Federer krönt seine «Traumwoche» in China

Mit seinem Sieg der Shanghai Masters lässt Roger Federer die letzten Zweifler verstummen. Die Zusammenarbeit mit Stefan Edberg macht sich bezahlt.

Ein Pokal, eine knappe Million Dollar Preisgeld und viel Bestätigung: Roger Federer, erstmals Sieger des Masters in Shanghai. (Bild: Keystone/DIEGO AZUBEL)

Mit seinem Sieg der Shanghai Masters lässt Roger Federer die letzten Zweifler verstummen. Die Zusammenarbeit mit Stefan Edberg macht sich bezahlt.

Als er den Siegerpokal im Konfettiregen in die Höhe stemmte, überkam Roger Federer dann doch die Rührung. Mit tränenfeuchten Augen genoss er den grössten Tennismoment dieser Saison. Sein starkes und zugleich leicht unwirkliches Erfolgserlebnis in Shanghai.

Was mit fünf abgewehrten Matchbällen in der Auftaktrunde gegen den Argentinier Leonardo Mayer begonnen hatte, endete für Federer tatsächlich noch mit dem prestigeträchtigen Pokalcoup in einem 7:6 (8:6), 7:6 (7:2)-Tiebreak-Krimi gegen den widerspenstigen Franzosen Gilles Simon.

«Es ist eine Traumwoche für mich. Ich kann kaum glauben, dass ich jetzt hier stehe und der Sieger bin – nach allem, was passiert ist», sagte der Altmeister, der die Grundlage für seinen 81. Turniertitel mit dem Houdini-Entfesselungsakt gegen Mayer und am Samstag mit einem denkwürdigen Halbfinal-Coup gegen den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic gelegt hatte (6:4, 6:4).

Erster Sieg der Shanghai Masters

Federer hatte bereits zwei Mal das Saisonfinale der acht besten Profis in der chinesischen Boomtown gewonnem, 2006 und 2007, aber bisher noch nicht den Masters-Wettbewerb der höchsten ATP-Kategorie. «Der Sieg ist etwas ganz Spezielles für mich. Immerhin habe ich hier vor zehn Jahren das Eröffnungsspiel für das neue Stadion bestritten», sagte Federer, «im Moment verspüre ich einfach ein ganz grosses, tiefes Glücksgefühl.»



Vor zehn Jahren hat Federer das Qi Zhong Stadion eröffnet. Am Sonntag gewann er dann das Turnier.

Vor zehn Jahren hat Federer das Qi Zhong Stadion eröffnet. Am Sonntag gewann er dann das Turnier. (Bild: DIEGO AZUBEL/Keystone)

Federers zweiter Masters-Sieg hintereinander (Cincinnati, Schanghai) veredelte mehr als je zuvor diese Saison eines illustren Comebacks in der engsten Weltspitze – sowohl in nackten Daten, Zahlen und Fakten, wie dem nunmehr besiegelten Sprung auf Platz 2 der Weltrangliste zum 13. Oktober. Aber eben auch im Stil, Auftritt und der Gesamtperformance: Mit seinen 33 Jahren wirkt der vierfache Familienvater so zupackend, so motiviert und so ehrgeizig wie in seinen besten Jahren, geradezu zeitlos erscheint seine Centre Court-Klasse.

Die Skepsis ist verflogen

Als Federer Anfang des Jahres in Interviews erklärte, er habe sich «wieder in eine Position gebracht, in der ich bei jedem Turnier ins Halbfinale oder ins Endspiel kommen kann», war die Skepsis in der Fachwelt unüberhörbar, nicht zuletzt wegen der heiklen, komplizierten und frustrierenden Federer-Saison 2013. Doch inzwischen leisten selbst die eisernsten Zweifler Abbitte bei dem extrem fitten und zurecht selbstbewussten, zuversichtlichen Federer, der in Schanghai bereits den vierten Titel der Saison holte, den sicher hochkarätigsten auch nach den vorherigen Erfolgen in Dubai, Halle und Cincinnati.

Federers neue Machtentfaltung ist schwarz auf weiss bestens dokumentiert: Er führt die 2014-Bestenlisten der Tour in den meisten wichtigen Kategorien an, als da wären die meisten Siege überhaupt (61), die meisten Siege gegen Top Ten-Rivalen (14), die meisten Siege bei Masters-Turnieren (26) und die meisten Finalteilnahmen (9).



Gilles Simon of France returns a shot to Roger Federer of Switzerland during the men's singles final match at the Shanghai Masters tennis tournament in Shanghai October 12, 2014. REUTERS/Aly Song (CHINA - Tags: SPORT TENNIS)

Der Franzose Gilles Simon leistete erbitterten Widerstand, doch Federer setzte sich durch. (Bild: ALY SONG/Reuters)

Einzig der fehlende Grand Slam-Titel bleibt als Schönheitsfehler in Federers Zeugnis stehen, nahe dran war er aber allemal auf den grünen Tennisfeldern Wimbledons, im Fünf-Satz-Thriller gegen Djokovic. Doch noch ist diese erstaunliche Spielzeit für den unverwüstlichen Ästheten, der immer auch ein grosser Fleissarbeiter war, längst nicht zu Ende.

Federer erwartet ein Heimspiel in Basel

Für den schillernden Schlussabschnitt 2014 mit Heimspiel in Basel, ATP-Finale in London und Davis Cup-Endspiel in Frankreich gegen die gallischen Tennis-Musketiere ist der rastlose Federer bestens gerüstet. «Ich stehe genau da, wo ich sein wollte vor diesen tollen Aufgaben. Mit dem Rückenwind dieses Sieges hier geht man leichter auf den Court zurück», sagte Federer, der gegen Simon auch seine gewohnten Qualitäten als Mann für die gewissen Augenblicke demonstrierte – in beiden Akten des Endspiels wehrte er Satzbälle seines Kontrahenten ab und rauschte dann als Erster ins Ziel.

Was imponierte bei Federer, nicht nur im Finale oder im Halbfinale gegen Djokovic, war die stete Entschlossenheit, bei jeder sich bietenden Gelegenheit selbst mutig und aggressiv die Chance auf Punktgewinne zu suchen – zweifellos eine Attitüde, die der neuen Zusammenarbeit mit Ex-Superstar Stefan Edberg entwachsen ist. «Ich bin sehr froh, dass er mir in diesem Jahr so geholfen hat», sagte Federer über den alten Schweden.



Roger Federer entscheidet den Final von Shanghai gegen den Franzosen Gilles Simon in zwei Tie-Breaks.

Roger Federer entscheidet den Final von Shanghai gegen den Franzosen Gilles Simon in zwei Tie-Breaks. (Bild: Keystone/DIEGO AZUBEL)

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