Die digitale Nanny fährt mit

Die digitale Aufrüstung der Automobilindustrie ist in vollem Gange. Bald sollen die Augenbewegungen analysiert werden, um müde Fahrer zu warnen. Doch mit dieser Technologie erhalten die Autohersteller auch heikle Daten über ihre Kunden.

Augen fürs Auto: Moderne Technik hilft dem Fahrer – und überwacht ihn gleichzeitig. (Bild: Hans-Joerg Walter)

Die digitale Aufrüstung der Automobilindustrie ist in vollem Gange. Bald sollen die Augenbewegungen analysiert werden, um müde Fahrer zu warnen. Doch mit dieser Technologie erhalten die Autohersteller auch heikle Daten über ihre Kunden.

Man hat sich ja schon ein wenig an die Bevormundung im Auto gewöhnt. Das nervtötende Fiepen ermahnt den Fahrer, sich anzuschnallen, das Licht anzumachen oder die Handbremse zu lösen.

Das ist noch harmlos. Immer mehr Wagen verfügen über einen Event Data Recorder (EDR), eine Art Fahrtenschreiber. Er zeichnet Aufprallbeschleunigung, Gurtschlosszustände sowie Sitzpositionen auf und setzt bei einem Unfall einen Notruf ab.

Fahrzeugversicherungen bieten sogenannte Telematik-Tarife an. Wer sich verpflichtet, einen Schreiber in sein Fahrzeug einbauen zu lassen, bekommt eine günstigere Prämie. So hat die auf Autoversicherungen spezialisierte deutsche Sparkassentochter S-Direkt seit diesem Jahr einen entsprechenden Telematik-Tarif im Portfolio. Und die Schweizer Axa bewirbt neuerdings ein Angebot namens Drive Recorder, bei dem Junglenker bis 25 Jahre durch sicheres Fahrverhalten ihre Versicherungskosten reduzieren. Wer sich überwachen lässt, spart Geld.

«Mach mal Pause», sagt der Computer

Die Diskussion um Telematik ist noch nicht einmal im Ansatz geführt, da könnte eine neue Innovation die Gemüter erhitzen: General Motors testet derzeit eine Technologie, die die Augenbewegungen des Fahrers analysiert. Wie die «Financial Times» berichtet, hat der Autobauer eine Kooperation mit dem australischen Start-up Seeing Machines geschlossen.

Das Unternehmen produziert Gadgets, mit denen die Augen- und Rotationsbewegungen des Fahrers analysiert werden. Die Technik wird bereits bei Trucks eingesetzt, um die Müdigkeit von Fahrern frühzeitig zu erkennen. Algorithmen errechnen, wohin der Fahrer schaut. Das Ziel ist klar: Ablenkung minimieren, Sicherheit erhöhen, Unfälle vermeiden.

Autobauer trauen den Fahrern nicht mehr zu, allein zu entscheiden, ob sie eine Pause brauchen.

Das Assistenzsystem Attention Assist von Daimler fordert den Fahrer bei Ermüdungserscheinungen auf, eine Pause zu machen. Der «Aufmerksamkeitsassistent» beobachtet das Fahrverhalten des Autolenkers und erstellt auf Grundlage von Sensorendaten ein individuelles Verhaltensmuster.

Lexus verwendet in seinen Autos ein System namens Driver Monitor, das mit einer Kamera die Lidbewegungen des Fahrers analysiert, um festzustellen, ob er übermüdet ist oder zur Seite blickt.

Das Auto wird zum fürsorglichen Kindermädchen. Das mag einem noblen Zweck dienen. Doch dahinter steckt das diffuse Gefühl, beobachtet zu werden.

Der Technik liegt ein krudes Menschenbild zugrunde: Die Autobauer trauen dem mündigen Fahrer offensichtlich nicht mehr zu, allein zu entscheiden, ob er eine Pause einlegt oder nicht.

Das Auto als Petzer

«Die Technologie wirft eine Reihe alarmierender Fragen auf», sagt Andrew Blumberg, Mathematikprofessor an der University of Austin. «Wenn nur ein Licht aufblinkt – Sie sind müde, machen Sie eine Pause! – ist das eine Sache. Wenn aber Autohersteller wie General Motors Zugriff auf die Daten haben, dann können diese an Dritte weitergegeben werden, etwa an die die Polizei oder Versicherungen.» So könnte das Auto etwa der Polizei melden, dass der Fahrer unter Alkoholeinfluss steht – denn das ist an den Pupillen zu erkennen.

Krankenkasse könnten massgeschneiderte Policen und Premiumtarife anbieten – je nachdem, wie oft der Fahrer müde fährt. Bei einem Unfall liessen sich zudem Haftungsfragen klären, was juristisch heikel ist. Denn solche Informationen dürfen vor Gericht normalerweise nicht verwendet werden (ähnlich wie bei Dash Cams, die manche Autofahrer an der Frontscheibe installieren).

Das Problem an der Technik ist, dass sie qualitativ ganz andere Informationen preisgibt. Im Gegensatz zu GPS-Daten handelt es sich bei Video-Aufzeichnungen um biometrische Daten. Jede Pupille ist anders und kann einer bestimmten Person zugeordnet werden. Der Fahrer könnte später bei einer Versammlung identifiziert werden.

«Es gibt eine Menge potenzieller Missbrauchsmöglichkeiten», sagt Datenschutzexperte Blumenberg. General Motors betont, dass die Daten anonymisiert würden. Aber wer kann das schon kontrollieren?

Datenhungrige Autohersteller

Früher war das Auto ein Fortbewegungsmittel, das einen von A nach B brachte – viel Mechanik, wenig Elektronik. Heute sind Autos mit GPS, Internetverbindung, Datenspeichern und Kameras ausgestattet.

Ob man seine Kinder zur Schule fährt, wann man zum Arzt geht oder wo man am Wochenende einen Ausflug unternimmt – all das könnte bald in den Zentralen der Automobilkonzerne landen.

Datenschützer schlagen Alarm. In einem modernen Auto sind 100 Millionen Zeilen Programmiercode verbaut. Zum Vergleich: Das Smartphone-Betriebssystem Android kommt auf zwölf Millionen Zeilen.

Das Auto bietet deutlich mehr Angriffsfläche. Ein Fahrzeug zu hacken, ist ein Kinderspiel.

Der Schweizer Jurist Sylvain Métille von der Anwaltssozietät BCCC, der sich auf Datenschutzrecht und Cyberkriminalität spezialisiert hat, fordert mehr Transparenz im Umgang mit sensiblen Daten.

Auf Anfrage sagt Métille: «Dem Fahrer müssen eindeutige Informationen über die gesammelten Daten, ihren Zweck und mögliche Weiterverwendung gegeben werden. Der Fahrer sollte die Möglichkeit haben, diese Geräte abzuschalten. Mit Respekt auf die Verhältnismässigkeit muss die Menge der verarbeiteten Daten begrenzt sein.»

Allein, der Datenhunger der Automobilindustrie ist beträchtlich gewachsen. Hinter den wohlwollenden Ratschlägen am Steuer stecken knallharte kommerzielle Interessen.

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