Ein Spaziergang durchs konfliktbeladene Dreiländereck

Die Zwischennutzung am Basler Hafen bleibt ein brisantes Thema. Im Rahmen des Kongresses «Reclaim Democracy» an der Uni Basel luden Fachkundige deshalb zum Spaziergang durchs Dreiländereck. Wir waren dabei und sahen: Hier kommt noch was auf uns zu.

Das Licht am Horizont bleibt immerhin bis 2021 – spätestens dann wird die Zwischennutzung im Dreiländereck wieder für Diskussionsstoff sorgen. 

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Die Zwischennutzung am Basler Hafen bleibt ein brisantes Thema. Im Rahmen des Kongresses «Reclaim Democracy» an der Uni Basel luden Fachkundige deshalb zum Spaziergang durchs Dreiländereck. Wir waren dabei und sahen: Hier kommt noch was auf uns zu.

Hafenareal, quo vadis? Seit bald einem Jahrzehnt wird in Basel lautstark um die ans Klybeck und Kleinhüningen grenzende Halbinsel gestritten. Besetzer, Politiker, Vereine, Kanton und Novartis – alle hatten sie ihr Wörtchen mitzureden. Es wurde geplant, gepoltert, blockiert und reagiert, bis niemand mehr so genau wusste, wer wofür einstand – und wieso.  

» Die Geschichte des Hafenareals zum Nachlesen

Ein dreistündiger Hafenrundgang sollte deshalb Ordnung ins – saisonbedingt – abgekühlte Wirrwarr bringen. 



Ein Blick auf die Karte und sie weiss, wohin – der Klybeckquai dagegen nicht.

Ein Blick auf die Karte und sie weiss, wohin – der Klybeckquai hingegen nicht. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Er fand im Rahmen des Kongresses «Reclaim Democracy» (2. bis 4. Februar) statt, der mit Dutzenden Vorträgen und Diskussionsrunden an der Uni Basel aufzeigen wollte, «wie Demokratie und Menschenrechte gegen die Ökonomisierung von Politik und Gesellschaft und gegen Rassismus stark gemacht werden können», so der Wortlaut des Programms. Es ging um die Macht von oben, ausgeübt von Staatsgewalt und neoliberaler Privatwirtschaft, und den Widerstand von unten, vom leidtragenden Volk.  

Es sind Aspekte, die die Bebauung des Hafenareals, des geplanten und neu geplanten «Rheinhattan», massgeblich tangieren – weshalb der Spaziergang «durch die stadtpolitischen Brennpunkte der Stadt» ins Programm genommen wurde. 



Während drei Tagen stand die Uni Basel ganz im Zeichen der Demokratie: Vom 2. bis zum 4. Februar fand der Kongress «Reclaim Democracy» statt. 

Während drei Tagen stand die Uni Basel ganz im Zeichen der Demokratie: Vom 2. bis zum 4. Februar fand der Kongress «Reclaim Democracy» statt.  (Bild: Alexander Preobrajenski)

Tourenführer sind Reto Bürgin – ein junger Basler, der seine Masterarbeit dem Areal widmete und nun an der ETH unter anderem zu urbanen sozialen Bewegungen forscht – und Dr. Claudia Saalfrank, Humangeographin an der Uni Basel mit Fokus auf Stadt- und Regionalforschung. Als Überraschungsgast stiess Katja Reichenstein hinzu, die als Mitglied des Vereins «shift mode» für die Zwischennutzung des ehemaligen Migrol-Areals auf der Halbinsel mitverantwortlich ist.  

Viel zustimmendes Kopfnicken

Von der Tramstation Kleinhüningen aus gehen die rund 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Wasser entlang. Erster Halt: Wilhelm Müngers tordierende Plastik, «Pylon» genannt.

Die Sonne im Nacken sticht, und auch Saalfranks Worte zum Entwicklungsprojekt «3Land» führen eine Spitze: «Der neue Stadtraum wird einzig für strategisch ausgewählte Gruppen geplant.» Ein Ruf aus der Zuhörerschaft definiert: für gut bis sehr gut Verdienende. Der öffentliche Raum garantiere die Präsenz aller Gruppen und sei Teil der sozialen Gerechtigkeit: «Diese wird dem neuen Stadtraum zum Opfer fallen», sagt Saalfrank.   



«Die soziale Gerechtigkeit wird dem neuen Stadtraum zum Opfer fallen» – Dr. Claudia Saalfrank erklärt den gleichgesinnten Spaziergängern vor dem «Pylon» ihre Position zum Projekt «3Land». 

«Die soziale Gerechtigkeit wird dem neuen Stadtraum zum Opfer fallen» – Dr. Claudia Saalfrank erklärt den gleichgesinnten Spaziergängern vor dem «Pylon» ihre Position zum Projekt «3Land».  (Bild: Alexander Preobrajenski)

Zustimmendes Nicken unter den Hörern, und es wird klar, was man im Voraus bereits erahnen konnte: Die Meinungen der Spaziergänger sind gemacht. Es wird ein Rundgang von Gleichgesinnten, die sich gegenseitig in ihren Ansichten bekräftigen. Das Kopfnicken wird uns durch die drei Stunden hindurch begleiten.

«Die Raumplanung in der Schweiz ist per Verfassung öffentlich», bemerkt ein älterer Herr plötzlich mit erhobenem Zeigefinger. Vor zwei Jahren habe er in der TagesWoche gelesen, wie die Regierung die Zwischennutzung des Klybeckquais undurchsichtig organisierte und Deals im Rücken der Öffentlichkeit abgeschlossen haben soll. «Das Volk muss immer einen Finger in der Planung behalten», warnt er nachdrücklich. 

«Konflikte sind die Idee einer Zwischennutzung»

Die Politik wiederum, die werde sich die Finger noch einige Male verbrennen, meint Katja Reichenstein später, als wir unter einer Wolkendecke vor der Trendsport-Halle auf dem ehemaligen Esso-Areal stehen. Die Bevölkerung werde nicht miteinbezogen – das Resultat seien Bauten wie das Wohnquartier Erlenmatt: «Das ehemalige NT-Areal ist zum Sinnbild für schreckliche Bauplanung geworden», sagt sie. 

Als Zwischennutzerin muss sie das sagen. Doch auch ihre Klientel sorgte zusammen mit den Wagenplatz-Leuten für negative Schlagzeilen – zum Beispiel mit Ausschreitungen auf dem Hafenareal. Viele unschöne Dinge seien passiert, sagt Reichenstein dazu. Sie selbst sei eine sehr kritische Person. Doch einen Krieg, wie ihn die Medien beschrieben, habe es nie gegeben. Veränderungen seien von der Stadt, der die illegale Besetzung durch den Wagenplatz ein Dorn im Auge war, zu schnell erzwungen worden. Die Zwischennutzer sollten die Wagenburg verdrängen, doch sie spielten nicht mit, so dass man die Causa Wagenplatz per halblegaler Duldung schloss.



Nicht nur bei Katja Reichenstein, sondern auch bei den Hörern zeigten sich Emotionen. 

Nicht nur bei Katja Reichenstein, sondern auch bei den Hörern zeigten sich Emotionen.  (Bild: Alexander Preobrajenski)

«Konflikte sind die Idee einer Zwischennutzung», fügt Reichenstein an. Nur so gebe es eine öffentliche Diskussion und Veränderungen im Sinne der Bevölkerung. Hier wäre es interessant gewesen, eine Gegenstimme – ob von kantonaler, unternehmerischer oder privater Seite – zu hören. Sie hätte auch unter den Spaziergängern eine Diskussion anfachen können. Doch die Stimme fehlte, oder blieb stumm.    

Also sprach Reichenstein weiter: Bis 2021 dürfen die Vereine und der Wagenplatz ihre Zelte aufgeschlagen lassen. Und dass noch vor 2027 gebaut werde, bezweifle sie stark. 

Projekt «3Land»: «Visionen» statt Pläne

Sie könnte recht behalten. Denn die Projektleiter von «3Land» scheuen sich, einen definitiven Plan zu präsentieren, ja ihn überhaupt so zu nennen. Es wird von «Visionen» gesprochen, um eine ständige Debatte über die Areal-Planung aufrecht erhalten zu können. Ausgang: ungewiss. 

Nach der Entrüstung, welche die erste Idee eines «Rheinhattan» ausgelöst hat, ist das wenig überraschend. Reto Bürgin hat zusammen mit Ueli Mäder vor zwei Jahren eine Studie zur Hafensituation publiziert und referiert nun – unter zunehmendem Windgang – in der lebhaften Manier eines Geschichtenerzählers über die Unmöglichkeit einer Befriedigung aller Parteien. Und darüber, wie es in den letzten zehn bis 15 Jahren immer wieder zu Diskussionen, zeitlichen Verschiebungen und verärgerten Anwohnern kam. 



Reto Bürgin zeigt eine «Entwicklungsvision» des Projektes «3Land», die für Widerstände aus der Bevölkerung gesorgt hat. 

Reto Bürgin zeigt eine «Entwicklungsvision» des Projektes «3Land», die für Widerstände aus der Bevölkerung gesorgt hat.  (Bild: Alexander Preobrajenski)

Der Wind wird kräftezehrend und wir suchen Unterschlupf in der Uferbox, einem wunderschönen Holzbau, der als Atelier, Bar und Restaurant genutzt wird. Mit den leicht pathetischen Worten «wir wollen was verändern» und «wir sind auch jemand» endet der Spaziergang. Und nach allem, was wir einseitig über vielseitige Standpunkte, sprudelnde Emotionen und ablaufende Fristen gehört haben, wissen wir, obwohl es mittlerweile eiskalt ist: Die Diskussion ums Dreiländereck ist noch lange nicht abgekühlt. 

Konversation

  1. „wie Demokratie und Menschenrechte gegen die Ökonomisierung von Politik und Gesellschaft und gegen Rassismus stark gemacht werden können», so der Wortlaut des Programms. Es ging um die Macht von oben, ausgeübt von Staatsgewalt und neoliberaler Privatwirtschaft, und den Widerstand von unten, vom leidtragenden Volk“

    Hach, die Kampflinksextremisten wieder mal… es musste ja unbedingt das Schlagwort Rassismus rein. Ich fühle mich nicht unten und leidgetragen, obwohl ich nicht so gut gestellt bin. Mal wieder Schweizer Selbstdarsteller die glauben, sie wüssten was für mich und andere gut ist.

    „«Das ehemalige NT-Areal ist zum Sinnbild für schreckliche Bauplanung geworden», sagt sie“

    Sagt sie. Ja. Aber was sagen die Anwohner? Dürfen die überhaupt etwas sagen oder müssen sie auf Madame Reichenstein hören?

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  2. Ich habe festgestellt, dass ich viel zu dumm bin um mich weiter, an den in letzten Tagen und Wochen äusserst hochstehenden und intelligenten Diskussionen zu beteiligen.

    Der frische Wind fröstelt mich ein bisschen und ich möchte mich nicht erkälten.
    Ich bin nun mal ein Warmduscher und habe Kälte nicht gerne.
    Somit ziehe ich mich für eine Weile aus diesem Forum zurück.
    Vielleicht wird es ja wiedermal ein bisschen wärmer, wer weiss.

    Ich wünsche allen weiterhin angeregte Diskussionen.

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  3. @hürlimann
    merci für Ihre differenzierte stellungnahme auf der metaebene!
    bei allem verständnis für Ihre vorsicht mir gegenüber – schliesslich verschleiere ich meine id (wenn auch mE aus ehrbaren gründen):
    wenn sich jemand offen zeigt oder gar verletzlich, würde ich mich unter keinen umständen je angriffig/despektierlich äussern. mach ich schlicht nicht.

    (ich mag nur keine büttenredner mit ihrem vereinnahmenden fidigeigei-humor & schenkelgeklopfe – schlägt mir quasi auf die schild-drüsen … und im rudel beim äsen sind sie eh nur äusserst selten anzutreffen, die chröttlis)

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  4. @esther
    sorry 4 the delay – ich wollte mit unsren rosen noch etwas hinter dem berg halten, um Ihnen die stellvertretenden prügel zu ersparen (die waren ja soweit absehbar). hat dann leider doch nicht geholfen, seufz.
    aber als opfer seh ich Sie nun definitiv nicht – aktive, mutige bewältigung, oh schwester!

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  5. Ich habe jetzt tatsächlich keine Ahnung mehr um was es im Artikel ging, aber die Kommentare hier sind echt geil.

    Leute was werft Ihr ein? Ich will auch von dem Zeug!

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  6. @Esther, ja ich habe auch eine selektive Wahrnehmung, wie Sie offenbar auch. Die anderen Kommentare, in dem Sie sich mit Ihrer Schwester gegen mich verbündet haben, haben Sie fein säuberlich ausgeblendet.

    Mitgegangen – mitgefangen, liebe Schwester. Die Opferrolle auszuspielen, nützt Ihnen nichts. Sie waren sich plötzlich nicht mehr bewusst, dass Sie Ihr männliches Gegenüber evetuell auch persönlich verletzen könnten und haben mich versucht in eine längere Konversation zu Ihrem Lebensentwurf einzuwickeln. Zudem bin ich hier in einer Konversation mit Hernn Hürlimann. Sie unterhalten sich ja mit mir.

    Also, können wir das bitte beenden und auf neutrale und erwachsene Weise weiter machen?

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  7. @Ces:
    Bitte unterlassen Sie es, falsche Behauptungen über mich zu verbreiten.
    Wenn Sie sich die Mühe machen, unsere erste Unterhaltung hier nachzulesen, werden Sie feststellen, dass ich nichts dergleichen Ihnen gegenüber geäussert habe.
    Im übrigen bitte ich Sie, zu respektieren, dass ich keine weitere Unterhaltung mit Ihnen anstrebe und hoffe, dass Sie Ihre abfälligen Äusserungen über mich auch dritten gegenüber hier im Forum künftig unterlassen.
    Besten Dank.

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