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Stücki-Flaute hin oder her: Shoppingcenter werden in Basel aus dem ­Boden gestampft.

Die Investoren scheinen in Basel Monopoly zu spielen. Wie die Rechnung bei so vielen Einkaufszentren aber aufgehen soll, ist fraglich. (Bild: Hansjörg Walter)

Stücki-Flaute hin oder her: Shoppingcenter werden in Basel aus dem ­Boden gestampft.

Es gibt sie schon seit Jahren, die Pläne für ein neues Einkaufscenter im neuen Basler Stadtquartier Erlenmatt. Und wäre alles nach Plan gegangen, würde die sogenannte Erlenmatt-Galerie bereits in wenigen Monaten eröffnet werden.

Doch eben, wäre. Denn von einer Eröffnung ist die Betreiberin des neuen Shoppingcenters, die Multi Develop­ment Switzerland, noch weit entfernt. Sie hat vor Kurzem erst das Baugesuch dafür eingereicht. Gemäss diesem sind vier Ankermieter in der Erlenmatt-Galerie vorgesehen. Erst einer davon ist bekannt: Coop. Insgesamt sind in der Erlenmatt-Galerie 45 Verkaufsflächen auf 28 000 Quadratmetern geplant. Im zweiten Stock soll ein Fitnesscenter entstehen, im dritten und vierten ein Hotel mit 219 Zimmern und im Untergeschoss eine Auto-Einstellhalle mit rund 490 Plätzen.

Laut Marc Keller, Sprecher des Bau- und Verkehrsdepartements Basel-Stadt, sind vier Einsprachen gegen das Bauvorhaben eingegangen. Über Inhalt und Rekurrierende darf er aber nichts sagen.

Die Einsprachen scheinen Daniel Fluri, Verwaltungsratspräsident der Erlenmatt-Galerie, ohnehin nicht zu beunruhigen. «Wir sind zuversichtlich, dass wir wie geplant 2014/2015 Eröffnung feiern können.» Wie viele und welche Mieter er bereits für seine Erlenmatt-Galerie gewinnen konnte, will er nicht ver­raten. Nur so viel: «Wir werden die informieren, wenn wir die Baubewilligung erhalten haben. Mit der Vermietung läuft es aber gut – wir sind auf Kurs.» Auch über das geplante Investitionsvolumen gibt er keine Auskunft.

Zehn Mieterwechsel im Stücki

Nicht einleuchten will, weshalb es nur rund 1000 Meter weit entfernt vom Stücki-Shopping einen weiteren Konsumtempel braucht. Erst recht nicht, weil es mit dem im Herbst 2009 eröffneten Shoppingcenter in Kleinhüningen alles andere als gut läuft. In den rund 120 Läden und Gastronomiebetrieben auf 32 000 Quadratmetern herrscht, vor allem unter der Woche, gähnende Leere. Migros und Saturn haben bereits ihre Konsequenzen gezogen und ihre Verkaufsflächen massiv verkleinert.

Wie Stücki-Manager Jan Tanner der TagesWoche sagt, habe es seit der Eröffnung vor zwei Jahren etwa zehn Mieterwechsel gegeben. Aktuell sind sechs Verkaufsflächen nicht vermietet. Derzeit finden etwa täglich 10 000 Personen den Weg ins Einkaufszentrum. Vom Ziel, 15 000 Kunden pro Tag ins Stücki-Shopping zu locken, sei man noch etwas entfernt, sagt Tanner. «Zufrieden sind wir noch nicht. Wir entwickeln uns, unter Berücksichtung der aussergewöhnlichen Situation in der Schweiz mit dem starken Franken, aber gut. Es braucht halt nun mal drei bis fünf Jahre, bis ein Shoppingcenter auf dem Markt etabliert ist.» Nach schwierigen Zeiten im August und September registriere er seit ein paar Wochen wieder einen Besucherzuwachs. So habe man im November gegenüber dem Vorjahr zehn Prozent mehr Kunden verzeichnet.

Die Rechnung geht nicht auf

Natürlich ist Tanner alles andere als erfreut, dass in nächster Nähe zu seinem Shoppingcenter ein weiteres gebaut wird. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Markt in Basel kurzfristig noch ein zusätzliches, derart grosses Shoppingcenter verträgt.» Investoren gebe es genug, das sei nicht das Problem. «Die Frage ist aber, ob die Rechnung auch für die Mieter der Erlenmatt-Galerie aufgehen wird», sagt Tanner.

Für die Modekette Peek & Cloppenburg aus Hamburg ist die Rechnung auf dem Erlenmatt-Areal schon früh nicht aufgegangen. Ursprünglich wollte sie sich als einer der Ankermieter in der Erlenmatt-Galerie niederlassen. Anfang Jahr machte sie allerdings einen Rückzieher. Ihr war das Ganze zu riskant: Man setzte lieber auf etablierte Standorte. Fast alle kürzlich gestarteten Center wie Stücki, Westside in Bern oder Sihlcity in Zürich hätten grosse Anlaufschwierigkeiten, lautete die damalige Begründung der deutschen Modekette.

Trotz allem: Shopping-Center scheinen in Basel im Trend zu sein. Zumindest bei den Investoren. Neben dem Stücki, dem St.-Jakob-Park und der ­Erlenmatt-Galerie entstehen noch zwei weitere Einkaufszentren – auch wenn diese nicht so gross sind: der Claraturm und die Markthall. Vorgesehen ist, dass der 90 Meter hohe Claraturm am Riehenring zu 70 Prozent fürs Wohnen genutzt wird (insgesamt 170 Wohnungen sollen entstehen). Und 30 Prozent der Flächen sind für kommerzielle Nutzungen gedacht. Geplante Eröffnung des 100 Millionen teuren Hoch­hauses vom UBS-Immobilienfonds Sima: spätestens 2016.

Riccardo Boscardin, Head Global Estate bei der UBS, will sein Projekt «auf keinen Fall» als zusätzliches Basler Einkaufscenter bezeichnet wissen. «Der Claraturm wird keine Konkurrenz zu den bestehenden Shoppingcentern sein. Es wird nur wenige Läden geben», sagt er.

Ähnlich tönt es bei den Verantwortlichen der Markthalle, die Ende März 2012 eröffnet wird. Neben 45 Wohnungen sind auf einer Fläche von 5000 Quadratmetern 20 bis 30 Läden geplant. So werden unter anderem der Outdoor-Spezialist Bächli Bergsport, das Unterhaltungselektrogeschäft Digitec und der Kleiderladen Zooloose Räumlichkeiten beziehen. Und auch dort will man sich nicht in denselben Topf werfen lassen. «Man kann uns nicht mit ­einem Shoppingcenter vergleichen. Wir bieten mehr als nur Einkaufen», sagt Sascha Bauer, bei der PSM Center Management AG für die Vermietung der Markthalle verantwortlich. So würden in der Markthalle das Wohnen, der Dienstleistungssektor und der Gastronomiebereich eine grosse Rolle spielen. Bauer: «Wir werden eine Ergänzung zur Innenstadt sein.»

Peter Malama zweifelt

Gewerbedirektor und FDP-Nationalrat Peter Malama kann über die vielen (entstehenden) Einkaufszentren in Basel nur den Kopf schütteln. Er ist überzeugt: «Gemessen an der Kaufkraft verträgt es in Basel keine weiteren Center mehr. Der Markt ist übersättigt. Aber offensichtlich sehen das die Investoren anders und meinen, die Leute würden den Franken zweimal ausgeben.» Es brauche diese Erlenmatt-Galerie nicht – ein Food-Laden auf dem Erlenmatt-Areal würde für die Quartierbewohner völlig ausreichen, sagt Malama.

Er glaubt auch nicht, dass das Konzept der Markthalle aufgehen wird. «Dass jemand lieber in die geschlossene Markthalle zum Einkaufen geht, wenn die Innenstadt nur wenige Meter entfernt ist, bezweifle ich sehr.» Ähnlicher Meinung ist Daniel Zimmermann, Centerleiter des vor zehn Jahren eröffneten St.-Jakob-Parks: «Wir haben ein Überangebot. Der Kuchen wird aber gleich gross bleiben.» Er blickt der zunehmenden Konkurrenz jedoch einigermassen mit Gelassenheit entgegen. Sein Center sei schliesslich etabliert und liege an einer guten Lage.

Etwas weniger entspannt sieht es Jan Tanner vom Stücki-Center. Für ihn ist klar, dass es zu einem Verdrängungskampf kommen wird, wie er sagt. Aber das kann den Konsumenten egal sein. Sie werden für die Befriedigung ihrer Kauflust so viel Auswahl haben wie noch nie.

 

 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 09/12/11

Konversation

  1. Der Swiss Prime Site, die als Gesamtinvestor beim Stücki auftritt, geht es geschäftlich durchaus gut, mit einer Aktienausschüttung plus 40,5% per Mitte dieses Jahres. Die Firma ist börsenkotiert, und das Problem ist doch, dass Alternativen der Anlage zur Zeit rar sind. Die Zinsen für Bundesanleihen tendieren unter 1% und somit macht es selbst dann Sinn, Einkaufscenter zu bauen, wenn die Bedürfnisse von Seiten der Konsumenten weitgehend gedeckt scheinen. Denn: das Risiko danach wird primär von den Mietern, den Geschäften getragen. Jede/r, der das Grenzgebiet Kleinhüningen mit den Einkaufsmöglichkeiten in Deutschland kennt, war sich bewusst, dass ein Einkaufsprojekt in der Schweiz mit erheblichen Risiken verbunden ist. Dies gilt für ein neues Projekt auf dem Erlenmatt genauso. Nur weil die Zinslast für eine Investition derart niedrig liegt, macht es aus gemeinschaftlichen Gründen keinen Sinn, weitere Projekte aus dem Boden zu stampfen, weil zusätzliche, überschüssige Konkurrenz die Rentabilität pro m2 Verkaufsfläche nach unten drückt, für alle bisherigen Anbieter. Schon jahrelang wissen dies alle Retailer, dass mit der Fokussierung auf grosse Verkaufslokale man zwar den offensichtlichen Sachzwängen des Marktes nachgibt. Die Umsatzzuwächse werden real zwar ausgewiesen, andererseits sinken durch die grossen Läden dann eben die Umsätze pro m2. Ein Dilemma, welches sich am Schluss der Kette mit der Reduktion der Beschäftigten ausdrückt. Die Penetration des Marktes von Aldi, Lidl & Co. schaffte eine Marktlogik, dass die bisherigen Players die offensichtlichen guten Standorte besetzten, um der Konkurrenz die Expansion zu erschweren. Dies zu einem hohen Preis von unrentablen Filialen. Ob nun eine Phase beginnt, wo wieder die Vernunft einkehrt? Es wäre zu wünschen.

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