So schlägt sich die obdachlose Lilian durch den Winter

Auch wenn der eisige Winter die Stadt fest im Griff hat, müssen Menschen ohne Dach über dem Kopf täglich einen Ort zum Schlafen suchen. Auch Frauen sind betroffen. Die TagesWoche hat eine von ihnen getroffen.

Die Obdachlose Lilian (links) und Elfie Walter, die Leiterin der Basler Frauenoase.

(Bild: Simone Janz)

Auch wenn der eisige Winter die Stadt fest im Griff hat, müssen Menschen ohne Dach über dem Kopf täglich einen Ort zum Schlafen suchen. Auch Frauen sind betroffen. Die TagesWoche hat eine von ihnen getroffen.

Zum Jahreswechsel sorgte die gemeinnützige Organisation Soup & Chill mit der Aussage für Wirbel, die Basler Notschlafstelle würde obdachlose Personen abweisen und sie so der Gefahr aussetzen, in den kalten Nächten zu erfrieren. Dies, obwohl die Betten nicht restlos besetzt seien.

In der anschliessenden Diskussion um die Praxis der Notschlafstelle ging ein weiteres Basler Übernachtungsangebot fast vollends unter: die Frauenoase. Diese hat seit letztem Winter jede Nacht durchgehend geöffnet.

Rund ein Dutzend Frauen pro Nacht

Im Schnitt würden etwa zwölf Frauen das Angebot pro Tag nutzen, erzählt Elfie Walter, die Leiterin der Anlaufstelle. Nicht alle bleiben zum Schlafen, manche würden sich hier auch einfach schnell aufwärmen, sich mit Spritzenmaterial oder Kondomen versorgen und dann wieder verschwinden. «Bei uns kann man kommen und gehen, wann man möchte. Das ist vor allem für unsere drogenabhängigen Frauen im Beschaffungsstress essenziell», sagt Walter.



Seit letztem Winter ist die Frauenoase jede Nacht durchgehend geöffnet.

Seit letztem Winter ist die Frauenoase jede Nacht durchgehend geöffnet. (Bild: Simone Janz)

Entstanden ist die Frauenoase 1994 aus einer Arbeitsgruppe der Aidshilfe beider Basel. Ziel war die Prävention von HIV, Hepatitis und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten, die insbesondere die Drogen- und Prostitutionsszene auf der Claramatte nötig gemacht hatte, erzählt Walter. Die Klientel sei mittlerweile durchmischter, nicht alle Obdachsuchenden würden im Drogenmilieu verkehren. Viele der Frauen hätten psychische Erkrankungen oder seien sonst aus irgendeinem Grund durch alle Maschen des sozialen Netzes gefallen.

So auch Lilian. Die TagesWoche hat sie zum Gespräch getroffen.

«Wer einmal Schulden hat, findet keine Wohnung mehr»

«Als ich zum ersten Mal in die Frauenoase kam, habe ich mich geschämt. Ich hatte das Gefühl, in der Puffszene gelandet zu sein», erzählt Lilian im Wohnbereich der Frauenoase. Im Gegensatz zu vielen Frauen, die die Anlaufstelle an der Haltingerstrasse aufsuchen, ist Lilian nicht drogensüchtig und muss sich auch nicht prostituieren.

Ihr Abstieg beginnt vor drei Jahren, als sie ihren Job als Buschauffeuse in Bern kündigt, weil ihr der ganze Stress um die eng getakteten Fahrpläne zu viel wird. Der Zeitpunkt ihrer Kündigung sei denkbar ungünstig gewesen, sagt die heute 60-Jährige. Sie ist geschieden, für die Miete ihrer Wohnung kann sie ohne Lohn nicht mehr aufkommen – schliesslich wird sie vor die Tür gestellt. «Nur das Inventar konnten meine Söhne noch retten.»

Die Schulden aber sind geblieben – bis heute sammelt die gebürtige Zürcherin ihre Betreibungen. «Wer erst mal welche hat, findet keine Wohnung mehr. Und ohne Wohnadresse gibt es auch keine Arbeit.» Mittlerweile habe sie zwar eine Meldeadresse beim Gassenverein «Schwarzer Peter». Zurück in das «System», wie sie es nennt, wolle sie aber nicht: «Da geht es nur darum, jemandem etwas wegzunehmen, damit man es selbst besser hat.» 

«Wer kein Geld hat, wartet aufs Dessert»

Lilian sagt, sie habe sich bewusst für ihr heutiges Leben entschieden. Im Winter bestimmen die Öffnungszeiten jener Orte, an denen sie sich aufwärmen kann, ihren Tag. Wenn sie in der Notschlafstelle übernachtet, beginnt dieser mit dem Wecken um sieben Uhr. «Um acht Uhr müssen dann alle draussen sein», erzählt sie. 

Früher sei sie egoistisch und arrogant gewesen, sagt Lilian. «Alle Obdachlosen müssen sich einfach mal zusammenreissen und das eigene Leben in den Griff bekommen, so habe ich früher gedacht. Ich sass auf dem hohen Ross. Von dem komme ich jetzt langsam runter.» In der «Oase» fühle sich sich willkommen, geschätzt und vor allem – das ist ihr wichtig – als Frau respektiert.

«Eine Frau hat ganz andere Auslagen als ein Mann, vor allem bezüglich Hygiene.» Duschen zum Beispiel dauere bei Frauen halt einfach länger. In der Notschlafstelle komme während den Duschzeiten oft nicht jede Frau an die Reihe, sagt sie. Das sei aber insbesondere für die anschaffenden Frauen wichtig.

Nach der Morgentoilette «gehts weiter in die Gassenküche zum Frühstück und von da dann ins Tageshaus für Obdachlose». In der Einrichtung an der Wallstrasse herrscht kein Konsumzwang: «Wer kein Geld hat, wartet dort einfach aufs Dessert, das ist nämlich gratis.» Lilian schmunzelt kurz, um gleich darauf wieder ernst zu werden. Den Nachmittag verbringt sie manchmal im Treffpunkt Glaibasel, später isst sie im Soup & Chill und sucht sich dann wieder einen Platz zum Schlafen.

Konversation

  1. Nur noch zur Klärung: Wir haben nur in den kalten Wintermonaten nachts geöffnet. Dieses Jahr reicht das Geld bis anfangs März. Wenn wir kein Geld mehr zusammen bekommen, müssen wir die Winteraktion beenden.
    Es sind nicht täglich 12 Frauen, welche in die frauenOase kommen, sondern bei einer Doppelöffnung 20-30 Frauen.
    Elfie Walter
    Leiterin frauenOase

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    1. @Weber. Spende Direkthilfe geht. Ich habe aber nicht vor, meine Daten bis zur Schuhgrösse anzugeben um dann evt. einem Adresshandel zum Opfer zu fallen; des weiteren habe ich nicht Lust, dass Paypal in the f***ing USA an Spenden etwas mitverdient. Sorry, Leute, gerne wenn Ihr einen besseren Weg gefunden habt; könnt ja mal bei der TaWo fragen wie das geht.

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    2. Vielen Dank für Ihren Input.
      Wir arbeiten bereits mit Hochdruck daran, diesen Fehler zu beheben.
      In den nächsten Tagen steht Ihnen eine neues Formular zur Verfügung.

      Alternativ können Sie uns aber auch gerne via PC-Konto 40-13850-2 Ihre Unterstützung zukommen lassen.
      Elfie Walter
      Leiterin frauenOase

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  2. Vielleicht sollte sich Immobilien Basel-Stadt mal etwas mehr um Sozialwohungen kümmern als um Prestige-Objekte und die Bedürfnisse der Chemie.

    Für die vom Sozialamt bezahlten Beträge ist gar kein Wohnraum auf dem Markt verfügbar. Also entweder muss der Beitrag angepasst oder eben Immobilien zu den selbst propagierten Konditionen zur Verfügung gestellt werden. Zudem kommt das Schulden Problem.

    Ich hatte selbst mal ein Zimmer an einen Sozialhilfe-Empfänger vermietet. Es gibt dafür eine Garantie des Amtes, dass die Miete direkt bezahlt wird. Wenn aber der Anspruch des Bezügers aus irgend einem Grund nicht mehr gegeben ist, steht man trotzdem alleine da und bekommt beim Amt nicht einmal eine Auskunft über die Situation. So wird man sich natürlich hüten, auf eine Zusammenarbeit mit dem Amt zu vertrauen, was Empfänger bei der Wohnungssuche erheblich benachteiligt.

    Natürlich ist das Ganze wohl ein zumindest schweizweites Problem und dann gibt es wieder die gern genommene Ausrede der Magnetwirkung. Aber man kann es auf keinen Fall in einem derartig ungelösten Widerspruch belassen!

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