Die ganze Schweizer Bevölkerung könnte im Tessin leben, wenn…

In Basel leben mehr als 6000 Menschen pro Quadratkilometer, in Mulegns im Bündnerland weniger als einer. Wir laden sie zu einem interaktiven Gedankenexperiment ein: Wählen Sie eine Gemeinde aus und finden Sie heraus, wie die Schweiz aussehen würde, wenn alle so dicht leben würden wie dort.

Dichtestressomat (Bild: Hans-Jörg Walter / David Bauer)

In Basel leben mehr als 6000 Menschen pro Quadratkilometer, in Mulegns im Bündnerland weniger als einer. Wir laden sie zu einem interaktiven Gedankenexperiment ein: Wählen Sie eine Gemeinde aus und finden Sie heraus, wie die Schweiz aussehen würde, wenn alle so dicht leben würden wie dort.

Wie viele Menschen verkraftet das Land? So lautet eine der zentralen Fragen, die im Zusammenhang mit den bevorstehenden Volksinitiativen zur Einwanderung diskutiert werden. Es geht dabei um Infrastruktur, Wohlstand, kulturelle Vielfalt, um die Umwelt, aber auch um ganz grundsätzliche Fragen des menschlichen Zusammenlebens. In der Titelgeschichte der Wochenausgabe vom 17. Januar beleuchten wir die Frage aus all diesen Blickwinkeln im Detail (auf Papier oder in der App der TagesWoche).

Nicht ausblenden, aber in den Hintergrund rücken wollen wir diese Aspekte mit dem «Dichtestressomat», einer interaktiven Datenapplikation, die einen frischen Blick auf die aktuelle Situation bietet und Gedankenspiele ermöglicht. 

  • Die Schweiz als 8-Millionen-Stadt auf der Fläche des Kantons Aargau, mit 25 Kantonen für Landwirtschaft, Industrie und Freizeit: Möglich wäre es, wenn alle Menschen so dicht beisammen wohnen würden wie heute die Menschen in Basel.
  • Eine Schweiz mit gerade mal noch 160’000 Einwohnern: Mehr würde das Land nicht ertragen, wenn die ganze Schweiz so dünn besiedelt wäre wie die Gemeinde Kandersteg.
  • Die 200-Millionen-Schweiz: Resultat einer Bevölkerungsdichte, wie sie heute Genf aufweist. Platz für Landwirtschaft bliebe zwar nicht mehr, es sei denn, die Waldflächen würden reduziert.

Wie kommen wir zu diesen Zahlen? Die Berechnung geht von der jeweiligen Bevölkerungsdichte von 2’485 Schweizer Gemeinden Ende 2012 aus (aktuellste verfügbare Zahlen des Bundesamt für Statistik). Diese Dichte – Anzahl Einwohner pro Quadratkilometer – wird auf die Fläche der ganzen Schweiz hochgerechnet. Dabei wird als Fläche die sogenannte «produktive Fläche» abzüglich aller Waldflächen angenommen. Sprich: Es wird angenommen, dass auch im Gedankenexperiment niemand auf dem Matterhorn wohnt, keine Wälder abgeholzt oder Seen aufgeschüttet werden. Eine Ausnahme sind die Fälle, wo die gesamte aktuelle Bevölkerung in einem Kanton Platz finden würde – dort haben wir die produktive Fläche des Kantons inklusive Wälder verwendet.

Geben Sie in der Applikation oben die Gemeinden ein, für die Sie sich speziell interessieren oder klicken Sie auf eines der von uns vorgeschlagenen Beispiele.

Einige Szenarien, die sich ergeben, haben wir in den nachfolgenden Grafiken bereits zusammengestellt. Als Erstes: Wie viele Menschen in der Schweiz theoretisch leben könnten, wenn alle so dicht beeinander wohnen würden wie in einer der 20 grössten Schweizer Städte.

Die zweite Grafik zeigt die zehn am dichtesten besiedelten Gemeinden der Schweiz und was es bedeuten würde, wenn alle Menschen in der Schweiz so dicht leben würden. Ausser Massagno (Lugano) und Basel liegen alle Gemeinden in der Westschweiz.

Am anderen Ende der Skala: Die am dünnsten besiedelten Gemeinden der Schweiz und was es für die Bevölkerung der Schweiz bedeuten würde, wenn alle so viel Platz hätten. Im Fall von Mulegns in Graubünden, wo Ende 2012 auf einer Fläche von 33 km2 nicht mehr als 27 Menschen wohnten, hätte es in der ganzen Schweiz noch Platz für rund 10’000 Menschen. 

Konversation

  1. Eine sehr aufschlussreiche und meiner Ansicht nach sehr verdienstvolle, weil intelligente Verarbeitung von statistischem Material!
    Wie Tanner bereits – sehr richtig – bemerkt: Die Zersiedelung des schweizerischen Mittellandes (vom Bodensee bis zum Südende des Lac Léman) ist nicht einer wie immer angeblich zu Stande gekommenen „Übervölkerung“ geschuldet, sondern fehlendem Siedlungsgestaltungswillen.
    Dieser Mangel ist eine politische Größe.
    Die Größe gründet unter anderem auf einer übertriebenen Gemeindeautonomie, welche zahlreichen Kriterien wie Zonenplanung oder Infrastruktur, Industrieansiedlung, Einfamilienhauszonen oder zum Beispiel Zweitwohnungszulassung für touristische Zwecke an Gemeindegrenzen bindet. Gemeindegrenzen, welche mit den realen Gegebenheiten oft nichts oder nichts mehr zu tun haben. Natürlich gibt es auch „kantonale Richtlinien“. Das mag – im Verbund betrachtet – für gewisse Nachbarkantone sogar einen gewissen Gestaltungsspielraum geschaffen haben oder potentiell schaffen. Beispiel: Aargau/Solothurn/Basel-Landschaft. In der Realität schweizerischer Siedlungsplanung allerdings spielt nach wie vor die Gemeinde die Hauptrolle. Was das bedeutet, kann man sich leicht vor Augen führen, wenn man mit der Bahn von Basel SBB über Liestal-Aarau-Lenzburg nach Zürich HB fährt. Man findet in Europa kaum eine Gegend, die derart zersiedelt und -nebenbei bemerkt – von derart nichtssagender, ja hässlichen Architektur bedacht ist, wie sie einem auf diesem knapp 100 km langen Couloir in die Augen springen.
    Der Eindruck: Da herrscht Beliebigkeit, Zufälligkeit. Es drückt sich alles mögliche aus, nur nicht „erträgliche Nachbarschaft“.

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  2. Verdichtetes Bauen wäre auch für die Bergkantone nicht schlecht. Es braucht nicht jeder Städter ein eigenes Toblerone-Häuschen. Dank Franz Weber wird der Zweitwohnungsbau nun endlich eingeschränkt, trotz massiver Gegenwehr des Freisinns und der freisinnigen Hauseigentümerverbände.
    Verdichtetes Bauen ist alleine schon deshalb von Nöten, weil sich das globale Bevölkerungswachstum, gemäss UNO, um rund 78 Millionen Menschen pro Jahr erhöht.

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  3. Herzlichen Dank für diesen Beitrag! Sehr erhellend.
    Habe angesichts meiner alten, nicht sehr städtischen Wohngemeinde Ingenbohl-(Brunnen) feststellen dürfen, dass selbst eine 11,5 Mio.-Schweiz Luft zum Leben liesse….

    Es ist eh‘ Demagogie, dass im Zusammenhang mit „Verdichtung“ immer die üblichen Hongkong-Horrorquartiere gezeigt werden.
    Würde in der Schweiz konsequent vierstöckig gebaut – was ich aufgrund der überschaubaren Verhältnisse als „menschliches Mass“ bezeichnen würde – wäre heute noch ein Grossteil der Agglomeration grün…

    Die Verdichtung wird aber so oder so kommen. Es ist ökonomischer Wahnsinn, Wasserleitungen, Strassen oder Stromkabel zu Immobilien zu legen, die nur von 4 Personen (Sprich: 1-2 Steuerzahler) bewohnt werden.
    Die Kosten sind – logischerweise – 4-10 Mal höher als in einem Stadthaus.

    Die meisten Landgemeinden generieren heute Steuereinnahmen mit der konzeptlosen Überbauung ihres Landes. Dafür werden sie in 30-40 Jahren mit massiven Instandsetzungskosten bestraft. Das wird enorm vielen Gemeinden das Genick brechen.
    Die Landflucht kann man mit der jetzigen Raubbau-Politik verzögern, aber nicht verhindern. Das Leben auf dem Land ist schlicht zu teuer, als dass es ökonomisch und ökologisch nachhaltig wäre.
    Leben auf dem Lande machte zu Zeiten vor der Industrialisierung Sinn. Heute sollten ausser Bauern niemand mehr im Grünen leben. Was hat man dort verloren?
    Dass in allen Entwicklungs- und Schwellenländern die Leute in die Stadt ziehen folgt dieser ökonomischen Logik. Selbst die hässlichste Favela und die stickigste Fabrik ist attraktiver als die Perspektivlosigkeit und Stagnation auf dem Land.
    Wäre sinnvoll, den Finanzausgleich abzuschaffen. Man versucht damit nur eine Leiche wiederzubeleben. Aber man verpufft damit nur unglaublich viel Energie.

    Schade, dass unser Land zuerst kaputtgebaut werden muss, bis diese Erkenntnis Allgemeingut wird. Immerhin: Mit dem Waldgesetz vor über 100 Jahren hat man weite Teile der Schweiz geschützt und wiedere begrünt.
    Vielleicht kann man ab 2050 auch den Immobilienmüll in der Schweiz dem Erdboden gleichmachen.

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