsstandort erkannt haben, ist das erstarkte Gewerkschaftsbewusstsein eher ein Dorn im Auge.

Büro hinter gepanzerten Türen

Die Gewerkschafter von Sinaltrainal arbeiten und leben in dauernder Gefahr. Das Gewerkschaftsbüro befindet sich in einem flachen einstöckigen Gebäude gegenüber dem örtlichen Krankenhaus. Eine gepanzerte Stahltür öffnet sich nur Leuten, die ihr Kommen angekündigt haben oder die den Mitarbeitern persönlich bekannt sind. Verdunkelte, schusssichere Scheiben verhindern den Blick von der Strasse ins Innere des Gebäudes.

«Früher spielte ich mit Freunden regelmässig Fussball oder Basketball in einem Park, heute wäre das zu gefährlich», sagt Mauricio Valencia. Trotz Drohungen, die er regelmässig erhält, verweigert ihm das Justizministerium Personenschutz. Stattdessen besucht ihn die Polizei ein paar Mal pro Woche und gibt ihm Tipps, wie er sich vor Attentaten schützen könne.

Für Oscar Lopez Triviño und seine Familie kommen solche polizeilichen Ratschläge zu spät. Neben seiner Frau hinterlässt er zwei Töchter. Die 14-jährige Michel Fernanda beginnt im Januar ihr neuntes Schuljahr, bis zum Abitur bleiben ihr noch drei Jahre. Mit Tränen in den Augen erinnert sie sich an stundenlange Diskussionen mit ihrem Vater. Stets hatte er sich gewünscht, sie würde den Ingenieursberuf erlernen. Sie zieht jedoch Tiermedizin vor. «Heute weiss ich noch nicht einmal, ob ich genügend Geld haben werde, um meiner Tochter überhaupt ein Uni-Studium ermöglichen zu können», erklärt ihre Mutter.

Erbitterter Kampf um Ausbildungsgelder

Vergangenes Jahr war Oscar Lopez Triviño Bestandteil eines zeitweise erbitterten Arbeitskampfes zwischen Nestlé und Sinaltrainal. Am 12. Juni 2012 unterzeichneten Vertreter von Sinaltrainal und Nestlé einen bis Mai 2015 gültigen Tarifvertrag. In Artikel C des «Plan de Educación» genannten siebten Kapitels verpflichtet sich Nestlé, die Ausbildung von Kindern eines verstorbenen Angestellten zu Ende zu finanzieren. In dem betreffenden Satz wird das spanische Wort «estudios» («Ausbildungen») verwendet. Damit kann sowohl die Schul- wie auch eine Universitätsausbildung gemeint sein – oder beides.

Interpretieren die Nestlé-Rechtsanwälte diesen Paragrafen kulant, dann wird der Tochter von Oscar Lopez sowohl das Abitur wie auch ein anschliessender Universitätsbesuch finanziert. Damit würde Oscar Lopez’ Kampf für ein besseres Leben zumindest nach seinem Tod einen Sinn bekommen.


Hinsichtlich sämtlicher zulasten von Nestlé dargestellten Vermutungen und laufenden Untersuchungen gilt die Unschuldsvermutung zugunsten von Nestlé.

Konversation

  1. Nestlé hat immer wieder bewiesen, dass man sich durch nichts von einträglichen Geschäften abbringen lässt. Auch nicht durch Menschenrechte. Verunreinigtes Milchpulver, Wasser, das man den Ärmsten zuerst wegnimmt, um es ihnen danach teuer in Flaschen zu verkaufen und vieles mehr. Man muss schon sehr naiv und auf beiden Augen blind sein, wenn man diese, von vielen unabhängigen Organisation aufgezeigten Missstände, nicht sehen will.

    Sicher ist nicht Nestlé Auftraggeberin eines Mordes. Aber Ursache ist Nestlé allemal. Alleine die Tatsache, dass sie Gewerkschaftsarbeit in Ihren Betrieben in Kolumbien nicht unterstützt, führt in einem Land, in dem Gewalt zur Tagesordnung gehört, zu grossen Konflikten. Dass das dann von radikalen Gruppierungen als Aufforderung zu einem Mord interpretiert werden könnte, wird von Nestlé zumindest billigend in Kauf genommen.

    Wäre es nicht sinnvoller, Nestlé würde ihre Macht als Arbeitgeberin dazu nutzen, gute, menschenwürdige Arbeitsplätze zu schaffen? Zufriedene, gut bezahlte ArbeitnehmerInnen sind das grösste Kapital einer Unternehmung. Und dass sich das am Ende auch für den Arbeitgeber auszahlt, ist eine bekannte Tatsache!

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