Gebrochene Waffenruhe: Täglich Schüsse in Donezk

Die Ostukraine ist vom Frieden weit entfernt. Dies liegt auch am ungeklärten Status der Krisengebiete: Die Separatisten in Donezk wollen nicht länger auf Moskau hören. Geld aus Russland nehmen sie aber weiter gerne an.

Die Gewalt nimmt wieder zu: Am Dienstag sind bei einem Raketenbeschuss auf einen Bus elf Zivilisten ums Leben gekommen. (Bild: STRINGER)

Die Ostukraine ist vom Frieden weit entfernt. Dies liegt auch am ungeklärten Status der Krisengebiete: Die Separatisten in Donezk wollen nicht länger auf Moskau hören. Geld aus Russland nehmen sie aber weiter gerne an.

Von seinem Büro im Stalinbau am Donezker Leninplatz kann Alexander Chodakowski die Stadt gut überblicken. Ab und zu fahren Jeeps der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) die Strassen entlang. Vereinzelt rattern Maschinengewehrsalven, donnern Kanonen in der Ferne.

Bis vor Kurzem war Chodakowski Kommandant des gefürchteten Wostok-Bataillons der Separatisten in der Ostukraine. Tarnanzug und Kalaschnikow hat der 42-Jährige nun gegen Massanzug und Seidenkrawatte eingetauscht. Seit Dezember leitet er den «Sicherheitsrat» der «Volksrepublik Donezk» und entscheidet mit über Krieg oder Frieden.

Vom Frieden ist die Ostukraine allerdings weit entfernt. Am Dienstag wurde nahe Donezk ein Bus von einer Granate getroffen, zwölf Menschen wurden getötet. Für den Beschuss verantwortlich sind nach Angaben der Gebietsverwaltung von Donezk prorussische Separatisten. Diese wiesen die Vorwürfe zurück.

«Nicht mein Präsident»

Trotz Feuerpause wird auch in Donezk fast jeden Tag geschossen. Eigentlich hätten die Kriegsparteien ihre schweren Waffen schon vor Monaten von der Front abziehen müssen, wie es das Minsker Abkommen vorschreibt, auf das sich die Ukraine, Russland und die Separatisten im September einigten. Doch die Dokumente seien «nicht in nennenswerter Weise umgesetzt worden», erklärt die OSZE-Mission in Kiew.



Alexander Chodakowski, Leiter des «Sicherheitsrates» der «Volksrepublik Donezk»

Alexander Chodakowski, Leiter des «Sicherheitsrates» der «Volksrepublik Donezk» (Bild: Andre Eichhofer , n-ost)

Alexander Chodakowski gibt der Ukraine die Schuld an den Gefechten. Kommandeure der Armee würden die Waffenruhe ständig brechen, behauptet er, seine Leute wehrten sich nur. «Wenn Sie das nicht glauben, gehen Sie an die Front, und überzeugen Sie sich selbst», sagt Chodakowski. Die Armee erklärt dagegen, ihre Stellungen seien seit Montag mehr als 60 Mal beschossen worden. Zudem verstärkten die Rebellen ihre Truppen an der Front. So seien mehrere Dutzend Militärfahrzeuge in die von Separatisten besetzte Stadt Gorlowka eingerückt, berichten Augenzeugen. «Wir sind zur aktiven militärischen Phase zurückgekehrt», verkündete auch Rebellenführer Andrej Purgin am Dienstag.

«Moskau kann jederzeit das Projekt Novorossija wiederbeleben.»

Milizenführer Alexander Chodakowski 

In Donezk lässt Alexander Chodakowski Kaffee und Pralinen servieren und sinniert wortreich über die Zukunft der Ostukraine. Glaubt man dem Rebellenführer, steht der Ex-Sowjetrepublik ein langer und verlustreicher Konflikt bevor. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hatte den Separatisten im September Amnestie und einen Sonderstatus innerhalb der Ukraine angeboten. Eine Rückkehr in die Ukraine aber kommt für Chodakowski nicht infrage: «Poroschenko erzählt viel, hält sich jedoch nicht an seine Versprechen», klagt der Krieger im Anzug. Für die Separatisten käme daher nur die Unabhängigkeit infrage, sagt Chodakowski weiter. Auf die Frage, ob er sich auch von Putin benutzt fühle, antwortet Chodakowski: «Putin ist nicht mein Präsident.» Russland habe kein Interesse an einem dauerhaften Konflikt, behauptet er.

Mehr Druck auf die Separatisten

Eigentlich wollten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Staatschefs Frankreichs, Russland sowie der Ukraine diese Woche in Astana einen Ausweg aus der Krise suchen. Doch Merkel sagte die Gespräche ab. Ihre Begründung: Es gäbe keine Fortschritte bei der Umsetzung des Minsker Abkommens. Sie erwarte, dass Russland mehr Druck auf die Separatisten ausübe. Stattdessen trafen sich die Aussenminister der Länder zu Friedensgesprächen in Berlin.

Milizenführer Chodakowski warnt den Westen indes vor weiteren Sanktionen gegen Russland. Wenn Putin in die Enge getrieben werde, habe er nichts mehr zu verlieren. «Moskau kann jederzeit das Projekt Novorossija wiederbeleben», sagt Chodakowski und meint ein Gebiet von Charkow bis Odessa, das russische Nationalisten von der Ukraine abspalten wollen.

Auf die Frage, ob Russland die Separatisten mit Waffen und Kämpfern ausrüstet, antwortet der Rebellenführer ausweichend: «Wir haben schon genug Waffen und brauchen kein Kriegsgerät mehr.» Auch das Wostok-Bataillon würde keine Kämpfer mehr aufnehmen. Die Einheit bestehe hauptsächlich aus Ukrainern. Zudem hätten sich knapp 300 Tschetschenen sowie Russen, Amerikaner, Spanier und einige Deutsche der Truppe angeschlossen.

Versorgungslage verschlechtert sich

Die wirtschaftliche Lage vor Ort hat sich weiter verschärft, nachdem Kiew seit November keine Renten mehr ausbezahlt. Während Monaten des Bürgerkriegs haben Tausende Ostukrainer ihre Wohnung verloren. Obdachlose Familien wohnen deshalb in Bergwerksschächten ohne Strom, Heizung und Wasser. Milizenführer Chodakowski glaubt trotzdem fest an die Zukunft der «Volksrepubliken Donezk und Lugansk». Doch die Gebiete sind abhängig von der Unterstützung aus Russland. Elf Hilfskonvois hat Moskau inzwischen in die Ostukraine entsandt. Mehr aber als humanitäre Hilfe können die Separatisten von Putin wohl nicht erwarten. Russland wird angesichts der Sanktionen kaum Geld in den Aufbau der Ostukraine stecken.

Auf dem Leninplatz in Donezk strömen inzwischen Hunderte Menschen zusammen. Auf Lastern werden Kartoffeln, Kohlköpfe und Zwiebeln für umgerechnet ein paar Cent verkauft. Viele Rentner, die bei Schneegestöber und Minusgraden in der Schlange stehen, haben im Frühjahr die Separatisten unterstützt und wünschten sich die Sowjetunion zurück. Zumindest was die Versorgungslage anbelangt, wird ihr Traum langsam Wirklichkeit.

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