«Die Superreichen werden verschont»

Vania Alleva ist die erste Frau an der Spitze der Gewerkschaft Unia. Ihr Rezept ist einfach: Man muss die Reichen zur Kasse bitten.

Immer schön freundlich, aber auch kämpferisch: Unia-Co-Chefin Vania Alleva. (Bild: André Raul Surace)

Vania Alleva ist die erste Frau an der Spitze der Gewerkschaft Unia. Ihr Rezept ist einfach: Man muss die Reichen zur Kasse bitten.

Elegant der Auftritt, ausgesucht die Wortwahl, gedämpft die Tonalität. Vania Alleva (42) ist das Gegenmodell zu unserer klischierten Vorstellung eines zornigen Gewerkschafters. Mit ihrer konzilianten und freundlichen Art prägt sie seit November das Bild der grössten Schweizer Arbeitnehmer­vereinigung. Alleva ist die erste Frau an der Spitze der Unia – sie präsidiert die Gewerkschaft gemeinsam mit Renzo Ambrosetti, der in zwei Jahren in Pension gehen wird.

Für die Gewerkschaft und ihre Führungsspitze wird 2013 ein anstrengendes Jahr. Die Abstimmungen über die Mindestlohn– und die 1:12-Initiativen stehen an, bald darauf werden die Personenfreizügigkeit und ihre Konsequenzen im Zentrum der Debatte stehen, und heute schon kommt die Unia im Kampf gegen Lohndumping auf Baustellen kaum nach. Aktuellstes Beispiel ist der Bau der Messe Basel. Auf der Messebaustelle werden beinahe täglich neue Verstösse bekannt. Basel-Stadt habe wohl zu lange die Interessen der Arbeitnehmenden dem Interesse der Messe untergeordnet, sagt Alleva dazu im Gespräch.

Frau Alleva, haben Sie schon mit Rudolf Wehrli, dem neuen Präsidenten von Economiesuisse­, gesprochen?

Noch nicht.

Der Präsident Ihres grössten Feindes hat bei seiner Antritts-Pressekonferenz die Linken ­heftig umgarnt.

Ah ja? Das ist mir entgangen.

Wehrli liest die WoZ sehr gerne, zitiert Hegel, Fichte und Marx. Was ist passiert? Gibt es die beiden grossen Blöcke – Unia auf der einen, Economiesuisse auf der anderen Seite – nicht mehr?

Aber natürlich. Wir stehen klar auf der Seite der Arbeitnehmer, setzen uns entschieden und prononciert für deren Anliegen ein. Natürlich arbeiten wir auch immer wieder mit ­Arbeitgebern zusammen – im Auftrag unserer Mitglieder.

Aus der Ferne dünkt es einen, Economiesuisse würde etwas schwächeln.

Na ja. Sie haben immer noch sehr, sehr viel Geld. Economiesuisse besitzt ein x-Faches unserer Ressourcen. Wir aber gewinnen unsere Kampagnen dank des Engagements von Tausenden aktiven Mitgliedern, wie sich bei der Rentenklau-Vorlage gezeigt hat. Anders geht es gar nicht.

Herz schlägt Geld?

Ja! Ich bin überzeugt: Wenn Arbeitnehmende aktiv für ihre gemeinsamen Anliegen einstehen, in ihrem Betrieb­, in ihrer Branche, in einer politischen Kampagne, dann gewinnen sie. Das Engagement und die Solidarität ­unserer Mitglieder ist ­unsere kostbarste Ressource.

Die Solidarität unter den Arbeitnehmern wird in Zeiten der Krise auf eine harte Probe gestellt. Immer häufiger kommen Leute ohne Arbeit in die Schweiz. Das kann Ihnen, als Vertreterin der Arbeitnehmer in der Schweiz, nicht passen.

Hier muss man ganz sorgfältig hinschauen. Unsere erste Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass die Lohn- und Arbeitsbedingungen in der Schweiz eingehalten werden. Das Problem ­dabei ist ein altbekanntes: Es gibt Arbeitgeber, die ihre Arbeitnehmer gegeneinander ausspielen, den Lohn drücken. Unsere Antwort darauf ist die konsequente Durchsetzung der Gesamtarbeitsverträge, die Einführung von gesetzlichen Mindestlöhnen und die Umsetzung der flankierenden Massnahmen. Hier läuft noch nicht alles optimal, wir müssen nachbessern und über schärfere Massnahmen nachdenken. Und wir müssen sicherstellen, dass die Arbeitnehmer über ihre Rechte informiert sind. Die SVP hingegen versucht aus Fremdenfeindlichkeit politisches Kapital zu schlagen, statt die Probleme zu lösen. Sie ist ­gegen eine Verbesserung der flankierenden Massnahmen und somit gegen Lohnschutz für die Arbeitnehmenden.

Müsste man nicht auch im Ursprungsland der Migranten ansetzen? Und dort vermitteln, dass es keinen Sinn macht, arbeitslos in die Schweiz zu kommen?

Es braucht immer zwei Voraussetzungen für eine Migration: die schlechte Situation zu Hause und die Aussicht auf eine bessere Situation im Ausland. Die Menschen wandern nicht einfach so aus, sondern weil sie ein Stellen­angebot haben. Entscheidend ist, dass die angebotenen Stellen unseren Bedingungen entsprechen. Es kann nicht sein, dass ein Portugiese für drei oder vier Euro auf einer Baustelle arbeitet, von einem Tag auf den anderen entlassen werden kann und nicht einmal mehr genug Geld für die Rückreise hat. Solche Situationen verhindern wir mit konsequenten Kontrollen. Seit der Einführung der flankierenden Massnahmen haben die Kontrollen zugenommen, wir brauchen aber ­weitere Verbesserungen.

Die Situation in Europa wird immer dramatischer. Was kommt auf uns zu?

In Europa werden die Arbeitnehmer arm gemacht. Unkontrollierte Finanzmärkte treiben Europa in einen Teufelskreis. Erst verschulden sich die Staaten, um die Banken zu retten. Dann werden drastische Sparprogramme beschlossen. Die Arbeitnehmenden und Rentner sollen so die Krise der Finanzwirtschaft mit Lohnkürzungen, Rentenkürzungen und dem Verlust des Arbeitsplatzes bezahlen. Man muss keine Öko­nomin sein, um zu sehen, dass das zu einer Rezession führt – und zu einer sozialen Katastrophe.

Mit welchen Auswirkungen?

Wenn die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, führt das zu sozialen Spannungen, die soziale Kohäsion steht auf dem Spiel. Geld ist genug da. Wir haben in Europa 10 Billionen Euro Schulden. Demgegenüber stehen 27 Billionen private Vermögen. Man muss endlich die Reichen zur Kasse bitten.

Für die Gewerkschaften sind die Schuldigen schnell identifiziert: die Wirtschaft, die Banken, die Reichen. Ist das nicht zu einfach? Haben nicht auch der ­ausgebaute Sozialstaat und die hohe Reglementdichte zu Pro­blemen geführt?

Nein. Die Überregulierung ist nicht das Problem. In der Schweiz haben wir ein Arbeitsrecht, das nicht einmal einen anständigen Kündigungsschutz bietet. Das kann man nicht Überregulierung nennen. Wenn aber jemand in der reichen Schweiz zu 100 Prozent arbeitet und nicht davon leben kann, ist das ein Problem, und zwar ein existenzielles. Die Lohnschere geht in der Schweiz und in Europa immer weiter auf. Doch die Superreichen werden verschont.

Kommen wir zu den konkreten Problemen in der Schweiz zurück. Beinahe jede Woche hört man von neuen Lohndumping-Fällen. Die von Ihnen hochgelobten flankierenden Massnahmen versagen.

Nein, sie funktionieren, aber noch nicht gut genug. Ohne die flankierenden Massnahmen würden diese Fälle gar nicht ans Licht kommen.

Eine abschreckende ­Wirkung scheinen sie aber nicht zu haben.

Es gibt heute schon Möglichkeiten, ausländische Unternehmen vom Schweizer Markt auszuschliessen. Leider sind die Verfahren noch relativ kompliziert. Darum bestehen wir darauf, dass die im Parlament beschlossene Solidarhaftung jetzt auch praxistauglich umgesetzt wird.

Dass das noch nicht funktioniert, lässt sich auf der Baustelle der Messe Basel beobachten.

Das schiere Volumen dieses Auftrags ist ein Problem. Die Arbeitgeber tendieren bei einem Projekt dieser Grösse dazu, den Gewinn zu optimieren und Arbeiten an ausländische Unternehmen zu vergeben. Wir sind überzeugt: Es geht nur, wenn wir mit einer Solidarhaftung künftig die Erstunternehmung in die Verantwortung nehmen können.

Die Messe Basel gehört zu 49 Prozent dem Kanton. Hätten Sie sich mehr Unterstützung von SP-Regierungsrat und Wirtschafts­direktor Christoph Brutschin ­gewünscht?

Als Auftraggeber ist der Kanton in der Verantwortung, leider hat es sehr lange gedauert, bis der Regierungsrat dazu gestanden ist. Für die Kontrollen im Bereich der allgemein verbindlichen Gesamtarbeitsverträge sind aber die paritätischen Kommissionen zuständig und nicht der Kanton. Und es darf nicht sein, dass der Kanton auf die Kontrolltätigkeit Einfluss nehmen will.

Diese Tendenz gab es aber.

Es darf auch bei einem Grossprojekt keinen rechtsfreien Raum geben. Der Messebau war sicher eine grosse Herausforderung für die Basler ­Regierung. Der Schutz der Arbeitnehmenden darf aber nicht den ­Interessen des Messestandortes untergeordnet werden.

Sie sind sehr vorsichtig. Müsste man nicht einfach mal offen ­sagen, dass es eine Sauerei ist, wenn ein unterbezahlter Pole oder Portugiese Luxushallen für Uhren aufstellt, die wir uns ­unser Lebtag nie leisten werden können, vom Polen oder Portugiesen ganz zu schweigen?

Darum engagiert sich unsere Gewerkschaft und speziell unser zuständiger Sekretär Roland Schiesser derart: Eben weil es eine Sauerei ist. Im Baugewerbe ist der Druck enorm gestiegen – und immer häufiger wird dieser Druck auf die Arbeit­nehmenden abgewälzt. Ein Teil der Arbeitgeberverbände im Gewerbe arbeitet heute mit uns zusammen. Sie realisieren, dass die Schweizer Unternehmen unter die Räder ­ge­raten. Leider sind andere wie der Baumeisterverband rein ideologisch unterwegs und wehren sich erbittert gegen mehr Lohn­schutz.

Stimmt das Klischee, dass es früher noch Patrons gegeben habe, die sich für ihre Mitarbeiter verantwortlich fühlten und heute nur noch abgehobene ­Manager das Sagen haben?

Diese Entwicklung sehen wir, auch wenn es schon immer rücksichtslose Arbeitgeber gegeben hat. Wenn ich aber mit älteren Gewerkschaftskollegen rede, erzählen die immer, wie sie früher mit den Arbeitgebern auch mal unkompliziert Probleme lösen konnten. Heute geht das nicht mehr so einfach. In den Unternehmen entscheiden teilweise Leute, die in der Region gar nicht verankert sind und ihr Büro vielleicht ganz woanders haben. Logisch, dass sie dem Unternehmen und den Mitarbeitern auch nicht mehr so verbunden sind.

Kommen wir auf die Ladenöffnungszeiten zu sprechen: Es gibt auch einige Verkäuferinnen und Verkäufer, die gerne an einem Feiertag oder an einem Sonntag arbeiten würden, weil sie dann mehr verdienen als an einem normalen Werktag. Was haben Sie dagegen einzuwenden?

Erstens: Coop und Migros behaupten immer wieder, es gebe lange Wartelisten für den Sonntags- und Feiertagsverkauf. Das Problem ist aber, dass ein Laden auch an einem solchen Tag nicht nur mit Aushilfskräften geführt werden kann. Dafür braucht es immer auch einen Teil der Stammbelegschaft. Zweitens: Im Detailhandel gibt es keinen Branchengesamtarbeitsvertrag. Die Folge ist, dass die Arbeitszeiten ­immer länger und länger und zer­stückelter werden. Die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten wäre eine weitere Verschlechterung, die wir unmöglich hinnehmen können.

Alle reden von der 24-Stunden-Gesellschaft. Trotzdem wird – unter anderem in Basel – wiederholt darüber ab­gestimmt, ob die Läden am Abend oder an den Wochen­enden nicht vielleicht doch ein bisschen länger offen sein könnten. Ist das nicht ein wenig seltsam?

Schon, aber das müssen Sie nicht uns sagen, sondern der Gegenseite. In der Schweiz wurde in den ver­gangenen Jahren rund ein Dutzend Mal über die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten abgestimmt und fast immer sagte das Volk Nein. Trotzdem kommen die Wirtschafts­verbände und die bürgerlichen Politiker immer wieder mit den gleichen Forderungen. Die einzelnen Vor­stösse unterscheiden sich inhaltlich zwar alle leicht: Als Gesamtpaket sind sie aber Teil einer übergeordneten Strategie, die für das Verkaufspersonal verheerend ist: Ladenöffnungszeiten rund um die Uhr – am liebsten auch am Sonntag.

Wir haben das Gefühl, die Gewerkschaften verteidigen immer das Bestehende, egal, welche gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen es auch gibt.

Das stimmt überhaupt nicht. Das Problem ist doch, dass einige Unternehmen die Krise als Vorwand nutzen, um Mitarbeiter zu entlassen, damit sie den Gewinn noch weiter maximieren können. Das ist der falsche Weg. Wir setzen uns dafür ein, dass der Industriestandort Schweiz weiterentwickelt wird, dass er wettbewerbsfähig bleibt. Dafür braucht es ein Investitionsprogramm.

Ist das nicht ein verlorener Kampf für die Industrie und gegen die natürliche Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft?

Nein. Der Kampf für den Werkplatz Schweiz und für den ökologischen und nachhaltigen Umbau der Industrie ist nicht verloren und sehr sinnvoll. Gleichzeitig sind wir eine interprofessionelle Gewerkschaft. Bei der Unia-Gründung war es unser strategisches Ziel, in den Dienstleistungsberufen Fuss zu fassen. Inzwischen haben wir schon 50 000 Mitglieder aus diesem Bereich organisiert. Da gegen drei Millionen Angestellte in diesem Sektor arbeiten, ist da noch einiges zu tun. Wir müssen den gewerkschaftlichen Aufbau weiterführen, auch weil die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich oft prekär sind und eine verbindliche Regelung fehlt. Die Folge sind tiefer Lohn, Arbeit ­unter höchstem Stress, kaum Mitbestimmung. Darum braucht es uns auch in den Dienstleistungs­berufen.

Zum Schluss noch ein paar kurze Fragen: Ab wann gibt es den Mindestlohn in der Schweiz?

Nach der Abstimmung über die Mindestlohninitiative Ende dieses Jahres.

Die Vorbehalte sind gross: Die Initiative mache den Wirtschaftsstandort und damit viele Arbeitsplätze kaputt, werden die Gegner sagen.

Das ist völlig falsch. Das gleiche wurde gegen die Gewerkschaftskampagne «Keine Löhne unter 3000» Ende der 90er-Jahre behauptet und es hat sich nicht bewahrheitet, obwohl aufgrund dieser Kampagne in vielen Betrieben die untersten Löhne stark erhöht wurden. Bei der Unterschriftensammlung haben wir gemerkt, wie gross die Sympathie für unsere Forderung ist. Wir haben die richtige Antwort.

Und mit dem Grundeinkommen dürfen wir dann 2014 rechnen?

Unsere Ansicht ist, dass man in der reichen Schweiz von seiner Arbeit leben können muss, dass jeder Lohn für ein Leben in Würde reichen muss. Wir sind skeptisch, den Staat anstelle des Arbeitgebers für die Differenz aufkommen zu lassen. Dann gibt es noch weitere offene Fragen bei dieser Initiative. Darum unterstützen wir sie nicht.

Was wir bisher noch nicht angesprochen haben: Ihre Rolle als Frau an der Spitze der Unia. ­Hätten wir sollen?

Ja. Noch gibt es leider zu wenige Frauen in Führungspositionen von Unternehmen, auch in den Gewerkschaften, obschon diese ja generell immer weiblicher werden.

Ihre Rolle als Migrantin – muss man sich auch darüber noch ­unterhalten?

Oh, da gäbe es Stoff für ein ganzes Kapitel, wenn nicht sogar für ein ganzes Buch. Als Migrantenkind musste ich viele Hürden über­winden. Das frühe Bewusstsein, dass Unterschiede aufgrund der Herkunft gemacht werden, das hat mich stark geprägt. Diese Sensibilität zusammen mit der Überzeugung, dass wir Verhältnisse verändern können, ­haben mich denn auch zur Gewerkschaft geführt.

Gibt es diese Hürden Ihrer Meinung nach immer noch in der Schweiz?

Leider hat sich hier nur wenig ver­ändert. Es wird versucht, aus fremdenfeindlichen Hetzkampagnen ­politisches Kapital zu schlagen. Das ist verheerend und schade, denn ­eigentlich war und ist die Schweiz ein erfolgreiches Einwanderungsland. Wir sollten stolz sein auf die positive ­Integrationskraft der Schweiz, auf die vorhandenen ­Ressourcen und diese optimal nutzen.

Vania Alleva

Die höchste Gewerkschafterin der Schweiz hat einen unge­wöhnlichen Werdegang. Vania Alleva (42) studierte Kunst­geschichte in Rom, arbeitete dort bei Kunstzeitschriften als Journalistin und hängte nach ihrer Rückkehr in die Schweiz ein Nachdiplomstudium in interkultureller Kommunikation an.

Seit 2001 ist Alleva bei der Unia, seit 2008 in der Geschäftsleitung. Sie legt grossen Wert auf den Ausbau des Dienstleistungs­sektors – was ihr kürzlich erschienenes Buch «Verkannte Arbeit» dokumentiert.

Allevas Werdegang ist auch von ihrer Herkunft ­geprägt: Die schweizerisch-italienische Doppelbürgerin wuchs in Zürich als Tochter eines Lastwagenchauffeurs und einer Schneiderin auf. Alleva ist verheiratet und wohnt in Bern.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 25.01.13

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