«Ich lerne Sprachen mit Menschen, nicht aus Schulbüchern»

Die Idee des Projekts «Deutsch durch Begegnung» der GGG ist einfach und doch wirkungsvoll: Die deutsche Sprache wird bei lockeren wöchentlichen Treffen mit deutschsprachigen Personen gelernt.

Ein gutes Team: Die Schwedin Mita Sawjani-Palm und ihre Deutsch-Partnerin Annemarie Burris. (Bild: Alexander Preobrajenski)

Die Idee des Projekts «Deutsch durch Begegnung» der GGG ist einfach und doch wirkungsvoll: Die deutsche Sprache wird bei lockeren wöchentlichen Treffen mit deutschsprachigen Personen gelernt.

Die beiden Frauen unterhalten sich über die Ferien, das Wetter, den Arbeitstag. Der Umgang zwischen der 71-jährigen Annemarie Burris und der 54-jährigen Mita Sawjani-Palm wirkt vertraut. Sie lernen seit einem halben Jahr zusammen Deutsch. Was nach strenger Schule klingt, ähnelt vielmehr einer ungezwungenen Freundschaft.

Im Rahmen des Angebots von GGG-Benevol und der GGG-Ausländerberatung «Deutsch durch Begegnung» ist es möglich, einer fremdsprachigen Person für eine bestimmte Zeit als Lernpartnerin oder Lernpartner zur Verfügung zu stehen. Die deutsche Sprache soll dabei einmal wöchentlich in Alltagssituationen geübt werden. Die Teilnahme ist für beide Parteien kostenlos.

Integration wird zum Selbstläufer

Julia Mikus von GGG-Benevol leitet das Projekt gemeinsam mit Eleonore Wettstein von der GGG-Ausländerberatung. Bei der Gründung vor sieben Jahren war sie noch nicht dabei, ist aber vom Projekt begeistert: «Es geht ganz konkret um die Begegnung von zwei Menschen, und das ist für mich die grundlegendste Form von Integration.» Das oft diskutierte Konzept der Integration sei auf eine leichte, einfache Art in den Alltag integriert, und werde somit fast schon zum Selbstläufer.

Interessierte Migrantinnen oder deutschsprachige Freiwillige können sich telefonisch melden und werden zu einem Gespräch eingeladen. Von den Migrantinnen werden dann Profile erstellt und ins Netz geladen, die freiwilligen Deutsch-Partnerinnen können sich jemanden aussuchen. Momentan gibt es 115 aktive Partnerschaften, die Nachfrage von Seite der Migranten ist immer etwas höher, weshalb sie mit Wartezeiten von bis zu vier Monaten rechnen müssen. Mikus sagt: «Wir erhalten extrem viele tolle Feedbacks, das Schöne daran ist, dass die Pärchen sich meistens irgendwie finden.»

«Es ist für Neuankömmlinge schwierig, sich Zugang zur Schweizer Kultur zu verschaffen.»
Annemarie Burris, 71 Jahre alt

So war es auch bei Annemarie Burris und Mita Sawjani-Palm. Burris unterstützt dieses Angebot seit über fünf Jahren als engagierte Partnerin. Mit einer Partnerin habe es mal nicht so gut geklappt, doch sie habe sich dadurch nie entmutigen lassen. «Die GGG lässt einen nie im Stich, man ist die ganze Zeit über sehr gut betreut. Man hat immer die Möglichkeit, eine Partnerschaft wieder abzubrechen.»

Annemarie Burris stammt aus Holland, die Liebe führte sie in die Schweiz als sie 21 Jahre jung war. Sie konnte aufgrund ihrer Schulbildung schon fliessend Deutsch, doch sie erinnert sich noch gut, dass es nicht nur einfach war, als sie in die Schweiz kam: «Es ist für Neuankömmlinge schwierig, sich Zugang zur Schweizer Kultur zu verschaffen. Viele Schweizer sind zwar offen und höflich, Freunde findet man trotzdem nicht schnell.»

Dadurch sei das Erlernen der Sprache zusätzlich schwierig. «Zudem sind die Schweizer ein sehr ehrgeiziges Volk, wenn es um Fremdsprachen geht», fügt Annemarie an, «lieber üben sie ihr eigenes Englisch oder Französisch als sich mit jemandem in gebrochenem Deutsch unterhalten zu müssen.»

Eine gegenseitige Bereicherung

Da sie diese Schwierigkeiten aus eigener Erfahrung kenne, sei es für sie eine grosse Freude, lernbereiten Frauen aus dem Ausland zu helfen. Vor allem aber mache sie mit, weil sie es auch selbst geniesse: «Ich lerne jeweils so viel Neues von meinen Partnerinnen, ich habe gar nicht das Gefühl, dass ich nur ihnen helfe. Ich sehe das vielmehr als etwas Gegenseitiges.»

Mita Sawjani-Palm arbeitet als externe Mitarbeiterin in der Pharma-Industrie, momentan für Novartis. Auch ihr Mann arbeitet dort. «Ich habe im letzten Jahr mit Annemarie so viele Fortschritte gemacht, dass ich nun besser Deutsch spreche als mein Mann», sagt sie lachend. Nun hegen die beiden Frauen Pläne, ihre beiden Männer zu einer GGG-Partnerschaft zu überreden. «Das wäre doch lustig», sagt Mita Sawjani-Palm, «unsere Männer wissen von dieser Idee aber noch nichts!»

«Ich machte meine ersten Fortschritte mit älteren Nachbarn, die kein Englisch sprechen.»
Mita Sawjani-Palm, 54 Jahre alt

Sie ist seit fast fünf Jahren in der Schweiz, auf Deutsch kann sie sich mittlerweile gut verständigen. Das reicht ihr aber noch nicht: «Mein Deutsch ist sehr schlecht für die Zeit, die ich schon hier bin!»

Richtig zu lernen begonnen habe sie allerdings erst vor einem halben Jahr, als sie sich für den GGG-Begegnungskurs anmeldete und auf Annemarie traf. Als sie in die Schweiz kam, besuchte sie mit ihrem Mann einen Deutschkurs. Dieser sei ihr aber zu grammatikalisch und theoretisch gewesen. Weder bei der Arbeit noch in der Freizeit hatte sie die Gelegenheit, das Geübte anzuwenden.

«Meine ersten Fortschritte in der deutschen Sprache machte ich dank meinem Nachbarn, er war 85 Jahre alt», erzählt Mita Sawjani-Palm. Einmal wöchentlich erledigte sie für ihn die Einkäufe und verständigte sich dabei mit Händen und Füssen, da ihr Nachbar kein Wort Englisch und auch sehr ungern Hochdeutsch sprach. «Für mich war das perfekt», sagt Mita, «ich bin jemand, der neue Sprachen im direkten Kontakt mit Menschen lernt und nicht aus Schulbüchern.»

Beide Frauen sind international zuhause

Daher sind auch die GGG-Benevol-Kurse für sie die passende Methode: «Ich hatte grosses Glück, dass Annemarie sich für mich entschieden hat.» Dann fragt sie: «Warum eigentlich?» Annemarie überlegt. «Ich glaube, es hat mich angesprochen, dass du auch nicht mehr ganz so jung warst. Und du bist genauso wie ich eine Frau mit internationalem Flair, das hat mir gefallen!»

Tatsächlich verbindet die beiden Frauen einiges, beide waren schon in unterschiedlichen Ländern und Kontinenten zuhause. Mita hat indische Eltern, lebte von ihrer Geburt bis sie 12 Jahre alt war in Uganda, zog dann nach Schweden, und kam schliesslich in die Schweiz. Annemarie lebte in Japan und England. Sie sagt: «Ich denke, unsere Weltsicht und unsere Offenheit verbindet uns. Das muss aber nicht zwingend so sein: Man kann auch Deutsch-Partnerschaften haben mit Menschen, die sehr unterschiedlich sind. Das ist ebenso bereichernd.»

Da Annemarie selbst einmal in Japan gelebt hat, traf sie sich auch ein Jahr lang mit einer Japanerin. «Das war sehr schön», sagt sie, die Frau war viel jünger als sie und hatte ein kleines Kind. Trotz des Altersunterschieds habe die «Chemie» gestimmt.

Deutsch lernen und Basel kennenlernen in einem

Bei ihren Treffen gehen Annemarie und Mita eher unstrukturiert vor, «wir schauen jede Woche spontan, worauf wir Lust haben und an welchem Tag wir uns treffen». Oft würden sie draussen spazieren gehen, oder sich abwechslungsweise in ihren Wohnungen treffen. Dank Annemarie habe Mita viel von Basel gesehen: «Ich liebe es zu reisen, und seit ich hier in der Schweiz bin, will ich am liebsten alle Wanderwege ausprobieren. Da muss ich aufpassen, dass ich nicht vergesse, auch Basel kennenzulernen!»

Trotz des ungezwungenen Rahmens, den die Treffen der beiden Frauen haben – oder gerade deswegen – seien die Fortschritte von Mita beachtlich: «Ich staune immer wieder, wie viel sie in dieser Zeit gelernt hat», sagt Annemarie anerkennend.

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Am 27. 9. findet bei der GGG ein unverbindlicher Einführungstag für interessierte Freiwillige statt. Weitere Informationen in der Broschüre zum Projekt «Deutsch durch Begegnung»

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