Mythensturm aus der Kaisergruft

Für einmal sind sich linke Historiker und Royalisten einig: Mithilfe der Habsburger soll die Schweizer Nationalgeschichte neu geschrieben werden.

Die Loretokapelle in der Klosterkirche Muri. Hinter dem Altar verborgen ist die Herzurne mit den Überresten des letzten Kaiserpaares der Habsburger. (Bild: Stefan Bohrer)

Für einmal sind sich linke Historiker und Royalisten einig: Mithilfe der Habsburger soll die Schweizer Nationalgeschichte neu geschrieben werden.

Es ist nicht so schwer, Abt Benno Malfèr in Verlegenheit zu bringen. Es geschieht ganz unwillkürlich, obwohl einem nun wirklich nie in den Sinn käme, einem Mann wie Benno Malfèr zu nahe zu treten. Malfèr ist Benediktiner und Abt der Klosterkirche im aargauischen Muri. Er erzählt von der ausgesprochen hohen Qualität der Kirchenmusik, die weit über Muri hinaus auf Widerhall stosse, er weist auf die Glasmalereien im Kreuzgang hin, aber von dem, was die Kirche einzigartig macht, spricht er wenig: Die Klosterkirche von Muri ist ein Ort, der von so hoher Symbolkraft sein könnte wie das Rütli. Denn dort geht zu Ende, womit die Schweiz angefangen hat. Dort wurden die Herzen der letzten Habsburger Herrscher bestattet, 1971 jenes von Karl I. und 1989 das von Zita.

Rastlos in Europa

Zita war die treibende Kraft hinter der Grablegung in der Klosterkirche, einer Habsburgergründung von 1027. 1971 wurde auf ihren Wunsch die Loretokapelle zur Familiengruft umgebaut. Es war ein Begehren aus der Not heraus. 50 Jahre lang war die reichlose Regentin vergeblich durch Europa gezogen, auf den Moment wartend, in dem sich wiederherstellen lassen würde, was unwiderruflich war. Weil sie den Thronanspruch nie aufgab, liessen sie die Österreicher nicht zurück ins Land. Und damit auch nicht die Überreste ­ihres Mannes Karl, die sie seit seinem Tod 1922 im Exil auf Madeira im Hausrat mitführte. Vor Karls Beerdigung hatte Zita sein Herz entnehmen lassen: Es sollte zurück ins verlorene Reich. Ein halbes Jahrhundert trug sie es mit sich – in einer Hutschachtel, wie in der Fachliteratur gerne erwähnt wird.

Die unappetitliche Geschichte handelt von verletztem Stolz und verbohrter Unbelehrbarkeit, sie spiegelt aber auch die Tragik des Abstiegs der Habsburger: Ihre Ruhestätte fanden sie ausgerechnet in dem Land, dessen Entstehungsmythos eng mit ihrer Vertreibung verbunden ist.

In der Familiengruft in Muri werden auch jene Nachkommen bestattet, die sich weiterhin weigern, den Anspruch auf den Thron aufzugeben. Die weniger renitenten Familienmitglieder dürfen in die Kapuzinergruft in Wien. Vielleicht ist Abt Malfèr deshalb so vor­sichtig, wenn er auf sein Verhältnis zur Familie angesprochen wird.

Er vergräbt seine Hände im Habit. «Es ist gut, dass die Habsburger nicht mehr an der Macht sind. Wir betreiben hier keine Nostalgie.» So bleibt die Gruft für die Öffentlichkeit zugesperrt. Nur bei Rundgängen wird sie geöffnet – und einmal im Jahr, wenn sich die weitverzweigte Familie unter Führung von Simeon von Habsburg-Lothringen, heute im Geldgeschäft in Liechtenstein tätig, zum Gedenken trifft.

Ewiggestrige

«Zita stand für das untergegangene Kaiserreich», sagt der Historiker Bruno Meier. Eine fast schon typische Vertreterin der Familie, die es auch der Schweiz leicht macht, die Rolle der Habsburger kleinzureden. Meier ist Spezialist für die Dynastie und für Muri. Er vertritt eine Meinung, wie sie in der Schweizer Geschichtswissenschaft immer lauter vorgebracht wird: «Die Schweiz sollte aufhören, die Habsburger nur als Gegner zu verstehen, als Widersacher im Befreiungskampf der Eidgenossen. Die Habsburger sind auch ein Teil der Schweiz, sie haben ihren Ursprung unter anderem im heutigen Aargau.» Meier verortet den Ursprung dieses veralteten Geschichtsbildes, in das all die Mythen hineinspielen, Winkelried, Tell, der Rütlischwur, vor allem aber die Vorstellung, dass sich die Schweiz von ­innen heraus, aus den Urkantonen entwickelt hat, im 15. Jahrhundert.

Geistige Landesverteidung

Für den Zürcher Geschichtsprofessor Simon Teuscher liegt der Ursprung dieser «von Ideologie triefenden Vorstellung der Entstehung der Schweiz», wie er sagt, gar nicht so weit zurück: «Das ist ein Produkt der Geistigen Landesverteidigung.»

Eine Generation von linksliberalen Historikern hat sich daran abgearbeitet. Diese habe sich aber, so Teuscher, so sehr auf die Mythen der frühen Eidgenossenschaft eingeschossen, dass sie kaum andere Aspekt der Schweizer Geschichte beachtete. «Die Idee, die Schweiz sei aus einem Kern in der ­Innerschweiz herausgewachsen, ist falsch», sagt Teuscher. Durch diese Kernidee werde die Schweizer Geschichte kleiner geredet, als sie ist. Wichtiger als der Bund der Innerschweizer Kantone seien die Monarchien gewesen: die Savoyer in Genf, Wallis und Waadt, die Habsburger im Aargau, aber auch kleine geistliche Fürstentümer wie das Bistum Basel. Historikerkollege Meier sagt das so: «Die Schweizer Geschichte muss von ihren Rändern her geschrieben werden.»

Dafür, dass die Eidgenossenschaft zur Einheit wurde, seien die Nachbarn massgeblich mitverantwortlich gewesen, sagt Teuscher: «Sie wollten im Söldnergeschäft nicht mit 13 Kantonen einzeln verhandeln, auch deshalb mussten sich die Orte untereinander verständigen.» Die Geschichtsbilder entwirren, das will Teuscher. Damit können etwa auch die grossen Schlachten der Eidgenossen gegen die Habsburger anders gedacht werden.

Sempach neu gedacht

So kann man sich genauso gut vorstellen, dass in Sempach ein Urner Haudrauf auf einen Gegner traf, der weniger wienerte, als vielmehr dem Eindringling zu-aargauerte, er möge sich doch bald wieder auf seine Kuhmatte verziehen und das Aargauer Kulturland von seiner Präsenz verschont lassen. Die Zeitgenossen sahen den Aargau nicht als ein von den Habsburgern besetztes Land, das nur darauf wartete, von den Eidgenossen befreit zu werden.

Falsch ist die Idee von einigem Widerstand gegen die Habsburger. Gerade die Schweizer Intellektuellen hätten die Eidgenossenschaft abgelehnt, sagt Teuscher: «Sie orientierten sich an den Höfen, an Paris und Wien.» Der heute wenig bekannte, aber damals bedeutende Zürcher Publizist Felix Hemmerli habe flammende Polemiken gegen die Bauernherrschaft geschrieben. «Vielleicht kein Zufall, dass in kaum einem Land die Autoren aus dem Mittelalter derartig in Vergessenheit geraten sind wie in der Schweiz.»

Parallele Machtstrukturen

Überhaupt vermisst Teuscher eine harte Auseinandersetzung in der Schweiz mit ihrer Geschichte: «Heute darf jeder behaupten, was er will. Anything goes.» Es gebe sogar neue Publikationen, die die alten Mythen unwidersprochen verbreiten.
Dabei würde ein neuer, ein entkrampfter Umgang mit dem monarchischen Erbe auch einen anderen Blick auf die Probleme der Gegenwart geben. Vor-nationale Machtkomplexe wie das Habsburgerreich weisen strukturelle Ähnlichkeiten zu post-nationalen wie der EU oder der Uno auf. Wieso soll Demokratie nicht ohne nationale Souveränität denkbar sein? «Hinter die Demokratie darf man nicht zurück, das ist klar, aber auf der Suche nach Lösungen für das postnationale Zeitalter ist es interessant, über die Monarchien nachzudenken.»

Da ist der linke Historiker Teuscher ganz bei einigen der heute noch lebenden Habsburgern (mit denen er sonst nicht viel anfangen kann). Die weisen stets gerne darauf hin, dass sich in ihrem vornationalen Reich viele politische Probleme der heutigen Zeit nie gestellt hätten.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 06/01/12

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