Der Kampf um den sanften Touristen

Gedränge auf Flugplätzen und Bahnhöfen, stundenlanges Warten im Stau – auch das gehört zu den Ferienerinnerungen. Ausser man hat sich dieses Jahr für sanften Tourismus entschieden. Doch gibt es das überhaupt?

Natur pur genügt auch an «sanften» Ferienorten nicht, denn auch ökologisch bewusste Touristen haben es gern bequem. (Bild: Andreas Sichelstiel / Keystone )

Gedränge auf Flugplätzen und Bahnhöfen, stundenlanges Warten im Stau – auch das gehört zu den Ferienerinnerungen. Ausser man hat sich dieses Jahr für sanften Tourismus entschieden. Doch gibt es das überhaupt?

Benedikt Loderer, prominenter Architekturkritiker, Stadtwanderer und wortgewandter Kämpfer gegen Landschaftszerstörung wird fuchsteufelswild, wenn er den Begriff «sanfter Tourismus» hört. «Jeder Tourismus ist Massentourismus», sagt er und diskreditiert alle, die dieses Jahr auf den günstigen Flug an Mittelmeer- und andere Strände verzichtet und Ferien in einer als naturnah angepriesenen Destination in der Schweiz vorgezogen haben. Und er wird noch deutlicher: «Jeder Tourismus ist Schändung der Landschaft und zerstört die Lebensgrundlage kommender Generationen.»

Naturnahe Ferienorte verlieren

Hoppla, da ist einer ganz grundsätzlich geworden. Und es wird ihn im Gegensatz zu den rund 145 000 Beschäftigten im Tourismusbereich wenig freuen, dass das Bundesamt für Statistik dieser Tage für den Juni eine steigende Tendenz von Feriengästen bekannt gegeben hat. Im Juli dürfte der Trend anhalten.

Es sind vor allem Touristen aus China und dem übrigen asia­tischen Raum, aus arabischen Ländern, Russland und den USA, die für den kleinen Boom sorgten. Aber sie beglückten – mit Ausnahme des Tessins – nicht in erster Linie die traditionellen Ferienregionen in den Bergen, sondern die Städte und das Genferseegebiet. Ferienziele, die nicht als Inbegriff des sanften Tourismus gelten. Naturnahe Feriendestinationen sind eher in anderen Regionen angesiedelt, in ausgerechnet jenen nämlich, die im Vergleich zum Vorjahr Gäste verloren haben. Im Wallis etwa oder in Graubünden.

E-Bikes für Ökoreisende

Dorthin fahren offenbar auch zu wenige Schweizer, um den Rückgang der Logiernächte aufzuhalten. Ihre Reiselust nimmt zwar ebenfalls zu, doch es zieht sie eher ins Ausland. Von den insgesamt rund 17  Millionen Schweizer Reisen führen mehr als 60 Prozent über die Grenze. Die Lust aufs Meer, aufs Entdecken neuer Länder, der Wechselkurs sowie die Billigflüge machen den einheimischen Wirten und Hoteliers das Leben schwer. Insbesondere jenen, die auf die Karte sanft setzen.

Das spürt auch Heinz Kern vom Ökohotel Ucliva in Waltensburg. Er, der recht konsequent den angeblich erfolgreichen, sanften Tourismus praktiziert, muss um Gäste kämpfen. «Wir bieten Natur und Landschaft an, wie sie ist, verwenden regionale Bioprodukte, achten beim Betrieb auf umweltfreundliche Technologie und sind in allen Bereichen bestrebt, den ökologischen Fussabdruck zu verkleinern», sagt Kern.

Doch letztlich kommt auch er nicht darum herum, mit Attraktionen wie der Vermietung von E-Bikes Gäste anzulocken. Und er weiss, dass auch Leute, die sanfte Ferien machen, es bequemer finden, mit dem Privatwagen nach Waltensburg zu fahren. Der volle Parkplatz vor dem Ucliva zeugt davon. Naturnah allein genügt nicht. Kern ist überzeugt: «Würde unser Hotel in der Nähe eines touristisch frequentierteren Ortes mit allerlei touristischen Angeboten stehen, kämen mehr Gäste.»

Touristischer Ablasshandel

Ist sanfter Tourismus also, wie der eingangs erwähnte Loderer schimpft, nichts als «touristischer Ablasshandel», ein Feigenblatt ökologischer Romantik, hinter dem der bisherige Wahnsinn, die Landschaft zu verschandeln, weitergeht? «Eben nicht», sagt Daniela Bär von Schweiz Tourismus. «Die neue Reisekultur will die touristische Entwicklung in Einklang bringen mit ökologischen Anliegen und gleichzeitig die lokale Kultur und Wirtschaft fördern. Der Gast zeigt sich bereit, sich den lokalen Gegebenheiten anzupassen und lernt so das Authentische und Echte kennen. Das Gästeerlebnis richtet sich dadurch ausschliesslich auf lokale Eigenschaften aus.»

Bär zählt eine ganze Reihe von Destinationen und Angeboten auf, die Schweiz Tourismus empfiehlt: Von der Göscheneralp im Kanton Uri, die ganz den Ausflüglern und Wanderern gehört, übers Steindorf Indemini im Tessin, Ausserferrera im Bündnerland bis zu Orten im Engadin, aber auch Angebote in Städten und Hinweise über entschleunigtes Fortbewegen, die auf einer Gratis-App aufs Handy geladen werden können.

Klar ist: Schweiz Tourismus veredelt mit dem Begriff Nachhaltigkeit und entsprechenden Labels auch sehr viele tradi­tionelle Ferienorte, die sich mit naturnahen Innovationen hervortun. Denn der «sanfte Tourismus», so Bär, spricht nicht zuletzt eine kaufkräftige Kundschaft an. «Eine für sanften Tourismus prädestinierte Zielgruppe sind die sogenannten Lohas», sagt Bär – also Leute mit gutem Einkommen, die einen Lebensstil pflegen, der von Gesundheitsbewusstsein und -vorsorge sowie der Ausrichtung nach Prinzipien der Nachhaltigkeit geprägt ist.

Was in den 1980er-Jahren als Gegenbewegung zum Massentourismus entstand, haben mittlerweile etablierte Tourismusvermarkter als willkommenes Werbe- und Verkaufsargument aufgenommen. «Das erstaunt nicht», sagt Raimund Rodewald von der Stiftung für Landschaftsschutz, «denn das Staatssekretariat für Wirtschaft hat berechnet, dass im sanften Tourismus ein Wertschöpfungspotenzial von 2,5 Milliarden Franken liegt.» Er bezweifelt diese Zahl zwar, befürchtet aber, dass die Aussicht auf solches Wachstum unter dem Deckmantel des sanften Tourismus einen versteckten Massentourismus fördern könnte. Dann etwa, wenn «naturnahe» Ferienziele allmählich mit Attraktionen wie Hängebrücken, Skywalks, Rodelbahnen, Bikerrouten, Kanustrecken aufgerüstet werden. «Schliesslich wollen auch jene, die sanften Tourismus anpreisen, immer mehr Leute anlocken – und das kann man nur mit immer peppigeren Angeboten.»

«Sanfter Tourismus ist bloss eine Trost-Produktion», sagt Benedikt Loderer.

«Kritiker des sanften Tourismus argumentieren oft einseitig ökologisch», sagt Tourismusexpertin Therese Lehmann von der Universität Bern. Doch die Ökologie sei nur eine Säule des nachhaltigen Tourismus (siehe auch «Handbuch Tourismus» und «Tourismus und nachhaltige Entwicklung» auf der Rückseite des Artikels). Die beiden anderen – Ökonomie und Gesellschaft – seien gleichermassen zu gewichten.

Ein bedeutender Bestandteil des sanften Tourismus sei die regionale Verankerung. Der Tourismus kann die Nähe zur Landwirtschaft und zum örtlichen Gewerbe nutzen, und umgekehrt kann dieser die regionale Produktion fördern.

Langsam und in der Nähe

Und – was die touristische Nachfrage betrifft – sei ein Trend festzustellen, dass viele Menschen es schätzen, «langsam und in der Nähe unterwegs zu sein». Tourismusexpertin Lehmann sieht darin auch eine Wohlstandserscheinung: «Die, die schon weit herumgereist sind, suchen das Nahe und Authentische.»

Sanfter Tourismus dürfe nicht mehr allein wie vor 30 Jahren als Abkehr von der rasanten quantitativen Tourismusentwicklung gesehen werden, sondern als anzustrebende Entwicklung mit dem Verantwortungsbewusstsein, alle drei Säulen im Gleichgewicht zu halten: intakte Landschaft, intakte Soziokultur der Einheimischen, regionale Wertschöpfung und optimale Erholung der Touristen.

Und genau das ist es, was Benedikt Loderer so ärgert: «Sanfter Tourismus ist nichts als eine Trost-Produktion – er verklärt den heutigen Massentourismus.» Konsequent immerhin ist er: «Ich mache keine Ferien mehr.»

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 09.08.13

Konversation

  1. Nicht jeder Tourismus ist Massentourismus. Entscheidend ist die Gestaltung des Angebots und das Verhalten der Touristen. Das Aufpeppen eines Angebots kostet Geld. Die Investition muss amortisiert werden. Dazu braucht es mehr Gäste was einen weiteren Ausbau der Infrastruktur bedingt. Der Boom des Event-Tourismus ist am abflauen. Loderer mag zu Hause bleiben und die Welt weiterhin vom Hochparterre aus betrachten und seine, manchmal skurrilen, Ideen verkünden. Viele Menschen zieht es in die Höhe, in die Berge mit Weitblick.

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  2. Loderers Haltung ist nicht zu Ende gedacht (aber er ist damit in guter Gesellschaft): Er geht davon aus dass die Anwesenheit von „Menschen“ mehr oder weniger immer zerstörerisch wirkt in der Landschaft – und hat damit ja oft genug richtig beobachtet.

    Nur vergisst er dabei sich selber – als engagierten Menschen, der eben gerade alles dafür tut um die Landschaft zu schützen! Denn selbst wenn er „konsequenterweise“ jetzt keine Ferien mehr macht: Irgendwann muss er die Landschaft, die er so energisch schützen will, ja einmal gesehen haben, dass sich seine Liebe daran so stark hat entzünden lassen!

    Und warum soll genau das wiederum anderen Menschen verwehrt sein?

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  3. Frau Lehmann erliegt einem weit verbreiteten Irrglauben, wenn sie meint, dass „die beiden anderen [Säulen der Nachhaltigkeit] – Ökonomie und Gesellschaft – gleichermassen zu gewichten [seien].“ Lange Zeit hat man tatsächlich von Säulen geredet, wenn es um die drei Dimensionen von Nachhaltigkeit ging. Das führt dazu, dass sich der Glaube verbreitete, diese drei Dimensionen (Ökonomie, Gesellschaft und Ökologie) könnten getrennt für sich betrachtet und auf Nachhaltigkeit analysiert werden. Das ist grundfalsch und da stehen jedem halbwegs vernünftigen Wissenschaftler die Haare zu Berg. Nachhaltig ist nur, was in allen drei Dimensionen GLEICHZEITIG nachhaltig ist. Das heisst, wenn der sanfte Tourismus vielleicht gesellschaftlich und ökonomisch sinnvoll (ich vermeide das Wort nachhaltig hier bewusst) aber nicht ökologisch ist, dann ist er auch niemals nachhaltig. Was die Fachhochschule hier betreibt ist Greenwashing par excellence!

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