Messe lehnt Denkmal für Bauarbeiter ab

Die Gewerkschaft Unia will heute Abend den Bauarbeitern des Messeneubaus mit einer Schang-Hutter-Skulptur ein Denkmal setzen. Doch die Messe winkt ab.

Die Messe zeigt kein Interesse am Denkmal zu Ehren der Arbeiter. (Bild: Michael Würtenberg)

Die Gewerkschaft Unia will den Bauarbeitern des Messeneubaus mit einer Schang-Hutter-Skulptur ein Denkmal setzen. Doch die Messe winkt ab.

Die Zügelmänner haben die Skulptur von Schang Hutter vor dem Messeneubau gerade ausgeladen, da taucht plötzlich die Führungsriege der Messe auf. Ein purer Zufall. Doch manchmal schreibt der Zufall die besten Drehbücher.

Langsam und gravitätisch schreiten Messe-CEO René Kamm und Verwaltungsratspräsident Ueli Vischer auf den Neubau zu, so als ob sie sich einen Traum erfüllt hätten und jetzt einfach den Moment auf sich wirken lassen wollten. Und ausgerechnet jetzt sind sie wieder da: die Störenfriede, die Gewerkschafter, die das Bild der «wahrscheinlich am besten geführten Baustelle, welche die Schweiz je gesehen hat» (Selbsteinschätzung von Messe-CEO René Kamm), nachhaltig gestört, Lohndumpingfälle aufgedeckt und angeprangert haben.

Verwaltungsratspräsident Vischer reagiert als Einziger: «Sie haben aber keine Allmendbewilligung.» Dazu macht er eine Handbewegung, ähnlich jener von Magistraten bei lästigen Journalistenfragen, wenn sie nichts kommentieren wollen. «Da täuschen Sie sich», antwortet Roland Schiesser von der Gewerkschaft Unia. Die beiden wechseln zwei, drei Worte – dann verschwindet die Führungsetage samt Entourage im endlos scheinenden Neubau.

Drinnen feiert sich die Messe selbst. «8. Februar. Übergabe Neubau Messe Basel» ruckelt eine Schrift über ein Leuchtband, und Lämpchen projizieren das Logo der Messe und des Generalunternehmers HRS darauf. Draussen hieven die beiden Zügelmänner die Metallskulptur von Schang Hutter auf ein Holzpalett.

«Bitte läuten und längere Zeit warten»

Zwei Stunden vorher steht Gewerkschafter Roland Schiesser vor der Tür des Ateliers von Schang Hutter im solothurnischen Bellach. «Bitte da läuten und längere Zeit warten» steht auf einem handgeschriebenen Schild. Dahinter befindet sich das Atelier des Künstlers Schang Hutter.

Überall stehen Figuren aus Metall und Holz herum, dazu Gipsköpfe und Hunderte von Bildern. «Ich freue mich, dass die Gewerkschaft eine meiner Skultpturen als Denkmal für die Bauarbeiter der Messe aufstellen will», sagt der 79-jährige Künstler. Die Gewerkschaft Unia möchte mit der Eisenskulptur die Arbeiter der Messebaustelle ehren, die sich knapp zwei Jahre lang abrackerten, damit der Glamourbau im Rekordtempo fertig wurde. Die Skulptur ist alles andere als Wohlfühlkunst: Sie hat ihre Arme anklagend nach oben gerichtet.

Ob die Skulptur all die Lohndumping- und Lohnskandal-Fälle symbolisieren soll? «Ich will damit der Verletzlichkeit Raum geben», sagt Hutter, «das ist eine politische Aussage, wie bei all meinen Figuren.» Er hoffe, dass seine Skulptur als Denkmal für die Arbeiter im Messeneubau einen Platz finden werde.

Doch Hutter weiss auch, dass sich viele lieber «von Kunst blenden lassen, die nichts aussagt». Menschen würden Kunst, die «auf die harte Realität auf der Welt aufmerksam macht», nicht so sehr schätzen, glaubt der Künstler.

Messe lehnt Arbeiter-Denkmal ab

Die Skulptur ist eine Leihgabe des Künstlers, weil die Messe das Kunstwerk nicht kaufen will. Für 60’000 Franken hätte die Messe dem Denkmal im 430 Millionen Franken teuren Bau einen festen Platz geben können. Doch auf Anfrage der Gerwerkschaft hatte die Messe abgewinkt: Man habe entschieden, auf den Kauf zu verzichten, liess diese durch ihren Sprecher ausrichten. «Es wäre zwar ein sympathisches Zeichen, dass wir die Leistung der Arbeiter zu schätzen wissen. Das tun wir aber auch ohne Symbolik und haben das unter anderem auch schon anlässlich eines Aufrichte-Mittagessens mit einem kleinen Geschenk (multifunktionales Werkzeug) zum Ausdruck gebracht», schrieb der Messesprecher der Gewerkschaft.

Etwas weniger diplomatisch äussert sich ein Kadermann der Messe, als auch er an der Hutter-Skulptur vorbeimarschiert: «Stellt das doch an der Rebgasse auf.» Dort hat die Unia ihre Büros. Doch Gewerkschafter Schiesser lässt sich nicht unterkriegen: «Wir kämpfen jetzt dafür, dass die Skulptur hier bleiben kann und nicht zurück ins Ateliers des Künstlers muss.»

Heute Abend will die Gewerkschaft die Skulptur an einer Feier offiziell enthüllen und der Messe als Denkmal für all die Bauarbeiter anbieten, die es erst möglich gemacht haben, dass die Uhren- und Schmuckmesse Baselworld im Frühling im neuen Prunkbau der Architekten Herzog & de Meuron ihre Tore öffnen kann.

Am Freitag, 8. Februar 2013, um 17 Uhr feiert die Gewerkschaft Unia auf dem Messevorplatz ein Fest «zu Ehren der Messbau-Arbeiter». Dass das Grossprojekt termingerecht fertig gebaut werden konnte, sei den unzähligen Arbeitern zu verdanken, die in «unermüdlichem und hartem Einsatz bis an die Grenze gehen mussten». Ihnen gehöre der grosse Respekt und Dank. Zudem verlieh die Gewerkschaft einen Kaktus an den Weltkonzern Schindler, jenes Unternehmen, welches in der 22-monatigen Bauzeit am meisten enttäuscht habe.«Schindler liess 40-jährige polnische Liftmonteure mit 10 Jahren Erfahrung und mehr als Praktikanten auf der Messebaustelle schuften – und entlöhnte diese mit knapp 3000 statt rund 5000 Franken. Das ist für ein weltbekanntes Schweizer Unternehmen einfach nur beschämend», sagte Roland Schiesser, Unia-Verantwortlicher für den Messebau.

Konversation

  1. Wer baute das siebentorige Theben?
    In den Büchern stehen die Namen von Königen.
    Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?
    Und das mehrmals zerstörte Babylon

    Wer baute es so viele Male auf?
    In welchen Häusern des goldstrahlenden Limas wohnten die Bauleute?
    Wohin gingen an dem Abend, wo die Chinesische Mauer fertig war die Maurer?
    Das große Rom ist voll von Triumphbögen. Wer errichtete sie?

    Diese Fragen eines lesenden Arbeiters von Berthold Brecht könnte man beliebig erweitern. Zum Beispiel um die Frage: wer baute den Messeneubau? Die Messe Basel? Oder die Architekten Herzog und De Meuron? Oder waren es nicht hunderte von Bauarbeitern, die unter grossem Zeitdruck und oft viel zu niedrigen Löhnen und überlangen Arbeitszeiten geschuftet haben? Meist setzen sich bei einem spektakulären Bau die Architekten ein Denkmal. Der Bau bleibt mit ihrem Namen verbunden. Die Gewerkschaft Unia findet zu recht, dass auch den Arbeitern ein Denkmal gesetzt werden sollte und schlägt der Messe Basel vor, eine Skulptur von Schang Hutter als Denkmal für die Arbeiter zu erwerben. Damit könnte die Messe Basel zeigen, dass Sie die Arbeit der Bauleute zu würdigen weiss. Ohne deren grossen Einsatz wäre nämlich der Neubau nicht rechtzeitig fertig geworden!

    Rita Schiavi, Mitglied der nationalen Leitung Gewerkschaft Unia

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  2. … ein Kunstdenkmal fuer meine Arbeit vor dem Ort meiner Taetigkeit. Also liebe UNIA… 😉 Wer sonst noch fuer seine geleistete Arbeit gerne ein Kunstwerk haben moechte als Anerkennung seiner Leistung bitte einfach bei der UNIA melden…

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  3. Komisch, dass LDP-Grossrat André Auderset noch keine diesbezügliche Interpellation im Grossen Rat eingereicht hat. Oder handelt es sich hier vielleicht nicht um seine Klientel?

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  4. Tausende ArbeiterInnen haben innert kürzester Zeit ein architektonisches Meisterwerk gebaut! Dafür sollten sie ein Denkmal erhalten. Toni, oder wie ich die Skultptur lieber nenne, Antonio von Schang Hutter, soll bei der Messe eine Bleibe finden und an die Arbeit erinnern! Die Messe Schweiz soll dieses Geld aufwerfen zu Ehren der ArbeiterInnen!

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  5. Ein Geschenk an diejenigen, die es am meisten verdient haben! Diejenigen, denen «8. Februar. Übergabe Neubau Messe Basel» letztendlich zu verdanken ist und ohne die dieser Termin kaum hätte realisiert werden können.

    Unzählige von ihnen sind längst wieder in ihrer Heimat und konnten am Aufrichte-Mittagessen nicht verdankt werden. Auch ihnen gehört der Dank, auf grossartige Weise symbolisiert durch Schang Hutters Skulptur.

    Es wäre schön, wenn die in Basel immer wieder mal gepflegte Gesprächskultur zu einem positiven Entscheid seitens der Messe Basel führen und damit der Würfel wie schon oft in unserer Stadt auf die richtige Seite fallen würde ….

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  6. Unglaublich, was sich die Messeleitung da wieder herausnimmt. Die Ablehnung erfogte innert weniger Stunden, wer hat da einfach grad‘ schnell den Daumen runter gehalten von den Herren?
    Ein Geschenkli und ein Mittagessen, ach wie gnädig! Ich frage mich immer mehr, was wir uns von der Messe noch alles gefallen lassen müssen??
    Und die Politik nickt brav, das enttäuscht mich am meisten. Ich hätte da mehr erwartet von Christoph Brutschin.

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  7. Es gibt immer wieder eine Gelegenheit, Kunst am Bau auszuführen. Dazu braucht es nicht unbedingt einen Schang Hutter, denn diese Kunst wäre mir zu schade, dorthin zu stellen. Die Gedanken sind frei … *singträller* aber das überlasse ich den Baslern 😉

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