Ein Aussenseiter im Zentrum

Ein runder Geburtstag ist eine schöne Sache. Mühsam wird es, wenn alle Gäste am Festgewand zerren. Bruder Klaus feiert genau so eine Party – wieder und wieder.

Die Feier vom 30. April in Sarnen, ganz im traditionellen Rahmen.

(Bild: Keystone/Urs Flüeler)

Ein runder Geburtstag ist eine schöne Sache. Mühsam wird es, wenn alle Gäste am Festgewand zerren. Bruder Klaus feiert genau so eine Party – wieder und wieder.

Er kam vor 600 Jahren auf die Welt: Bruder Klaus vom Flüeli Ranft bei Sachseln, gelegen in der Nähe von Sarnen in Obwalden – und damit nahezu im geografischen Zentrum der Schweiz. Über diverse Kanäle wurden wir in letzter Zeit auf das Jubiläum aufmerksam gemacht. Zugleich wurde informiert, was deswegen drum herum alles gemacht wurde und noch gemacht wird.

Auch die TagesWoche ist bereits am Thema gewesen. Schon im März hat sie einen Roman vorgestellt, der im August 2017 erscheint. Autor Adam Schwarz macht darin aus dem Eremiten den ersten Entdecker von Amerika.

Das ist ein gewolltes Kontrastbild zur gängigen Geschichte, wonach es der Innerschweizer auf seiner Pilgerreise nur bis ins Baselbiet geschafft hat und wieder umgekehrt ist, nachdem bei Langenbruck eine Himmelserscheinung über ihn gekommen war. Jahrhunderte später, am gefahrvollen 13. Mai 1940, sollte sich in dieser Gegend, allerdings in Waldenburg, erneut der Himmel melden. Diesmal aber war es der verehrte Bruder Klaus selber, der die Erscheinung bildete – vielleicht gibt es sogar Fotografien, die beweisen, was von 14 gut beleumdeten Menschen bezeugt und dokumentiert worden ist.

Der Ärger mit dem Feiern

Das Gedenkjahr bietet, was zu einem solchen Jahr eben gehört: Ansprachen und Ausstellungen, Theateraufführungen, Filme, etwas bildende Kunst, vielleicht eine musikalische Komposition, sicher eine Briefmarke, ein Buch zur Erinnerung an die Erinnerung, Familien- und Kindertreffen und so weiter.

Eine Veranstaltung, die am letzten Aprilsonntag in Stans stattfand, wurde als Staatsakt bezeichnet. Bundespräsidentin Doris Leuthard hielt eine Ansprache in Anwesenheit der Kantonsvertretungen mit ihren bunten Weibeln – wobei es das im vergangenen Jahr bei der Eröffnung des neuen Landesmuseums auch schon gegeben hat.

Vielleicht war dieser Staatsakt eine Spätzündung. Rechtsnationale Kreise kolportieren gerne, der Bundesrat habe dem Nationalheiligen die «kalte Schulter» gezeigt und im Sommer vergangenen Jahres erklärt, keine Gedenkfeier veranstalten zu wollen; darum seien die Obwaldner (vor allem die SVP dieses Kantons) angetreten und hätten den Verein «Die Schweiz mit Bruder Klaus» gegründet.

Was dieser Verein an Rednern zusammengestellt hat, ist so etwas wie ein Trio Infernale:

  • Christoph Blocher, SVP-Chef und protestantischer Pfarrerssohn,
  • Peter Keller, SVP-Nationalrat, «Weltwoche»-Redaktor und Inhaber eines Zürcher Lizentiats in Geschichte,
  • der Churer Bischof Vitus Huonder, der in jüngeren Jahren mit wenig Zustimmung als Pfarrhelfer in Sachseln tätig war, das zu seiner Diözese gehört.

Das Trio kann man auch als Quartett lesen. Denn Ex-SVP-Nationalrat Ulrich Schlüer, Herausgeber der «Schweizerzeit», ist für die Medienarbeit des Vereins «Die Schweiz mit Bruder Klaus» verantwortlich.

Die geplante Feier der Rechtsnationalen löste bereits einigen Protest aus. Der Zuger alt FDP-Ständerat Andreas Iten, Autor der noch immer lesenswerten Schrift «Blochers Populismus und Widerspruch» (1999), erinnerte daran, dass Blocher schon einmal über Bruder Klaus referiert und diesen zum Propagandaträger seiner Ideen gemacht habe. Und jetzt verderbe ihm Blochers Auftritt das Jubiläumsjahr.

Rechte Belehrung

Iten ist mit seinem Ärger nicht alleine. Der Obwaldner Autor Carlo von Ah nannte die geplante Gedenkfeier eine «unappetitliche Veranstaltung, die einer Verspottung und Verhöhnung von Bruder Klaus» gleichkomme. Er regte sogar an, einen alten Beschluss der Obwaldner Obrigkeit aus dem Jahr 1482 zu reaktivieren, der den Einsiedler vor «Wunderfitzigen, Besserwissern und hergelaufenen Schurken» schützen wollte.

Für die Grosse Sause setzte Sachseln ihren Niklaus von Flüe um – von einem Eck in die Mitte ihres modernen Dorfbrunnens.

Blochers Hausblatt, die «Basler Zeitung», referierte fast genüsslich dieses Aufbegehren (Ausgabe vom 5. April 2017) und belehrte die Protestierenden, dass Bruder Klaus die Versöhnung gepredigt habe. Zudem warf sie ihnen einseitige Empfindlichkeit vor. Dies, weil sie sich nicht darüber aufgehalten hätten, dass der ehemalige grüne Nationalrat und Historiker Jo Lang in der offiziellen Veranstaltungsreihe ein Referat habe halten dürfen.

Was für eine Symmetrie: dieser einzelne Vortrag eines Linken gegen den Grossauftritt der Rechten mit Begleitbetrieb in einer Mehrzweckhalle, womöglich mitsamt eines von Herrliberg gestifteten Puure-Zvieri. Im offiziellen Programm des Trägervereins mit dem Motto «Mehr Ranft» ist der Auftritt von Blocher & Co. zu Recht nicht aufgeführt.

Neue Akzente der Würdigung

2017 gedenkt man Bruder Klaus nicht zum ersten Mal. Man hat dies schon wiederholt getan, jedes Mal leicht anders, immer entlang der runden Geburts- und Todesjahre. Neben den gängigen Themen, insbesondere seiner Vermittlungstätigkeit bei der zerstrittenen Stanser Tagsatzung, fallen diesmal drei Betonungen auf:

  • Erstens die Würdigung der Haltung und Leistung von Frau von Flüe, beziehungsweise Dorothea, die ihren 50-jährigen Mann und Vater von zehn Kindern in die Klause ziehen liess. Barbara Beusch, Autorin des Buches «Niklaus von Flüe: Eine Begegnung mit dem Schweizer Heiligen», betont, dass das Paar zwei Jahre lang mit dem Entscheid gerungen habe und er nicht ohne ihre Zustimmung gegangen wäre.
  • Zweitens die Relativierung der dem Nationalheiligen zugeschriebenen Mahnung, dass die Eidgenossen den Zaun nicht «ze wyt» stecken sollen: In den meisten Berichten wird darauf hingewiesen, dass dies eine Erfindung des Luzerner Chronisten Hans Salat von 1537 sei, die er über ein halbes Jahrhundert nach der Stanser Konferenz als Lagerlosung der katholischen Innerschweiz gegen die in die Waadt expandierenden reformierten Berner in Umlauf gesetzt hat. Die inzwischen besser verankerte Kenntnis von der Unechtheit des Eremiten-Diktums wird jedoch keinen Nationalkonservativen daran hindern, diese Parole weiterhin einzusetzen, zum Beispiel gegen das Blauhelm-Engagement der Swisscoy im Kosovo.
     
  • Und drittens ist die vielfältige Verwendbarkeit des Heiligen augenfällig. Publizistin Klara Obermüller spricht von einem «Allzweckheiligen», Historiker Urs Altermatt von einer «polyvalenten Erinnerungsfigur», CVP-Präsident Gerhard Pfister von einer «Identifikationsfigur für viele», Bundeshausredaktor Alan Cassidy von einer «wunderbraren Projektionsfläche». Bei der Betonung der vielfachen Verwendbarkeit geht der Heiligenstatus des Jubilaren beinahe unter. Die für die Heiligsprechung benötigten zwei Wunder, sie widerfuhren zwei kranken Frauen 1937 und 1939, sind aber kein Thema – im Gegensatz zu den zwanzig Jahren ohne Nahrungsaufnahme, die aber nach kanonischem Recht gar nicht zählen. Geschätzt wird die Qualität des Alternativen, Aussenseiters, Aussteigers und Asketen.

Klaus, ein Konfessionsheiliger? In Zeiten des ausgeprägten Konfessionalismus ist er gewiss von Katholiken als ihr Schutzpatron gefeiert und von Protestanten deswegen abgelehnt worden. Im Ersten Weltkrieg avancierte der Eremit aus dem 15. Jahrhundert, wie die Feier von 1917 zum 500. Geburtstag zeigt, jedoch zu einer gesamtschweizerischen Bezugsfigur. 1939 war es für den reformierten Pfarrerssohn und Calvinisten Denis de Rougemont kein Problem, im Auftrag des ebenfalls reformierten Kantons Neuenburg den Text zum Klaus-Oratorium für die Landesausstellung zu verfassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg drohte 1947 wegen der Heiligsprechung durch Papst Pius XII. wenigstens vorübergehend eine gewisse Rekatholisierung.

Einer für alle

Zum heurigen Jubiläum gehörte selbstverständlich eine bereits am 1. April unter dem Titel «Gemeinsam zur Mitte» abgehaltene ökumenische Gedenkfeier, die nicht in Sarnen abgehalten wurde, sondern in der Stadt Zug – und damit nicht zufällig, wie vermutet wird, ausserhalb des Zuständigkeitsbereichs des erzkonservativen Churer Bischofs.

Der bekannte Germanist Peter von Matt (ein in der Zürcher Agglomeration lebender Nidwaldner) würdigte den Einsiedler im Rahmen des Staatsaktes vom 30. April als vorreformatorische Gestalt. Gemeint dürfte damit sein, dass ihm ausserhalb der Amtskirche bereits eine Portion individuelle Verantwortung für seine Glaubensgestaltung wichtig war. Es ist überliefert, dass der fromme Mann auch für den Reformator Zwingli bereits um 1500 eine geschätzte Figur war.

Vom Nationalheiligen Niklaus von Flüe kann die eine und andere Ermunterung ausgehen. Das erleichtert, dies und jenes konkret an die Hand zu nehmen, was man ohnehin tun will. Zu den Rekapitulationen der «Wirkungsgeschichte» gehört auch die folgende Episode aus fast ferner Vergangenheit:

In den Jahren zwischen 1983 und 1995 wurde in Flüeli-Ranft ein Friedensdorf geführt. Pazifisten führten eine alternative «Rekrutenschule» durch, was mitunter zu Ärger in bürgerlichen Kreisen führte. 1991, in dem Jahr also, da 700 Jahre Eidgenossenschaft gefeiert wurden, versteckte eine Solidaritätsgruppe am Emeritenort kurdische Flüchtlinge in einem Haus der katholischen Kirche. Am 2. Mai wurde das Haus von der Polizei gestürmt. Auch daran kann man sich im Jubiläumsjahr erinnern.

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Zur genannten Episode hat Erica Brühlmann-Jecklin, Jg. 1949, mit einem Werkauftrag von Pro Helvetia einen bewegenden Bericht verfasst. Er ist unter dem Titel erschienen: «Das Schweizerkreuz nicht mehr ertragen. Die Flüeli-Ranft-Flüchtlinge und ihre VersteckerInnen im Jubeljahr 1991». Nussbaum Verlag, 1994, 2. Auflage 1995.

Konversation

  1. Was ich mich im Zusammenhang mit prominenten spirituellen Grössen immer wieder frage: Was würden diese Grössen gerade von jenen halten, die sich zur Verfolgung ihrer Zwecke so inbrünstig auf sie berufen? Man stelle sich vor: Blocher und von Flüe in der gleichen «Arena» – ich würde es darauf ankommen lassen.

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