Grosser Aufbruch, grosses Schweigen

Die «Baselbieter Wirtschaftsoffensive» ist der Silberstreifen am Horizont des gebeutelten Kantons. Nun ist der interimistische Projektleiter bekannt gegeben worden: PricewaterhouseCoopers-Direktor Marc-André Giger übernimmt den Posten im Mandat. 

(Bild: Nils Fisch, Collage)

Die «Baselbieter Wirtschaftsoffensive» ist der Silberstreifen am Horizont des gebeutelten Kantons. Nun ist der interimistische Projektleiter bekannt gegeben worden: PricewaterhouseCoopers-Direktor Marc-André Giger übernimmt den Posten im Mandat. Was sein Engagement kostet, darüber schwieg sich Regierungspräsidentin Sabine Pegoraro (FDP) aus.

Das wohl wichtigste Projekt der kommenden fünf Jahre für das Baselbiet ist aufgegleist, die Aufbruchstimmung gross, entsprechend strahlte Regierungspräsidentin Sabine Pegoraro (FDP) am Dienstag vor den Medien. Was lange vermisst wurde, ist mit der «Baselbieter Wirtschaftsoffensive» nun lanciert: Der Kampf um wertschöpfungsstarke Unternehmen, die dem finanziell angeschlagenen Kanton auf die Beine helfen sollen (die Ziele sind in der Box aufgeführt). Mit Marc-André Giger sei auch der «richtige Mann» gefunden worden, um die Offensive «zu starten und ihr zum Durchbruch zu verhelfen», sagte die sichtlich zufriedene Bau- und Umweltschutzdirektorin.

Der Liestaler Giger bringt tatsächlich einen ansehnlich gefüllten Lebenslauf mit (auf der Artikelrückseite ist der komplette CV angehängt): Der 51-Jährige hat ein Wirtschaftsstudium hinter sich, kann Projekterfahrung vorweisen und ist nach eigener Aussage regional, national und international vernetzt. Er war Direktor beim Krankenkassenverband Santésuisse, CEO von Swiss Olympic und Journalist. In seinen Worten: «Meine berufliche Herkunft findet sich […] im Umfeld von Wirtschaft, Politik und Kommunikation.»

Giger hat nun fünf Monate Zeit, um das Projekt ins Rollen zu bringen, eine Analyse der Situation vorzunehmen und konkrete Massnahmen und Handlungsempfehlungen für die definitive Projektleitung ab Sommer 2013 zu erarbeiten. Diese Aufgaben hat der Projektleiter in drei Phasen aufgeteilt, ausgeführt sind sie im Kasten am Ende des Textes (auch dazu finden Sie mehr auch auf der Rückseite).

Interimistische Lösung damit keine Ausschreibung nötig ist

Dass Giger nur interimistisch die Führung des Projektes übernimmt, ist der Tatsache geschuldet, dass die Stelle öffentlich ausgeschrieben werden muss. «Den interimistischen Leiter hingegen kann die Regierung ohne öffentliche Ausschreibung ernennen, da es sich um ein befristetes Mandat handelt», erklärte Pegoraro vor den Medien. Die Regierung habe sich zu diesem Vorgehen entschieden, damit keine Zeit verloren gehe, bis im Sommer die definitive Organisation stehe. «Selbstverständlich kann sich Herr Giger auch für die definitive Leitung bewerben.»

Giger hat eine mögliche Bewerbung in Aussicht gestellt, hält sich aber ans Credo «ein Schritt nach dem anderen». Dass er Interesse hat, lässt schon die Tatsache vermuten, dass er sich für die interimistische Lösung selbst beworben hat, wie Pegoaro auf Nachfrage sagte. Er sei der beste Bewerber gewesen und hätte letztlich den Zuschlag erhalten, so Pegoraro weiter.

Eigentlicher Mandatsträger ist allerdings die PricewaterhouseCoopers (PWC), wo Giger zurzeit Direktor ist. Er bleibt Angestellter des Unternehmens, das weiterhin seinen Lohn bezahlt. Doch sei er exklusiv für das Projekt zuständig, betonte die Regierungsratspräsidentin.

Mandat kostet «nicht die gesamten 1,5 Millionen»

Die Frage, wieviel das fünfmonatige Mandat der PWC koste, beantwortete Pegoraro nicht. «Die Kosten werden noch nicht bekannt gegeben.» Ob sie überhaupt von der Regierung veröffentlicht werden, ist alles andere als gewiss. Zufriedenheit und Enthusiasmus waren jedenfalls bei Pegoraro mit der Nachfrage, warum sie die Kosten nicht bekannt gebe, verflogen.

Es folgte Stille, grosse Stille. Schliesslich rang sich die Regierungsratspräsidentin zu einer vagen Äusserung durch: Die Kosten seien im Jahresbudget von 1,5 Millionen Franken enthalten. «Und sie machen nicht den ganzen Betrag aus.» Da die 1,5 Millionen Franken für das gesamte erste Jahr des Projekts gedacht sind, war die Antwort zwar beruhigend für die Steuerzahler, liess die Journalisten an der Medienkonferenz aber ratlos zurück.

Die grösste Herausforderung für Giger und den definitiven Projektleiter dürfte das Spannungsfeld zwischen der Entwicklung der Region und der Förderung des Kantons selbst sein. Giger sagte, er wolle Hand in Hand mit den bisherigen Verbänden wie BaselArea arbeiten.

Gerade BaselArea wurde in der Vergangenheit aber immer wieder kritisiert, weil die Interessen des Baselbiets zu wenig vertreten würden. Die Ansiedlung eines wertschöpfungsstarken Unternehmens in der Region Basel bringt dem Baselbiet nur indirekt etwas, denn das Ziel, den Ertrag aus der Unternehmenssteuer zu steigern, wird damit nicht erreicht.

Dass das Baselbiet dabei in Zukunft gebührend berücksichtigt wird, sieht Giger auch als seine Aufgabe. Er verglich die Wirtschaftsförderung in der Region mit einem Orchester. «Wir wollen in diesem Orchester eine starke Rolle übernehmen.» Was die anderen Kantone in der Region machen, sei ihm dabei egal. «Ich muss nicht schauen, was die anderen machen, sondern unser Potenzial – das da ist – nutzen.»

 

Die drei geplanten Phasen von Giger:

Phase I: Das Aufstarten des Projekts

Gemäss Marc-André Giger geht es dabei darum, dass eine Projektorganisationsstruktur definiert und ein Projekt-Controlling installiert werde. Was konkret so viel heisst wie: wer macht was und bis wann? Betroffen sind folgende Teilbereiche, die alle auf den gleichen Stand gebracht werden sollen, wobei mit den jeweiligen Verantwortlichen ein gemeinsames Konzept erarbeitet wird:

  • Arealentwicklung > Welche Gebiete eignen sich, auf welche soll der Fokus gelegt werden? Im Fokus stehen zunächst, wie Pegoraro erklärte, Salina Raurica, das Dreispitzareal sowie das ehemalige ABB-Gelände in Arlesheim.

  • Bestandespflege > Wirtschaftsförderer Thomas de Courten schlug einen Pflock für die bestehenden Unternehmen ein. Die besten Botschafter seien bereits hier angesiedelte Unternehmen. Es klang nach: Vor lauter Aufbruchstimmung dürfen die jetztigen Firmen nicht vergessen gehen.

  • Steuern > Die Idee ist ein Tax-Guide, der die Möglichkeiten des Kantons im Steuerbereich aufzeigen soll. Konkreter wurde es nicht.

  • Immobilienstrategie > Zurzeit wird eine Immobilien-Datenbank mit möglichen Arealen erstellt. Die bisherige Liste umfasst 37 Gebiete. Im Fokus stehen die drei oben erwähnten.

  • Investorengespräche > Mögliche Investoren sollen aktiv angegangen werden. Pegoraro hat das zur «Chefsache» erklärt, ein Regierungsrat soll bei den Gesprächen mit möglichen Investoren dabei sein. Regierungsrat Peter Zwick soll später darüber informieren.

Phase 2: Analyse der Situation mit dem Ziel der Schwerpunktsetzung

  • Eine Analyse der Schwächen und Stärken des Basellands als Wirtschaftsstandort – und wie Giger betonte auch als Wohnkanton durchzuführen, sowie mögliche Chancen und Risiken zu erkennen. Zudem seien strukturierte Interviews mit Unternehmen, Wirtschaftsverbänden, Gewerkschaften und weiteren Institutionen geplant. Ziel sei es, die Bedürfnisse klar zu kennen und Schnittstellenprobleme systematisch herauszuarbeiten. 

Phase 3: Entwicklung von Handlungsfeldern, Fokus-Themen und Umsetzungsmassnahmen

  • Aus den ersten beiden Phasen sollen die Schwerpunkte abgeleitet werden: Welche Anliegen der Investoren sollen zuerst bedient werden, welche Interessen prioritär behandelt werden, usw. Ziel der Übung bis im Sommer müsse sein: «Eine fundierte Grundlage zu haben für den erfolgreichen Start des Projekts. Mit Handlungsempfehlungen und konkreten Massnahmen für die nächsten Schritte», so Giger vor den Medien.

Die wichtigsten Fakten zur Wirtschaftsoffensive gemäss Regierungsratspräsidentin Sabine Pegoraro:

  • Der Regierungsrat hat die Wirtschaftsoffensive zur Top-Priorität im Legislaturprogramm 2012-2015 erklärt.
  • Die Wirtschaftsoffensive ist ein direktionsübergreifendes, direkt dem Regierungsrat unterstelltes Projekt mit einer externen Leitung. Dauer: 2013-2017.
  • Bis im Sommer 2013 externe Interims-Projektleitung
  • Ab Sommer 2013 definitive externe Projektleitung
  • Startbudget 2013: CHF 1,5 Mio.; 2014-2017 ein Verpflichtungskredit über total CHF 6 Mio. Franken

Die vier Hauptziele der «Baselbieter Wirtschaftsoffensive»:

  1. Der Ertrag aus den Unternehmenssteuern soll bis 2018 um 50 Prozent gesteigert werden.
  2. Es sollen mindestens drei zentrale Entwicklungsgebiete im Kanton Basel-Landschaft mit je einem zugeteilten Fokusthema geschaffen werden.
  3. Es soll ein erfolgreiches Standortmarketing auf der Basis eines frischen und attraktiven Konzeptes lanciert werden.
  4. Ein optimierter Prozess (mit One-Stop-Shop und Key Account Management) soll für die Ansiedlung neuer Unternehmen sorgen. (Ergänzung der Redaktion: Mit One-Stop-Shop ist gemeint, dass Unternehmen bei der Verwaltung für alle Anliegen nur eine Ansprechsperson haben. Der administrative Aufwand soll damit für die Firmen gesenkt werden.)

Artikelgeschichte

Bei den vier Hauptziele der Wirtschaftsoffensive wurde unter Punkt 4 eine Erklärung am Tag nach der Publikation ergänzt.

Konversation

  1. Da wird ein Wirtschaftsentwickler „abgesägt“, ein „Macher“ Thomas de Courten engagiert und jetzt noch ein Marc-André Giger. Erstaunlich die Aktivität die an den Tag gelegt wird. Und da kommt bei mir die Frage: alle zeigen auf das Fricktal – auf den Kanton Aargau! War man da so aktiv? Was hat der Kanton Aargau zu tun mit den Firmen die hier bei uns im Fricktal angesiedelt sind? Eher wenig…! Da ist eine ganz andere Geschichtsschreibung dahinter.
    In den 60-iger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es Schweizer Industrielle in Basel, Louis von Planta, Alex Krauer und Adolf Jann. Sie glaubten an die Entwicklung ihrer Betriebe in der Schweiz, also die Ciba-Geigy und Roche. Ihre Landkäufer und Betriebsentwickler schwärmten ins Fricktal aus, um Landreserven für die Betriebe aufzukaufen. Gleichzeitig wurden Betriebe aufgebaut, wie die Ciba in Stein oder Roche Sisseln. Später kam Kaiseraugst dazu, inkl. die Liebrüti-Überbauung. Für Adolf Jann war es wichtig, dass seine neuen Mitarbeiter aus der ganzen Schweiz, hier in der Region auch gute Wohnmöglichkeiten hatten. Richtig ist, dass es in den Fricktaler Gemeinden Behördemitglieder gab, welche weitsichtig die Entwicklung erkannten. Es hatte wenig mit dem Kanton Aargau zu tun!
    Heute haben wir internationale Manager. Denen ist es nicht wichtig, wo ihre Betriebe angesiedelt sind. Damals war es wichtig, weil das Management aus lokalen Managern bestand, Schweizer aus der Schweiz und Schweizer aus der Region Basel! Sie hatten ihren Lebensmittelpunkt hier – hier in der Region Basel!

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  2. Staatsmännische Denke geht allerdings anders.
    Die klügeren unter den Investoren wollen Bewohner mit guter Lebensqualität. Und die beruht halt auf Bildung, einem fairen Sozialnetz, einem ÖV-Netz, Kinderhorte und mehr von diesem sozialistischen Unsinn, der unbekanntlich nur in Skandinavien funzt und dort dennoch den Staat nicht in den Abgrund stürzt.
    Man nennt diese Utopie auch soziale Marktwirtschaft. Dummerweise rentiert diese für die Investoren nicht so direkt wie bei uns…

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  3. Natürlich kann der (spiess-)bürgerlich geführte Kanton Baselland nicht anders als sich im engen freisinnigen Denkschema bewegen. Der Kanton soll weiterhin wie ein beliebiges kapitalistisches Unternehmen geführt werden. Profit machen, Kosten senken. Ich sehe und höre nichts vom Dienst an der Bevölkerung, von einer Pflege des Service Public. Armselig! Ich gehe ganz sicher nicht wählen. Welche Partei auch immer, die Politiker sind alle nur an der Erhaltung der Pfründe für ihre Klientel interessiert.

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  4. Wenn die Umsetzung gelingt, ist das für den Kanton Baselland die finanzielle Wende. Selbstverständliche geht das einher mit mehr Einwanderung, mehr Überbauungen und mehr Verkehr. So oder so wird’s platzmässig enger.

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