Der erste Coiffeur von Ocolna

In einem kleinen rumänischen Dorf, ohne jegliche moderne Infrastruktur, versuchen junge Menschen durch aktives Engagement und europäische Unterstützung die Perspektivlosigkeit zu überwinden. Ein Besuch.

(Bild: George Popescu)

In einem kleinen rumänischen Dorf, ohne jegliche moderne Infrastruktur, versuchen junge Menschen durch aktives Engagement und europäische Unterstützung die Perspektivlosigkeit zu überwinden. Ein Besuch.

«Deine neue Maschine ist da», sagt der Postbote und legt auf. Dragoș Chelu muss sich beeilen. Er sucht kurz passendes Geld zusammen und verlässt das Haus. Der Bote traut sich nie mit seinem Auto runter von der grossen Landstrasse, sondern ruft immer an und wartet etwas gelangweilt am Steuer. Derweil rennt Dragoș über staubige Wege durch das Dorf Ocolna, links und rechts spielen Kinder in der grosszügigen Sonne. 

«Die Gassen haben hier eh keine Namen und die Häuser keine Nummern», erklärt Dragoș und lacht. Die Pferdekutsche eines Nachbarn rumpelt an der Kirche vorbei und lässt eine Staubwolke hinter sich. «Bis zum Asphalt», wie man hier sagt, sind es rund zehn Minuten zu Fuss. Und dann endlich kann Dragoș seine Lieferung entgegennehmen: eine neue Haarschneidemaschine.

 

Dragoș Chelu, 21 Jahre alt, ist der erste Friseur von Ocolna. Sein Traum: ein eigener Salon. Hier, nicht weit von der Donau entfernt, im tiefen rumänischen Süden – einer Region, die von der politischen und wirtschaftlichen Transformation kaum profitiert hat. Im Gegenteil sogar. Mit der Schliessung der staatlichen Landwirtschaftsbetriebe gingen viele Arbeitsplätze verloren.

Von den rund 1500 Einwohnern Ocolnas haben nur sechs einen festen Arbeitsplatz. Kein Haushalt verfügt über fliessendes Wasser, Gas oder moderne Kanalisation, asphaltierte Strassen sind rar. Doch anders als in vielen ähnlichen rumänischen Orten ist die Bevölkerung von Ocolna weder überaltert noch in den Westen ausgewandert.

Die Bürger von Ocolan versuchen ihr Dorf ins 21. Jahrhundert zu befördern und steuern der Landflucht entgegen.

Formell hat Dragoș nie Friseur gelernt. Als er klein war, hat er immer seine mittlerweile verstorbene Mutter dabei beobachtet, wie sie ab und zu den Nachbarn die Haare schnitt, um sich ein bisschen Geld zu verdienen. «Das machte Spass», stellt er fest. Danach wollte er es auch selber probieren, und heute wirkt er in jeder präzisen Bewegung – vom Fehlen vieler erforderlicher Utensilien einmal abgesehen – wirklich professionell.

«Zweiter Schritt also: Wasser im Haushalt und vielleicht auch Kanalisation», wiederholt Hagi Stoican. «Dritter Schritt: Friseursalon», ergänzt Dragoș und lacht, denn ein eigener Salon war eigentlich immer sein Traum. Seit ein paar Jahren scheint das nicht mehr so realitätsfern zu sein, zumal auch dafür EU-Fonds für strukturschwache Regionen zur Verfügung stünden.

«Dann wirst du aber schon die Preise verdoppeln», unterbricht Hagi Stoican augenzwinkernd. «Für dich verdreifachen», kommt messerscharf zurück. Lachen müsse man in Ocolna, folgert der Projektschreiber und Dorfglöckner – und improvisieren.



Dragos träumt von einem eigenen Coiffeur-Salon. Bis es soweit ist, improvisiert er nach bester Ocolan-Art.

Dragoș träumt von einem eigenen Friseursalon. Bis es soweit ist, improvisiert er nach bester Ocolna-Art. (Bild: George Popescu, n-ost)

Neben der Maschine besteht die ganze Ausrüstung, über die Dragoș im Moment verfügt, aus einem Kamm, einer Bürste, einem Rasiermesser und einer einzigen, einfachen Schere aus dem nächstgelegenen Supermarkt. Um die Haare waschen zu können, muss er in einer kleinen Wanne Wasser holen und es anschliessend draussen auf dem Feuer, im Winter auf dem Holzofen, erwärmen.

Der nächste Kunde wartet bereits auf dem Hof und Dragoș freut sich: «In Ocolna bewegt sich doch etwas.»

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