Die alternden Türken werden zur Herausforderung

Die erste türkische Einwanderergeneration erreicht das Rentenalter. Und – oft aufgrund harter Arbeitsbedingungen – tendenziell früher die Pflegebedürftigkeit: eine Herausforderung für Pflegeeinrichtungen, aber auch für die betroffenen Familien.

Elif Yildirim will die Bedürfnisse von türkischen Migranten im Pensionsalter abklären lassen. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Die erste türkische Einwanderergeneration erreicht das Rentenalter. Und – oft aufgrund harter Arbeitsbedingungen – tendenziell früher die Pflegebedürftigkeit: eine Herausforderung für Pflegeeinrichtungen, aber auch für die betroffenen Familien.

Die gelernte Pflegefachfrau und Sozialarbeiterin Elif Yildirim stiess bei der Suche nach einem Thema für ihre Abschlussarbeit an der Hochschule für Soziale Arbeit auf absolutes Neuland: «Die Migranten aus der Türkei sind relativ spät in die Schweiz gekommen und erreichen erst jetzt das Pensionsalter. In fünf bis zehn Jahren wird es einen Bedarf an speziellen Pflegeeinrichtungen geben, wie es sie zum Beispiel für Italiener oder Spanier schon lange gibt.»

Das Problem: Die Erfahrungen mit italienischen Seniorinnen oder Senioren lassen sich nicht einfach auf die türkisch/kurdische Diaspora übertragen. «Der Stereotyp vom türkischen Gastarbeiter ist völlig realitätsfern», sagt Yildirim. Im Gegensatz zu Italien oder Spanien sei die Türkei ein Vielvölkerstaat und entsprechend unterscheiden sich die einzelnen Migrantengruppen, die miteinander nicht viel zu tun haben.

«Das reicht von den verschiedenen Religionszugehörigkeiten und Volksgruppen über die politische Orientierung bis zum Bildungsstandard.» Urbane, linke und laizistische Menschen aus der Grossstadt haben mit ostanatolischen Bergbauern nicht viel gemeinsam.

Misstrauen gegenüber Institutionen

Kommt hinzu, dass normalerweise ein Drittel der Migranten im Rentenalter ins Heimatland zurückkehrt. «Das werden bei den türkischen Migranten deutlich weniger sein. Die politisch verfolgten Kurden zum Beispiel werden sich gerade jetzt vor einer Heimkehr hüten.»

Ausserdem ist bei türkischen Familien die Tradition, dass man sich um einander kümmert statt sich auf öffentliche Institutionen zu verlassen, viel stärker verwurzelt. Gerade bei der – in Basel überproportional vertretenen – kurdischen Gemeinde ist das Misstrauen gegenüber offiziellen Institutionen sehr gross: «Von offizieller Seite sind die Betroffenen nur schwer erreichbar», sagt Yildirim.

Zudem verlieren insbesondere die Männer mit der Pensionierung ihren Bezug zur Arbeitswelt und damit zum Schweizer Alltag. «Das führt, wie bei den Italienern früher häufig beobachtet, zum sogenannten ethnischen Rückzug. Die Menschen verlieren nicht nur den Kontakt zur Schweizer Bevölkerung, sondern oft auch ihre Sprachkenntnisse.» Eine regelrechte Desintegration im Alter.

Tradition des familiären Engagements

Gerade für konservativere Türken und Kurden ist es ein grosses emotionales Problem, alt und hilfsbedürftig zu werden. «Das ist sehr schambefrachtet», erklärt Yildirim. Umgekehrt ist es für die jüngeren Familien eine regelrechte Schande, die Versorgung der Alten nicht gewährleisten zu können, weil in der durchorganisierten, reglementierten und städtischen Schweiz schlicht die Möglichkeiten dazu fehlen.

Darum hat der Verein für Interkulturelle Altersfragen Via auf der Grundlage von Yildirims Bachelor-Arbeit «Alter und Migration – Ein bedarfs­ge­rechter Lebens­abend für ältere Migrant­innen und Migranten aus der Türkei» das Projekt Via-EGE lanciert. Ziel des Projekts ist es, schon jetzt per Feldforschung und im Dialog mit den vorhandenen Infrastrukturen die kommenden Bedürfnisse abzuklären, bevor man vor einem Problem steht. Zum Beispiel in Zusammenarbeit mit religiösen Gemeinden, Kulturvereinen und politischen Interessengruppen.

«Die Tradition des starken familiären Engagements ist ja keineswegs ein Defizit. Sie kann sehr viel zur Altenpflege beitragen. Gerade wenn es darum geht, die Seniorinnen und Senioren so lang wie möglich in ihrem sozialen Umfeld zu belassen», sagt Yildirim. Allerdings gilt es, die jüngeren, meist gut integrierten Generationen zu sensibilisieren und miteinzubeziehen.

«Diesmal müssen die Jungen ihren Eltern beibringen, wie es gemacht wird – zum Beispiel zwischen Pflegeangeboten und den Betroffenen vermitteln. Die älteren Türken und Kurden denken nicht voraus. Man reagiert, wenn man Probleme bekommt. Diesen Mechanismus wollen wir durchbrechen.»

Konversation

  1. Die meisten dieser Zuwanderer haben ein Schwerarbeit-Leben hinter sich und wurden oft ab 45-50-jährig dadurch krank. Der oft krankheitsbedingte Verlust der Arbeit und der Umgang der hiesigen Versicherungen damit (Stichwort „Päusbonok“) führt oft geradewegs in eine chronische Armut, zumal Alternativtätigkeiten schon längst ins Ausland verlagert wurden. Es bleibt ein Bezug zur älteren einfachen Landwirtschaft, woher viele kamen (und auch angeworben wurden). Des weiteren sind dichtere soziale Kontakte üblich, die hiesig oft als Freundschaften missverstanden werden, sondern eher einer besseren Nachbarschaftshilfe entsprechen. Wohl besonders wegen den Frauen und Müttern, die in der Nähe ihrer Kinder bleiben wollen, werden die Altgewordenen daher hier bleiben oder höchstens die Männer zurück wandern. Daher müssten entsprechende altersgerechte Strukturen darauf eingehen. Der Islam ist insgesamt noch vielfältiger als das Christentum, was bedeutet, dass die Religiosität nicht einfach mit einer Moschee (halt ohne Türmchen) abgedeckt werden kann.
    Eine wesentliche Aufgabe könnte auch sein, den Alten eine adäquate hiesige letzte Ruhestätte anzubieten, die in der Nähe ihrer Kinder liegt. Das wäre Aufgabe der Friedhofsbehörden.

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  2. im besten sinne präventiv und integrativ. in den gängigen soaps sind sie ja vertraut, die von der familie umzingelten spitalpatienten: mit allerlei köstlichkeiten bestens versorgt …
    um den bogen zu schliessen: vom miteinbezug der familienangehörigen in die institutionelle altenbetreuung könnten dann wiederum die übrigen bürgerInnen nur lernen.

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    1. in kuzguncuk bei üsküdar am bosporus sitzend, lese ich bei einem glas cay ihren lesebeitrag. leider verstehe ich nur bahnhof. bitte helfen sie mir mit etwas geduld, auf die sprünge. besten dank und einen „iyi akşamlar“

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  3. … gängigen soaps
    verdelli-können sie auch deutsch schreiben,
    was hat dies mit seife zu tun, schenke ihnen
    gerne eine Lux oder eine Schmierseife, jedenfalls
    begreife ich ihren kommentar genauso wenig wie
    peterblaser

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    1. @pubol
      sorry, verschnurpfte steno.
      soap (soap opera – seifenoper) meint in meinem text tv-serie, zb „türkisch für anfänger“ oderso. darin wird alles biz veräppelt.
      die schweiz bietet in spitälern und alterspflegeheimen vergleichsweise luxus, was die versorgung betrifft. An vielen orten dieser welt stellt die institution nur das gröbste, wenn überhaupt. Und die familie ist eben dafür besorgt, den pflegling zu versorgen. Und fühlt sich auch dafür verantwortlich.
      @blaser
      Na, das wird am prächtigen ambiente liegen 😉
      Nun, ich nehme einzelne thesen des textes auf, wonach sich grade ältere türken (explizit kurden) damit schwer tun werden, sich gegebenenfalls auch in institutionelle betreuung zu begeben, während sich die restfamilie in besonderem mass für deren wohlergehen verantwortlich fühlt. Auf letzteres nehme ich bezug … und es gibt derweil oft genug ältere menschen in den aph’s, die wenig bis gar keinen familiären support erhalten. Die voraussicht auf den künftigen spezifischen bedarf – nicht jede betreuungssituation kann privat/familiär übernommen werden – erachte ich als sehr sinnvoll. Und gleichzeitig könnte ich mir vorstellen, dass sich bei der ausarbeitung solch eines betreuungskonzepts womöglich sinnvolle erkenntnisse einstellen, die wiederum zum vermehrten einbezug der angehörigen andernorts verwendung finden könnten.

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