Diese Kunstaktion wollte die Polizei unbedingt verhindern

Mit einem massiven Einsatz stoppte die Basler Polizei eine Kunstaktion auf dem Messeplatz. Die Jungsozialisten fordern deswegen den Rücktritt von Sicherheitsdirektor Baschi Dürr. Doch was führten die festgenommenen Kunststudenten überhaupt im Schilde?

Enrique Fontanilles bei seiner Festnahme: Der Vizedirektor der Schule für Gestaltung hat die Aktion mitentwickelt. (Bild: Boah Kim)

Mit einem massiven Einsatz stoppte die Basler Polizei eine Kunstaktion auf dem Messeplatz. Die Jungsozialisten fordern deswegen den Rücktritt von Sicherheitsdirektor Baschi Dürr. Doch was führten die festgenommenen Kunststudenten überhaupt im Schilde?

Die Basler Polizei schien das Schlimmste zu befürchten, jedenfalls standen bereits am frühen Freitagnachmittag zahlreiche weisse Kastenwagen eingereiht in der Nähe des Messeplatzes. Die interne Aufklärung hatte Hinweise erhalten, dass sich am Abend eine Protestaktion auf dem Messeplatz ereignen würde, die an die von der Polizei im vorherigen Jahr brutal aufgelöste Favela-Aktion erinnern würde. Auch die Präsenz der Sicherheitskräfte auf dem Platz selber, wo zu dieser Uhrzeit noch der Messebetrieb der Art Basel in vollem Gang war, nahm mit jeder Stunde zu.

Doch der Hauptfokus der Ordnungshüter lag woanders: auf dem Schulhof der Hochschule für Gestaltung und Kunst an der Vogelsangstrasse. Dort spielten sich eigenartige Szenen ab, glaubt man der Schilderung Involvierter. In einem Gebüsch nahe der Schule entdeckten Studenten eine in jägergrün gekleidete Frau, die mit einer Kamera den Schulhof versteckt filmte. Nebenan stand ein Bartträger mit Rosschwanz und einer Harley-Davidson-Jacke, der das Treiben der angehenden Künstler auffällig unauffällig beobachtete.

Polizei-Choreografie als Vorbild

Die rund 25 Schüler liessen sich derweil nichts anmerken und probten ihre Choreografie, die sie später auf dem Messeplatz aufführen wollten – jene Aktion, welche die Polizei mit massivem Mittelaufwand um jeden Preis verhindern wollte. Die Kunstaktion hatten die Schüler gemeinsam mit Enrique Fontanilles, stellvertretender Direktor der Basler Schule für Gestaltung (SfG), entwickelt und Renatus Zürcher, Lehrer und Spezialist für Kunst im öffentlichen Raum an der SfG. Die Proben fanden in der Freizeit statt, die Aktion war nicht Teil einer Lehrveranstaltung. Eingebracht hatten die Idee zwei Studenten, die mit einer Performance die letztjährige Favela-Räumung künstlerisch verarbeiten wollten. Weil Ereignisse sich in der Kunst weiterentwickeln und weil Kunst wichtige Ereignisse weiterdenken muss.

Die Idee war simpel: Die jungen Künstler wollten sich schwarz gekleidet in einem Raster auf dem Messeplatz aufstellen und dann Linie für Linie vorwärts marschieren. In der Hand würden sie Tortenböden aus Karton halten, die Zürcher vorher in einer Konditorei besorgt hatte. Die Choreografie sollte jenes Bild reproduzieren, das die auf einem Video der TagesWoche festgehaltene Favela-Räumung des Vorjahrs geschaffen hatte. Die kreisrunden Pappteller hätten dabei an die Polizisten in Vogelperspektive erinnert. Die Aktion trug den Titel «Art and Order», Grundlage war eine «visuelle Analyse der strategischen Choreographie der Basler Polizeioperation», wie auf der Webseite des Projekts festgehalten ist.

So weit, so harmlos. Weil man keine eigentliche politische Botschaft transportieren wollte (wenn auch eine implizite), hätte die Aktion stumm vorgetragen werden sollen. Sie hätte, so Zürcher, wahrscheinlich kaum jemanden interessiert: «Wäre die Polizei nicht gewesen – die Sache wäre verpufft.»

Zivilpolizistin im Gebüsch entdeckt

Irgendwann während der Probe scherte Zürcher dann aus der Formation aus und ging auf den Mann in der Harley-Jacke zu. Er sprach ihn an: «Hey, ich kenne auch jemanden im Harley-Club.» Der Mann mit dem Rossschwanz reagierte verduzt: «Ich habe gar keine Harley, ich spaziere hier nur ein bisschen rum.» Als der Zivilipolizist enttarnt war, tauchte gleich der Einsatzleiter der Polizei auf dem Schulhof auf, er warnte Zürcher davor, die Aktion vorzutragen. Eine Ansammlung von Menschen würde nicht geduldet werden, die Polizei habe ein Veranstaltungsverbot erlassen.

Zürcher und Fontanilles fragten ihre Studenten: «Seid ihr euch des Risikos wirklich bewusst, wollen wir das durchziehen?» Die Studenten wollten unbedingt, doch als Vorsichtsmassnahme sollten die ausländischen Studierenden nicht aktiv teilnehmen, damit sie später keine Probleme mit ihren Bewilligungen erhalten würden. Zudem wurde die Choreografie abgeblasen. Die Künstler würden nicht mehr als Gruppe, sondern als Einzelpersonen den Messeplatz betreten und dort die weissen, unbeschrifteten Pappkreise sowie kleine bedruckte Flyer (Sie nennen sie «Hostien») an die Passanten verteilen.

Die Polizei liess auch das nicht zu. Eine Schar Zivilpolizisten deckte jeden Winkel des Messeplatzes ab und gab sofort an den Einsatzleiter durch, wenn eine Person mit dem inkriminierten Pappdeckel oder der «Hostie» in der Hand gesichtet wurde. Gesamthaft 34 Personen führten die Beamten ab und verfrachteten sie zur «Kontrolle der Personalien» in den Stützpunkt Waaghof. Mitgenommen wurden auch Art-Besucher, die die Pappteller oder die Flyer entgegen genommen hatte. In einer Szene führte die Polizei eine Teilnehmerin der Aktion ab, diese legte den Tortenboden zur Seite, ein Art-Besucher nahm den Deckel auf – und wurde auch gleich festgenommen. Auch Personen, die an der letztjährigen Favela-Aktion dabei waren, und deren Gesichter die Polizei noch kannte, wurden in den Waaghof verfrachtet.

Kriminelle Pappdeckel: Polizeieinsatz auf dem Messeplatz. (Bild: Boah Kim)

Unter den vorübergehend Verhafteten war auch ein deutscher Besucher der Messe, der ein Foto der Polizeiaktion machte. Fontanilles war mit ihm zusammen im Polizeiauto, das sie wegbrachte. Der Mann habe mehrfach betont, er leide unter Klaustrophobie und brauche Medikamente, er habe geschwankt und habe sich sichtbar unwohl gefühlt, sagt Fontanilles. In der Zelle sei der Deutsche dann zusammengebrochen, erst auf mehrmaliges Rufen Fontanilles‘ sei er schliesslich zum Gefängnisarzt gebracht worden. Eine umfassende Stellungnahme zu diesem Fall und anderen Fragen rund um den Polizeieinsatz hat die Behörde für Montag versprochen.

Mehrere Teilnehmer berichten zudem, sie seien weder über ihre Rechte noch über den Grund der Festnahme informiert worden. Auf Nachfrage habe es bloss geheissen, es handle sich um eine Personenkontrolle.

Auch nächstes Jahr wieder

Auch Zürcher landete in der Sammelzelle, obwohl er gar nicht auf dem Messeplatz war. Ihn hielten die beiden Zivilpolizisten (der Harley-Fahrer, der keiner war und die Ermittlerin, die sich im Gebüsch versteckt hatte) noch in der Vogelsangstrasse fest, wo er mit einer grossen Tasche mit vorrätigen Tortenscheiben unterwegs war. In einem Untersuchungsraum der Tiefgarage im Waaghof durchsuchten die Polizisten Zürcher, der sich dafür nackt ausziehen musste. Schliesslich wurden von allen Abgeführten Fotos gemacht vor einem Schild, auf dem «Favela Aktion» stand.

Nach zwei bis drei Stunden in der Sammelzelle wurden alle Festgenommenen dann freigelassen. Weshalb sie festgehalten wurden, erfuhren sie auch dann nicht. Die Tortenscheiben immerhin durften sie wieder mitnehmen, sagt Zürcher und lacht.

«Wir werden es nächstes Jahr wieder versuchen und jedes weitere Jahr, das kommt», kündigt Fontanilles an. Immer am letzten Freitag der Art Basel, immer um 19 Uhr auf dem Messeplatz. Und hoffentlich mit mehr Leuten, von Hunderten träumt der Kunstlehrer. «Bis uns die Polizei lässt», ergänzt Zürcher, «und die Luft draussen ist».

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«Der Vorwurf des Polizeistaats ist an den Haaren herbeigezogen»: Baschi Dürr verteidigt den Einsatz im Interview mit der TagesWoche.

Juso fordern den Rücktritt von Baschi Dürr

Die Basler Jungsozialisten verlangen von Justiz- und Sicherheitsdirektor Baschi Dürr (FDP) den Rücktritt. Dürr habe beim Polizeieinsatz während der Art Basel zum wiederholten Mal Zweifel an seinem demokratischen Verständnis aufkommen lassen. «Friedliche Demonstranten wurden auf öffentlichem Raum mit Gewalt an ihrer Meinungsäusserung gehindert», schreiben die Juso in einem Communiqué. «Baschi Dürr hat jeglichen Kredit verspielt. Die wiederholte Missachtung des Grundrechtes auf freie Meinungsäusserung ist nicht mehr tolerabel», sagt Juso-Chef Beda Baumgartner.

Baumgartner erinnert an die letztjährige Räumung der Favela-Aktion auf dem Messeplatz und einen Polizeieinsatz an der Uni Basel, als Aktivisten von den Beamten am Verteilen von Flyern am Rande eines Auftritts von Nestlé-Geschäftsführer Paul Bulcke gehindert wurden.

Konversation

  1. christoph meury hat schon recht mit seinem statement. trotzdem – schäbig und peinlich, die aktion unserer polizei…

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  2. Es handelt sich um ein technisches Problem, das unseren Entwicklern noch Rätsel aufgibt. Wir hoffen, dass die Ursache bald gefunden wird und wir den Fehler korrigieren können.

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  3. Nein, ich habe keinen Wagen auf dem Wagenplatz und wohne auch nicht dort.
    Allerdings, wenn die Mieten weiterhin so galopierend steigen, werde ich wohl früher oder später bei den Wagenplätzern anklopfen müssen.
    Steuern zahle ich sehr wenig, weil meine Rente sehr klein ist.
    Es besteht keine Pflicht mehr, im Telefonbuch aufgeführt zu werden.

    Sie sind aber gwunderig! Haben Sie noch mehr Fragen?

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  4. Das ist nun bereits zum zweiten Mal passiert.
    Was ist denn da los ?
    In diesem Fall allerdings bin ich mit dem Inhalt von Meury’s Forderung völlig einverstanden.

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  5. „Eine umfassende Stellungnahme zu diesem Fall und anderen Fragen rund um den Polizeieinsatz hat die Behörde für Montag versprochen.“ Das hiess es doch anscheinend. Wo ist denn nun diese Stellungnahme? So stehen lassen können die Polizei und ihr Departementsvorsteher dieses Vorgehen nicht. Wenn obiger Artikel stimmt, wovon ich leider ausgehe, muss die Unverhältnismässigkeit des Eingreifens erklärt werden….auch wenn wir das Ganze wohl leider auch dann nicht verstehen werden.

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    1. Ich habe auch schon nach dieser Stellungnahme gesucht, und nichts gefunden. Liebe Tageswoche, das ist doch ein gefundenes Fressen für die Presse. Ich hoffe, ihr bleibt dran. Bei der Freiraumdiskussion leistet sich unsere Regierung im Moment echt so einiges…
      Kommunikationstheoretisch ist es aber das „richtige“ Vorgehen, die Sache erstmals ruhen zu lassen. Vielleicht ebbt die Sache von alleine ab, oder falls man doch reagieren müsste, hat man dann schon alle Argumente gehört. Also das heisst, wenn man davon ausgeht, dass Politiker gewissenlose Machtmenschen sind, die sich weder um Gesetz noch Ethik kümmern und einfach schauen, womit sie durchkommen können.

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