«Mit Flüchtlingen haben wir bis jetzt immer sehr gute Erfahrungen gemacht»

Für Flüchtlinge ist es äusserst schwierig, auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Die Firma Etavis bietet auch Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen Lehrstellen an. Es wäre ein Fehler, dies nicht zu tun, sagt der Bildungsverantwortliche Patrick Bossard. Viele Firmen haben aber Berührungsängste.

Für Patrick Bossard, Bildungsverantwortlicher bei Etavis, sind Flüchtlinge im Ausbildungsprogramm eine Selbstverständlichkeit.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Für Flüchtlinge ist es äusserst schwierig, auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Die Firma Etavis bietet auch Asylsuchenden und vorläufig Aufgenommenen Lehrstellen an. Es wäre ein Fehler, dies nicht zu tun, sagt der Bildungsverantwortliche Patrick Bossard. Viele Firmen haben aber Berührungsängste.

Aron Gebreleul hat das fast Unmögliche geschafft: Er kam mit dem Boot übers Mittelmeer, erhielt in der Schweiz Asyl und fand eine Lehrstelle als Elektroinstallateur bei der Firma Etavis auf dem Dreispitz. In den nächsten Monaten wird er seine Lehre abschliessen.

Der 32-jährige Eritreer, den die TagesWoche im Rahmen der Kampagne «Chance» porträtierte, ist ein Sonderfall. Gemäss dem Staatssekretariat für Migration findet nur jeder vierte anerkannte Flüchtling in der Schweiz einen Job – eine Lehre oder Weiterbildung können die wenigsten machen.

Viele Firmen haben Hemmungen, Flüchtlinge anzustellen. Nicht so die Firma Etavis: Für Patrick Bossard, seit 15 Jahren Bildungsveranwortlicher bei Etavis, sind Flüchtlinge im Ausbildungsprogramm eine Selbstverständlichkeit. Jährlich vergibt die Firma rund 50 Lehrstellen – immer wieder kommen auch Asylsuchende mit F-Bewilligung und vorläufig Aufgenommene mit N-Bewilligung zum Zug. So konnten letzten Sommer zwei Asylsuchende eine Lehre bei Etavis anfangen.

Bossard unterscheidet nicht. Er sagt, dass er alle Bewerbungsdossiers genau gleich behandelt. Hautfarbe und Nachname sind ihm egal. Erfülle jemand die Voraussetzungen, zögere er nicht lange.

Dialekt als grosse Herausforderung

«Mit Flüchtlingen haben wir bis jetzt immer sehr gute Erfahrungen gemacht. Sie sind oft engagierter und motivierter als Schweizer oder Personen mit C-Bewilligung», sagt Bossard. Den Aufwand, Flüchtlinge anzustellen, beschreibt er als gering. «Das Bewilligungswesen für Flüchtlinge ist nicht kompliziert – da ist der administrative Aufwand für Grenzgänger um einiges grösser.»

Eine Herausforderung bei Flüchtlingen sei jedoch die Sprache. «Hochdeutsch ist nicht einmal das Problem – das lernen die Flüchtlinge. Schwierigkeiten haben sie mit der Umgangssprache.» Erschwerend seien auch die beruflichen Fachausdrücke, die sie zusätzlich lernen müssen. Manche müssten sich auch an die Arbeitszeiten in der Schweiz gewöhnen. «Hier fängt man auf der Baustelle um sieben Uhr an und nicht fünf Minuten später. Die Pünktlichkeit ist schon eine Herausforderung, viele kennen das gar nicht so.»
 
Trotzdem ist die Anstellung von Flüchtlingen für Bossard eine lohnenswerte Investition in die Zukunft. Denn bei Etavis erhalten rund 60 Prozent der Lehrabgänger eine Festanstellung. «Wir haben in der Schweiz einen allgemeinen Lehrlingsmangel. Es wäre deshalb ein Fehler, wenn wir nicht auch Lernende mit N- oder F-Bewilligung anstellen würden.» Vorläufig Aufgenommene und Asylsuchende seien zudem auch sehr dankbar, wenn sie arbeiten dürften.

Immer weniger Jobs für Geringqualifizierte

Viele Firmen sind zurückhaltend, Flüchtlinge zu beschäftigen. Das bekommt auch Manasse Burkard, Leiter Arbeitsintegration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen bei der Basler Sozialhilfe, immer wieder zu spüren. Seine sechsköpfige Abteilung kümmert sich um die sprachliche und berufliche Integration von Flüchtlingen. Das Ziel: Sie sollen wirtschaftlich unabhängig werden und sich von der Sozialhilfe loslösen können. «Die Firmen wollen möglichst wenig Aufwand – das ist mit unseren Klienten wegen den noch fehlenden Sprach- und Arbeitsmarktkenntnissen oft nicht gegeben.»

Es brauche in der Regel viel Überzeugungsarbeit, bis sich eine Firma bereit erkläre, Flüchtlingen einen Job oder einen Lerneinsatz anzubieten, sagt Burkard. Erschwerend komme hinzu, dass es immer weniger Jobs für Geringqualifizierte gebe. «Bis vor Kurzem haben wir noch viele Klienten in Detailhandel, Gastronomie und Reinigung unterbringen können – das wird aber zunehmend schwieriger, da sich die Jobprofile verändern und zu prekären Arbeitsverhältnissen führen.»

Erwerbsquote von 35 Prozent

160 Flüchtlinge im «arbeitsfähigen Alter» von 18 bis 65 Jahren besuchen laut Burkard derzeit in Basel einen Deutschkurs, 210 befinden sich im Jobcoaching. Viele von ihnen besuchen einen Gastro-, Pflegehilfe- oder Reinigungskurs. Den Sprung ins Erwerbsleben schaffen aber nur wenige Flüchtlinge. Die Erwerbsquote von Personen mit B- oder F-Bewilligung liegt in Basel bei 35 Prozent.

«Im schweizweiten Vergleich ist das ein guter Wert. Leider gelingt es dabei nur wenigen, sich mit dem erzielten Einkommen komplett von der Sozialhilfe abzulösen, die meisten bleiben teilunterstützt», sagt Burkard.

«Leider gelingt es nur wenigen, sich mit dem erzielten Einkommen komplett von der Sozialhilfe abzulösen, und bleiben teilunterstützt.» Manasse Burkard, Sozialhilfe. (Bild: Hans-Jörg Walter)

Laut Burkard ist es schwierig, Leute in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen, die zwei oder drei Jahre auf ihren Asylentscheid warten. Eine so lange Phase des Nichtstuns lasse die Motivation der Flüchtlinge oft schwinden. «Werden sie dann als Flüchtling anerkannt, erhalten sie auch mehr Sozialhilfegeld. Der Anreiz, sich anzustrengen und beruflich zu integrieren, kann dann geschwächt werden. Dies macht unsere Arbeit schwieriger.»

Ziel seiner Abteilung sei es, die Flüchtlinge von Anfang an zu begleiten. «Für uns ist es einfacher, mit Leuten zu arbeiten, die erst seit ein paar Wochen in Basel sind. Denn in dieser Phase sind die Leute meist noch hochmotiviert.»

Hin und wieder stehen auch das kulturelle Verständnis oder die Religion im Weg. So könne ein Job von einem Flüchtling schon mal abgelehnt werden, weil dieser im Restaurant nicht mit Alkohol oder Schweinefleisch in Kontakt kommen wolle, so Burkard. «Wir versuchen dann, eine andere Lösung mit dem Arbeitgeber und vor allem mit dem Flüchtling zu finden – meistens gelingt uns das auch.»

Dass ein Flüchtling die Zusammenarbeit komplett verweigere, komme «zum Glück» ganz selten vor. «Wichtig ist uns, dass wir die Flüchtlinge so qualifizieren, wie es der Arbeitsmarkt vorgibt – und dass Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene nicht besser gestellt werden als andere Arbeitssuchende». Ziel sei es vielmehr, dass sie die gleichen Voraussetzungen erhalten wie Personen ohne Flüchtlingsstatus.

Kampagne «Chance»

Mit der Kampagne «Chance» will der Kanton Basel-Stadt zusammen mit den Basler Landgemeinden und dem Bund die Bevölkerung und die Wirtschaft für die soziale und berufliche Integration von Flüchtlingen sensibilisieren. Die Kampagne richtet sich unter anderem an Arbeitgeber, die sich vom Kanton coachen lassen können. Aber auch an Privatpersonen, die sich auf sonstige Art engagieren möchten. Die TagesWoche ist offizielle Medienpartnerin der Kampagne. 

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quqq

Konversation

    1. Ja, einfach mal all die Vorurteile beiseiten lassen und den Flüchtling als Menschen aktzeptieren kann wahre Wunder wirken.
      Toll

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    2. @ Hr. Stucki:
      Ich glaube in einem bis ins Detail vollgeplanten Land mit Versicherugen für wirklich ALLE Fälle könnten „Wunder“ eher ein unliebsammer Zwischenfall sein und dann unter der Rubrik „Ereignis“ oder „Unfall“ abgerechnet werden.

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  1. Eines der Probleme könnte eine ungewisse Perspektive des Anzustellenden sein: Da investiert man in die Aus- und Weiterbildung eines neuen Mitarbeiters und fünf Jahre später kommt das Amt für Migration auf die Idee, dass eben dieser Mitarbeiter doch bitte nächste Woche oder Monat das Land verlassen möge.

    Eine längerfristige Aufenthaltsabsicherung müsste von den Behörden schon garantiert werden können.

    Nach so einem Erlebnis könnte es durchaus sein, dass eine Firma (und auch gleich die Nachbarfirma) grundsätzlich einen so mit Ungewissheit behafteten Mitarbeiter sicher nicht mehr anstellen wird.

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    1. @cesna
      Man könnte es aber auch von einer andern Seite betrachten.
      Die Firma und damit auch die Schweiz hat einen wertvollen Beitrag geleistet für den Menschen für sein Land und auch für die Flüchtlingsproblematik.

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    2. @Stucki: da bin ich derselben Meinung. Unabhängig davon ob diese Personen die Schweiz wieder verlassen müssen ist dies keine verlorene Investition. Diese Personen verfügen anschliessend auch in Ihrem Heimatland über eine gute Ausbildung und vielleicht trägt dies ein kleines bisschen zu einer besseren Zukunft dieser Länder bei. Wahrscheinlich sogar mehr als Entwicklungshilfe oder wenn diese Menschen am Schluss hier bleiben….

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    3. @ Ihr beiden..
      Ich könnte mir vorstellen, dass der Patriotismus von Firmen, gerade wenn er sich nachteilig in der Kasse auswirkt, eher beschränkt sein könnte.

      Aber ich kann mich da auch irren, oder?

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