Der emsige Baudirektor wird vor allem als infamer Verkehrsdirektor wahrgenommen

Als Hüter des konfliktreichen Verkehrsdossiers muss der emsige Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels im zweiten Wahlgang noch einmal antreten. Wessels ist aber weit mehr als der verpönte Parkplatzvernichter, wie ein Rückblick in Zahlen zeigt.

12'000 Baubewilligungen erteilt und bei vielen Grundsteinlegungen auch selber Hand angelegt: Der Basler Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels.

(Bild: KEYSTONE/Georgios Kefalas)

Als Hüter des konfliktreichen Verkehrsdossiers muss der emsige Bau- und Verkehrsdirektor Hans-Peter Wessels im zweiten Wahlgang noch einmal antreten. Wessels ist aber weit mehr als der verpönte Parkplatzvernichter, wie ein Rückblick in Zahlen zeigt.

Das Verdikt am Stammtisch einer Basler Tambouren-Clique ist klar. «Der Wessels gehört abgewählt», sagt einer. Er muss nicht lange auf zustimmende Voten warten: «Unter ihm stirbt die Stadt», sagt ein anderer. Der erste wohnt in Allschwil, der zweite in Binningen; beide beklagen sich, dass sie ihre Autos in der Kleinbasler Altstadt nicht mehr parkieren können. Später meldet sich noch ein Mittrommler aus Riehen pointiert gegen den Bau- und Verkehrsdirektor zu Wort.

Die Wessels-Kritiker aus Allschwil und Binningen werden auch im zweiten Wahlgang murrende Zuschauer bleiben, während sich diejenigen aus Riehen mit grösster Wahrscheinlichkeit damit werden abfinden müssen, dass die Wählerinnen und Wähler aus der Stadt den Verkehrsdirektor im Amt bestätigen werden. Wie aus einer Zusammenstellung der «bz Basel» hervorgeht, hätte Wessels in der Stadt das absolute Mehr bereits im ersten Wahlgang geschafft.

Emsiger Baudirektor

Wessels polarisiert. Mehr als seine mitregierenden SP-Genossen Eva Herzog und Christoph Brutschin, welche die Wiederwahl im ersten Wahlgang spielend schafften.

An den zahlreichen Schulhäusern, die unter Wessels neu gebaut oder umfassend saniert wurden, dürfte es nicht gelegen haben. Auch nicht am neuen Erweiterungsbau des Kunstmuseums, am neuen Biozentrum oder am Umbauprojekt des Stadtcasinos.

Als Baudirektor erteilte Wessels in den vergangenen acht Jahren fast 12’000 Baubewilligungen, bewilligte rund 200 Gastrobetriebe, liess gegen 1000 neue Bäume pflanzen, weihte 37 Parkanlagen und Kinderspielplätze ein. Soweit ein paar Kennzahlen, die uns von der Medienstelle des Bau- und Verkehrsdepartements zur Verfügung gestellt wurden.

Infografik: Wessels in Zahlen

Umstrittener Verkehrsdirektor

Polarisiert hat Wessels vor allem als Verkehrsdirektor. Dass er – übrigens zusammen mit seinem ebenfalls noch nicht wiedergewählten Kollegen Baschi Dürr – dafür sorgte, dass die Fussgängerzonen in der Basler Innenstadt als quasi letzte in der Schweiz wirklich zu solchen wurden, brachte ihm den Ruf als «fröhlicher Autohasser» (Zitat BaZ-Chefredaktor Markus Somm) ein. Die Parkraumbewirtschaftung und der Abbau von Parkplätzen auf der Allmend verstärkten dieses Feindbild.

Der Umstand, dass viele dieser Massnahmen nicht auf Wessels eigenem Mist gewachsen sind, wird oftmals ausgeblendet. Die umstrittene Einführung von kostenpflichtigen Motorrad-Abstellplätzen in der Innenstadt zum Beispiel geht auf einen Vorstoss im Grossen Rat zurück, der 2009 an die Regierung überwiesen wurde.

Auch Wessels selber hat die Unterschiede in der Wahrnehmung seiner Arbeit als Baudirektor zu seinen Aufgaben als Verkehrsdirektor als frappant wahrgenommen:

«Die meisten Bau- und Stadtentwicklungsprojekte der letzten Jahre konnten höchst erfolgreich aufgegleist und schlank umgesetzt werden – ganz im Gegensatz zur Verkehrspolitik, wo selbst um absolute Lappalien mit grosser Verbissenheit gerungen wird. Bezeichnend ist, dass der Ersatz von ein paar wenigen Parkplätzen an der Wettsteinallee durch Bäume politisch mehr zu reden gibt als der Roche-Turm, der Neubau des Biozentrums oder der Bau von 500 Genossenschaftswohnungen auf dem Felix-Platter-Areal.»

Hätte ein bürgerlicher Vorsteher anders gearbeitet?

Sich selber stellt Wessels wenig überraschend auch in Verkehrsthemen ein gutes Zeugnis aus:

«Dass wir die beiden Generationenprojekte Herzstück und Rheintunnel entscheidende Schritte vorangebracht haben, darauf bin ich stolz. Die Innenstadt ist nach Jahrzehnten fruchtloser und polemischer Diskussionen verkehrsberuhigt. Es ist uns gelungen, den enorm gestiegenen Pendlerverkehr stadtverträglich abzuwickeln. Wir haben mit zahlreichen Arealentwicklungen viel Fläche für Wohnen und Arbeit gewonnen. Die Lebensqualität hat zugenommen. Die Arbeitsplätze nehmen stark zu, die Einwohnerzahl steigt, Basel floriert.»

Als Mitglied einer siebenköpfigen Regierung konnte er natürlich nicht im Alleingang schalten und walten. Und er musste Aufträge erfüllen, die ihm aus dem Grossen Rat oder gar über Volksabstimmungen zugetragen wurden. Ein Beispiel ist der angenommene Gegenvorschlag zur Städteinitiative, der dazu führte, dass eine zehnprozentige Reduktion des Autoverkehrs als Ziel in der Kantonsverfassung verankert wurde.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was ein bürgerlicher Departementsvorsteher unter dem Strich überhaupt hätte anders machen können. Gar nicht so wenig, meint Wessels:

«Unter einem bürgerlichen Departementsvorsteher hätte sich die Lebensqualität in den Wohnquartieren – Stichworte: Verkehrsberuhigung und mehr Grün – kaum so positiv entwickelt. Möglicherweise hätte ein Bürgerlicher auch den Wohnungsbau weniger stark forciert. Zudem hätten wir heute wohl deutlich mehr Stau in Basel, wenn der öffentliche Verkehr und der Veloverkehr nicht so stark gefördert worden wären in den letzten Jahren.»

Konversation

  1. Sehr geehrte Jill,

    habe ich irgendwo geschrieben, dass ich überall hin mit dem Auto fahre ? Stellen Sie sich vor, ich gehe zu Fuss an den Kiosk, nehme auch mal das Tram ,wenn ich gerade einen masochistischen Moment habe sogar zu Stosszeiten, oder – horribile dictu – sogar das Flugzeug.
    Natürlich lehnt sich der Anarchist in mir gegen Regeln auf, v.a. staatliche – oder in Basel wohl eher staatssozialistische – , aber lassen Sie sich in Ihrem Leben alles ver-regulieren ?
    Was nun mein Privileg als nicht zugehörig zur Spezies der Herdentiere angeht und wies scheints besser läuft, wenn man sich nicht dagegen sträubt, hat man an Silvester in Köln gesehen; wenn die Welt SO laufen soll bleibe ich lieber Egoist (oder wohl doch eher Individualist).

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  2. Sehr geehrter Herr Seiler
    Es ist ja schön, dass sie sich in einer so privilegierten Situation befinden, in der sie sich nicht als primitives Herdentier sehen müssen. Leider funktioniert unsere Welt nicht so und wenn alle ein bisschen weniger an sich selbst und ein bisschen mehr an andere denken würden, könnten wir vielleicht auch in Basel etwas friedlicher zusammenleben.
    Wahrscheinlich ist es unerträglich für sie, wenn ihnen jemand etwas vorschreibt, aber sie leben auf kosten anderer wenn sie immer überall mit dem Auto hinfahren und wenn ihnen das egal ist, braucht es eben genau solche Regeln…

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  3. Was ist die „Kernstadt“ ? Analog London und den Cockneys vielleicht so weit das Martinsglöggli zu hören ist ? Oder vielleicht hört die Kernstadt dort auf, wo man das Kreischen der Drämmli nicht bis in alle Nacht hört ?

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  4. Ich würde kaum einen Fuss in einen Fernbus setzen, etwas Unbequemeres gibt es kaum. Lieber fahr ich stundenlang Zug.

    Aber: ein Fernbusbahnhof, welcher diesen Namen verdient hat, gehört für mich zu einer öV-technisch gut erreichbaren Stadt.

    Ähnlich dem Flughafen, muss so ein Fernbusbahnhof nicht im Stadtzentrum sein. Wieso nicht auf dem brachliegenden Schänzli? Oder in Weil am Rhein beim 8er?

    Jeder soll so reisen, wie es ihm taugt. Und da gehören nicht nur Tram, Zug, Flugzeug oder PKW dazu, sondern auch der Bus.

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  5. Mir ist schon klar, dass Fernbusse etwas anderes sind. Auch ist nichts zu sagen gegen unsere Postautos in den Bergen. Diese Linien müssen allerdings nicht bis in die Stadt hinein geführt werden.
    Natürlich bin ich für ein KKK-Tram; ich hör den Aufschrei bis hierhin, aber keine Angst, ich meine Kapstadt-Kairo-Kalkutta.
    Ihre Behauptung bezüglich Feinstaubbelastung von Benzinern und Dieselfahrzeugen und deren Zuammensetzung lasse ich bleiben, da Sie mir mit Ihren „geschwollenen“ termini technici doch etwas auf der Bürolistenseite des Lebens zu sein scheinen.
    Re Urlaub: Ich gebe gerne zu, dass ich mit dem Auto in die Ferien fahre, da ich nun wirklich nicht auf der primitiven Stufe des Herdentieres verharren möchte und mir nicht von irgendeinem Busbegleiter sagen lassen will, wo ich zu speisen oder aufs WC zu gehen habe; ich gebs also zu, ich bin schwerkriminell und gehöre wohl weggesperrt, da ich auch nicht anderen vorschreiben will, was sie zu tun haben. Ich schreibe Ihnen ganz sicher nie vor, Sie hätten das Tram oder den Zug zu nehmen; ich wäre auch nicht böse ob Ihrer Inkonsequenz, wenn Sie einen schwerkranken Angehörigen nicht bis zum nächsten Mobility-Standplatz schleifen oder in eines dieser subventionierten Lastenvelos legen würden, um ihn ins Spital zu fahren.
    Apropos Fachwissen: Wann haben Sie zum letzten Mal einen Motor komplett zerlegt zwecks Generalüberholung ?

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  6. Herr Seiler, Ihnen scheint das Konzept von FERN Bussen nichtz geläufig zu sein. Aber klar, ein Trämli bis nach Mailand wäre auch eine tolle Sache. Wer sich bei den Haltestellen nicht verzählt, fährt das nächste Mal gratis 😉

    Was die Feinstaubbelastung angeht ist die Ökobilanz eines Busses, umgelegt auf die Anzahl Personen im Bus, mit Garantier um ein Vielfaches besser, als jene eines SUV Fahrers, der jeden Tag alleine mit seinem BMW x5 von Oberwil ins Elisabethen Parking fährt.

    Der Vergleich mit einem Least Developed Country hinkt dann doch ziemlich. Aber da Ihnen die Fachtermini zu diesem Thema nicht geläufig sind gehe ich davon aus, dass sie keine Ahnung davon haben, welche Kriterien ein Staat erfüllen muss um zu den LDCs zu gehören. Apropos Umweltbelastung: Wo waren Sie zuletzt im Urlaub und wie sind Sie an den Ort gereist?

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  7. Wer den Privatverkehr aus der Stadt raus haben will, muss ein einigermassen flottes Nahverkehrsystem anbieten. Da mögen die Drämmlis nostalgisch sein, und weiter draussen fahren sie ja auch ordentlich schnell, – – aber im Zentrum wird dann alles schneckenlangsam. Das Geschaukel durch die innerbaslen Strassenschluchten mag ja romantisch und touristisch wertvoll sein, effizienter Nahverkehr sieht innerstädtisch aber anders aus. Zehn-Minutentakt, genug Sitzplätze, ungestörtes Fahren sind dazu Bedingung.
    Und wer dann doch halt mal eine Ikea-Kiste mit heim bringen will, muss auch noch Platz darin haben.

    Ein Irrglaube ist, dass der Stadtbewohner sich nur in der Stadt bewegt. Seine Verwandten wohnen nämlich in romantischeren Gegenden wo man halt doch auf etwas Motorisiertes angewiesen ist, weil der letzte Bus halt schon um 20 Uhr gefahren ist.

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  8. super vorschlag 😉 😉

    frag mich eh die ganze zeit, wo sie eigentlich steckt – vermutlich plant sie mit enrique fontanilles zusammen so einen pappteller-event zum wahlfinale hin …

    okay, dann mal los – aber nix romantisch, versprochen – streng finanzsozial.

    (ich muss ihr eh noch beibringen, dass sie gfälligscht in basel bleiben soll, auch wenn sie von bern her wachsenden bedarf anmelden … usr4 ff. unzo)

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  9. Ich habe etwas dagegen,dass die Regierung und die Linke auf der einen Seite den Ansässigen befehlen wollen, wie sie sich fortzubewegen haben – Wessels ging ja schon in einem Interview so weit, Leuten, die keine überteuerte Garage vermögen, das Recht auf ein eigenes Auto abzusprechen – und auf der anderen Seite offensichtlich den Bustransport mit den feinen Dieselwolken in die Stadt bringen will.
    Wir brauchen bei unserem über-ausgebauten ÖV ganz sicher nicht noch Busgestank und Feinstaub, nur um Billigtouristen und Tagesbesucher zu sponsern.
    Je mehr Busse verkehren, desto mehr nähert sich ein Land den Entwicklungsländern, die noch kein Drämmli vermögen.

    Ist aber eh alles wurscht, Hauptsache man bleibt ideologisch auf Linie.

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