Occupy trifft BIZ

Peter Dittus, der Generalsekretär der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), wünscht sich mehr Protest gegen die Banken. Dies sagte er gestern Abend bei einer von der Basler Occupy-Bewegung organisierten Diskussionsveranstaltung an der Fachhochschule für Soziale Arbeit im Gundeli.

BIZ-Generalsekretär Peter Dittus trifft auf ein kritisches Publikum (Bild: Stefan Bohrer)

Peter Dittus, der Generalsekretär der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), wünscht sich mehr Protest gegen die Banken. Dies sagte er gestern Abend bei einer von der Basler Occupy-Bewegung organisierten Diskussionsveranstaltung an der Fachhochschule für Soziale Arbeit im Gundeli.

In der Regel folgen solche Veranstaltungen dem immer gleichen Ritual – seit Jahrzehnten: Gut gegen Böse, wütende junge Menschen gegen den kaltschnäuzigen Klassenfeind. Gestern Abend war das anders. Unter den rund 80 Personen, die der Einladung der Basler Occupy-Bewegung zu einer Diskussion mit Peter Dittus, dem Generalsekretär der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) folgten, waren viele ältere Menschen. Und Dittus, der Bankenvertreter, gab sich betont menschlich. Auch äusserlich, statt in der Bankeruniform Anzug mit Krawatte trat er locker-lässig in Jeans und Turnschuhen auf. Als wollte er schon damit signalisieren «Ich bin einer von euch». Noch mehr aber verstärkte er diesen Eindruck, indem er gleich zu Beginn der Diskussion sagte, er hege grosse Sympathien für die Protestbewegung. Ganz so einfach kam er dann aber doch nicht davon.

Reformen statt Revolution

Denn, egal welchen Alters das Publikum war, Frust und Wut über den von der Finanzwirtschaft weltweit angerichteteten Schlamassel äusserten alle. Und die meisten der Votanten zeigten sich äusserst kompetent in Finanzfragen. So kompetent, dass selbst Dittus manchmal überfordert wirkte. Dann flüchtete er sich auch mal ins Philosophische – «was versteht man unter Geld?» oder musste auch mal zugeben, dass er dazu schlicht nichts sagen könne. Dittus wurde aber vor allem nicht müde, sich von den «Casino-Methoden» der Privatbanken zu distanzieren und zu betonen, dass die BIZ alles Interesse daran habe, diese zu stoppen. Es dürfe nicht sein, so der BIZ-Vertreter, dass «das Fussvolk die Suppe auslöffeln muss, die Banken ihm eingebrockt haben». Solche Voten kamen bei seinen Zuhörerinnen und Zuhörern zwar an, genügten ihnen aber nicht. Sie wollten von Dittus wissen, wie wie man denn zu verhindern gedenke, dass sich dieses Desaster nicht ständig wiederhole.

Eine Mehrheit gab sich auch nicht zufrieden mit den von Dittus beschworenen Kapitalerhöhung für die Banken, die dringend nötig sei. Das System als solches müsse geändert werden, so lautete die mehrfach geäusserte Forderung. Die Banken müssten verstaatlicht, der Einfluss der Politik wieder gestärkt werden. «Sie reden», so der Vorwurf eines Diskussionsteilnehmers, «nur von den Symptomen, nicht von den Ursachen». Ein anderer wollte wissen, weshalb das Zinssystem als solches nicht angegriffen werde. Solange die Banken durch Kreditvergaben Geld schöpfen würden, solange gehe deren Abzockerei weiter. «Es ist ein System, das auf Betrug basiert», schloss er. Noch nie, meldete sich ein älterer Herr, habe eine Revolution etwas verbessert. «Das System könnte funktionieren, wenn die kurzfristigen Gewinne hoch besteuert würden.»

Undurchsichtig für Laien

Der Schlagabtausch ging noch eine Weile so weiter, am Schluss zeigte sich der BIZ-Vertreter «beeindruckt vom breiten Spektrum der Meinungen». Es stimme ihn allerdings nachdenklich, sagte Peter Dittus, «dass der Protest in Basel so verhalten ist». Solange das so bleibe, «wird es schwierig sein, selbst die kleinste Reform durchzusetzen». Wen wunderts? Denn diese Diskussion hat vor allem eines gezeigt: Jemand, der nur mit seinem Lohn von Monat zu Monat lebt und nichts anzulegen hat, der weder Ökonom noch Banker ist, begreift nicht, nach welchen Regeln die Finanzbranche funktioniert. Und das ist wohl die Mehrheit. Sie hat nur das dumpfe Gefühl, dass etwas schief läuft – traut sich aber kaum, sich zu wehren. Wie auch, wenn man weder die Sprache noch die Spielregeln der Player in der Welt von Hedge-Funds, Derivaten und dergleichen versteht?

Konversation

  1. eine „bewegung“ die von den Medien als solche betitelt wird, entlarvt sich durch ihren Namen als inexistent. Bisher wurde in diesem Namen in Basel kein ernsthafter Versuch unternommen einen Platz nachhaltig zu besetzen. Bisher war es ein Versuch der Behörden einen solchen zu unterstützen/herbeizuführen, in dem sie nach dem Plenum der ersten Zusammenkunft bei der BIZ die „Besetzer“ mit 4 ToiToi’s empfingen und ihnen erlaubten bis Montag um 6:00 zu verweilen. Obwohl die Stimmung auf den Bänken rund um die Kapelle der wenig Gebliebenen gar nicht danach war, im Gegenteil eher peinlich berührt vom Gedanken in diesem verschrobenen Park auf ein „Wochenend-zelten“ eingeladen zu werden – interessant dass diese nun einen BIZ-Vertreter konsultieren, wo möglich um über taktische Ideen für den Aufbau einer Bewegung zu debattieren.

    mut zur wut

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  2. Eigentlich gäbe es ein einfaches Rezept, die Banken zu zügeln. Analog zur Grundstück-/Immobiliengewinnsteuer sollten Kapitalgewinne degressiv zur Zeitspanne, in der sie erzielt worden sind, besteuert werden. So würden Tagesgewinne zu 100% besteuert, Gewinne aus langfristigen Investitioen in Unternehmungen – also Aktienkäufe und -verkäufe – wären nach einer gewissen Haltefrist von z.B. 10 oder 15 Jahren steuerfrei.

    Die Banken hätten somit kein Interesse mehr an Eigengeschäften (was ja auch nicht zum ursprünglichen Bankgeschäft gehört). Sie könnten sich wieder auf ihre Kernaufgaben – Vermögensberatung, Kreditvergabe an Private und Gewerbetreibende/Unternehmungen, Zahlungsabwicklungen etc. – konzentrieren.

    Die Miliarden, die der Staat nicht mehr in die Bankrettung insvestieren muss, könnten für Bildung und Soziales, Infrastruktur (z.B. ÖV), erneuerbare Energien, Start-Up-Unternehmungen etc. ausgegeben werden. Es würde auch noch für die Umschulung der arbeitslos gewordenen Investmentbanker reichen! Oder die Gelder könnten einfach gespart resp. Schulden damit abgebaut werden.

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  3. Clever! Einerseits der «locker-lässige» Peter Dittus, Generalsekretär der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Jeans und Turnschuhen, der sich von den «‹Casino-Methoden› der Privatbanken distanziert und betont, dass die BIZ alles Interesse daran hat, diese zu stoppen.»
    Zwischenfragen: wieso erst jetzt, wo es scheint, dass der Karren an die Wand gefahren worden ist und nicht schon viel früher? Und für wie lange soll diese «Distanzierung» anhalten? Bis der «Sturm» abgeflaut ist?
    Andererseits das «Fussvolk», das von der ganzen Sache nichts «versteht», von den «Spielregeln», den «Hedge-Funds» und «Derivaten», aber, halb einer Ohnmacht nahe, gleichwohl fordert, dass das für den «Laien undurchsichtige ‹System› als solches geändert werden müsse.»
    Darob bin ich «beeindruckt».

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  4. Mit der Schlussfolgerung von Monika Zech bin ich nicht so ganz glücklich. Was mit dem Finanzwesen schief läuft, lässt sich im Internetzeitalter, google und youtube sei Dank, ziemlich einfach herausfinden. So man dies will … Auch die TagesWoche kann ihren Beitrag in Form von aufklärenden Artikeln zum besser Verständnis des Schlammassels leisten. Hier mein Web-Tipp für alle an nachhaltigen Verbesserungen Interessierten: http://www.vollgeld.ch

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  5. Aus Sicht der Banken hat man stets die Rahmenbedingungen voll ausgeschöpft. Aus Sicht vieler Staaten haben Politiker, die wieder gewählt werden wollten, exhorbitante Steuern angehäuft, welche über die Banken auf dem Finanzmarkt wieder beschafft worden sind. Die Politiker haben dazu die Rahmenbedingungen formuliert, meist im Sinne der Banken. Aber nicht alle Banken sind schlecht; Wer nun die Systemfrage stellt, lässt Differenziertheit vermissen. Es gibt Raiffeisenbanken, Kantonalbanken, Privatbanken mit Ethik, die wichtig waren und es weiterhin sein werden und die mit Weitblick und Nachhaltigkeit geschäftet haben. Man muss anerkennen: Ohne Firmenkredite kein Schmiermittel für die Wirtschaft, oder sollten Kredite und damit auch Hypothekarkredite verboten werden? Also keine Möglichkeit mehr, Eigentum zu erwerben, für den normalen Bürger? Was wichtig sein wird, sind nicht Träumereien in sozialistische Gefilde, wo real die Armut auf alle verteilt wurde mit totalitären Instrumenten, sondern eine Wirtschaft, die den Menschen dient. Dazu braucht es weiterhin eine nachhaltige Finanzpolitik ohne Schuldenmacherei, und eine, die nicht zukünftige Generationen in den Schlamassel zwingt. Die direkte Demokratie, die wir hier haben, bietet uns die nötigen Kontrollmechanismen.

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  6. Die Berichterstattung zur weltweiten Occupy-Bewegung gehört zu den wichtigsten Aufgaben einer relevanten und lesernahen Zeitung. Danke für den objektiven Artikel, der durchaus auch den nötigen Anstoss zum Selberhandeln enthält!

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  7. Besonders gefallen hat mir der Schluss dieses Artikels. Besser kann man wohl die jetzige Situation nicht beschreiben. Der Normalverdiener spürt, nein weiss, dass sich die ganze Finanzwelt und Wirtschaft in eine falsche Richtung bewegen und gefühlt nur noch ein paar Meter vor dem Abgrund stehen. Die Finanzlöcher werden immer gigantischer, bedrohlicher – gleichzeitig sacken die oberen Etagen immer noch exorbitante Löhne und Boni ein. Aber wie soll man sich wehren? Wenn gefühlsmässig sogar jene hilflos vor dem aktuellen Geschehen kapitulieren und den Patienten verzweifelt mit unzureichenden Pflästerchen zu kurieren suchen, die doch eigentlich den Durchblick haben sollten? Zurück bleiben Ohnmacht und Sprachlosigkeit. Denn: wie soll man mit einem „dumpfen Gefühl“ gegen Finanztabellen und abstrakte Zahlenspielereien ankommen?

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  8. Es scheint fast so, als vermöchten es die Tentakel des Kapitalismus, einmal mehr eine Protestbewegung zu inkorporieren. Plötzlich sprechen alle von den Fehlentwicklungen des Kapitalismus, prangern die „Gier der Manager“ und den „Casinokapitalismus“ an. Diese Kritik mag zwar angebracht sein, dient aber letztendlich nur der Verschleierung der wahren Verhältnisse. Es ist eben nicht die charakterliche Schwäche einiger Wirtschaftsbosse oder eine ungenügende gesetzliche Regelung, welche uns in die gegenwärtige Krise führte, sondern, ganz grundsätzlich, das Wirtschaftssystem als solches.
    Die Kritik muss den Mut haben, fundamental, vielleicht utopisch zu sein, und darf sich nicht auf das scheinbare Verständnis der Eliten einlassen. Ansonsten wird sie letztlich nur dazu dienen, die kritisierten Verhältnisse aufrechtzuerhalten.

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