Ein Plagegeist von Putins Gnaden

Am Sonntag soll die Bevölkerung der Krim in einem Referendum den Anschluss an Russland einleiten. So will es der neue Regierungschef Sergei Aksjonow. Wer ist der Mann mit dem Übernamen «Goblin»?

Verbindungen in die organisierte Kriminalität: Krim-Regierungschef Sergei Aksjonow alias «Goblin». (Bild: Keystone)

Am Sonntag soll die Bevölkerung der Krim in einem Referendum den Anschluss an Russland einleiten. So will es der neue Regierungschef Sergei Aksjonow. Wer ist der Mann mit dem Übernamen «Goblin»?

Für die einen ist er ein Held, für die anderen ein Schurke. Sergei Aksjonow exekutiert in diesen Tagen in Simferopol die russische Annexion der Krim. Der Ende Februar unter höchst fragwürdigen Umständen gewählte Regierungschef der Autonomen Republik zog ein für Mai geplantes Referendum über den Status der Halbinsel auf diesen Sonntag vor. Bevor jedoch das Volk seine Stimme abgeben kann, liess Aksjonow im moskautreuen Parlament handstreichartig die Unabhängigkeit der Krim verkünden und schuf vollendete Tatsachen.

Wer ist der Mann, den westliche Beobachter wahlweise als Schosshündchen oder Marionette des russischen Präsidenten Wladimir Putin beschreiben? Freunde sehen deutlich mehr in Sergei Aksjonow als Putins Pudel. Er sei ein «strategischer Kopf, wissbegierig und voller Lerneifer». Der 41-Jährige kenne jeden Buchstaben des Gesetzes. So sagt es der stellvertretende Chef der Steuerbehörden auf der Krim, Nikolai Kotschanow.

Dunkle Gerüchte

Aksjonows Gegner wundern diese Lobeshymnen nicht. Sie halten den neuen Regierungschef für einen Mafioso mit dem Decknamen «Goblin», der im Englischen für bösartige Plagegeister steht. Mit dem angeblich korrupten Kotschanow habe Aksjonow über Jahre hinweg gemeinsame Sache gemacht, ein Millionenvermögen ergaunert und Gewaltverbrechen in Auftrag gegeben. Bewiesen ist all das nicht. Eine Verleumdungsklage gegen einen seiner schärfsten Kritiker verlor Aksjonow allerdings.

Unstrittig ist, dass der vermeintliche «Plagegeist» die Ukraine-Krise genutzt hat, um sich die politische Macht auf der Krim anzueignen. Als in Kiew die Opposition den Präsidenten Viktor Janukowitsch aus dem Amt jagte, übernahm Aksjonow in Simferopol die Führung einer prorussischen Protestbewegung. Am 27. Februar stürmten die Aktivisten in der Krim-Hauptstadt das Parlament und wählten den Abgeordneten und Unternehmer in nichtöffentlicher Sitzung zum Regierungschef.

Splitterpartei

Bis heute ist unklar, was sich damals im Saal abgespielt hat. Die Interimsregierung in Kiew erkennt die Wahl Aksjonows deshalb nicht an. Tatsächlich spricht viel dafür, dass sich der Chef der Splitterpartei Russische Einheit, die bei Wahlen zuletzt lediglich auf vier Prozent kam, mit gewaltsamer Hilfe moskautreuer Paramilitärs an die Spitze der autonomen Krimregierung kämpfte. Nicht von ungefähr war es eine von Aksjonows ersten Amtshandlungen, Russland um Beistand gegen die Zentralregierung in Kiew zu bitten.

Geboren ist der Vater zweier Kinder 1972 in der Moldawischen Sowjetrepublik (heute Moldau). 1989 ging Aksjonow zum Studium der Politik an die Militärschule in Simferopol – und blieb auf der Krim. In den Wirren der ukrainischen Anarchie der 90er Jahre war er in leitenden Funktionen in diversen Unternehmen vor allem der Lebensmittelbranche tätig und wurde vermögend. Über die Zeit, in die Aksjonows Aufstieg fiel, sagte die zwielichtige Oligarchin und «Gasprinzessin» Julia Timoschenko später aus eigener Anschauung: «Jeder, der damals in der ukrainischen Wirtschaft etwas zu sagen hatte, gehört ins Gefängnis.»

30 Bodyguards

Nachgewiesen wurde Aksjonow bislang keine Straftat. Seit 2008 engagierte er sich in der Politik. Er wurde Mitglied der russischen Gemeinschaft auf der Krim und war Mitbegründer der Partei Russische Einheit. Seit Kurzem ist der kräftige Mann mit dem graumelierten Bürstenhaarschnitt zudem Präsident des regionalen Ringerbundes. Dass er ein Kämpfer ist, streiten nicht einmal Aksjonows schärfste Gegner ab. Da passt es ins Bild, dass dem neuen Krim-Chef seit wenigen Tagen eine 30 Mann starke Leibgarde zugeordnet ist.

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