Der Surprise-Verkäufer Peter Gamma ist tot

Peter Gamma (59) zählte zu den allerersten und bekanntesten Surprise-Verkäufern von Basel. Nun ist er für immer entschlafen. Noch im Februar zeigte er der TagesWoche seinen Arbeitsplatz am Bahnhof. Im Gedenken an Peter Gamma publizieren wir den Artikel erneut.

Surprise-Verkäufer Peter Gamma an seinem Standort vor dem Bahnhof SBB. Heute mit Unterstützung von TagesWoche-Praktikantin Jasmin Schraner (Bild: Alexander Preobrajenski)

Peter Gamma (59) zählte zu den allerersten und bekanntesten Surprise-Verkäufern von Basel. Nun ist er für immer entschlafen. Noch im Februar zeigte er der TagesWoche seinen Arbeitsplatz am Bahnhof. Im Gedenken an Peter Gamma publizieren wir den Artikel erneut.

Diese Woche dürfen «Surprise»-Leserinnen und -Leser die Seiten wechseln und das Heft für einmal selbst verkaufen. Wie fühlt es sich an auf der anderen Seite? Ich wage den Selbstversuch.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Februar 2015. Wir publizieren ihn erneut im Gedenken an Peter Gamma, der am Morgen des 10. August tot in seinem Bett gefunden wurde.

Der Schnuppernachmittag startet im «Surprise»-Büro. Hier erhalte ich einen offiziellen Verkäufer-Ausweis. Wer einen solchen besitzt, kann dem Verein Surprise Hefte abkaufen. Eine Mitarbeiterin erklärt mir die Regeln: 3.30 Franken kostet ein Heft, für 6 Franken kann man es weiterverkaufen. Die verbleibenden 2.70 Franken dürfen die Verkäufer einstecken.

«Einfach rufen»

Heute begleite ich einen echten Profi: Peter Gamma – sein Terrain ist der Bahnhof SBB. Vielen Baslern dürfte sein Gesicht bekannt sein – und wenn nicht, dann zumindest seine Stimme. Von Montag bis Samstag ist er am Bahnhofseingang anzutreffen. Gamma ist seit 1997 dabei; er war einer der ersten «Surprise»-Verkäufer in Basel. Schon die dritte Ausgabe des Strassenmagazins ging durch seine Hände.

Trotz Menschengetümmel am Bahnhof muss ich ihn nicht lange suchen. Den Tisch mit Plaketten hat er direkt neben dem Eingang platziert. In der Hand hält er ein «Surprise»-Magazin. Gamma ist nicht nur Verkäufer, er macht auch die Heftausgabe; bei ihm können andere Verkäufer Hefte beziehen. 

«Du kommst mir helfen, hm?», fragt er mich. «Ich bin Peter», sagt er dann und drückt mir gleich ein Magazin in die Hände. «Einfach rufen», so viel Tipp für den Anfang muss reichen. Ab jetzt sind wir ein Team: Ich verkaufe die «Surprise», er die Plaketten.



Mit Surprise-Tasche und -Mütze ausgestattet vor dem Bahnhof SBB. Hier ist Rufen erlaubt.

Mit Surprise-Tasche und -Mütze ausgestattet vor dem Bahnhof SBB. Hier ist Rufen erlaubt. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Auf der anderen Seite des Eingangs erblicke ich die Plaketten-Konkurrenz. «Blagedde – Fasnachtsblagedde», ruft die Verkäuferin. Es macht aber nicht den Eindruck, dass man sich hier gegenseitig Kunden abjagt. Vielmehr leistet man sich Gesellschaft.

Und ich gehöre jetzt auch dazu. Also erhebe ich meine Stimme zu einem ersten «Süüürpriiiis». Peter neben mir steigt in den Chor ein und ruft «Blagedde», und auch gegenüber wird die «Fasnachtsblagedde» laut angepriesen.

Persönliche Kontakte trotz Menschenstrom

Während wir stehen und rufen, strömt die Menschenmasse an uns vorbei. Hin und wieder wird Peter begrüsst mit einem «Sali Peter!». Ob er viele Stammkunden habe? «200 bis 300», sagt er stolz. Viele kenne er beim Namen. «Den Kontakt zu den Leuten habe ich sehr gern. In all der Zeit habe ich praktisch nur gute Erfahrungen gemacht.»

Nach wenigen Minuten verkaufe ich mein erstes Magazin. «Sie habe ich jetzt aber noch nie gesehen. Sind Sie neu?» fragt mich die Frau erstaunt. Erstaunen zeichnet sich auch in den Gesichtern vorbeilaufender Menschen ab. Manche schauen belustigt, drehen sich um, andere nicken mir freundlich zu.

Auf dem Bahnhofplatz fällt langsam der Schnee zu Boden. Heute trägt Peter Schuhe – früher aber war er oft barfuss unterwegs. Auch im Winter.

Das Heft in meinen Händen gibt mir Sicherheit und dient als Legitimation für mein Rufen.

Neben Peter, mir und der Plaketten-Konkurrenz – die mittlerweile auf drei Anbieter angewachsen ist – gibt es auch noch Bettler. Manchmal versuchen sieben Personen gleichzeitig am Bahnhofseingang zu ein bisschen Münz zu kommen. 

Die Plaketten-Verkäuferin gibt mir ein Handzeichen: Ich solle lauter rufen. Ich befolge den Rat. Lauthals vor dem Bahnhof zu rufen, das ist wahrlich ein ungewöhnliches Erlebnis, denke ich mir. Aber das Heft in meinen Händen gibt mir Sicherheit und dient als Legitimation für mein Rufen.



Besonders der persönliche Kontakt wird von vielen Surprise-Verkäufern geschätzt.

Besonders der persönliche Kontakt wird von vielen Surprise-Verkäufern geschätzt. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Nach fast zwei Stunden habe ich drei Magazine verkauft (das macht 8.10 Franken und 4 Franken Trinkgeld für Peter). Um mein Glück noch anderswo zu versuchen, lasse ich Peter am Eingang zurück und gehe zur Passerelle hoch.

Auch im Bahnhof darf «Surprise» verkauft werden – rufen ist hier aber seit einigen Jahren nicht mehr erlaubt. Ich stelle mich also stumm dort hin, wo die Leute die Rolltreppe verlassen. Stumm, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. So gehe ich doch völlig unter, denke ich mir. Ein Magazin verkaufe ich dennoch an einen jungen Mann.

Tipps vom Kollegen

Auf der Passerelle habe ich weniger Überblick, was um mich herum passiert, als vor dem Eingang. Auf einmal taucht eine Frau neben mir auf. «Geht es Ihnen gut?», fragt sie mich. Sie kenne die Verkäufer am Bahnhof alle. «Ich kaufe zwar nie ein Magazin, aber den Verkäufern gebe ich immer etwas Münz», sagt sie. Schliesslich gibt sie mir noch einen Ratschlag, wo ich mich hinstellen soll, damit ich mehr auffalle.

Dann entdecke ich auf der gegenüberliegenden Seite der Passerelle einen anderen «Surprise»-Verkäufer. Auch Urs Saurer ist schon lange dabei. Peter Gamma habe ihn vor gut 16 Jahren geholt. «Am Anfang habe ich nicht viel davon gehalten. Ich habe gedacht, nach zwei Wochen bin ich wieder weg.» Dazu kam es nicht. Jetzt hat er einen Tipp für mich: «Die Leute kaufen nicht mehr, je lauter du schreist.» Es brauche einfach Geduld. Urs hatte heute ebenfalls Unterstützung. Nicht von einem Leser, dafür aber von einer TeleBasel-Reporterin.

Mit dem guten Rat gehe ich wieder zu Peter an den Eingang. Meine Hände spüre ich langsam nicht mehr, meine Füsse schmerzen vor Kälte. Dann erinnere ich mich daran, dass Peter lange Zeit barfuss unterwegs war. Auch heute wird er noch länger vor dem Bahnhof stehen. «Komm wieder mal vorbei», sagt er mir zum Abschied. Vier Hefte habe ich an diesem Nachmittag für ihn verkauft. Und bin um eine spannende Erfahrung reicher. 

Artikelgeschichte

Titel, Teaser, Lead angepasst 10.8. bei erneuter Publikation zum Tod von Peter Gamma.

Konversation

  1. Lieber Peter, du warst der erste Surprise Verkäufer. Deine Starthefte hast‘s du schon im Tram auf den Weg in die Stadt verkauft. Wir konnten viel zusammen erlebt, Hochs und Tiefs. Tschau Peter

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  2. Ich denke mehr an die Handorgel. Er war ein Virtuose auf dem Instrument. Die Handorgel war ein Relikt aus seiner Vergangenheit. Irgendwann Mitte der 90er hat er sie am Aeschenplatz verloren oder sie kam sonst weg. Kam sie je wieder hervor? Ich weiss es nicht. Das Surprise wurde zur seiner Gegenwart. Er wollte das so …. Oder er konnte nicht anders … Dabei hatte er sehr viele Talente. Er war ein Jassgenie, in jungen Jahren ein sehr guter Tschütteler und immer war er auch gesellig. Es gäbe sehr viele Themen für einen Nachruf. Leider gab es auch dunkle Seite, die er kaum überwinden konnte. Am Ende bleibt das Surprise. Tschau Peter.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
Alle Kommentare anzeigen (3)

Nächster Artikel