Messe Schweiz: Gaili Kääre und düstere Geschäftsaussichten

Die Messe Schweiz fährt im Schlingerkurs: In ihrem düsteren Halbjahresbericht verkündet sie eine Stärkung des digitalen Dienstleistungsgeschäfts, während sie mit der Luxusauto-Show Grand Basel eine ganz und gar klassische neue Messe eröffnet.

Zweckoptimismus bei der neuen Grand Basel, saure Miene beim Halbjahresergebnis.

Zugegeben: Auch für jemanden, der sich nicht als Autonarr bezeichnen würde, hat die Grand Basel ihren Reiz. Die «ultimative Show für automobile Meisterstücke», wie sich die neue Messe selber anpreist, wartet mit Dutzenden von Prunkstücken auf vier Rädern auf – Oldtimer und Neuwagen.

Allen voran scheinen Aston Martin und Ferrari die Herzen von Sammlern von Luxusautos am stärksten zu bewegen. Aber natürlich auch weitere Prachstücke deutscher, britischer und italienischer Herkunft. Hauptsache schön, speziell und teuer. Auf 300 Millionen Franken wird die Versicherungssumme der Ausstellungsstücke geschätzt.

Schlechte Nachrichten am Preview-Day

Nun wollte es der Zufall, dass die Initiantin und Organisatorin des Anlasses, die Messe Schweiz, ausgerechnet am Tag der Preview für geladene Gäste mit schlechten Nachrichten an die Öffentlichkeit treten musste. «Halbjahresabschluss 2018 im Rahmen der Erwartungen» lautet der vielsagende Titel einer Medienmitteilung der MCH Group. Und weil es nach der bereits kommunizierten Baisse bei der Leitmesse Baselworld schlechte Erwartungen waren, präsentiert sich der Abschluss auch entsprechend.

Ein paar Kennzahlen: Der Konzerngewinn liegt mit 21,9 Millionen Franken 17 Prozent unter dem der Vorjahresperiode. Dies obwohl der Betriebsertrag um 16,7 Prozent auf 305,6 Millionen Franken stieg. Das liegt aber am Umstand, dass das Jahr 2018 mit der Austragung der biennalen Swissbau eigentlich zu den zyklisch starken Jahren zählt.

Richtig düster wird das Bild, wenn man sich die Erwartungen für das gesamte Geschäftsjahr 2018 vor Augen führt: Das zweite Halbjahr wird erwartungsgemäss noch schlechter ausfallen, weil unter anderem zwei Messen auf 2019 verschoben werden mussten. Die MCH Group rechnet unter dem Strich mit einem negativen Jahresergebnis im einstelligen Millionenbereich.

Das ist vor den Sonderabschreibungen. Weil eine erneute Wertberichtigung der Messehallen aussteht, wird es voraussichtlich auf einen Jahresverlust in dreistelliger Millionenhöhe hinauslaufen.

Ueli Vischer zum Halbjahresergebnis

Ueli Vischer.

Wir haben vor der Medienbesichtigung der Grand Basel kurz mit Verwaltungsratspräsident Ueli Vischer gesprochen, der nach dem Rücktritt von Messe-CEO René Kamm vorübergehend auch als Leiter der operativen Geschäfte amtiert.

Was ist das für ein Gefühl, gleichzeitig eine neue Messe zu eröffnen und quasi Katastrophenmeldungen zu verbreiten?

Es sind zwei Gefühlswelten, die mich bewegen: Wir eröffnen eine tolle Messe. Die Reaktionen, die ich gestern Abend und heute Morgen von Spezialisten entgegennehmen konnte, waren hervorragend. Ich hoffe, das bleibt so und die Messe wird zum Erfolg. Dass der Halbjahresabschluss ausgerechnet heute veröffentlicht wurde, ist Zufall. Als börsenkotiertes Unternehmen müssen wir den Zeitpunkt lange vorher festlegen. Und ja: Dieses Ergebnis ist nicht erfreulich.

Sie eröffnen eine Messe, einen Live-Event im klassischen Sinn. In der Medienmitteilung aber schreiben Sie gleichzeitig, dass sich die MCH Group mehr und mehr auf das Dienstleistungsangebot, auf internationale Präsenz und die zunehmende Digitalisierung konzentrieren möchte. Da widersprechen Sie sich doch eigentlich selber?

Wir geben die Plattform von Messen nicht auf. Aber wir arbeiten jetzt intensiv daran, Live-Events, also Messen, die einmal pro Jahr oder einmal alle zwei Jahre stattfinden, mit Dienstleistungen zu verbinden, die im digitalen Bereich das ganze Jahr hindurch erbracht werden. Das ist die Herausforderung der Transformation, die wir vollziehen. Die grossen Aussteller sehen das gleich, die kleinen müssen wir noch heranführen. Die Messen und Events müssen im Kosten-Nutzen-Prinzip für unsere Aussteller stimmig sein. Das zeigt sich speziell bei Baselworld. Hier hat der Live-Event über Jahre hervorragend funktioniert. Das stimmt jetzt nicht mehr. Sie ist für die Aussteller zu teuer geworden. Das betrifft nicht in erster Linie die Mieten, die sie uns bezahlen müssen, sondern die sonstigen Kosten, unter anderem diejenigen für ihre Standbauten.

Alte Messehallen abstossen

In der neuen Messe Grand Basel werden die Aussteller, Händler und Sammler luxuriöser Autos nicht zu teuren Standbauten genötigt. Das ästhetische Konzept setzt auf eine einheitliche, schlicht-gediegene Architektur mit weissen Podesten und wandlosen Pavillon-Bauten. Dadurch müssen die Aussteller nicht allzu tief ins Portemonnaie greifen.

Die Grand Basel ist auch nicht sonderlich gross: Auf 32’000 Quadratmetern werden 113 Autos präsentiert. Dazu kommt eine Sammlerlounge. Das wirft eine weitere Frage für die Zukunft des Messestandorts Basel auf: Ist die Infrastruktur der MCH Group nicht zu gross? Wiederum eine Frage an Ueli Vischer.

In der Medienmitteilung schreiben Sie, dass Sie die «Auslastung der Infrastruktur in Basel unter Berücksichtigung möglicher Entwicklungsszenarien des Messe- und Eventgeschäfts» überprüfen möchten. Was heisst das?

Das hat mit der Festlegung des Wertes der Infrastruktur beziehungsweise der Hallen zu tun. Wir müssen die Erträge in den Hallen genau betrachten und versuchen, sie besser auszulasten.

Könnte das bedeuten, dass Sie alte, schlecht belegte Hallen wie die Halle 3 beim Musical-Theater aufgeben oder abstossen?

Das sind selbstverständlich Überlegungen, die wir anstellen. Es wird wohl auf eine Reduktion des Hallenangebots hinauslaufen. Sicher nicht die Hallen 1 und die denkmalgeschützte Rundhofhalle 2, aber diejenigen, die Sie erwähnt haben, die bei den Ausstellern nicht beliebt sind.

«Nur» noch 45 Franken

Ob die Grand Basel funktionieren wird, muss sich zeigen. Am ersten Preview-Tag hielt sich der Aufmarsch des Publikums auf alle Fälle noch in Grenzen. Ab Donnerstag, 6. September, wird die Show bis zum 9. des Monats auch für das normale Publikum offen sein. Dieses wird dann «nur» noch 45 statt den ursprünglich festgesetzten 75 Franken für den Eintritt bezahlen müssen.

Grand Basel. 6. bis 9. September, Messe Basel.

Konversation

  1. Statussymbole, die unsere Luft verpesten und unsere Gesundheit gefährden.
    Diese Luxusausstellung passt nicht zu unserer progressiven Velostadt Basel. Das sollten wir der Welt nicht zeigen.
    Ich schäme mich für unsere Stadt.

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  2. Grand Basel. Der Sound von 700PS, der einen aufhorchen lässt, feuchte Hände, die man bekommen wird (so locken die Beschriebe in der Messe-App)… Ein Ferrari F40 von 1991 mit 478PS und 324km/h, oder lieber den Iso Rivolta Vision GT (2017) mit 1000PS (!), 350km/h, in 2.7sec von 0 auf 100, oder besser den Aston Martin Virage (2011) mit 490PS oder einen Porsche 911 (2018) mit 700PS? Kann man die Wagen aus den 1960ern noch als Kulturgut ansehen, ab den 1970ern waren Ölkrise, „Umwelt“-Themen, die Klimarelevanz allgemein bewusst. All die PS-Boliden ab den 70ern sind kein Kulturgut mehr, sie sind – und waren es schon damals – anachronistische Unkultur. Es ist die Dekadenz unserer Zeit, die uns an der Grand Basel entgegenschreit. Dazu passt, dass sich die Tage etliche Männer mit allzu schmaler Identitätsbasis in den Messehallen die Augen nicht satt sehen werden können. Traurig, dass dabei 49% der Aktien der MCH Group der öffentlichen Hand gehören, darunter den als „Energiestadt Gold“ zertifizierten Städten wie Basel oder Zürich. Ein Armutszeugnis. Für Basel, für die Messe, für unsere Gesellschaft.

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  3. Diese geile und grandiose Auto-Ausstellung halte ich für pervers. Und dies nicht nur im Kontrast zur MCH-Messe-Misere, die markant zu Lasten von Steuerzahlenden geht: Wie lange will die Mehrheit noch an eine Zukunft einer solchen Schlaraffenland- und Wirtschaftswunder-Gesellschaft glauben?

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  4. Die Entwicklung dieser abgehobenen Messe Entwicklung hat etwas Schräges, in meiner Kindheit ging man in die MUBA an Automobil Ausstellungen; zurück auf Platz eins?

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  5. So überraschend kommt dieser Niedergang nicht. Erst die MUBA, dann die Basel World und später ART ? Mit Autoausstellungen und Fantasymessen lassen sich diese Hallen kaum selbsttragend betreiben. Der Neubau, der Gross auch für Events wie Theater/Konzerte angepriesen wurde, wo aber kaum was stattfindet.

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  6. Eine harte Landung, die allerdings nicht aus dem heiteren Himmel kommt. Und was passiert mit den hochfliegenden Neubauprojekten? Wird am Ende noch der Messeturm abgerissen?

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