Wohin mit meinem Kind? Diese Karte weist den Weg durch Basels Betreuungs-Dschungel

Im August beginnt das neue Kindergartenjahr. Und für viele Eltern damit der Stress: 40 Prozent der Kindergärten haben keine Tagesstruktur. Das soll sich ändern, fordert SP-Grossrat Kaspar Sutter in einem Anzug.

Jetzt fängt für gewisse Eltern wieder der Kinderbetreuungsstress an. Die Politik macht Druck.

Tino (Name geändert) fährt jeden Morgen alleine mit dem Trottinett die Reusstrasse entlang, überquert im Morgenverkehr den Morgartenring und geht in den Kindsgi. Er kann das, seine Eltern haben den Weg mit ihm eingeübt.

Eigentlich gäbe es zwei Kindergärten, die viel näher bei seinem Haus liegen und erst noch sicherer wären, aber dort gibt es keine Betreuung für die kindsgi-freien Nachmittagen. Deshalb mussten ihn seine Eltern in den weiter entfernten Kindergarten schicken.

Anderes Quartier, andere Chancen

Dieses Problem kennen viele Mütter und Väter in Basel, und zwar nicht nur am äussersten Rand des Iselin, sondern auch etwa in der Breite oder im Klybeck. So zeigt eine interne Liste des Kantons für das Schuljahr 2017/2018: 40 Prozent der Kindergartenstandorte haben weder eine Tagesstruktur der Schule noch einen schulexternen Mittagstisch. Zum Verständnis: Tagesstrukturen sind den Schulen angeschlossen und betreuen die Kindergartenkinder auch am Nachmittag. Die Mittagstische finden häufig in Räumen ausserhalb der Schule statt, manche bieten ebenfalls Nachmittagsbetreuung an, andere nicht.

Bislang gab es keinen umfassenden Überblick über das Angebot in den verschiedenen Quartieren. Die Karte der TagesWoche zeigt nun: Je nach Quartier ist die Situation unterschiedlich. So gibt es im St.Johann am meisten Kindsgi-Standorte mit einer Tagesstruktur, in der Breite keine. Das sorgt für Kritik. SP-Grossrat Kaspar Sutter sagt: «Die Eltern werden ungleich behandelt. Die einen haben Glück, die anderen Pech.»

Während die Kindergärtler-Eltern aus dem St. Johann beruhigt zur Arbeit gehen können, müssen die Eltern im Gellert oder im hinteren Neubad einen organisatorischen Grossaufwand betreiben. So gibt es Eltern, die ihr Kind in einen Kindsgi ausserhalb des Quartiers schicken, so wie Tino. Andere verlassen am Mittag ihren Arbeitsplatz und holen das Kind vom Kindergarten ab, nur um es zehn Minuten später sicher beim – zu weit entfernten – Mittagstisch abzuliefern. Andere spannen die Grosseltern oder Bekannte für den Chauffeuse-Service oder die Betreuung ein.

Kitas kosten bis zu 3,5 mal so viel wie Tagesstrukturen

Es gibt noch einen einfacheren Weg: Viele Eltern schicken ihr Kind in eine Kita, statt an einen Mittagstisch oder in eine Tagesstruktur. Diese Lösung hat aber wiederum einen Nachteil: Die Kita kostet die Eltern mehr als die Tagesstruktur, je nach Einkommen bis zu 3,5 mal mehr. Das hat auch mit der sogenannten Mindestbelegung zu tun. In der Kita ist man gezwungen, gewisse betreute Stunden zu bezahlen, ob man sie braucht oder nicht.

Am grössten ist der Unterschied bei Eltern, die so viel verdienen, dass sie keine Subventionen für die Kinderbetreuung erhalten. Wer das Kind in eine Kita schickt, muss es für mindestens 30 Prozent anmelden, also beispielsweise für zwei Nachmittage plus ein Mittagessen ohne Nachmittagsbetreuung pro Woche. Das kostet 704 Franken pro Monat. Wer sein Kind in die Tagesstruktur schickt, muss es für mindestens vier Module anmelden, beispielsweise einen ganzen Nachmittag inklusive Mittagessen plus ein zusätzliches Mittagessen. Macht 205 Franken im Monat. Die Kita-Eltern zahlen also 500 Franken mehr.

Das soll sich ändern, fordert SP-Grossrat Kaspar Sutter: «Der Kanton muss das Angebot ausweiten», sagt er und hat einen entsprechenden Anzug eingereicht. Politiker von SP, Grünen, Basta, GLP, CVP und FDP haben ihn unterschrieben.

Die Übersicht will der Kanton nicht rausrücken

Gemäss Kanton habe sich die Situation schon ein wenig verbessert. Simon Thiriet vom Erziehungsdepartement versichert, dass fürs neue Schuljahr 2018/19 zwei Drittel der Kindergärten eine Tagesstruktur in unmittelbarer oder erreichbarer Nähe haben werden – also mehr als im laufenden Schuljahr.

Tönt gut, doch die Behörden scheinen nicht daran interessiert, die Eltern über das Angebot im Quartier zu informieren. Kaspar Sutter musste einigen Aufwand betreiben, um an eine Übersichts-Liste zu kommen. Nach einigem Hin- und Her bekam er die Liste für das Schuljahr 2017/18. Sie ist Grundlage für unsere Karte. Die aktualisierte Liste für das nächste Schuljahr rückt der Kanton auf Bitte der TagesWoche nicht raus. Begründung: «Zuerst muss die Schul- und Kindergartenzuteilung gemacht werden, erst danach werden die Tagesstrukturstandorte festgelegt.»

Sicher ist: Den Betreuungs-Salat baden die Eltern aus. Übrigens nicht nur im Kindergarten, sondern auch in der Primarschule. Zwar hat jeder Schulstandort ausser dem Sevogelschulhaus eine Tagesstruktur, aber sie sind mancherorts zu klein. Das musste ein weiterer SP-Grossrat am eigenen Leib erfahren, und das ironischerweise, nachdem er einen Vorstoss für eine entsprechende Erhöhung eingereicht hatte: Claudio Miozzari.

«Wenn ich nach den Sommerferien die Grossratssitzung bereits um 16 Uhr 45 verlasse, wissen Sie, wieso.»

Claudio Miozzari, Grossrat und Vater

Miozzaris Kind kommt im August in die Schule. Im Februar meldeten er und seine Frau es für die Tagesstruktur an, im April erhielten sie das Telefon: kein Platz. Der Kanton bat die Familie, selber eine Lösung zu finden. Jetzt hat sie ein privates Tagi gefunden. Nur: Es schliesst bereits um 17 Uhr (die Tagesstrukturen um 18 Uhr). Kurz nach dem Telefonat wurde Miozzaris schon länger eingereichter Anzug im Grossen Rat besprochen. «Wenn ich nach den Sommerferien die Grossratssitzung bereits um 16 Uhr 45 verlasse, wissen Sie, wieso», sagte er in seinem Votum. Der Grosse Rat hat den Vorstoss überwiesen. Ausserdem ist eine Interpellation zum Thema von GLP-Grossrätin Katja Christ hängig.

Es scheint also ein weiterer Ausbau der Tagesstrukturen anzustehen. Der erste bereits ab Schuljahr 2019/20. Dann wird der Kanton erstmals Betreuung während der Schulferien anbieten. Bislang hatten die Tagesstrukturen geschlossen – was unter Eltern seit Jahren für Stress sorgt. Jetzt sollen drei Standorte geöffnet bleiben. Auch dies ist Resultat einer Kampagne von Kaspar Sutter.

Konversation

  1. Immer mehr Kinder sind von 8.00Uhr – 18.00 unterwegs. Die Schule bekommt immer grössere-erzieherische Aufgaben und die Verantwortung wird auch auf die Schule abgetragen. Die Schule sollen jetzt alles und hat auch Schuld an allem… und die Eltern haben keine Zeit…aber trotzdem bleibt alles dann an der Schule hängen.. also es geht nicht ganz auf oder?

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    1. Absolut ihrer Meinung – es wird Zeit, dass die Eltern wieder Verantwortung übernehmen. Es kann nicht sein, dass der Staat nebem dem Studium für Mama und Papa nun auch noch die komplette Kindererziehung finanziert und in schwierigen Situationen auch noch für den Misserfolg der Kinderlein verantwortlich gemacht wird.

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    2. Ihnen ist schon bewusst, dass Doppelverdiener mehr Steuern bezahlen und weniger Subventionen erhalten?
      Mir ist der Fall einer Familie bekannt, bei dem der Sozialdienst der Frau empfohlen hatte, mit der Arbeit aufzuhören, da damit Netto (nach Subventionen) mehr für die Familie übrigbleibt…das kann es ja auch nicht sein.
      Wenn beide arbeiten, ist auch das Arbeitslosigkeitsrisiko geringer.

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  2. es ist einfach lustig zu sehen, wie in der Politik sich etwas bewegt, sobald Männer auch von etwas betroffen sind und dann finden, sie setzen sich nun für etwas ein. Sind Frauen betroffen und setzen sich Frauen für etwas ein – – – es passiert einfach nichts, Nebenwiderspruch und so halt…

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  3. Vielleicht wollen viele Eltern nichts anderes, als gerademal nur Eltern auf Zeit zu sein, obwohl Sie sich in Ihrer Jugend grundsätzlich geschworen haben, niemals so zu werden.

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    1. Oder sie haben einfach keine Lust darauf, ihre (vom Staat subventionierte) Ausbildung nach der Geburt des ersten Kindes an den Herd zu hängen. Und zwar weil es ihnen und damit den Kindern damit einfach besser geht. Und weil es in anderen Ländern (z.B. Schweden, Norwegen) schon lange so funktioniert und die Kinder / Familien meines Wissens dort nicht weniger glücklich sind als hier (ganz im Gegenteil).

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