Nur wenn die kleinen Scharniere halten, gelingt die «Theaterflucht»

Zehn Jugendliche lernen sich im Quartiertreffpunkt «Burg» auf aussergewöhnliche Art kennen. Die Teenager aus Somalia, Afghanistan, Eritrea und Syrien arbeiten an einer Performance, die fast ohne Worte auskommt.

Während der Proben des Flüchtlingkindertheaters «Theaterflucht» im Quartiertreffpunkt Burg.

(Bild: Eleni Kougionis)

Zehn Jugendliche lernen sich im Quartiertreffpunkt «Burg» auf aussergewöhnliche Art kennen. Die Teenager aus Somalia, Afghanistan, Eritrea und Syrien arbeiten an einer Performance, die fast ohne Worte auskommt.

Sara hat ihren Arm gebrochen. Sie hält sich den linken Ellbogen mit schmerzverzerrtem Gesicht. Aleksander steht daneben und weiss nicht so recht, was er tun soll, also umarmt er Sara. Das hilft schon mal, Sara entspannt sich. «Freeze.»

Die Regieanweisung unterbricht die Szene im Quartiertreffpunkt «Burg» auf der Hinterseite des Warteck-Areals. Natürlich hat Sara ihren Arm nicht wirklich gebrochen, und woher soll Aleksander wissen, wie in so einer Situation adäquat zu reagieren wäre? Was er Saras Schauspieleinlage entgegenhält, ist das, was ihm seine Intuition rät. In dem Fall: Umarmung. Nicht die schlechteste Idee.

Sara und Aleksander sind zwei von insgesamt zehn Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren, die zusammen eine Sommerwoche in diesem Quartiertreffpunkt mit Proben verbringen. Sie kommen aus Somalia, Eritrea, Afghanistan und Syrien und wohnen zum Teil erst seit wenigen Monaten in der Region Basel. Aus ihrer Sicht lange genug, um auf der Bühne zu stehen und zu zeigen, dass sie da sind.

Es geht um das Wagnis, in einem leeren Raum und vor Publikum alle Zwänge fahren zu lassen.

Das Projekt läuft unter dem Titel «Theaterflucht» und wird koordiniert vom Schweizer Ableger des Service Civil International, kurz SCI. Die Non-Profit-Organisation vermittelt Freiwilligeneinsätze auf der ganzen Welt und hat sich den Einsatz für interkulturellen Austausch und gewaltfreie Konfliktlösung auf die Fahnen geschrieben. Unter diesem Motto findet in Basel auch die «Theaterflucht» statt.

Unter der Leitung von drei Theaterpädagogen arbeiten sieben Freiwillige aus Italien, Slowenien und der Schweiz mit den Jugendlichen an einer Szenencollage, die am Samstag, 13. August, zur Aufführung gelangen soll. In erster Linie geht es dabei um das Wagnis, in einem leeren Raum und vor Publikum alle Zwänge und körperlichen Kontrollmechanismen fahren zu lassen, um frei zu improvisieren. In letzter Linie geht es darum, eine perfekt durchorchestrierte Show abzuliefern.

Ob man die Performance dieser Laien-«Schauspieler» tatsächlich als Theater bezeichnen möchte, sei dahingestellt. Eindrücklich ist der Umgang dieser jungen Menschen mit der für sie neuen Situation allemal. Er habe vorher noch nie so etwas gemacht, sagt Hassan, 17 Jahre alt. Dabei schauspielert er wie einer, der schon auf vielen Bühnen gestanden hat. 

Improvisation braucht keine Worte

Die Proben gehen weitgehend ohne Text vonstatten, Improvisation braucht keine Worte. Es geht darum, auf kleine Gesten zu reagieren. Ein Spielangebot anzunehmen, es weiterzuspinnen und umzumodeln – auf das der oder die Nächste daran anknüpfen kann. Das braucht Konzentration und vor allem ein Höchstmass an Rücksicht und Feingefühl.

Darin besteht der integrative Charakter dieses aussergewöhnlichen Projekts. 17 Jugendliche und Freiwillige aus den unterschiedlichsten Gegenden dieser Welt, die sich eine Woche lang darin üben, kleine Signale zu den entscheidenden Scharnieren des Gesamtprojekts zu machen. Wer sie nicht wahrnimmt, bricht die Handlung. Also werden sie wahrgenommen, auf dass das gemeinsame Projekt weiterlaufen kann.

_
Das Resultat aus sieben Tagen «Theaterflucht» kann am Samstag, 13. August, um 16.00 Uhr im Quartiertreffpunkt «Burg», Burgweg 7, miterlebt werden.

Konversation

Nächster Artikel