Die versteckte Entwicklungshilfe – nun mischt auch der Bund mit

Über 20 Millionen Franken schicken Tunesier in der Schweiz jährlich in ihre Heimat zurück. Mit einem Pilotprojekt will das Deza nun Strukturen schaffen, um diese Gelder besser einzusetzen. Das Projekt hat im besten Fall Modellcharakter für die Schweizer Entwicklungsarbeit.

Über 20 Millionen Franken schicken Tunesier in der Schweiz jährlich in ihre Heimat zurück. Mit einem Pilotprojekt will das Deza nun Strukturen schaffen, um diese Gelder besser einzusetzen. Das Projekt hat im besten Fall Modellcharakter für die Schweizer Entwicklungsarbeit.

In einem kargen Sitzungszimmer in Bern Ausserholigen, der Zentrale der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA, sitzt Thomas Rüegg über einer Folie gebeugt, die den Wunschträumen eines Word-Art-Fetischisten entsprungen sein muss: Kein weisser Fleck ist auf dem Blatt zu sehen, nur Kreise und Pfeile und Vierecke in den unterschiedlichsten Formen und Farben. Darüber in französisch: «Le projet CTS: Communauté de Tunisiens/iennes en Suisse».

Remittances – die versteckte Entwicklungshilfe

Die Geldsendungen von Migranten in ihre Heimatländer sind seit 2000 explodiert: Die sogenannten Remittances stiegen innerhalb von zwölf Jahren von (inflationsbereinigten) 204 Milliarden Dollar (2000) auf 540 Milliarden (2012). Die Geldmenge entspricht nur den nachvollziehbaren Überweisungen, über inoffizielle Kanäle dürften gemäss Schätzungen weitere 250 Milliarden Dollar auf der ganzen Welt verteilt worden sein. Die Remittances entsprechen der doppelten bis dreifachen Menge der weltweit verteilten Entwicklungsgeldern. Unterschieden werden bei den Remittances drei Arten: 1. Überweisungen für den täglichen Bedarf der Verwandten. 2. Investitionen in Firmen und/oder Sozialwesen. 3. Kombinierte Überweisungen an Verwandte sowie an NGOS, die das Geld investieren und eine nachhaltige Entwicklung anstreben.

Was Thomas Rüegg auf diesem Tisch in Bern Ausserholigen präsentiert, hat – trotz der diskutablen visuellen Gestaltung – das Potenzial, der Schweizer Entwicklungshilfe einen ganz neuen Dreh zu geben. «Hier können wir einen Unterschied machen», sagt Rüegg, der in der DEZA das Dossier «Diaspora» betreut.

5,7 Milliarden Franken aus der Schweiz

Korrekt müsste es heissen: Hier können sie einen Unterschied machen. «Sie», die Migrantinnen und Migranten, die in der Schweiz arbeiten, Geld verdienen und einen Teil ihres Einkommens zurück in die Heimat schicken. 2011 betrugen diese «Remittances» aus der Schweiz insgesamt 5,7 Milliarden Franken. Das ist mehr als doppelt soviel wie die gesamte Schweizer Entwicklungshilfe im Jahr 2011 betrug (2,1 Milliarden Franken).

Das Pilotprojekt, dessen Skizze Thomas Rüegg mit grosser Leidenschaft erklärt, will das Potenzial dieser Rücksendungen erstmals systematisch und nachhaltig für die Entwicklungszusammenarbeit nutzen. «Die Bedeutung von Remittances für die Entwicklungszusammenarbeit wird immer grösser werden», sagt Rüegg. Nicht alle Arten Remittances sind dabei für das DEZA geeignet, es braucht einen gewissen Grad von Organisiertheit innerhalb der ausländischen Diaspora. Und die Diaspora muss gewillt sein, mit ihrem Geld in der Heimat mehr als das tägliche Leben der Verwandten zu finanzieren.

Die Diaspora muss gewillt sein, mit ihrem Geld mehr als das tägliche Leben der Verwandten zu finanzieren.

Im Fall von Tunesien kommen all diese Faktoren zusammen. Abseits der von den Medien etwas abschätzig «Rüpel-Tunesier» genannten Asylbewerbern, hat sich in den vergangenen Jahren eine gut vernetzte tunesische Diaspora gebildet. Im Jahr 2011 schickten die rund 7000 in der Schweiz registrierten Tunesier 22 Millionen Franken in die Heimat – mehr als doppelt so viel, wie die Schweiz Entwicklungshilfe leistete (9,7 Millionen). Die Tunesierinnen und Tunesier sind dabei in «Associations» organisiert, die nach den gleichen Prinzipien wie klassische NGO funktionieren. Einen Teil der Remittances überweisen die Tunesier nicht direkt in ihr Heimatland, sondern via Vereinigungen. Und diese investiert dieses Geld in langfristige Projekte.

Ziel des Pilotprojektes der DEZA ist es, diese Investitionen der tunesischen Diaspora noch besser zu strukturieren und damit einen nachhaltigen Effekt in Tunesien selber zu erzielen. Gemeinsam mit dem Sozialministerium von Tunesien und der Schweizer Botschaft soll eine Plattform geschaffen werden, um das Geld gezielter einzusetzen. Dabei geht es um abstrakte Begriffe wie «Gute Regierungsführung», «Wissenstransfer» oder «Verantwortlichkeit». Aber es geht eben auch ganz konkret darum, wie das Geld der Tunesier, das sie in der Schweiz verdienen, in ihrem Heimatland einen langlebigen Effekt erzielen kann.

Momentan läuft noch die Vorbereitungsphase für das Projekt, im Herbst entscheidet das Direktorium der DEZA, ob es die benötigten 3,5 Millionen Franken bewilligt. Bei einem Ja zum Kredit läuft das Projekt bis ins Jahr 2018 und wird gleichzeitig von der ETH Lausanne wissenschaftlich begleitet. Im besten Fall hat die Zusammenarbeit zwischen Schweizer Behörden, dem tunesischen Staat und deren Diaspora Modellcharakter. Für tunesische Diasporas in anderen Ländern – und für andere Migrantengruppen in der Schweiz. «Die algerischen und marrokanischen Behörden werden das Projekt ganz genau verfolgen. Auch sie möchten, dass das Geld der Diaspora in der Heimat nachhaltig eingesetzt wird», sagt Rüegg. Vorhanden wäre das Geld: Im Jahr 2011 schickten die Algerier 12 und die Marokkaner 30 Millionen Franken in ihre Heimatländer.

» Geldsendungen von Migranten seit 1970: zur interaktiven Karte

Zur interaktiven Karte

(Bild: David Bauer, Ilya Boyandin, René Stalder)

Konversation

  1. Dass die in die Schweiz gezogenen Menschen Geld, viel Geld nach Hause senden ist auf den 1. Blick sehr gut. Hilft dort angenehm.
    Doch, das birgt auch das Risiko, dass die Schweiz als zu paradiesisch dargestellt wird und weitere Immigranten lockt.
    Wenn mein Onkel jeden Monat 100 CHF/€/USD oder was auch immer senden kann, wie wird es dann sein, wenn 10 Onkel je 100 senden. Also, schicken wir noch ein paar weitere in das Paradies. Und wenn es über Schlepper sein muss. Dann wird es für die Hiergebliebenen noch angenehmer.

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten

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