Mit dem Bargeld geht ein Stück Freiheit verloren

Von der EU über Indien bis Südkorea – weltweit werden Geldscheine und Münzen aus dem Verkehr gezogen. Doch mit der Abschaffung des Bargelds droht nicht nur die totale Überwachung der Konsumenten, sondern auch der Ausschluss von Armen.

epa05625261 People stand in queue to exchange Indian rupee notes at a national bank in the north Indian hill town Dharamshala, India, 10 November 2016. In a major decision, Indian Prime Minister, in an address to the nation has stated that currency notes with denomination values of INR 500 (about 7.5 US dollars) and INR 1000 (about 15 US dollars) respectively will be invalid and will be discontinued from midnight of 08 November 2016. Indian government also introduced the new notes of INR 500 (about 7.5 US dollars) and INR 2000 (about 30 US dollars) and citizens would be allowed to exchange their old currency notes through the banks and post offices till 30 December 2016. This is being considered as a major step towards curbing the problem of black money. EPA/SANJAY BAID

Von der EU über Indien bis Südkorea – weltweit werden Geldscheine und Münzen aus dem Verkehr gezogen. Doch mit der Abschaffung des Bargelds droht nicht nur die totale Überwachung der Konsumenten, sondern auch der Ausschluss von Armen.

Am 16. Juli 1661 gab die schwedische Stockholms Banco die ersten gedruckten Banknoten in Europa aus, die gegen Kupferplatten eingetauscht werden konnten. Die Scheine aus handgefertigtem Papier enthielten ein Wasserzeichen mit der Aufschrift «Banco», die Seriennummer wurde handschriftlich eingetragen.

Auch wenn die mit der Erlaubnis des schwedischen Königs gegründete Privatbank wenig später Konkurs anmelden musste und der windige Bankier Johann Palmstruch im Gefängnis landete, weil er mehr Geld druckte, als die Bank an realem Metallwert hinterlegt hatte, sollten sich die Banknote schnell als Zahlungsmittel in Europa durchsetzen.

Almosen per Kartenlesegerät

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Schweden, die Wiege des europäischen Bargelds, nun das erste Land sein könnte, das dieses abschafft. 80 Prozent aller Zahlungen werden inzwischen mit Kreditkarte oder kontaktlos mit mobilen Bezahl-Apps abgewickelt. Das im Umlauf befindliche Bargeldvolumen hat sich in den vergangenen sieben Jahren um 40 Prozent reduziert. Obdachlose in der Stockholmer Innenstadt nehmen Almosen per Kartenlesegerät entgegen. 

Mitglieder von Kirchgemeinden entrichten ihren Zehnten via Textnachricht. In der Filadelfia-Kirche in Stockholm steht ein «Kollektomat», in dem man bequem mit Karte spenden kann. Strassenhändler kassieren mit einem Kartenlesegerät ab. Und selbst das Abba-Museum, der Erinnerungsort jener Popband, die mit dem Song «Money, Money, Money» weltberühmt wurde, akzeptiert nur noch Kartenzahlung. Bargeld könnte in Schweden bald ein Relikt der Vergangenheit sein.

Auch in anderen Ländern wird die bargeldlose Gesellschaft vorangetrieben. Die indische Regierung unter Premierminister Narendra Modi hat sozusagen über Nacht die beiden Rupien-Scheine mit dem grössten Nennwert, den 500er- und den 1000er-Rupien-Schein, aus dem Verkehr gezogen und damit rund 86 Prozent des im Umlauf befindlichen Bargelds für ungültig erklärt.

In Indien führte die Bargeldreform dazu, dass säckeweise Geldnoten in Flüsse geworfen oder verbrannt wurden. 

Die Bargeldreform löste Chaos in dem Land aus: Vor den Geldautomaten bildeten sich lange Schlangen, Ärzte weigerten sich, grosse Scheine anzunehmen,  bei kleineren Geschäfte und Strassenhändlern blieb die Laufkundschaft aus. In Indien werden fast alle Geschäfte des täglichen Lebens bar getätigt. Auch Landkäufe werden grösstenteils bar abgewickelt. Zwar können die ungültigen 500- (rund 7.55 Franken) und 1000-Rupien-Scheine (rund 15.10 Franken) gegen andere Scheine eingetauscht werden, aber nicht mehr als der Wert 4000 Indischer Rupien (umgerechnet 60.39 Franken). Der Rest muss auf Konten eingezahlt werden.

Die währungspolitische Massnahme, die sich gegen Korruption und Geldwäsche richtete, führte dazu, dass Kriminelle, die Bargeld bunkerten, aus Angst, erwischt zu werden, säckeweise Geldnoten in Flüsse warfen oder die Scheine verbrannten. Bei einer Mülldeponie im Nordwesten des Bundesstaats Uttar Pradesh wurden Säcke geschredderter Geldscheine im Wert von mehreren Hunderttausenden Rupien abgelegt. Bargeld wurde zum Abfallprodukt. 

Wo in Indien Millionen auf wertlosen Scheinen sitzen, wird andernorts das Hartgeld aussortiert. Die südkoreanische Zentralbank plant, das Münzgeld bis 2020 abzuschaffen. Südkorea ist eine der Volkswirtschaften, die am wenigsten auf Bargeld rekurriert. In dem ostasiatischen Land besitzt jeder Einwohner durchschnittlich 1,9 Kreditkarten, eine der höchsten Raten der Welt. Nur 20 Prozent der Geschäfte werden im Alltag mit Geldscheinen abgewickelt. «Wir können eine Menge Geld sparen, wenn wir kein Bargeld mehr nutzen, sagte Kim Seong-hoon, Wissenschaftler am Korea Economic Research Institute, der «Financial Times». «Wenn wir uns vom Bargeld verabschieden, könnten wir ein zusätzliches Wachstum von 1,2 Prozent generieren.»

Jede Transaktion wird gespeichert

Die Europäische Zentralbank zieht ab 2018 den 500-Euro-Schein aus dem Verkehr. Nicht, um die Wirtschaft zu stimulieren – das tut sie ja bereits im Rahmen des OMT-Programms und Quantitative Easing –, sondern um die Finanzströme der organisierten Kriminalität auszutrocknen. Die EU will zudem eine Bargeldobergrenze einführen. Der Ökonom Ken Rogoff, der in seinem jüngsten Buch «The Curse of Cash» für die Abschaffung des Bargelds plädiert, weist darauf hin, dass bei der Verhaftung des Drogenbosses Joaquín Guzmán («El Chapo») 200 Millionen Dollar in 100-Dollar-Noten gefunden wurden. Geld ist schmutzig, behauptet das Kreditkartenunternehmen Mastercard.

Doch hinter der sukzessiven Abschaffung des Bargelds könnten noch andere als währungs- und kriminalpolitische Motive stecken: In einer Welt ohne Bargeld kann jede Zahlung zurückverfolgt und überwacht werden. Man kann nicht einfach so einen Gebrauchtwagen für 10’000 Euro oder teuren Schmuck kaufen – jede Transaktion wird gespeichert. Datenschützer kritisieren, dass die Abschaffung des Bargelds auch zur staatlichen Überwachung genutzt werden könnte. In einer bargeldlosen Gesellschaft wird Geld in Zahlen und Signale konvertiert, und diese elektronischen Ströme werden per Glasfaserkabel über den Globus gejagt.

Die Abschaffung des Bargelds könnte ganze Bevölkerungsgruppen vom gesellschaftlichen Leben ausschliessen.

Wo Geld zur Information wird, sagt es auch viel über den aus, der es ausgibt. Kreditkarteninstitute oder mobile Bezahldienste könnten etwa staatlichen Behörden melden, wenn jemand eine Prepaid-Karte für ein Handy kauft. Weil Terroristen verstärkt mit solchen Prepaid-Handys kommunizieren, ist man damit verdächtig. Der amerikanische Soziologe Gary T. Marx argumentiert, dass Überwachung heute nicht mehr in einem Panoptikum stattfinde, sondern viel subtiler: in der Konsumgesellschaft. Kreditkarten sind dafür ein Beispiel. Man zahlt, ohne zu merken, dass die gesamte Zahlungshistorie überwacht wird. 

Neben datenschutzrechtlichen Bedenken gibt es auch erhebliche soziale Probleme. Die Abschaffung des Bargelds könnte ganze Bevölkerungsgruppen, vor allem Arme, Ältere und Ungebildete, vom elektronischen Zahlungsverkehr und damit vom gesellschaftlichen Leben ausschliessen. Der «Guardian» zitierte einen Fischverkäufer in Goa: «Wir sind arme Leute. Ich bin nicht gebildet. Ich weiss nicht, wie ich all diese Maschinen bedienen soll. Wenn die Regierung morgen sagt, ich soll den Kartenleser benutzen, werde ich genarrt. Jemand anderes, der weiss, wie man das Gerät bedient, wird vielleicht die falsche Summe für die Transaktion eingeben. Woher soll ich wissen, dass sie mir den korrekten Betrag überweisen?»

Zwar hat die Regierung Bildungsprogramme aufgelegt. Doch die Frage ist, warum man Rikscha-Fahrer und fliegende Händler zum elektronischen Zahlungsverkehr zwingt. Bargeld sei gemünzte Freiheit, dozierte schon Dostojewski. Es hinterlässt keine Spuren und schützt die Privatsphäre. Der Verbraucher verliert mit der Abschaffung des Bargelds ein Stück Freiheit.

Konversation

  1. Dass der Staat die Kontrolle erlangt ist Wunschdenken und komplett falsch. Die einzigen Profiteure sitzen in der Finanzindustrie.

    1. Kriminelle haben keine Probleme anonyme elektronische Zahlformen zu finden (Stichwort Bitcoin oder PayPal).

    2. Während heute der Staat bzw. die Gesellschaft via Nationalbank an der Bargeldemission verdient (Seignorage), verdient in Zukunft die private Finanzindustrie durch ihre Transaktionsgebühren. Sobald es das Bargeld nicht mehr gibt und wir abhängig von Anbietern elektronischer Zahlungsmittel sind, werden diese die Gebühren beliebig erhöhen.

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  2. Ich finde es nicht besonders gut, sich immer auf Karten zu verlassen, am Ende verliert man selbst total den Überblick über die eigenen Finanzen ….

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  3. Und sowieso und überhaupt…….

    Da werden die, die genannt werden, die Geldwäscher und co. in den Vordergrund gerückt. Kommt wirklich der bargeldlose Geldransfer, werden die sicher neue Schlupflöcher finden.
    Das dient doch nur als Vorwand, um den eigentlichen Grund zu verschleiern.
    Das Geld abschöpfen und transferieren von unten nach oben funktioniert immer besser. Aber für die Perfektionierung fehlt noch was. Und gerade das kann mit dem Bargeldlosen Zahlungsverkehr perfektioniert werden.

    Der heutige Kapitalismus und die immer liberaler werdende Wirtschaft, sind aufs Abschöpfen aus, statt dass sie für die Bürger da sind, müssen die Bürger für die beiden da sein, um sie zu füttern und zu mästen.

    Es wird die Zeit kommen, da werden alternative Währungen immer wichtiger, ja überlebenswichtiger.

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  4. Woher kommt der etwas einfältige Wunsch des Verbots des Bargeldes? Nein, es gilt nicht kriminellen Machenschaften das Handwerk legen zu können! Der eindeutige Vorteil für die Geldschöpfer aka Banken ist, dass diese langsam aber sicher den Bürger als Bürgen für ihre Spekulationen in der Hand haben werden. Man solle doch nur schauen, wo die Banken das meiste Geld machen, und das es nicht um die Freiheit des Bürgers geht, sondern um die der Banken, damit die immer noch ihren Spekulationen frönen können. Das tönt alles etwas reisserisch, aber leider leider gibt es durchaus Anschauungsmaterial, wie versucht wird, den Bürger zu entmündigen. Natürlich immer mit dem Hinweis versehen, das geschehe immer nur zu seiner Sicherheit.

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  5. Dass ich einmal Kol Simcha zustimmen kann. Sache gits…
    Nein im Ernst, Ihre Aussage trifft einen der Kerne, die gegen eine Abschaffung von Bargeld sprechen.
    Ein anderer wichtiger Punkt ist meiner Meinung nach ist die Enteignung von Sparern.
    Streng genommen ist nur Bargeld (von der jeweiligen Notenbank emittiertes Geld) gesetzliches Zahlungsmittel. Giralgeld und Kredite basieren auf aus dem Nichts geschöpften Geld, würden alle „Kunden“ einerseits ihr Vermögen in bar einfordern und anderseits Kredite als auf „Nichts“ basierend betrachten, wäre das Spiel schlagartig aus.
    Schafft man nun Bargeld ab, dann wird auch (oder eher vor allem) das Vermögen von Kleinsparern (inkl. Pensionsvermögen) dem Pyramidenspiel der neoliberalen Wirtschaftswelt ausgesetzt. Wie bei Pyramidenspielen üblich ist das Ende vorhersehbar: erst schwimmt die Spitze der Pyramide im „Geld“, der Rest träumt und dann bricht alles zusammen.
    Einen Vorgeschmack, wie so etwas funktioniert konnte man in Zypern oder beim Staatsstreich der Eurogruppe in Griechenland sehen.
    So gesehen ist die Abschaffung von Geld als Tauschmittel für reale Werte Faschismus pur.

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  6. Die Abschaffung des Bargeldes ist eine Katastrophe!

    Man kann so unliebsamen Menschen einfach die Ressourcen entziehen. Den mag ich nicht, also sperre ich seine Karten und er ist hilflos…

    Ausserdem ist die Abschaffung der grossen Scheine ein Mittel der Banken um mehr Geld zu verdienen.

    Seit es den Minuszins gibt, lagern Konzerne teils Milliarden in Banknoten in Bergwerken, weil es günstiger ist, das Geld zu lagern, als es der Bank zu geben, die darauf -1% Zins gibt.

    Wenn ich jetzt 1 Milliarde in 1000 Franken Nötli lagere oder 1 Milliarde in 500 Franken Nötli, brauche ich für die zweite Option fast doppelt so viel Platz und damit auch Geld. Wenn ich den 500 Euro Schein abschaffe, sogar den 5fachen Platz.
    Also mache ich die Noten immer kleiner, damit werden alle gezwungen ihr Geld der Bank zu geben und kassieren Minuszinsen.

    Ich will mit meinem physischen Geld rund um die Welt etwas erwerben können. Dann bin ich nicht abhängig vom digitalem Datenaustausch und nicht vorhandenen Leitungen.

    Und ich habe immer noch eine Reserve, auch wenn ich plötzlich nicht mehr staatskonform bin.

    Wenn der nächste Sonnensturm kommt, sind plötzlich alle Pleite?

    Der nächste Virus klaut mir alles?

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  7. Heute: Der IWF fordert laut DIE WELT, dass die deutschen Sparer sich auf eine dauerhafte Entwertung ihrer angesparten Guthaben einstellen sollen. Denn es soll an der Inflationsschraube gedreht werden. Wer sucht, findet weitere Wege, wie der Sparer weiter enteignet werden soll …

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  8. Es gibt weltweit Steuerbetrüger und Steuerhinterzieher. Es gibt Geldwäscherei und Korruption. Bei der FIFA wechseln täglich geheime Briefumschläge mit Bargeld die Hand. Ich will nicht wissen wie bürgerliche Parteien in Europa finanziert werden. An der Art, in Galerien und in Bijouterien werden laufend dubiose Bartransaktionen vollzogen und im Drogenhandel gilt natürlich auch Cash is King.

    Ich finde daher die Entwicklung gut. Der Staat muss die Kontrolle haben!

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    1. Wünschenswert wäre es ja, der Staat könnte durch diesen Systemwechsel hin zum bargeldlosen Zahlungsverkehr neue und mehr Kontrolle erlangen. Die Wahrscheinlichkeit, dass durch die Abschaffung des Bargeldes zukünftig alle Zahlungen mittels Banküberweisungen erfolgen werden ist aber äusserst gering. Ich erlaube mir mal zu vermute, dass genau das Gegenteil dieser beabsichtigen Kanalisierung der Geldströme geschehen wird. Neue, umbekannte, intransparente, unvermutete und überhaupt nicht mehr kontrollierbarer und steuerbare Zahlungsformen, Zahlungsmittel und Zahlungskanäle werden sich auftun und etablieren und der Staat wird das grosse Nachsehen und der maximale Verlieren dieses Strategiewchsels sein. Und weil das auch allen, die sich damit beschäftigen bewusst ist, muss man sich fragen, weshalb sie dennoch für diesen Systemwechsel sind?
      Was sind die wahren Absichten und Motive der Befürworter wirklich?

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