Im Unispital wird es eng

Immer mehr Geburten, gestresste Hebammen und fehlende Betten. Die Zahl der Neugeborenen ist am Universitätsspital seit Jahren am steigen. Die Frauenklinik arbeitet am Limit.

Zu wenig Platz für den Nachwuchs: Das Unispital Basel kann mit der hohen Geburtenrate nicht Schritt halten. (Bild: Nils Fisch)

Immer mehr Geburten, gestresste Hebammen und fehlende Betten. Die Zahl der Neugeborenen ist am Universitätsspital seit Jahren am steigen. Die Frauenklinik arbeitet am Limit.

Seit einigen Jahren nimmt die Zahl der Neugeborenen in der ­gesamten Schweiz wieder zu. Wurden 2008 noch 76’691 Kinder geboren, waren es im vergangenen Jahr bereits 82’164. Viele Frauen wollen nicht nur wieder mehr Kinder, sie wollen auch bestmögliche Betreuung. Und so entscheiden sich in letzter Zeit viele Schwangere gegen eine Entbindung in einem kleinen Spital und bevorzugen ein grosses Zentrumsspital. 

Die Geburtenzahlen aus der Region Basel bestätigen den Trend. Beim kleineren Kantonsspital Baselland ist die Zahl der Geburten in den vergangenen drei Jahren von 1517 auf 1233 zurückgegangen. In die entgegengesetzte Richtung geht der Trend am Universitätsspital Basel (USB).

Seit Eröffnung der neuen Frauenklinik vor zehn Jahren hat die Zahl der Geburten um fast die Hälfte zu­genommen. 2002 brachten 1590 Frauen ihre Kinder im Universitätsspital zur Welt. Im aktuellen Jahr werden es rund 2300 Frauen sein. Den Höhepunkt erreichte die Zahl der Geburten im Universitätsspital vor zwei Jahren, sie hält sich seither auf hohem ­Niveau.

Hebammen am Limit

Mit dem rasanten Zuwachs kann die Frauenklinik nur knapp Schritt halten. Als Folge kommt es am USB vermehrt zu Engpässen. Hebammen arbeiten ohne Unterbruch, und der Platz auf der Geburtenabteilung wird knapp. Immer wieder kommt es vor, dass Frauen an andere Spitäler verlegt werden müssen, etwa ans Kantonsspital Bruderholz. Zuletzt im Sommer dieses Jahres. Und vieles weist darauf hin, dass auch die Qualität unter den Engpässen leidet.

Die Geburtenkliniken sind vielerorts überlastet. Es kommen nicht nur immer mehr Frauen, auch die Zahl der Risikogeburten nimmt zu. In Zürich und Luzern wurden in der Vergangenheit wiederholt Frauen abgewiesen, weil der Platz fehlte. Die Hebammen stehen unter grossem Druck, sagt Barbara Stocker, Präsidentin des Schweizerischen Hebammenverbands. «Viele Hebammen sind am Anschlag, sie haben eine sehr hohe Auslastung.» Auch die Zahl an Burnouts nehme zu.

Die Fallkostenpauschale, die Geburtenzunahme, die Sparbemühungen der Spitäler, immer mehr Risikoschwangerschaften – es kommt einiges zusammen. Die Hebammen können bei einer Geburt immer seltener eine Eins-zu-eins-Betreuung garantieren. Oft betreut eine Hebamme zwei Frauen gleichzeitig. Die Folgen des hohen Drucks und der knappen Kapazitäten bekommen auch die werdenden Mütter zu spüren. So etwa Franziska F. 

Franziska F., ein Einzelfall?

Als bei der 30-Jährigen im November Fruchtwasser austritt, begibt sie sich ins Universitätsspital Basel, wo die Ärzte sie auf die Bettenstation ­verlegen. Die Wehen lassen auf sich warten. Die Hebammen kontrollieren regelmässig das Fruchtwasser, medizinisch gesehen ist alles in Ordnung. Nichts deutet auf eine mögliche Infektion hin. 

Als die Wehen auch am nächsten Tag noch nicht einsetzen, entscheiden sich die Ärzte, diese künstlich einzuleiten. «Das war nicht mein Wunsch», sagt Franziska F. «Ich hätte gerne auf möglichst natürlichem Weg geboren.» Die Ärzte begründen den Entscheid mit dem Infektionsrisiko. Von der Hebamme erhält Franziska F. eine andere Erklärung. «Sie sagte mir, man wolle mich nicht länger auf der Bettenstation behalten, damit es wieder Platz für neue Patienten gibt.»

Ein Einzelfall? Beim Universitätsspital versucht man, den kritischen Fragen auszuweichen. Man habe das Problem erkannt und bereits in den vergangenen Jahren auf die steigende Geburtenzahl reagiert, sagt Kommunikationsleiterin Sabina Heuss. So wurde die Leitung der Geburtenstation und der Neugeborenenstation getrennt, um mehr Ressourcen zu schaffen, das Personal wurde aufgestockt. Es gebe Spitzentage, doch von einem generellen Engpass will beim Universitätsspital niemand sprechen.

Der Platz ist eng

Es ist nicht ganz leicht, Auskunft zu bekommen. Die Klinikleitung steht für ein Gespräch ebenso wenig zur Verfügung wie die Leiterin der Geburtenabteilung. Und eine angestellte Hebamme, die anonym Auskunft geben wollte, zog ihre Zitate nach einigen Stunden wieder zurück, mit der Begründung, sie sei «sehr verunsichert».

Dabei sprechen auch die Zahlen eine recht eindeutige Sprache. In ­Basel gibt es fünf voll eingerichtete ­Gebärzimmer. Am Universitätsspital Zürich, mit rund 300 Geburten mehr, sind es acht. Die Zahl der Betten ­beträgt in Basel 47, in Zürich sind es 78. Immerhin bei der Zahl der Hebammen kann Basel mit Zürich und Bern mithalten.

Einen deutlichen Spitzenplatz belegt das Unispital jedoch an anderer Stelle. In keinem anderen Universitätsspital erfolgen bei einer Geburt mehr Dammschnitte als in Basel. Und in kaum einem anderen Spital ereignen sich mehr schwere Dammrisse. Beide Ereignisse führt das Bundesamt für Gesundheit als Qualitätsindikatoren.

Ein Spital im Wettbewerb

Beim USB will man diesen beiden Zahlen jedoch nicht allzu viel Gewicht geben. «Man muss sie ­immer im Zusammenhang mit den Schwangerschaften betrachten», sagt Heuss. Zudem sei die Zahl der Dammrisse seit einigen Jahren rückläufig. Lieber verweist sie auf die überdurschnittlich tiefe Zahl an Kaiserschnitten. 

Die Frauenklinik befindet sich in einem Wettbewerb mit weiteren Anbietern. Das Bethesda-Spital hat erst vor wenigen Wochen eine neue Frauenklinik eröffnet. Und das Kantonsspital Baselland wird in wenigen Tagen über die geplante Frauenklinik auf dem Bruderholz informieren.

Trotz der Bemühungen gelingt es dem Spital nicht, sämtliche Bedenken zu zerstreuen. Insbesondere eine ­weitere Tendenz wirkt nicht eben ­beruhigend. Während der letzten zehn Jahre ist die Zahl von ungeplanten ­sekundären Kaiserschnitten, sogenannten Notkaiserschnitten, von 11 auf 18 Prozent angestiegen. Sekundäre Kaiserschnitte gelten als Folge einer krisenhaften Geburt und sollten gemäss Lehrbuch wann immer möglich vermieden werden.

Ein Indikator dafür, dass die ­Hebammen häufiger überfordert sind und es zu Komplikationen kommt? «Da könnte möglicherweise ein Zusammenhang bestehen», sagt Stocker vom Schweizerischen Hebammen­verband.

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 13.12.13

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