Ein Berg Selbstzweifel steht zwischen Spanien und einem Sieg gegen Chile

Nach der Schlappe gegen Holland geht es für Spanien gegen Chile bereits um alles oder nichts, doch der Titelverteidiger ist angeschlagen. Die Spieler haben Selbstzweifel, das Urvertrauen ins Spielsystem fehlt und dann ist da noch Iker Casillas.

Spaniens Fans kennen das Leiden beim Start in ein Turnier: Die Mannschaft von Vincente Del Bosque startete bereits früher schlecht ins Turnier. (Bild: JUAN MEDINA)

Nach der Schlappe gegen Holland geht es für Spanien gegen Chile bereits um alles oder nichts, doch der Titelverteidiger ist angeschlagen. Die Spieler haben Selbstzweifel, das Urvertrauen ins Spielsystem fehlt und dann ist da noch Iker Casillas.

Im spanischen Teamquartier in Curitiba hängt die Erinnerung an den Wänden. Fotos von 2008, Fotos von 2010, Fotos von 2012. Jubelnde Spieler, glückliche Spieler. Dieselben Spieler, die erst mal eine Weile brauchten, um ihr jüngstes Turniererlebnis zu verdauen. Vielleicht haben ihnen die Poster ja geholfen.

«Wir sind angeschlagen, aber wir haben jetzt die Chance, den Karren aus dem Dreck zu ziehen», sagte Nationaltrainer Vicente del Bosque am Dienstag in Rio de Janeiro. Dort, im mythischen Maracanã, wird heute Urteil gesprochen. Nur ein Sieg gegen Chile hält die vielleicht beste, jedenfalls titelreichste Auswahlgeneration aller Zeiten im Turnier. Schon ein Remis wäre wohl zu wenig. Dann müsste Holland gegen Australien verlieren, um Spanien eine belastbare Chance auf das Weiterkommen zu lassen.



Spain's coach Vicente Del Bosque (L) speaks with his goalkeeper Iker Casillas before a training session in Curitiba, June 14, 2014.     REUTERS/Henry Romero (BRAZIL  - Tags:  SOCCER SPORT WORLD CUP)

Der Coach und sein Kapitän – beide hatten schon bessere Tage. (Bild: HENRY ROMERO)

Die Erinnerung: Neben all den Erfolgen ist es ja nicht so, dass Spanien noch nie in einer vergleichbaren Situation gewesen wäre. 2010 ging die Auftaktpartie ebenfalls verloren, gegen die Schweiz. Das nächste Spiel gegen Honduras musste daraufhin gewonnen werden und das dritte auch, gegen Chile, das damals einen noch stärkeren Eindruck vermittelte als nun beim mühsamen 3:1-Auftaktsieg gegen die Australier. Klar, andererseits hinterliessen hier natürlich auch die Spanier andere Impressionen als 2010 beim so knappen wie unglücklichen 0:1 gegen die Schweizer.

«Damals war es eher ein Unfall», sagte Stürmer Fernando Torres, «diesmal fühlten wir uns übermannt und unfähig, das Spiel zu gewinnen.» Anders ausgedrückt: Damals musste man nur ein paar Schrauben festziehen. Diesmal einen Berg von Selbstzweifeln abtragen. Del Bosque legte noch in der Nacht der Rückkehr vom Holland-Spiel das Video des Grauens ein, um die Mechanismen zu verstehen, die zur völligen Desorganisation seiner Elf in der zweiten Halbzeit führten. Auf dieser Basis hat er die Spieler inzwischen offenbar wieder so weit von ihrer Stärke überzeugt, dass Fernando Torres auch sagt: «Diese Gruppe hat immer mal wieder Grenzsituationen gebraucht, um ihr bestes Gesicht zu zeigen. Und das ist jetzt wieder so eine.»

Spain's goalkeeper  Iker Casillas reacts after a goal by Netherlands during their  2014 World Cup Group B soccer match at the Fonte Nova arena in Salvador June 13,2014. REUTERS/Marcos Brindicci (BRAZIL - Tags: SPORT SOCCER WORLD CUP TPX IMAGES OF THE DAY)

Innerhalb der Mannschaft scheint man sich nicht über den idealen Weg denn auch nicht mehr ganz einig zu sein. «Wir werden mit unserem Stil siegen oder sterben, denn er hat uns erfolgreich gemacht», sagte vor dem Auftaktspiel die alternde Tiki-Taka-Ikone Xavi, der nach Medienberichten vom Dienstag demnächst in Katar spielen wird. Derweil Cesc Fàbregas, der seinerseits Barcelona zu Chelsea verlässt, für einen direkteren Ansatz plädierte: «Unser Passspiel muss dynamischer sein und klarer das gegnerische Tor suchen. Im Fussball kann man auf verschiedene Weisen gewinnen.»



Spain's Andres Iniesta attends a news conference at Maracana stadium ahead of their 2014 World Cup match against Chile in Rio de Janeiro June 17, 2014.   REUTERS/Ricardo Moraes (BRAZIL  - Tags:  SOCCER SPORT WORLD CUP)

Glaubt nicht mehr ans Tiki-Taka: Andres Iniesta. (Bild: RICARDO MORAES)

Fàbregas begründete seinen Vorschlag auch damit, dass ja gegen Chile deutlich gewonnen werden müsse, um schon mal das womöglich am Ende zum Weiterkommen entscheidende Torverhältnis aufzubessern. Ein klarer Sieg gegen die unbequemen Chilenen? Del Bosque gefallen solche Sprüche gar nicht. «An ein Schützenfest zu denken, halte ich für unsportlich.» Zumal, wenn man gerade aus der Depression kommt.

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