«Niemand im Nahen Osten glaubt mehr an Europas Rolle als Hüter der Menschenrechte»

Migrationsforscher Kamel Dorai studiert von Jordanien aus die aktuellen Flüchtlingsbewegungen im Nahen Osten. Nach einem Gastvortrag an der Universität Basel sprachen wir mit ihm über den arabischen Umgang mit syrischen Flüchtlingen, Solidarität zwischen Nachbarn und den Reputationsverlust Europas.

Kamel Dorai: «Die europäischen Regierungen haben ihren Kopf zu lange in den Sand gesteckt, statt vorzusorgen.»

(Bild: ALEXANDER PREOBRAJENSKI)

Migrationsforscher Kamel Dorai studiert von Jordanien aus die aktuellen Flüchtlingsbewegungen im Nahen Osten. Nach einem Gastvortrag an der Universität Basel sprachen wir mit ihm über den arabischen Umgang mit syrischen Flüchtlingen, Solidarität zwischen Nachbarn und den Reputationsverlust Europas.

Kamel Dorais Faszination für den Nahen Osten begann vor 20 Jahren. Während seines Studiums – Geografie, weil er darin die besten Chancen zum Reisen sah – besuchte er erstmals Jordanien. Bald darauf den Libanon, Syrien und die palästinensischen Gebiete.

Das war in den Neunzigerjahren, noch bevor eine Mauer die palästinensischen Gebiete von Israel abschnitt, als der Libanon einen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung erlebte und die alten Moscheen in Damaskus lebendige Orte waren, wo Muslime, Christen und Drusen ein und aus gingen – zum Spielen, Singen und Beten. «Wer erst einmal seinen Fuss in den Nahen Osten gesetzt hat, der kommt nicht mehr davon los», sagt der Franzose heute.

Trotzdem hat Dorai die Region manchmal satt. «Es ist deprimierend mitanzusehen, wie die Spannungen zunehmen, der Hass wächst und sich die gesamte Region in eine falsche Richtung entwickelt.» Wie soll er seinen drei Kindern den ganzen Wahnsinn im Nahen Osten noch plausibel erklären?

Herr Dorai, Sie leben seit zwei Jahren in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Das kleine Land hat seit Beginn des Kriegs in Syrien mehr als 600’000 Flüchtlinge aufgenommen. Wie hat sich dadurch der Alltag verändert?

In den 90ern, nach Beginn des Golfkriegs, eröffneten irakische Flüchtlinge überall in der Stadt Bars, Kaffees, Restaurants und Ateliers. Aktuell passiert dasselbe mit den Syrern – und die Jordanier lieben es! Früher gingen viele Jordanier zum Vergnügen nach Damaskus, wegen des leckeren Essens, wegen der Kunstszene und der belebten Strassen und Märkte. Nun haben sie das in der eigenen Stadt. Weil Jordanien zudem eines der letzten sicheren Länder in der Region ist, haben sich in Amman viele Intellektuelle und Künstler aus Damaskus, Bagdad und Palästina niedergelassen. Und auch für viele NGOs aus aller Welt wurde Amman zur ersten Wahl.

Das klingt, als würde Amman zum London des Nahen Ostens.

Genau. Amman haftete lange Zeit ein provinzielles Image an. Nun hat es ein sehr kosmopolitisches Flair – dank der Flüchtlinge.

Kamel Dorai wuchs in Tunesien und Frankreich auf und spricht fliessend Arabisch. Nach seinem Studium fokussierte er seine Forschung auf Flucht und Migration im Nahen Osten. Dafür lebte er mehrere Jahre in Beirut und Damaskus. Seit zwei Jahren forscht Dorai in der jordanischen Hauptstadt Amman, wo er für das Institut français du Proche-Orient (Ifpo) ein dreijähriges Forschungsprojekt zur aktuellen Massenmigration im Nahen Osten koordiniert. Über diese Arbeit sprach Dorai auf Einladung der Universität Basel im Rahmen einer öffentlichen Vortragsreihe. Wir trafen den Migrationsforscher am Morgen danach in einem kleinen Seminarraum, wo er einen Workshop für Studierende leitete.

Ich kann mir aber kaum vorstellen, dass alle Jordanier die Flüchtlinge in erster Linie als kulturelle Bereicherung wahrnehmen.

Natürlich ist die Lage in den Dörfern und Städten im Norden Jordaniens, wo die Menschen den Flüchtlingswellen am stärksten ausgesetzt sind, problematischer. In manchen Gemeinden hat sich die Einwohnerzahl in zwei Jahren verdoppelt. Es fehlt die Infrastruktur für ein derartiges Wachstum. Trotzdem haben wir auf lokaler Ebene bisher eine ausgeprägte Solidarität mit den syrischen Flüchtlingen beobachtet.

Bei vielen Europäern erzeugen die aktuellen Flüchtlingsströme Ängste und Ablehnung. Gibt es im Gegensatz dazu eine typisch arabische Reaktion darauf?

Es herrscht eine von der Mehrheit geteilte Haltung vor, dass die Grenzen für Flüchtlinge offen sein müssen und dass es die Verantwortung jedes Einzelnen sei, sein Bestes zu tun, um die Hilfsbedürftigen zu beherbergen. Bei einer Krise können Araber auf sofortige Hilfe innerhalb ihres persönlichen Netzwerks zählen – dafür braucht es keine formellen Strukturen oder Entscheide. Das ist sehr hilfreich.

An aerial view shows the Zaatari refugee camp, near the Jordanian city of Mafraq July 18, 2013. U.S. Secretary of State John Kerry spent about 40 minutes with half a dozen refugees who vented their frustration at the international community's failure to end Syria's more than two-year-old civil war, while visiting the camp that holds roughly 115,000 Syrian refugees in Jordan about 12 km (eight miles) from the Syrian border. REUTERS/Mandel Ngan/Pool (JORDAN - Tags: POLITICS SOCIETY IMMIGRATION TPX IMAGES OF THE DAY) - RTX11QHF

Die EU-Staaten behaupten, sie seien überrumpelt worden von der Situation und überfordert durch die hohe Zahl der Flüchtlinge.

Die Situation ist aber nicht neu; dasselbe hatten wir schon vor zehn Jahren mit den Flüchtlingen aus dem Irak. Damals öffnete Schweden als einziges Land seine Grenzen. Ich erinnere mich an ein Treffen 2007 in Damaskus, an dem schwedische Regierungsvertreter sich darüber beklagten, dass ihr Land viel mehr Flüchtlinge aufgenommen habe als alle anderen EU-Staaten. Schweden plädierte damals für einen europäischen Mechanismus zur gerechten Verteilung von Asylsuchenden und setzte sich für eine Lösung ein. Niemand unternahm etwas. 2008 schloss Schweden seine Grenzen; der Menschenschmuggel wurde zum blühenden Geschäft.

Sie glauben also, dass es durchaus Möglichkeiten gab, die jetzige Krise zu antizipieren?

Absolut! Die Regierungen haben ihren Kopf zu lange in den Sand gesteckt, statt vorzusorgen. Natürlich geraten Asylsysteme unter Druck, wenn sie plötzlich mit vielen Flüchtlingen in sehr kurzer Zeit konfrontiert sind.

Die Vorbereitung der EU auf potenzielle zukünftige Flüchtlingsströme war eine andere: Mit jährlich steigenden Budgets (176 Millionen Euro für 2016) baute die EU-Agentur Frontex den Schutz der Aussengrenzen in den letzten Jahren massiv aus…

…um Migration zu verhindern und sie militärisch zu bekämpfen! Aber Migration kann man nicht verhindern; die Menschen werden kommen und sind aufgrund ihrer Aussichtslosigkeit bereit, auf der Flucht zu sterben. Wir müssten uns vielmehr damit beschäftigen, wie wir Migration organisieren können. Die neue Regierung in Kanada hat in nur zwei Monaten 25’000 Flüchtlinge mit Flugzeugen in ihr Land gebracht. Wenn sich die EU-Länder ähnlich verhalten hätten, anstatt sich die heisse Kartoffel gegenseitig zuzuschieben, dann gäbe es heute keine Flüchtlingskrise in Europa.

«Meine Freunde lachen, wenn die Europäer von einer Flüchtlingskrise reden. Die Europäer haben zusammen weniger Flüchtlinge aufgenommen als Jordanien allein.»

Was sagen Ihre Freunde und Nachbarn in Jordanien über die aktuelle EU-Flüchtlingspolitik?

Sie lachen und fragen: Welche Flüchtlingskrise? 30 Länder – die 28 EU-Staaten plus Norwegen und die Schweiz – haben gemeinsam weniger Flüchtlinge aufgenommen als Jordanien. Fast drei Millionen Menschen, die Hälfte der Bevölkerung Jordaniens, sind Flüchtlinge aus Palästina, Irak oder Syrien. Die Jordanier sehen in den Medien, wie Bootsflüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, und fragen sich: Wie konnte es so weit kommen, dass die Staaten, die sich als Verfechter der Menschenrechte gebärden, so etwas zulassen? Abgesehen von den Menschen, die auf der Flucht sterben, ist das für mich die schlimmste Konsequenz der aktuellen EU-Politik. Niemand im Nahen Osten glaubt mehr an Europas Rolle als Hüter der Menschenrechte.

Lesen Sie auch unseren Kommentar zum Thema: Der Untergang des Abendlandes.

Werden andere Akteure dieses moralische Vakuum füllen?

Ja, zum Beispiel Saudi-Arabien oder Katar. Staaten, die mit Geld um sich werfen und damit ihre eigenen Werte bewerben. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben im Norden Jordaniens mit viel Geld ein makelloses Flüchtlingslager bauen lassen. Die Menschen sehen das; sie merken sich, wer dafür bezahlt hat. Doch mit dem Geschenk ist die Anerkennung bestimmter Werte verbunden; schliesslich hat auch Europa seine Entwicklungshilfe stets an die Wahrung der Menschenrechte gekoppelt. In Zukunft wird Hilfe aber vielleicht nicht mehr an Werte gekoppelt, die Europa wichtig sind.

Öffentliche Vortragsreihe der Uni Basel zu Flucht und Migration
Das Departement für Gesellschaftswissenschaften der Universität Basel organisiert als Reaktion auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte mehrere öffentliche Vorträge zum Thema. Aktivisten, Schriftsteller und Wissenschaftler aus Jordanien, Syrien, der Türkei und Europa informieren über Ursachen, Konsequenzen und Wahrnehmung von Flucht. Dabei kommen auch Betroffene zu Wort, wie der syrische Schriftsteller Yassin Al-Haj Saleh. Unser Interviewpartner Kamel Dorai war am 15. März der erste Gast.
Am 5. April spricht die türkische Aktivistin Senay Özden über die Situation von Flüchtlingen in der Türkei und die neue europäisch-türkische Kooperation. 18.15 bis 20 Uhr, Kollegienhaus der Universität Basel, Hörsaal 102, 1. Stock, Petersplatz 1, Basel.

Konversation

  1. Sorry, als europäisch-christliche Frau kann ich nach der ‚Kölner Sylvesternacht‘ nicht mehr an diese Solidarität glauben. Der Nahe Osten kann mit Werten des Nachbarlandes jeweils viel besser umgehen, und dann sind vor Jordanien mehr Flüchtlinge gestrandet wie in Idomeni. Und was ist falsch an der Idee, dass wohlhabende Staaten des Nahen Ostens helfen? Mir wäre lieber die Krise löst sich dort als in Europa, welche Friedensbemühungen unternehmen denn diese Nachbarn Syriens? Und was tun diese gegen den IS? Warum muss Europa da was tun, außer den Terrorismus im eigenen Land verhindern. Ich lege außerdem jedem diverse Artikel und Interviews mit Feministinnen und weiblichen Gelehrten aus dem Nahen Osten ans Herz, dann ist dieser europäisch-weibliche Standpunkt klarer. Dieser ganzen, leider von allen Seiten zuwenig geklärten Sache verdanke ich dann noch einen Rechtsruck in meinem Land, also nee danke, ich hatte die letzten Monate jetzt genug.

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  2. Warum tun die jungen Männer in ihren Ländern nichts zur Verbesserung der Situation daheim, abhauen und auf Sozialleistungen der Gastgeberländer pochen, ja davon noch Steuern heim bezahlen (Eriträa), und bei uns herumlungern???

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  3. Christentum und altes Testament: X mal umgeschrieben, nach Lust und Laune aus dem lat. übersetzt, immer etwas den Gegebenheiten angepasst, das mit dem jungen Mann haben sie gut geschrieben, man dürfte ihn nicht hineinlassen, weil er vermutlich alles was Rang und Namen hat zum Vatikan hinauspeitschen würde, heute halt evtl. mit einem Revolver oder? Man kann auch Grimms Märchen lesen, falls man hintergründig deren Weisheiten zu verstehen in der Lage ist. Ich selber bin getaufter Christ, gehe pro Jahr 2-3x in die Kirche, um mich zu amüsieren, wie die Pfarrerinnen und Pfarrer „das Wort“ auslegen.

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  4. Es gibt da noch einen Mechanismus:
    Wenn die pure Armut herrscht, kaum einer etwas zu beissen hat, denn kann man auch ncht heiraten. Die Bevölkerung bleibt klein.
    Im Zuge einer geringen Industrialisierung kommt aber etwas Geld herein, besonders die jungen leute finden etwas Arbeit, sodass dann bald der Drang entsteht, doch zu heiraten, …. wie ja die Eltern auch. Danach liegt man im Bett, von Geburtenregelung natürlich keine Ahnung, Kinderwunsch….. 9 Monate später ist das erste Baby da.
    Das war früher auch hier so: Mit der Industrialisierung ging es etwas bergauf, womit die Bevölkerung einen Baby-Boom produzierte. Das bedeutet Bevölkerungsvermehrung.
    Da es eigentlich doch kaum reicht, entsteht dann ein Manel-Druck, es vielleicht doch woanders zu versuchen: Man wandert aus. Genau in dieser Zeit der beginnenden Industrialisierung kam es auch in der Schweiz zu den Amerika-Auswanderungen, da das eigene Land zu karg war, die vielen jungen Leute zu ernähren.
    Das dürfte auch in Afrika so sein, nun halt ins „gelobte Europa“.
    Vielleicht, dreissig Jahre später, könnte auch die Landwirtschaft innovatier werden, um dann erst auch die grössere Bevölkerung zu ernähren. Das braucht aber immer so seine Zeit.
    Viele der Hier-Ankömmlinge werden wie damals die „schweizer“ in den USA ein ähnlich kärgliches Leben fristen dürfen. Es braucht so ein bis zwei Generationen, bis man es doch zu etwas Wohlstand gebracht hat, einen zugelassenen Beruf gelernt hat, die Sprache ordentlich beherrscht und sich nicht schon auf den ersten Blick als Fremdling outet.

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  5. Schlussendlich ist alles ans Geld gekoppelt – auch die Menschenrechte. So lange es so viele Menschen gibt, die in einem ungeheuerlichen Luxus leben. So lange das Vorbild in den Medien bei den Reichen wie „die Geissens“, „die Bellers“, die Schickimickis und wie sie alle heissen mögen, liegt, wird kaum jemand bereit sein, nur eine Prise seines Wohlstandes abzugeben. Natürlich gibt es Menschen, die über den Tellerrand hinausschauen, aber die sind wie Wassertropfen, die auf einer heissen Herdplatte verglühen…… Schade. Jeder denkt an sich. Das sieht man schon im nächsten Umfeld, wo man wohnt. Erwachsene sind oftmals miteinander befreundet, nur weil ihre Kinder miteinander spielen.

    Es geht um geben und nehmen. Und wenn dieses Gleichgewicht nicht stimmt, gibt es einen Konflikt. Das Leben ist endlich und alle wollen für sich die idealsten Bedingungen. Schlussendlich hebeln sich sogar die Religionen selbst aus. Jeder Mensch ist korrumpierbar, sogar die Religionsführer, die meinen zu wissen, was Gott wolle.

    Dabei tragen wir Gott alle in uns und jeder Mensch hätte das Recht wahrgenommen und respektiert zu werden. Nur wird das nieeeeee aufgehen. Weil es immer Menschen gibt, die sich etwas wertvoller fühlen wollen. Sei es Politiker, sei es der Imam, sei es der Papst, sei es der rechtskonservative Schweizer, sei es Rosa Luxenburg. Ja sei es jemand der meint, weil seine Gesinnung edler sei, als die seines Nachbarn.

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    1. @buchmann

      mit allem sehr einverstanden.

      nur dass halt dieser gott vermutlich anderswo seinen fixen wohnort hat – mir wär das biz zu unheilschwanger.

      der herr & die dame seien mit Ihnen.

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    2. Wo habe ich geschrieben, dass Gott in uns wohne? Wir Menschen sind ein Teil der Schöpfung. Schöpfung liegt bei mir ganz nahe bei der Entstehung der Erde, Entstehung des Lebens, der Evolution. Wir sind ein Teil dieses Ganzen und so tragen wir diesen Samen auch in uns. So entscheiden wir Menschen, ob wir Gott Platz geben wollen oder nicht.

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  6. „In Zukunft wird Hilfe aber vielleicht nicht mehr an Werte gekoppelt, die Europa wichtig sind.“

    Dort wo es dann wirklich brisant wird bricht das Interview leider ab.

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