«Ein dichter gelber Rauch, der von den Schützengräben ausging» – Giftgas im Ersten Weltkrieg

Es ist meist einfacher, ein Übel in die Welt zu setzen, als es wieder loszuwerden. Das gilt auch für Chemiewaffen.

Soldat et cheval portant un masque a gaz lors d'une attaque chimique pendant de la bataille de Verdun, France, en 1916 --- Soldier and horse wearing gas mask during Verdun battle, France, in 1916

(Bild: FIA)

Es ist meist einfacher, ein Übel in die Welt zu setzen, als es wieder loszuwerden. Das gilt auch für Chemiewaffen.

Chemische Kampfstoffe sind eine niederträchtige Erfindung. Erstmals in grösserer Menge eingesetzt wurden sie im Jahr 1915 im Stellungskrieg bei der belgischen Stadt Ypern. Als am 22. April der Wind in Richtung der französischen und britischen Stellungen blies, öffneten deutsche Soldaten Tausende von Gasflaschen. Dabei strömten nahezu 150 Tonnen Chlorgas aus.

Die amtlichen französischen Mitteilungen zum Kriegsverlauf (hier zitiert nach den «Basler Nachrichten») fanden für das Weitere nur dürre Worte: «Ein dichter gelber Rauch, der von den deutschen Schützengräben ausging und durch Nordwind vorgetrieben wurde, übte auf unsere Truppen eine vollständige vergiftende Wirkung aus, die bis zu den Stellungen der zweiten Linie verspürt  wurde.»

Die Gaswolke tötete 3000 bis 5000 französische und britische Soldaten, gegen 7000 weitere zeigten Vergiftungserscheinungen. Der Angriff brachte den deutschen Truppen für kurze Zeit einen Gebietsgewinn. Die tags darauf unternommenen französischen Gegenangriffe machten diesen wieder weitgehend zunichte.

Verstoss gegen die Haager Landkriegsordnung

Der Einsatz von Chlorgas war ein klarer Verstoss gegen die von Deutschland mitunterzeichnete Haager Landkriegsordnung aus dem Jahr 1907. Diese verbietet in Artikel 23a ausdrücklich «die Verwendung von Gift oder vergifteten Waffen».

Doch das Abkommen konnte weitere Giftgas-Angriffe nicht verhindern. Bald setzten auch die Armeen von Grossbritannien, Frankreich, Russland, Italien und Österreich chemische Kampfstoffe ein.

Insgesamt sollen die kriegführenden Staaten im Ersten Weltkrieg mehr als 150’000  Tonnen Kampfgifte produziert und rund 120’000 Tonnen davon auch eingesetzt haben. Wie viele Menschen dabei zu Schaden kamen, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Der Chemiker Dieter Martinez nimmt an, dass im Ersten Weltkrieg 70’000 bis 90’000 Menschen durch chemische Kampfstoffe getötet  wurden und rund eine Million weitere von Vergiftungserscheinungen betroffen waren.

Den Verlierern des Ersten Weltkriegs, namentlich Deutschland, wurde die Produktion von Chemiewaffen verboten.

Das Genfer Protokoll von 1925

Bestrebungen, die Anwendung chemischer Kampfstoffe international zu ächten, führten 1925 zu einem völkerrechtlichen Vertrag, dem Genfer «Protokoll über das Verbot der Verwendung von erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen sowie von bakteriologischen Mitteln im Krieg». Dabei handelt es sich allerdings lediglich um ein Verbot, entsprechende Mittel anzuwenden – weitere Vorgaben fehlen.

Ungeachtet des Genfer Protokolls setzten Spanien und Frankreich Mitte der 1920er-Jahre im Kampf gegen die Rifkabylen in Nordafrika chemische Kampfstoffe ein. Das Gleiche taten Mussolinis Truppen 1935 bei ihrem Überfall in Äthiopien und die japanische Armee im Krieg gegen China kurz darauf.

Während des Zweiten Weltkriegs wurden enorme Mengen von chemischen Kampfstoffen produziert, und zwar von den Alliierten wie von den Achsenmächten. Vor ihrem Einsatz schreckten die kriegführenden Staaten angesichts des gegnerischen Vernichtungspotenzials aber zurück.

Die Chemiewaffenkonvention von 1997

Nach dem Zweiten Weltkrieg beunruhigte das atomare Wettrüsten die Menschen weit mehr als die Chemiewaffen. Ende der 1960er-Jahre waren sie aber wieder zurück auf der politischen Agenda. Dabei sorgten auch die Herbizid-Einsätze der US-Armee mit ihren schlimmen Folgen für Menschen und Natur in Vietnam für Diskussionsstoff.

Nach langjährigen zähen Verhandlungen wurde am 3. September 1992 in Genf schliesslich das «Übereinkommen über das Verbot der Entwicklung, Herstellung, Lagerung und des Einsatzes chemischer Waffen und über die Vernichtung solcher Waffen» verabschiedet. Diese Chemiewaffenkonvention wurde anschliessend durch die UNO-Generalversammlung gebilligt und ist seit dem 29. April 1997 in Kraft. Ihre Einhaltung kontrolliert die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW).

Die OPCW überwachte auch die Vernichtung der Chemiewaffen Assads, nachdem Syrien am 14. September 2013 der Konvention beigetreten war. Chlorgas, das in Syrien offenbar weiterhin eingesetzt wird, und zwar gemäss einem OPCW-Bericht von Regierungstruppen, stand nicht auf der Liste der zu vernichtenden Chemiewaffen. Dies, weil es auch im zivilen Bereich Verwendung findet und leicht zu beschaffen sei. Sein Einsatz im Krieg ist dennoch ein Verstoss gegen die Chemiewaffenkonvention und wäre an sich von der UNO zu ahnden.

Quellen

Dieter Martinetz: Vom Giftpfeil zum Chemiewaffenverbot. Zur Geschichte der chemischen Kampfmittel. Thun/Frankfurt am Main 1996

Konversation

  1. @Beobachter und @alle

    Schon vergessen, dass alle Chemiewaffen, die Assad noch hatte, in einer von Russland angeregten Aktion ausgeliefert wurden und später südlich von Kreta von der NATO bzw. unter derer Aufsicht auf hoher See vernichtet wurden?

    Das ist keine Theorie, sondern bereits geschehen und dokumentiert

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  2. Sehr geehrter Herr Stohler / Liebe TaWo Redaktion

    Wen Sie schon Chemiewaffen im Syrien-Kontext erwähnen, dann sollten Sie das ein wenig detaillierter machen und nicht (wie leider so üblich) mit dem Finger einseitig auf Assad zeigen.

    Der mit Abstand grösste und schlimmste Vorfall fand 2013 in der Nähe von Ghouta statt. Zum Einsatz kam der Kampfstoff Sarin.
    Der Vorfall wurde sofort Assad angelastet; Obama war nah dran in den Krieg zu ziehen. Kerry hatte enstprechendes bereits verkündet. GB war nicht bereit den US-Kollegen zu folgen; u.a. darum, weil der britische Geheimdienst herausfand, dass das Sarin nicht von Assad sein konnte!
    Die Vorfälle rund um Ghouta wurden vom Investigativjournalisten und Pulitzer-Preis-Gewinner Seymour M. Hersh umfassend dokumentiert.
    – „Whose sarin?“ https://goo.gl/sKDv8e
    – „The Red Line and the Rat Line“ https://goo.gl/Cb4ROS )
    Experten gehen heute davon aus, dass der Vorfall in Ghouta eine sog. „false flag“ Operation war. Trotzdem hält sich hartnäckig das Narrativ, Assad wäre verantwortlich dafür gewesen.
    „Die Welt“ ist eine der ganz wenigen Zeitungen des „Mainstram“, welche Ghoutha erwähnt und als Täter die al-Nusra nennt (https://goo.gl/SxM2Wc)

    Danach gab es weitere kleinere und mittlere Vorfälle. Die UNO hat dieses Jahr einen Bericht verfasst, indem sämtliche gemeldeten Vorfälle erfasst worden sind. Im Wesentlichen enthält der Bericht Unterstellungen und Behauptungen verschiedener Gruppen – oppositioneller wie auch von Seiten der Regierung. Gesicherte Beweise wer jeweils für was zuständig war gibt es nicht. Ich empfehle dazu den UNO-Bericht im Original zu lesen, auch wenn er lang und trocken ist.
    In praktisch allen Fällen, in denen die SAA beschuldigt wird, geht es um Chlorgas. Beschuldiger sind praktisch ausschlieslich die sog. „White Helmets“.
    Der IS wird von der SAA u.a. beschuldigt Senfgas eingesetzt zu haben.
    „Interessanterweise“ äusserst sich der UNO-Bericht nicht zum oben erwähnten Vorfall in Ghouta.
    Hier der Link zum Bericht: => http://www.un.org/ga/search/view_doc.asp?symbol=S/2016/738

    Ein paar zusätzliche Infos:

    – Chlorgas ist in Syrien tatsächlich +/- für jeden zugänglich.
    – CIA chief John Brennan hat davor gewarnt, dass der IS chemische Waffen benutzt hat und im Stande ist solche herzustellen (https://goo.gl/ACJQFo). Woher die IS das Know-How hat, darüber schweigt sich Brenan aus. Dass der IS Senfgas eingesetzt hat, darüber gibt es mehrfache Rapporte, (Vgl. UNO-Bericht oder z.B. im independent https://goo.gl/yniHpI)

    Zum Schluss – einmal mehr – die Frage an den Journalisten bzw. an die TaWo-Redaktion:
    Warum berichtet Ihr immer so einseitig im Syrien-Kontext?
    Die zwei mit Abstand grössten oppositionellen Gruppen in Syrien sind der IS und die Al Nusra. Wenn Aleppo fällt, dann ist der Staat Syrien Geschichte, es ergäbe sich ein riesiges Machtvakuum, und das ganze syrische Gebiet würde zu einem Brückenkopf für wahhabitischen Terror und War-Lords.
    Ein solches Szenario ist nicht im Interesse der Schweiz und Europas, es sei denn, wir wollen noch mehr Flüchtlinge.
    Noch ist Syrien ist kein „failed state“, und darf es auch nicht werden!
    Wer Assad schwächt – ob mit F-22 Kampfjets oder mit der Schreibmaschine – stärkt den wahhabitischen Terror. Darüber sollten Sie sich klar sein, wenn Sie das nächste Mal mit dem „Finger“ einseitig aus Assad zeigen.

    Schönen Rest-Sonntag allerseits! 🙂

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