Schweizer Juden sind heute mehr als nur gut integriert

Vor 150 Jahren erhielten die Schweizer Juden mit einer Volksabstimmung die Niederlassungsfreiheit. Doch auch nach ihrer Gleichstellung gibt es noch immer die Tendenz, von der jüdischen Bevölkerung Überanpassung zu erwarten.

Children and grownups celebrate Purim in the Wiedikon district of Zurich, Switzerland, pictured on March 10, 2009. Purim is a festival commemorating the deliverance of the Jewish people from the threat of annihilation in the ancient Persian Empire. During the festival processions take place with people dressing up in masks and costumes, all in an exuberant mood. Gifts and sweets constitute an essential part of Purim as well. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella) Kinder und Erwachsene feiern im Stadtviertel Wiedikon in Zuerich das Purimfest, aufgenommen am 10. Maerz 2009. Purim ist ein Fest, das an die Errettung des juedischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora erinnert. Im Mittelpunkt steht das Verkleiden mit bunten Trachten und das Veranstalten von Umzuegen. Die Stimmung ist ausgelassen. Es werden Geschenke ausgetauscht und grofle Mengen hauptsaechlich suesser Festspeisen verzehrt. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

(Bild: ALESSANDRO DELLA BELLA)

Vor 150 Jahren erhielten die Schweizer Juden mit einer Volksabstimmung die Niederlassungsfreiheit. Doch auch nach ihrer Gleichstellung gibt es noch immer die Tendenz, von der jüdischen Bevölkerung Überanpassung zu erwarten.

Man stelle sich vor: Bis 1866 durften jüdische Mitbürger in der Schweiz offiziell – von Ausnahmen abgesehen – nur in den beiden Aargauer Dörfern Lengnau und Endingen wohnen. Das könnten auch manche Nichtjuden schon vor 1866 als ungerecht und verletzend empfunden haben. Geändert wurde es, wie vieles in der Schweiz, aber erst auf Druck von aussen – auf Druck oder aus opportunistischer Anpassung an die benachbarte Nichtschweiz.

Es könnte auch sein, dass die Behörden und die aufgeklärte Politelite den günstigen Moment nutzten, um eine im «Volk» eingefleischte Selbstverständlichkeit zu liquidieren.

Warum bis 1866 in Lengnau und Endingen? Diese Dörfer lagen in eidgenössischem Sekundärgebiet, das heisst in einer Region, die einige Zeit in einer «gemeinen Herrschaft» lag beziehungsweise unter der gemeinsamen Verfügungsgewalt von acht, dann nur noch drei alteidgenössischen Kantonen war. Hier wurden Juden seit dem 17. Jahrhundert offiziell geduldet, wobei ihr Wohnrecht im 18. Jahrhundert auf die beiden genannten Dörfer beschränkt wurde, wie auch die Berufsausübung und die Eigentumsrechte stark eingeschränkt waren. Und sie waren (wie das Bild zeigt) direkt dem in Baden herrschenden Landvogt unterstellt und mussten sich alle 16 Jahre einen «Schutz- und Schirmbrief» erkaufen.

In Acht und Bann

Schon zwei Jahre vor der Reform von 1866 erklärte der radikal-demokratische Bundespräsident Jakob Dubs: «Wenn wir da einen Ausblick tun auf die Welt, so finden wir mit Beschämung, dass wir in dieser Judenfrage allein stehen oder in einer Gesellschaft, die fast noch schlimmer ist als Alleinsein. Wir sind zum Fingerzeig der europäischen Gesellschaft geworden, und man hat uns in Acht und Bann getan. Kein Staat will mehr einen Vertrag mit uns schliessen …»

Diese Einschätzung kann uns sehr aktuell vorkommen, wird aber nicht deswegen zitiert. Die Übereinstimmung mit einer gegenwärtigen Problematik ist allerdings nicht zufällig. Und es ist nicht die einzige Übereinstimmung: In den 1960er-Jahren litt die rückständige Schweiz wegen des fehlenden Frauenstimmrechts unter einer ähnlichen Alleinstellung.

Sicher wäre die Gleichstellung der Juden in der Schweiz schon zuvor längst fällig gewesen. Bereits in der Helvetischen Republik (1798–1803) war sie ein stark umstrittenes Thema. Und 1848, bei der Gründung des modernen Bundesstaates, kam die Frage wieder hoch. Aber man wollte dieses schöne Projekt der neu gestalteten Schweiz nicht dem Risiko aussetzen, dass es wegen eines letztlich doch als nebensächlich eingestuften Gleichstellungsartikels abgelehnt oder nur schwach gutgeheissen würde.

Aus gegebenem Anlass wird die Zugehörigkeitsfrage erörtert. Heutzutage ist diese bei Subgruppen jeglicher Art multipler als auch schon. Dazu kann neben Staatszugehörigkeit, Parteizugehörigkeit, Sprachzugehörigkeit etc. sogar ein Golfclub gehören. Und bezüglich Judentum bleibt auch ohne orthodoxen Glauben noch viel, viel Gutes übrig: eine nicht nur aus Religion bestehende Kultur und ein spezielles Geschichtswissen. Und in vielen Schattierungen eine Verbundenheit mit dem Staat Israel.

Das 150-Jahr-Jubiläum ist wie jedes Jubiläum ein Anlass, Bilanz zu ziehen. Die Einschätzungen fallen, wie bei Jubiläen üblich, durchwegs positiv aus. Für die offizielle Schweiz äusserte sich Bundespräsident Johann Schneider-Ammann. Er sagte von den Juden das, was bei anderer Gelegenheit von den Tessinern oder Rätoromanen gesagt wird: Die Schweiz wäre ohne sie nicht das, was sie ist – vor allem ein kulturell vielfältiges Land. Und Herbert Winter, Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, betonte: «Wir sind heute nicht einfach gut integriert – wir sind ein integraler Bestandteil dieses Landes und dieser Gesellschaft geworden.»  

Stiller Vorwurf

Heikel und weniger zur Festrhetorik gehörend ist die Frage, was die «beiden Seiten» je für einander tun. Dazu ist zu sagen, dass die schweizerischen Juden bezüglich des Staates keine «Seite» bilden, sondern schlicht und einfach dazugehören und für diesen Staat nicht mehr und nicht weniger tun müssen als alle anderen Schweizer und Schweizerinnen auch.

Die bundespräsidiale Würdigung kann man auch so (miss-)verstehen, dass die Juden einen schönen Beweis abgeben für die schweizerische Toleranz. Wenn diese Minderheit wie andere Minderheiten der Schweiz zu einer vorbildlichen Identität verhilft, darf man schon fragen, was man für sie ausser schönen Worten tut. Im Prinzip müssen Religionsgruppen für ihre Kosten selber aufkommen. Wenn es um Sicherheit vor Gewaltakten geht, hat aber der Staat, unabhängig vom Religionsaspekt, eine gewisse Schutzpflicht.

Es ist nicht einfach zu regeln, wäre aber den Verhältnissen angemessen, wenn sich die öffentliche Hand an den leider nötig gewordenen verstärkten Sicherheitsdispositiven – zum Beispiel mit einem kleinen Prozentsatz der WEF-Kosten – finanziell beteiligen würde. Bundesrat Maurer hat im Dezember des letzten Jahres, damals noch VBS-Chef, dafür Verständnis gezeigt.

Und sollen sich die heutigen Einwanderer, wie Schneider-Ammann sagte, die Juden als Vorbild nehmen? Warum nicht. Es gab aber und gibt vielleicht noch jetzt eine Tendenz, von Juden zu erwarten, dass sie überangepasste Superintegrierte sein müssen, damit man auch ihr Judentum akzeptiert. Wenn sie es nicht sind, wie ja auch manche nichtjüdischen Schweizer, wird oder würde ihnen sogleich das Jüdischsein wieder zum stillen Vorwurf gemacht.

Analoge Reflexe gibt es jetzt gegenüber schweizerischen Muslimen. Vielleicht müssen diese ihrerseits 150 Jahre warten, bis sie entsprechende Anerkennung erhalten und als vorbildlich – dann für wen? – empfohlen werden.

Konversation

  1. Herr Cesna ja. Oma lässt Grüssen von Herrn Fredrik Backmann. Danach dürfen Sie selbst weitersuchen. Z.B Ana Maria Matude… Leben Sie den neuen Tag in seiner einmaligen Einzigartigkeit.

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  2. Danke Martin für den Hinweis, Binswangers Artikel zu lesen, die wie der Artikel des Herrn Prof. Kreis sehr lesenswert sind. Die Parallelität mit der Durchsetzungsinitiative ist nicht zu übersehen. Eigentlich müssten solche Aufsätze zur Pflichtlektüre in der Schule gehören oder besser gesagt wäre es wünschenswert, dass Lehrer diese Artikel im Geschichtsunterricht herannähmen, könnten wir ja nur aus dieser Geschichte lernen..

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    1. Sie Herr P.W. möchten die Menschen nach Ihren Wünschen zurechtbiegen und kanalisieren? Also auch nach dem Grundsatz von Freiheit für Alle. Im Besonderen wenn mein Nächster denkt wie ich. Bei Langzeitbehandlungen sind Folgeschäden nicht auszuschliessen.

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    2. @ Hr. Ernst:
      Hätten Sie eine Bildungsalternative für Hierzulande? 20-Minuten oder Blick-am-Abend dürften es wohl nicht sein.
      Etwa die Weltwoche? Die neue oder doch eher die alte?

      …oder den Walliser Boten oder die Rote Anneliese?

      … oder die Biographie von Hrn. Dr. Blocher?

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    1. Hat Herr Binswanger nicht ein paar Details bei seinem Artikel vergessen?

      Wie sah es eigentlich mit der Niederlassungsfreiheit und dem Recht auf Leben für christliche, schwarze Menschen in den Südstaaten der USA bis 1865 aus?
      Hat er da wohl etwas vergessen, was seiner Erzählung widersprochen hätte?
      Und hat er gewisse Entwicklungen in den besiegten ex-konföderierten Staaten der USA von 1870 bis 1965 bewusst weggelassen, die das helle Bild vom „Ausland“ eintrüben würden?

      Welches Land hat 1941 die Todesstrafe aus dem Strafgesetzbuch verbannt: Deutschland, Frankreich, Grossbritannien – oder die Schweiz?
      Zwei der vier Länder haben diese Zivilisationsstufe erst in den 1970ern erreicht, und das dritte Land hat erst 30 Mio. Menschen umgebracht, bevor man es zur Vernunft prügelte.

      Welches Land hat Zigeuner diskriminiert – und welches Land hat Zigeuner vergast: Deutschland oder die Schweiz?

      Das ist das Problem an politisch gefärbter Geschichtsschreibung: Sie nimmt sich die Fakten heraus, die ihr ins Konzept passen und blendet den Rest bewusst aus.
      Wie weit Absicht und wie weit Unwissenheit eine Rolle spielen, ist natürlich schwierig zum Abschätzen.

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    2. @ Hr. Tanner:
      Vorschlag: Schreiben Sie ihm doch. Er ist sicher über den Tages-Anzeiger erreichbar, der ja auch das Magazin herausgibt.

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    3. @Cesna – Nun, Binswanger schreibt seit Jahren in einer Endlosschlaufe. Die Aufhänger wechseln, schlussendlich geht’s immer um die EU. Und was hier alles nicht gut ist. Irgendwie zum Gähnen, sorry.

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